Wie eine katholische Sekte im 19. Jahrhundert alle Ungläubigen vernichten wollte und was wir heute daraus lernen können.

Es wird viel vom islamistischen Terrorismus geredet und gleichzeitig so getan, als hätten wir die Weltoffenheit in Europa erfunden. Papst Franziskus hat kürzlich davon gesprochen, dass jede Weltreligion extreme Strömungen in sich berge. Die heute größtenteils in Vergessenheit geratene Sekte der Pöschlianer war so eine fundamentalistische, christliche Bewegung. Sie hielt vor etwa zweihundert Jahren Oberösterreich und größere Teile von Deutschland in Schach und musste an ihrem Herkunftsort, einem kleinen Dorf im Hausruckviertel sogar mit der Nationalgarde aufgelöst werden. Wie kam es dazu, dass sich vormalig brave Katholiken (nehmen wir einmal an, dass sie brav waren), von ihrem Glauben loslösten und in eine extreme Richtung sich bewegten? Wurden sie manipuliert? Was hat man ihnen geboten, damit ihnen das Mitwirken reizvoll erschien?

Die Tragödie nahm 1806 in Braunau am Inn seinen Anfang. Dort wurde der Buchhändler Johann Philipp Palm für die Veröffentlichung eines antinapoleonischen Bandes zum Tode durch Erschießen verurteilt. Sein Beichtvater war Thomas Pöschl, ein Geistlicher mit nervösen Störungen, der nur sehr schwer die notwendigen Schritte zum Priestertum geschafft hatte. Dieser überaus phantasiebegabte Mensch konnte mit der ihm übertragenen Aufgabe nicht umgehen und verfiel immer mehr in düstere Grübeleien. Seine Predigten wurden zunehmend negativer. Irgendwann begann er nur mehr vom Strafgericht Gottes zu sprechen. Es kam wie es kommen musste, die kirchlichen Würdenträger wurden auf ihn aufmerksam und der junge Priester musste seinen Posten räumen. Ihn erwartete im abgelegenen Ampflwang eine Zwangsversetzung als Hilfspriester des dortigen Pfarrers Götz.

Seiner regen Geisteswelt entsprechend, begann er sofort Ausschau nach einer Frau zu halten, die für ihn eine Abgesandte Gottes war. Das war damals in schwärmerischen Kreisen so üblich, denn man sah den Körper der Frau stets als Gefäß des Göttlichen an. Er fand sie in der Gestalt von Magdalena Sickinger, einer Krämerswitwe, die überzeugt war, Jesus Christus in ihrem Herzen hören zu können.

Was der Heiland ihr mitteilte, passt sogar heute noch gut in die psychische Verfasstheit einer beliebigen Sekte hinein: Der Herr sprach also zu ihr, dass er alles neu machen, die Spreu vom Weizen trennen und ein großes Strafgericht einberufen werde. Dabei war es der selbe Jesus Christus, der in der Bergpredigt verkündete:

Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

Mit solchen theologischen Kleinigkeiten konnte man eine beginnende Bewegung, wie die der Pöschlianer aber nicht stoppen, denn die Krämerswitwe und der Pfarrer, das waren damals wichtige Leute und was diese zu sagen hatten, das galt auch. Die Grundaussage mit dem Strafgericht überrascht nicht: Denn ohne Anmaßung funktioniert auch keine Sekte. Jemand muss schließlich die Spreu vom Weizen trennen, bevor der Herrgott tatsächlich erscheint. Darüber hinaus musste man ja etwas Neues unter die Leute bringen, denn das alte Konzept des Glaubens war ja bereits seit vielen Jahrhunderten von der katholischen Kirche belegt. Die Verkündiger des neuen Evangeliums waren in diesem Fall Pöschl und die Sickinger.

Der Priester rief zur Selbstreinigung auf und erteilte Bußaufgaben, die sich über mehrere Jahre erstreckten. Im gemeinen Volk hatte das natürlich Auswirkungen. Schnell fanden sich Nachahmer, die andere Menschen so lange verprügelten bis sie sich übergaben, was als sicheres Zeichen für das Verschwinden des Teufels wahrgenommen wurde. Es gab auch Menschen die sich nach einem Gespräch mit Pöschl vor lauter Sündenangst das Leben nahmen. Das war aber nur der erste Schritt. Wollte man sich nicht bekehren, so musste man sterben. Diese Etappe des Sektierertums erreichte die Bewegung aber erst, als Pöschl verhaftet, und ins Priestergefängnis nach Salzburg verbracht worden war.

Nachdem ihnen ihr geistiger Führer abhanden gekommen war, übernahmen die so genannten einfachen Leute das Ruder der Bewegung. Schnell entstand damals die Überzeugung, man müsse den Pfarrer umbringen, den Papst in Rom absetzen und alle Ungläubigen ausradieren. Wer die kleine Gemeinde Ampflwang am Hausruckwald kennt, würde Tränen darüber lachen, aber die Pöschlianer hatten sich ereifert im Namen Gottes zu handeln. Das war eine große Aufgabe, aber was bekamen die Gläubigen als Dank?

Sie waren mächtig wo sie vorher schwach waren. Das galt gerade für die Frauen der Bewegung die sich als Päpstinnen feiern ließen. Niemals zuvor konnte eine einfache Magd zur Führerin eines ganzen Dorfes werden. Die gesellschaftlichen Strukturen im 19. Jahrhundert hätten unter gewöhnlichen Bedingungen so etwas niemals zugelassen. Sie erhielten ihre Wirkmächtigkeit von Gott allein und das machte sie stark, wo sie vormals wie gesagt ohnmächtig waren. Ihr Glaube, der sie zuvor gewissentlich verpflichtet hatte, Gutes zu tun und Sünden zu vermeiden, forderte sie nun auf zu kämpfen und zu vernichten. Frauen wie Polyxenia Gstöttner und Franziska Haas waren an vorderster Front am Unwesen der Sekte beteiligt.

