Kuss der Valkyr

Mein Herz schlug mir bis zum Hals, mein Puls beschleunigte sich und das Blut rauschte pochend durch meine Ohren. Ich hatte absolut keinen Schimmer, was ich jetzt tun sollte. Ich musste Jacob mitnehmen. Das war, was die Blüte an meinem Baum prophezeit hatte. Und ich musste dieser Pflicht nachkommen. Diese Begegnung mit ihm im Park durfte nicht mein Urteilsvermögen trüben und es durfte mich schon gar nicht von meiner Aufgabe abbringen. Trotzig reckte ich dem Fylgia mein Kinn entgegen und kratzte den Rest meines Selbstbewusstseins aus den hintersten Ecken, um es ihm in geballter Kraft direkt vor den hübschen Kopf zu knallen. „Hübsche Flügelchen Flattermann, ich hab auch welche.“ Ich öffnete den Mund und meine Stimme klang seltsam fremd. Viel zu dünn und unsicher, dafür, dass ich ihm doch gerade die Meinung geigen wollte. Zum Beweis ließ auch ich meine Flügel erscheinen und mit jeder Feder die sich über meinen Rücken erstreckte, stieg auch meine Selbstsicherheit. Die letzten Strahlen der Sonne strichen golden über meine Rabenschwarzen Flügel und verliehen ihnen einen unheimlichen Glanz. Unberührt hob er eine Augenbraue und brachte damit meine ganze Mauer zum Einstürzen. „Ach, wirklich? Die sind ganz schön mickrig oder meinst du nicht, Schätzchen?“. Das letzte Wort spie er mir förmlich entgegen und es triefte nur so vor Sarkasmus und Missbilligung. Augenblicklich klappten meine Flügel wieder zusammen und verschwanden. Begleitet von einem dürftigen Rascheln. Er lachte. Rote Flecken sammelten sich auf meinem Gesicht, wanderten meinen Hals hinab und überzogen sogar mein Dekolletee mit Zornesröte. Wie konnte er es wagen, sich derart über mich lustig zu machen und warum verdammt nochmal hatte ich mich nicht besser im Griff? Wütend versuchte ich mich an ihm vorbei zu drängen, doch er griff nach meiner Hand und hielt mich eisern am Handgelenk fest. Mit einem halbherzigen Ruck, unternahm ich einen weiteren Versuch zu Jacob zu gelangen. Ohne die geringste Anstrengung federte er meine Bewegung ab und zog mich gefährlich nah an sich heran. „Spreche ich vielleicht undeutlich? Ich sagte, du bekommst ihn nicht. Also pack´ deine kleinen Feenflügelchen wieder weg und geh woanders spielen.“ Ich zog heftig an meinem Handgelenk und als ich mich mit vollem Körpereinsatz von ihm weg lehnte, ließ er mich los. Ich landete unsanft auf meinem Allerwertesten und rappelte mich in Sekundenschnelle wieder auf um diesen unverschämten Typen anzuschreien. „Du hast ja keine Ahnung! Meinst du, mir macht das Spaß? All das Leid? Die Seelen? Die Angst? Meinst du mir fällt es leicht Menschen aus ihrem Leben zu reißen? Nein verdammt. Aber Yggdrassil befiehlt es! Es ist meine Aufgabe, Odin hat mich auserwählt!“ Ich konnte nicht anders, als in Anbetracht dieser Tatsache meinen Stolz zu sammeln und mich geschlagen zu geben. Der Engel hatte mir bereits desinteressiert den Rücken zugekehrt und spazierte mit lässigen Schritten auf Jacob zu. Er hielt kurz inne, wandte sein Gesicht halb in meine Richtung und lachte. Tränen der Wut stiegen in meine Augen und verschleierten meine Sicht. Ungehalten ballte ich meine Hände, meine Fingernägel bohrten sich bereits unangenehm in die weiche Haut meiner Handfläche doch ich ließ nicht locker. „Du kannst ihn nicht ewig beschützen. Er wird mit mir kommen. Du wirst schon sehen.“


Ich schloss die Augen und dachte an Navariels Baumhaus. Die Umgebung dematerialisierte sich und das flaue Gefühl des Reisens stellte sich wieder ein. Der bekannte Duft von Apfelblüten ließ mich meine Augen wieder öffnen. Gefolgt von einem spitzen Schrei. Navariel war ebenfalls von ihrer Seelenbegleitung heimgekehrt und war nicht allein. Sie saß halb versunken mit wirren Haaren und spärlicher Kleidung auf ihrem Sofa. Neben ihr ein großer Mann mit nacktem Oberkörper und langen schwarzen Haaren. Peinlich berührt drehte ich mich weg und versuchte mich ganz schnell an einen anderen Ort zu wünschen, doch die Verwirrung katapultierte mich geradehin an einen Strand. Ich schlug hart auf dem Sand auf und versuchte zu atmen. Der Aufprall hatte alle Luft aus meinen Lungen gepresst und ließ mich bei jedem Atemzug schmerzhaft stöhnen. Meine Finger krallten sich angestrengt in den krümeligen Boden unter mir. Vorsichtig hob ich den Kopf und versuchte zu erkennen, wo ich eben gelandet war. Meine Rippen bohrten sich schmerzhaft bei jedem Atemzug in meine Seite und hinderten mich daran, meine Lungen mit frischer Seeluft zu füllen. Der Geruch von Sonnencreme und Salz hing in der kitzelte mich in der Nase, während die letzten Strahlen der Sonne das Meer küssten. Ich klopfte mir den Sand von den Händen und meinen Sachen, während ich mich im Schneidersitz in den Sand fallen ließ. Unklug. Der Schmerz von meinem Sturz auf der Kreuzung hallte noch immer in meinen Knochen nach und auch der unsanfte Aufprall auf die Sanddünen hinterließ ein schreckliches Stechen in meinem Körper. Nachdenklich stützte ich das Kinn auf meine Arme und beobachtete den Sonnenuntergang. Ich war komplett alleine an diesem Strand, nicht eine Menschenseele war zu sehen. Mein Blick wanderte über den hellen Sandstrand und über die spärlich begrünten Dünen, bis ich ein weißes Schild mit der Aufschrift „Privatgelände“ ausmachen konnte. Das also war der Grund für meinen privaten Sonnenuntergang. Um ehrlich zu sein, war ich froh über die Ruhe und meine Gedanken schweiften über die Geschehnisse des Tages. Jacobs Unfall hatte mich zutiefst erschüttert, aber ein kleiner Teil von mir war froh, dass ich ihn heute nicht hatte holen müssen. Ich wusste, dass es mit jedem fortschreitenden Tag nur schlimmer werden würde. Ich konnte ihn nicht aus dem Leben reißen, was würde dann aus seinem Labradorrüden Thor werden? Aus seiner Familie? Und seiner...hatte er überhaupt eine Freundin? Ich schüttelte den Kopf. Das machte keinen Unterschied. Die Blüte war für ihn erblüht, dass bedeutete seine Zeit auf der Erde ist um. Das ist sie für uns alle irgendwann. Wie hypnotisiert verfolgte ich das langsame sinken der Sonne, bis sie unter den Wellen am Horizont ertrank. Nur wenige Minuten nach dem Verschwinden der Sonne, kühlte die Luft spürbar ab und ich rieb mit den Handflächen über meine Arme um mich warm zu halten. Ein leichter Wind kam auf und schubste die Sandkörner vor meinen Füßen liebevoll umher. Ich streckte die Zehen aus und vergrub sie im Sand. Ich habe dieses Gefühl schon immer geliebt. Der Sand war noch warm von der Hitze des Tages und glomm wie ein kleines Lagerfeuer. Ein tiefes Seufzen entrang sich meinem Mund und ich ließ mich behutsam auf den warmen Boden gleiten. Der Sand knirschte leise unter meinen Bewegungen und sickerte tonlos in meine offenen Haare. Melancholie zupfte seicht an meinem Herzen, doch ich wollte ihr nicht nachgeben. Ich hatte es satt zu weinen, am Ende ließ sich nichts von alldem ändern. Also wollte ich diese Verantwortung mit Würde tragen. Insofern noch etwas davon übrig war. Einen großen Teil hatte Jacobs Fylgia heute mit mir zusammen, auf der Straße liegen lassen. Meine Sorgen schluckte ich für diesen einen Moment herunter und genoss die Stille um mich. Unbewusst schlossen sich meine Augen und ich driftete unfreiwillig in das Land der Träume ab. Es war mitten in der Nacht, als ich ein Ziehen in meinem Körper spürte. Ich bewegte mich leicht und versuchte den Quell der Schmerzen ausfindig zu machen, doch ich war noch benebelt vom Schlaf. Vermutlich hatte ich mich einfach verlegen, immerhin standen Strände nicht unbedingt auf der Liste der bequemsten Schlafmöglichkeiten. Das Ziehen in meinem Körper wurde immer stärker, kroch in jeden Muskel. Es war, als hätte ich ein Nadelkissen unter der Haut. Wie tausend kleine Nadelstiche, die sich von innen in meinen Körper bohrten. Schlagartig drängte sich ein Gedanke unaufhörlich in mein Bewusstsein: eine der Blumen am Baum musste erblüht sein. In altbekannter Manier konzentrierte ich mich auf den Baum in der Mitte meiner Behausung und stand nach nur einem Wimpernschlag vor ihm. Die Blüte war bereits voll geöffnet und musste schnell gepflückt werden. Sacht schob ich meine Handfläche unter die Blütenblätter und legte sie in das Becken am Fuße des Stammes. Die Blätter stoben auseinander und unter ihnen erschien das Gesicht eines alten Mannes im Wasser. Stirnrunzelnd fuhr ich mit der Hand über das Bild. Ich hatte sein Gesicht noch gut in Erinnerung, von dem Krankenhaus, aus dem ich Laura holte. Meine Vermutung von damals bestätigte sich also heute. Seine Zeit war gekommen und ich sollte ihn begleiten. Bei der Erinnerung an seinen Aufstand im Krankenbett und sein flehentliches Betteln, wurde mir ganz schlecht. Ich konnte heute nicht noch so einen herzzerreißenden Abschied ertragen. Er tat mir einfach leid. Denn ich musste mir eingestehen, dass ich ihm noch Zeit geben wollte. Und vor allem wollte ich, dass eine meine Schwestern zu ihm müsste. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke auf, dass ich Aufträge erhielt, deren Seelen ich schon kannte. Oder ich spann mir einfach nur wirres Zeug zusammen, weil ich noch immer an Jacobs Unfall denken musste. Egal, ich hüllte mich in einen schwarzen Mantel und eine enge gleichfarbige Slimjeans. Ein tiefes Durchatmen war der Versuch meiner Fassung wieder herzustellen. Und er scheiterte kläglich.