Es kam zu zahlreichen Gewalttaten und Ritualmorden. Ein Mordversuch am eigentlichen Pfarrer des Dorfes konnte gerade noch rechtzeitig verhindert werden, aber eine junge Frau wurde mit der Axt bis auf ihren Rumpf zusammen gehackt. Man öffnete sogar ihr Herz um nachzusehen, wer sich darin verbarg: War es der Teufel oder war es doch Jesus? Es klebte viel Blut an den Händen dieser Bewegung. Blut, das nach einigen historischen Quellen sogar von den einzelnen Mitgliedern getrunken worden sein soll.

Die Nationalgarde musste schließlich einschreiten und dem Unwesen ein Ende bereiten. In den Gefängnissen Vöcklabruck, Wartenburg und Köppach hörte man daraufhin ein Wimmern und ein Schreien. Das Wehklagen hatte folgende Bewandtnis: Man war fest vom Ende der Welt überzeugt gewesen. Erst als sich die Tage des Weltuntergangs scheinbar endlos hinauszögerten, begannen die ersten Sektierer damit, dem Irrglauben wieder abzuschwören.

Werfen wir einen Blick auf die Vorfälle, so kommen mehrere nennenswerte Tatsachen psychologischer Natur zum Vorschein:

  1. Ermächtigung ohne Verantwortung. Die Akteure hielten sich allesamt für rein und frei von Sünde. Dieser Umstand ermächtigte sie, sich zum Richter aufzuspielen und andere zu ermorden. Hier ist ein klarer Widerspruch zur Bibel, denn niemand war in den Augen von Jesus Christus ohne Sünde, was in der berühmten Passage mit dem Werfen des ersten Steines zu Tage tritt.
  2. Auflösung gesellschaftlicher Hierarchien. Man war jemand, weil man Teil von etwas geworden war. Es gab so eine Art Heiligkeit durch Anwesenheit. Hier kann man eine Ähnlichkeit zu heutigen Verhältnissen feststellen, wo man als Christ jemand zu sein scheint, der man als Moslem nicht zu sein glaubt und umgekehrt. Man definiert sich selbst durch Zugehörigkeit.
  3. Die Notwendigkeit zu richten. Obwohl es in der heiligen Schrift heißt, “Richtet nicht, auf das ihr selbst nicht gerichtet werdet.”, bekämpfte, zerschlug, ja tötete man was das Zeug hielt. Die Ermächtigung dazu bekam man von seinem Anführer und dieser hatte den Auftrag direkt von Gott übermittelt bekommen. Ein kritisches Nachfragen schien da, wie so oft, völlig irrelevant.
  4. Das zerbröselnde Weltbild und die fortschreitende Unvernunft. Was damals nach geregelten Systemen geschah, war auf einmal über den Haufen geworfen und durch ein krudes System aus Verschwörungstheorien und Größenwahn ersetzt worden. Jene, die sonst eher auf der unteren Skala des Intelligenzniveaus angesiedelt waren, wurden auf einmal zu Wissenden. Das führte zu allerhand Aberglauben und wahnwitzige Ideen. Die Morde geschahen in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Oberösterreich war unter Fremdherrschaft und viele hatten den Glauben an die Heimat verloren. Das machte sich gerade auch in der Unterschicht stark bemerkbar.
  5. Arbeit tat nicht Not. Man gab sich ganz der Beschäftigung des Richtens und Betens hin. Die Kühe liefen in die Häuser oder quer über die Felder. Niemand säte oder erntete mehr, denn alle waren überzeugt davon, dass Gottes Reich ohnehin in Kürze auf die Erde kommen würde.

Diese Sekte zeigt uns genau, was auch heute noch allerorts geschehen kann: Erst wird erst der Glaube, dann das Gewissen und schließlich das gesellschaftliche System aus den Angeln gehoben. Wer dann immer noch den alten Zeiten angehörig ist, soll weggeschafft, mundtot gemacht oder vernichtet werden. Als Lockmittel wird stets ein Trugbild entworfen, in denen Einzelne belohnt und eine Vielzahl vernichtet werden.

Die Weltreligionen widersprechen einem solchen Vorgehen massiv. Gerade das Christentum setzt auf die Unterscheidung der Geister und auf die vorrangige Überprüfung der eigenen und nicht der fremden Fehlleistungen. Eine Selektion der Menschen im Namen Gottes und durch die Menschen selbst, hat in jeder Zeit zu verheerenden Verbrechen geführt. Dabei ist es völlig unerheblich ob dieser Götzendienst im Namen des islamischen oder des christlichen Gottes stattfindet. Er ist immer grundfalsch, weil er eine Selbstermächtigung betreibt, die so in keiner Religion vorgeschrieben ist.

Verfilmung:

Der Autor dieses Textes hat 2011 nach jahrelangen Recherchen über die Sekte der Pöschlianer einen dramatischen Historienfilm geschaffen, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt: “Das Falsche Herz” ist in Oberösterreich in der Nähe der historischen Schauplätze in der Starmovie Kinokette uraufgeführt worden. Der Film lief in mehreren Programmkinos und erlebte seine US Premiere beim Louisville International Festival of Film. Eine DVD (105 Minuten, Farbe, einige Extras) und ein Download des Films kann u. a. auf Amazon erworben werden.


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