Ich stand wieder in dem Gang des Krankenhauses. Es war dunkel, die Lichter aus und nur die Schilder der Notausgänge verströmten ihr grelles Neonlicht an den Wänden und Decken der Station. Ein unheimliches Frösteln ging mir durch Mark und Bein, gefolgt von einer eisigen Gänsehaut. Das ferne Piepsen der Maschinen, hallte durch die Dunkelheit und echote in dem leeren Flur. Lediglich kurze Schnarcher und das Nuscheln von schlafenden Menschen dienten als sonore Unterbrechung der Nacht. Ich steuerte zielstrebig das Zimmer des Alten an und klemmte angestrengt meine Haare hinters Ohr. Beim Betreten der Türöffnung machte ich mich bereits auf das schlimmste gefasst, hatte ich doch damit gerechnet, dass er mich direkt wieder anschreien wollte. Doch das tat er nicht. Er lag zusammengekrümmt unter seiner dünnen Bettdecke und atmete nur noch flach. Als ich auf weniger als einen Meter herangetreten war, erfüllte das vertraute Surren die Luft und die Zeit stand in diesem Augenblick still. Beinahe geräuschlos öffneten sich meine Flügel, während ich mich zu ihm beugte, um ihm meinen todbringenden Kuss zu geben. Es war nur ein kurzer Augenblick, ein Wimpernschlag, danach steht er vor mir. „Leopold“. Ich versuchte ihn zu beruhigen, doch er war nicht einmal aufgebracht. Sein Gesicht war ebenmäßig, hellblaue Augen stachen aus seinem faltigen Gesicht hervor. Er musste früher mal ein Frauenschwarm gewesen sein, inzwischen war das charmante Lächeln und der Schalk in seinen Augen nur noch zu erahnen. Er wirkte müde. Sein Blick streichelte nur sanft meine Erscheinung, bevor er einen Schritt auf mich zu trat und sich in meine Umarmung begab. Leise flüsterte er mir zu: „Nun kommst du doch noch mich zu holen.“ Eine kleine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und er blinzelte sie hinfort. „Nein“, erwiderte ich behutsam. „Ich komme um dich zu begleiten alter Freund.“

Ein halbherziges Lachen entrang seiner Kehle, dann umschloss ich seinen Körper mit meinen Flügeln und schickte ihn in das gleißende Licht, das zusammen mit meiner Umarmung erschienen war. Als ich meine Flügel wieder öffnete, war Leopold fort. Wie eine Salzsäule erstarrte ich vor dem Krankenbett mit seiner leeren Hülle, das Surren war inzwischen wieder der unerträglichen Stille gewichen und ich fühlte mich leer. Es war, als hätten Leopold und auch Laura ein Stück von mir mitgenommen. Als hätte ich ihnen einen Teil meiner Seele entblößt und sie nahmen es mit sich.


Erschöpft ließ ich mich in mein Bett fallen, der anstrengende Tag forderte seinen Tribut und ließ mich nun schlaftrunken in meine Kissen fallen. Ich kuschelte mich auf die Seite und versuchte angestrengt meine Füße unter der flauschigen Bettdecke zu wärmen. Dabei glitt mein Blick wie von allein an den runden Wänden entlang. Für einen Augenblick schloss ich die Augen und stellte mir einen kleinen Wasserfall vor, der durch zwei große Steine im Berg hervorsprudelte und sich an einem Becken auf dem Boden sammelte. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor sich das Geräusch des stetigen Wasserflusses manifestierte und ich wusste, ich hatte so eben meine Wohnung angepasst. Es war tatsächlich so einfach, wie Navariel sagte und ich hatte Blut geleckt. Begeistert mobilisierte ich den Rest meiner Kräfte und stellte mir ein wunderschönes Sofa mit großen gemütlichen Kissen in der Höhlenwand vor, unter einem Regal voller Bücher. Das Kratzen von Stein auf Stein und auch dieser Wunsch wurde mir gewährt. Ich lächelte. Nein, ich lachte. Diese kleinen Änderungen gaben mir endlich das Gefühl, nicht über alles die Kontrolle verloren zu haben. Ich hatte die Zügel nicht völlig aus der Hand gegeben und ich konnte mir hier endlich ein kleines zu Hause einrichten. Auch wenn die Menschen, die für mich immer Teil dieser Vorstellung waren. nun nicht hier sein konnten. Kurz nach meiner Wandlung war ich meiner besten Freundin über den Weg gelaufen, doch sie hatte sich nicht an mich erinnern können. Scheinbar wurden alle Erinnerungen von anderen an mein altes Ich komplett ausgelöscht. Alicia hatte wirklich nicht gewusst wer ich war und ich glaubte sie war kurz davor gewesen, ihr schickes neues Handy zu zücken und die Polizei zu rufen. Ich war verletzt und hatte beschlossen, mich so schnell es eben ging wieder aus dem Staub zu machen. Danach war ich noch sehr lange beschäftigt damit gewesen meine Wunden zu lecken und mich in Selbstmitleid zu baden. Aber ich wusste, sie hatten jetzt ein genauso tolles Leben wie zuvor. Ob mit oder ohne mich, das zählte jetzt nicht mehr.

Mit einem Schnippen ließ ich neben meinem Bettende einen Nachtisch erscheinen. Ich zog die Schublade auf und lachte. Wenn ich schon über alte Zeiten sinnierte und an mein altes Leben, dann konnte ich dazu auch Schokolade verdrücken. Meine Mutter pflegte immer zu sagen: Schokolade ist das Pflaster der Seele. Und sobald das erste Stück auf meiner Zunge zerging musste ich ihr zustimmen. Es wurde jeden Tag ein Stück leichter. Zugegebenermaßen, mit jedem Stück Schokolade auch, aber ich konnte mir diese Art Sünde ja inzwischen leisten. Als Walküre bin ich ein bisschen unempfindlicher geworden, was Mahlzeiten anging. Ich musste nicht essen, aber ich konnte jederzeit. Körperliche Schmerzen spürte ich nach wie vor, ich bin ja schließlich nicht tot. So wie die meiner unsanften Landung auf meinen Allerwertesten. An den Schmerz erinnert, rieb ich mir über die pochenden Stellen. Außerdem hatte ich jetzt meine Flügel. Überrascht ließ ich die Schokolade auf mein Bett fallen und sprang auf. Die Müdigkeit zerrte erbarmungslos an meinen Gliedern, doch ich musste eines wissen. Konnte ich mit diesen riesigen Dingern überhaupt Fliegen?! Ich war jetzt seit mehreren Wochen eine Walküre aber mir war noch nie in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht fliegen konnte! Ich versuchte meine Flügel auszuklappen und stellte enttäuscht fest, dass ich dafür heute einfach viel zu geschafft war. Doch ich wusste, was ich morgen testen würde. Ich musste nur noch eine geeignete Stelle finden. Grinsend kuschelte ich mich mit der Schokolade und einem Buch in mein Bett, bis ich friedlich in den Schlaf glitt.


Der Wind peitsche wild durch meine Haare und ließ sie immer wieder auf und ab sausen. Regentropfen hatten sich zu dem Regenschauer gemischt und fielen stetig auf mich herab. Mein angestrengter Blick lag auf dem Abgrund vor mir. Ich hatte mich so auf den Punkt in der Tiefe konzentriert, dass ich außer der schwindelnden Höhe nichts mehr wahrnahm. Unruhig hob sich meine Brust, die Aufregung schwoll zu einem wirren Knäuel in meinem Inneren heran und tanzte unablässig gegen meine Magenwand. Schluckend betrachtete ich das peitschende Wasser am Fuße der Steilwand. Unbändig schlugen die Wellen gegen den Stein und klatschten heftig zurück. Schaumkronen zierten die mächtigen Wassermassen. Eine leichte Welle der Übelkeit überkam mich und schüttelte mich kräftig durch. Ich hatte Angst. So viel Angst, dass ich nicht einmal meine Flügel erscheinen lassen konnte. Ruckartig drehte ich mich vom Abgrund weg und erschrak. Vor mir stand die flüchtige Begegnung von meinem Kurzbesuch mit peinlichem Abgang bei Navariel. Seine Haare waren im Nacken zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden, doch sein Bart unterstrich seine rohe Erscheinung. Seine Augen Waren beinahe kupferfarben und fixierten mich, wie ein Beutetier. Beschämt senkte ich den Kopf, bevor ich stammelnd eine Art Begrüßung heraus bekam. Er grinste und enthüllte zwei Paar äußerst spitzer Eckzähne. „Freut mich dich kennenzulernen.“ Sein Lächeln verebbte nicht und die beutegierige Fixierung in seinen Augen schien sich zu verstärken. Ich hob den Kopf und blinzelte ihn an während ich sprach: „Es tut mir wirklich leid, ich wollte dich und Navariel gestern wirklich nicht stören. Sie sagte, ich könne jederzeit vorbeikommen und gestern war ein wirklich verrückter Tag. Ich hatte einfach gehofft mit ihr reden zu können.“ Er nickte und sein breites Grinsen wandelte sich in ein verhaltenes Lächeln. „Du musst dich nicht rechtfertigen Walküre, du hast nichts falsch gemacht. Navariel hingegen schon.“ Das Feuer in seinen Augen loderte auf und ich hielt erschrocken die Luft an. „Aber sie...wird doch keinen Ärger bekommen, meinetwegen?“ Schuldbewusst biss ich mir auf die Unterlippe. Sein Lächeln erstarb und er blickte ernst auf mich herab. „Doch wird sie. Denn sie hat mir nicht verraten, dass Odin eine neue Tochter erwählt hat.“ Stille. Ich starrte ihn fassungslos an und versuchte meinen Mund wieder zu schließen. Stirnrunzelnd legte er seinen Zeigefinger an meinen Unterkiefer und klappte ihn wieder nach oben. Ein Schwung seines Dufts wehte durch den Wind zu mir herüber. Wie frische Erde und Wald, betörte mich sein Duft und ließ mich an den Waldspaziergang nach Lauras Begleitung denken. „Das war ein Scherz, Kleines. Sie sagte mir, dein Name sei Eluriel. Stimmt das?“ Noch immer leicht verwirrt nickte ich. Unbeirrt fährt er fort: „Ein wirklich schöner Name. So wie es einer schönen Frau gebührt. Den hat der alte Herr sich gut ausgesucht.“ Ich witterte meine Chance für Antworten und fuhr im ins Wort: „Ausgesucht? Ich hatte vorher also einen anderen Namen?“ Ich wusste es, schob ich in Gedanken hinterher. Sein Lächeln kehrte zurück auf sein Gesicht. „Oh ja, wusstest du das nicht? Na ja, Odin und die anderen Walküren haben es nicht so mit Informationen.“Er machte eine abwertende Handbewegung. „Die Meisten sind, so wie du, erst einmal völlig desorientiert und von der Rolle. Verständlicherweise. Und dann auch noch diese furchtbaren Steinbunker, die ihr dann euer zu Hause schimpfen dürft.“ Er legte den Kopf leicht in den Nacken und stieß ein herzliches Lachen aus. Diese Ansicht wiederum, machte ihn mir ziemlich sympathisch. Ich schenkte ihm ein schüchternes Lächeln und beschloss mein Glück noch etwas auszureizen. Wie viel mehr wusste dieser Typ? „Wie heißt du denn?“ Ich versuchte möglichst interessiert zu klingen, obwohl seine Erscheinung meine Neugier durchaus weckte. Immerhin war er nicht hässlich. Aber seit meiner Wandlung war ich noch keinem schlecht aussehenden Typen begegnet. Scheinbar hieß Walküre sein auch ständig hübsche Männer zu treffen. Ich lachte in mich hinein. Wenn es nur so einfach wäre. „Fenrir. Es wundert mich, dass du noch nichts von mir gehört hast. Offensichtlich...“, er stoppte mitten im Satz und griff nach meiner Haarsträhne um sie verspielt zu zwirbeln. „Bist wohl gerade erst frisch geschlüpft, nicht wahr kleiner Schmetterling?“ Sein Name ließ etwas ganz weit hinten in meinem Bewusstsein wach werden. Es war, als hätte sich ein Gedanke schlaftrunken aus einer Art Betäubung gelöst und das Bild eines Wolfes projizierte sich auf mein inneres Auge. Meine Augen weiteten sich überrascht, als ich meinen Blick erneut über den Unbekannten streifen ließ. Spitze Eckzähne, lange Haare, muskulöse Brust und dieses wilde, ungezähmte Feuer in seinen Augen. Dazu der erdige Moschusduft. Verdammt. Hundert Punkte für die Kandidatin, ich hatte gerade eben den Verdammniswolf höchstpersönlich kennengelernt. Und er sah verflucht gut aus. Inzwischen war der Sturm abgeflacht und der Regen fiel nur noch vereinzelt auf uns hernieder. Sein Gesicht näherte sich vorsichtig meinem und es war, als würde das Universum anhalten und diesen Moment in Zeitlupe abspielen. Starr vor Angst, bewegte ich mich kein Stück und beobachtete seine Lippen, die sich quälend langsam näherten. Unsicher biss ich mir auf die Unterlippe und spürte das Herz in meiner Brust schlagen, als würde es ihm jeden Augenblick direkt ins Gesicht springen. Ich wollte mich räuspern, doch ich war noch immer wie gelähmt. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren seine Lippen an meinem Ohr. Sein Atem streifte sanft meine Haut, als wäre es ein zarter Frühlingswind bevor seine raue Stimme zu mir durchdrang: „Ich beiße aber nur auf ausdrücklichen Wunsch, kleiner Schmetterling.“ Mit einem reißenden Geräusch verschwand sein warmer Atem an meinem Ohr und vor mir stand ein riesiger schwarzer Wolf, in der Größe eines Ponys. Sein Maul öffnete sich nur wenige Millimeter vor meiner Nase und entblößte zwei Zahnreihen voller scharfer Reißzähne. Erschrocken stolperte ich rückwärts, an den Rand der steinigen Klippe und fiel in die Tiefe. Der Wind zerzauste mein Haar, mein Blick war noch immer auf die den Rand der Klippe gerichtet, doch der Wolf war nicht zu sehen. Mein Fall dauerte weiterhin an und ich litt Todesängste, mein ohnehin schon beschleunigter Herzschlag verdreifachte sich nahezu und löste einen stechenden Schmerz in meiner Brust aus. Das Pochen meines Blutes hallte in meinen Ohren wieder und ich schloss die Augen, um jeden Moment den explodierenden Schmerz meines Aufpralls zu erwarten, doch er blieb aus. Stattdessen öffneten sich meine Flügel und bremsten meinen Fall. Angestrengt versuchte ich sie zum Schlagen zu bringen, was mir erst nach einigen Versuchen gelang. Das steinige Ufer war inzwischen gefährlich nahe in mein Sichtfeld gerückt, doch glücklicherweise trugen mich meine Flügel doch noch. Völlig entkräftet erlangte ich wieder zu meinenm Ausgangspunkt zurück und sank mit den Knien auf den Boden. Meine Hände lagen auf meinen Beinen und versuchten sie von dem unkontrollierten Zittern abzubringen. Nach einem schnellen Blick in die Umgebung stellte ich enttäuscht fest, dass Fenrir sich bereits aus dem Staub gemacht hatte. Wäre ich in diesem Augenblick nicht so froh über meine Flugkünste und die unvorhergesehene Verlängerung meines Walküren-Daseins gewesen, hätte ich ihn vermutlich höchstpersönlich diese Klippe heruntergeschubst. Ich blieb noch eine ganze Weile so sitzen, bis sich mein Herzschlag und meine Atmung wieder normalisierten. Inzwischen hatten auch meine Beine aufgehört zu beben und ich konnte mich einigermaßen aufrecht halten. Einen kurzen Augenblick überlegte ich den großen schwarzen Wolf im umliegenden Wald zu suchen, ich wollte noch immer Antworten und ich spürte, dass er sie mir geben konnte. Doch ich war wütend über seine überraschende Verwandlung und konnte nicht verstehen, warum er mich in den Tod hatte stürzen lassen. Also, nicht direkt in meinen Tod, ich bin mir nicht einmal sicher ob mich der Aufprall überhaupt getötet hätte, aber ich fand es ziemlich egoistisch und arrogant, sich direkt in den Wald zu verkrümeln. Frustriert klopfte ich den Dreck von meinen Hosen und versuchte erneut meine Flügel erscheinen zu lassen. Mit einem Surren öffneten sie sich und ich strich zärtlich über die kleinen schwarzen Federn am unteren Rand. Interessiert zupfte ich daran und zuckte kaum merklich zusammen, als ich sie einen Augenblick später in der Hand hielt. Autsch. Das Experiment war beendet, ich würde mir so schnell keine Feder mehr aus dem Flügel reißen. Es war kein direkter körperlicher Schmerz, aber ein unangenehmes Ziehen und das Gefühl, etwas Wichtiges verloren zu haben. Ich konnte mich noch immer nicht daran gewöhnen, dass die Flügel nun ein Teil von mir waren. Meinem Körper, meiner Seele und meinem Wesen. Und all diese Dinge sollte man pfleglich behandeln, so würde ich es auch mit ihnen machen. Zögernd überlegte ich, ob ich erneut einen Sprung in die Tiefe wagen sollte, entschied mich aber dagegen. Eine Nahtoderfahrung pro Tag sollte vorerst reichen. Apropos Nahtoderfahrung. Ich sollte Jacob im Krankenhaus besuchen und im Besten Fall auch seine Seele begleiten. Hoffentlich machte mir dieser unverschämte Schutzengel keinen Strich durch die Rechnung.


Seufzend materialisierte ich mich auf der Toilette des Universitätsklinikums. Das war inzwischen das dritte Krankenhaus und ich hoffte inständig, diesmal das Richtige erwischt zu haben. Vermutlich hätte ich ihn über das Becken am Fuße von Yggdrasils Setzling schneller gefunden, aber ich hatte Bedenken damit Odin auf mich aufmerksam zu machen. Ich hatte noch immer Hoffnung, dass er von meinem Fauxpas nichts mitbekommen hatte und würde das auch so lange wie möglich dabei belassen. Alternativ wollte ich die Aufgabe rechtzeitig erfüllen, damit dieser Zustand nicht länger als nötig anhielt. Ein kurzer Blick in den Spiegel, über dem Waschbecken ließ mich zusammenzucken. Ich hatte mich noch immer nicht an mein Erscheinungsbild gewöhnt und meine lavendelfarbenen Augen machten es auch nicht viel einfacher. Der Vorraum der Toilette war eng und in einem sterilen weiß gehalten, umso heftiger hob sich meine dunkle Kleidung und meine Haare von dem Hintergrund ab. Zögernd rückte ich näher an den Spiegel um mich eingehender zu betrachten. Meine Augen zierte ein eleganter Wimpernkranz und ließ mich noch femininer wirken. Dazu die kleine Stupsnase und mein Schmollmund. : Ich bewunderte meine Schönheit und hasste sie gleichermaßen. Was hätte ich für einen kleinen Makel gegeben, einen Schönheitsfleck unter dem Auge. Eine Nase, die nicht aus dem Cover einer Zeitschrift zu entspringen schien, oder so eine kleine niedliche Zahnlücke, zwischen den Schneidezähnen. Aber Odin hatte mich so erschaffen, wie er wollte. Und offensichtlich wollte er mich nicht einzigartig und charakteristisch, sondern makellos. Noch ehe ich bemerkte, was ich da getan hatte, rauschte meine Faust auf mein Spiegelbild zu und ließ die glatte Oberfläche zerspringen. Tausend kleine Risse zogen sich nun über mein Abbild und ich verließ aufgebracht den engen, stickigen Raum. Blut tropfte von meiner Hand, doch ich spürte den Schmerz kaum. Ich war zu wütend, um den Schmerz zu registrieren. Mit eiligen Schritten steuerte ich die Information des Krankenhauses an, um mich über den Aufenthaltsort Jacobs zu erkundigen. Angestrengt atmete ich tief durch und versuchte die Empfangsdame nicht mit meiner schlechten Laune zu verschrecken. Sie war klein, rundlich und trug eine dicke Hornbrille, die genauso gut Flaschenböden hätten sein können. Doch sie lächelte freundlich und ein kleines, vergilbtes Namensschild wies sie als `Gabriele´ aus. „Hallo Gabriele, ich suche Jacob Bloom. Er hatte einen Autounfall und müsste hier stationiert sein.“ Flink hüpften ihre Finger über die Tastatur, bei so vielen Ringen die sie trug, hätte ich ihr so eine Schnelligkeit nicht zugetraut. Ein mitleidiger Ausdruck trat in Ihre Augen und sie räusperte sich kurz. „Es tut mir leid Miss. Er ist hier bei uns, aber sie können ihn leider nicht besuchen. Er liegt noch immer auf unserer Intensivstation. Solange sie keine Verwandte oder seine Ehefrau sind, können wir sie nicht zu ihm lassen.“ Ich nickte knapp und machte ein trauriges Gesicht. Das war alles, was ich wissen wollte. Ich brauchte nicht als Mensch zu ihm, denn als Walküre konnte mich niemand sehen. Kein Hindernis also für mich. Ich bedankte mich noch einmal höflich bei Gabriele und machte wieder kehrt in Richtung der Toilette, aus der ich vorhin kam. Diesmal betrat ich sie allerdings nicht und verwandelte mich stattdessen in dem kleinen menschenleeren Gang nebenan. Eine Hitzewelle überrollte mich und ich spürte, wie die Aufregung an mir nagte. Diese gemischten Gefühle über Jacob bereiteten mir Gedanken und kurbelten die Sorgen um meine Aufgabe zusätzlich an. Unbemerkt huschte ich durch die Gänge des Krankenhauses, erst im dritten Stock fiel mir auf, dass ich ja nicht auf Zehenspitzen gehen musste um unbemerkt zu bleiben. Ich passte meinen Gang also an und legte die Strecke in relativ kurzer Zeit zurück. Mit jedem weiteren Schritt zerfraß mich die Anspannung und ich knetete nervös meine Hände. Ärzte und Krankenschwestern kreuzten unaufhörlich meinen Weg. Mit rauschenden Kitteln und Klemmbrettern sahen sie beinahe bedrohlich aus. Ein älterer Arzt lehnte an der Wand und studierte ausführlich den Bericht in seinen Händen. Tiefe Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn und ließen seinen Blick angestrengt über das Blatt fliegen. Er sah aus, als würde er eines dieser Suchworträtsel machen und konnte partout das letzte Wort nicht finden, doch er machte kein Rätsel. Mit jedem Schritt, den ich mich näherte wurde die Schrift auf seinem Klemmbrett schärfer und ich erkannte Jacobs Namen in der linken oberen Ecke. Ich drehte den Kopf und konnte durch das kleine schmale Glasfenster in der Tür Jacob erkennen. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bevor der Arzt sich seufzend von der Wand abstieß und die Tür freimachte. Das war mein Moment, um unbemerkt in den kleinen Raum zu schlüpfen. Hinter mir fiel die schwere Holztür annähernd geräuschlos ins Schloss, was ich für beinahe unmöglich hielt, eben wegen ihrer Stabilität. Ohne mich noch einmal umzudrehen, hastete ich auf Jacob zu. Erschrocken strich ich über seine Wange. Er war blass und seine blonden Locken lagen farb- und kraftlos auf dem weißen Kissen. So hatte ich Jacob definitiv nicht in Erinnerung und er ähnelte mehr einer verblassten Kopie, als dem agilen jungen Mann im Park. Eine Träne rollte über meine Wange und fiel neben seinem Gesicht auf das Laken. Einen kleinen Moment nahm ich mir, um diesen Augenblick aufzusaugen und für immer zu konservieren. Um mich zu erinnern, wenn all das überstanden war und ich meine Aufgabe gelöst hatte. Die Sonne stand bereits tief am Himmel, letzte Wolken verglühten in ihrem Feuer und vergoldeten den Horizont. Ich breitete meine Flügel aus und legte zärtlich die Hand an seine Wange, um ihm endlich den todbringenden Kuss zu geben. Inmitten meiner Bewegung wurde ich herumgerissen und vor mir stand Jacobs Schutzengel. Sein Blick war düster und ich hatte ihn mit dieser Aktion definitiv verärgert. Er hatte seine Augen zu engen Schlitzen verengt und presste die sonst so sinnlichen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Zischend richtete er das Wort an mich, während sich sein Griff um meinen Oberarm schmerzhaft verstärkte. „Und ich hatte dir die Nummer mit der Träne beinahe abgenommen. Es sah so echt aus. Odin wäre stolz auf dich, soviel Empathie für eine so kleine, unbedeutende Seele. Bravo Walküre.“ Ich schüttelte den Kopf und wischte mit der freien Hand die Träne von meiner Wange. Bei der kurzen Berührung fühlte ich, wie heiß diese bereits waren, erhitzt von dem beinahe Kuss und dem verbalen Angriff von ihm. „Du schon wieder!“ Ich versuchte wütend zu klingen, war aber noch immer viel zu überrascht über seine Anwesenheit. „Richtig“ knurrte er. „Ich schon wieder. Hatten wir uns nicht erst gestern geeinigt, dass du seine Seele nicht bekommen wirst? Denn so langsam verliere ich die Geduld.“ Seine Hand fühlte sich wie ein Schraubstock an meinem Oberarm an und ich hatte das ungute Gefühl, meine Knochen würden demnächst unter seinem groben Griff zersplittern. Sein Geruch brachte mich aus dem Takt, es war die Mischung aus frischer Wäsche und Meeresbrise. Als wäre er soeben aus dem Meer entstiegen. Ich schloss kurz die Augen und sog seinen Duft in meine Lungen. In diesem Moment wollte ich nie mehr etwas anderes einatmen, als seinen Duft. Mein Blick fiel auf die weiche Haut direkt an seiner Halsbeuge, die nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt waren. Schwarze Haare verdeckten seinen Nacken, doch sie waren wesentlich kürzer als Fenrirs. Begierig prägte ich mir jedes Detail seines Gesichts ein. In seinen Augen schimmerte die reinste Form von Licht, golden und unbewegt. Er hatte eine markante Nase, nicht groß, aber dennoch einzigartig und wenn ich genau hinsah, dann fiel mir auf, dass sie ein wenig schief stand. „Es tut mir leid, aber ich muss ihn mitnehmen. Seine Knospe ist erblüht, am Setzling Yggdrassils. Ich habe einen Auftrag, also hör auf mich davon abhalten zu wollen.“ Er zog mich noch näher und inzwischen stand ihm sein Zorn in jede seiner Bewegungen geschrieben. „Es tut dir leid? Vergiss es Schätzchen, das kaufe ich dir nicht ab. Verarschen kannst du jemand anderen, denn ich glaube dir kein Wort.“ Unsanft schubste er mich von Jacob fort und verschränkte die Arme. Verzweifelt öffnete ich den Mund um es ihm zu erklären, doch er würde mir nicht zu hören. Stattdessen fragte ich ihn: „Und was sagt Gaia, deine Mutter dazu, dass du dich zwischen sie und Odin stellst?“ Einen Sekundenbruchteil wich die Farbe aus seinem Gesicht, doch er hatte sich schnell wieder gefangen. Mit seinem selbstgefälligen Grinsen erklärte er mir seine Sicht der Dinge: „Weißt du, ich bin noch nicht lange Schutzengel. Jacob begleite ich seit zehn Jahren, er ist mein erster Schützling. Es ist mir völlig egal was Big Daddy oder Big Mama davon halten. Wenn sie nicht wollen, dass ich meinen Job ernst nehme, dann sollten sie mir einfach mein altes Leben wiedergeben.“ Seine Kiefermuskeln mahlten angespannt, während seine goldenen Augen vor Wut noch immer zu explodieren drohten. Mit dieser Erklärung hatte er mich mitten ins Herz getroffen. Es war, als hätte er sie mir aus der Seele gesogen und in Worte verpackt. Warum empfand ich so viel Sympathie für diesen Typen? Er machte sich über mich lustig, drohte mir und hinderte mich daran, Jacobs Seele zu holen. Und trotzdem fühlte ich mich mit ihm verbunden. Ich wollte ihm seinen Schützling nicht nehmen, doch ich konnte auch nicht einfach so tun, als wäre nichts. Dieser Zwiespalt zerriss mich innerlich und brachte mein Herz zum Zerspringen. Ein letzter Blick auf Jacob, dann zog ich mich wieder einmal als Verlierer aus diesem Streit zurück. Mit geschlossenen Augen wünschte ich mich zurück in meine Wohnung, die inzwischen meinen einzigen Zufluchtsort darstellte. Als ich die Augen öffnete, lächelte mich Navariel an. Ihre langen roten Haare waren zu einer festlichen Steckfrisur verflochten und kleine Blumen prangten darin. „Oh Gott! Du hast mich erschreckt!“, stieß ich schwer atmend hervor. Sie kicherte, bevor sie auf den Platz neben dem Sofa klopfte und mich zu sich bat. „Tja Eluriel, du hast uns gestern auch ganz schön verschreckt.“ War das etwa ein versteckter Seitenhieb? Meine Wangen röteten sich leicht und ich dachte an die Begegnung mit Fenrir heute Morgen. „Es tut mir leid Navariel, ich wollte dich und Fenrir nicht...unterbrechen.“ Ihre Augen verengten sich ein wenig, während ihr Lächeln erstarb. „Du weißt wer er ist?“ Beschwichtigend legte ich eine Hand auf ihr Bein, um sie zu beruhigen. „Ja, ich habe ihn heute Morgen kennengelernt, er hat sich mir vorgestellt. Unangenehmerweise in beiden Gestalten.“ Ich rollte gespielt mit den Augen und versuchte die Situation etwas aufzulockern. „In beiden...? Er hat sich vor dir verwandelt?!“ „Ja, ist das ein Problem?“ Sie versteifte sich, bevor sie den Kopf schüttelte und wieder ihr entzückendes Lächeln aufsetzte. „Nein, natürlich nicht. Er tut das nur sehr selten und nicht für jeden.“ Ich spürte die Bewegung ihres Körpers unter meiner Haut, die feine Gewichtsverlagerung auf dem Kissen des Sofas. „Hat er sich vor dir verwandelt?“ Meine Frage kam sehr direkt und traf sie unvorbereitet. Einen winzigen Augenblick, gerade lang genug um es als zögern zu werten, antwortete sie nicht. Dann legte sie ihre Hand auf meine und fixierte mich eindringlich mit ihren fliederfarbenen Augen. „Natürlich hat er das. Mehrfach. Wir kennen uns schon lange.“ Es waren nicht ihre Worte, sondern die Art, wie sie es sagte. Sie signalisierte mir eindeutig ein Ende dieses Themas und ich wollte ihr mit meinen Fragen nicht zu nahe treten. Behielt mir aber im Hinterkopf, ihre Reaktion nicht zu vergessen.


Kommentare

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    Jetzt habe ich ausversehen meinen Kommentar gelöscht. :( Also nochmal: ;) Man kann sich so gut in deine Figuren hineinversetzen. Ich mag Eluriel total gern. Und manchmal tut sie mir so Leid, weil sie sich alles allein erkämpfen muss. Ich bin schon gespannt, wann sie den Kampf um Jacob gewinnt. Und ire Männerbekanntschaften versprechen auch interessant zu bleiben.

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