Lasst uns einen Krieg beenden

Keeda nickte verstehend und wand sich mit einem fragenden Blick an Harbek, der sich, nachdem er Vera ein letztes Mal abschätzend gemustert hatte, räusperte und sich in ihre Richtung vorbeugte. Das Feuer beleuchtete seine ernsten Züge und unterstrich die Dringlichkeit seiner Worte.
„Wir haben erste Zweifel an Neverembers Unbescholtenheit und die Informationen, die wir seit unseren Nachforschungen bekamen, haben diese nicht zerstreut, im Gegenteil. Unsere Frage an sie lautet, was wissen sie über Neverembers Vergangenheit? Über die Zeit, bevor er zum Berater des Königs wurde. Alles, selbst die kleinste Einzelheit, ist für uns von Bedeutung und kann das Ende unserer Suche sein.“ Er sah sie eindringlich und gespannt an.
Vera wandte den Blick von dem Zwergen ab und starrte nachdenklich in die Flammen, sie runzelte die Stirn und sah einen Moment zu Alice hinüber, die sie ebenfalls abwartend und großen Augen musterte.

„Vera? Hattest du eine Vision?“, fragte sie flüsternd und biss sich ungeduldig auf die Unterlippe. Nun beugte sich auch Keeda weiter vor und studierte die Gesichtszüge der Frau genauer.

Vera schüttelte den Kopf und sie wollte sich schon enttäuscht wieder abwenden, als sie mit rauchig dunkler Stimme zu sprechen begann. „Es ist schon viele Jahrzehnte her, dass unser Lord diese Stadt zum ersten Mal betrat und ihr werdet niemanden finden, der ihn vor dieser Zeit kannte. Es scheint die Götter halten ihre schützende Hand über euch, wenn ihr von allen Menschen in dieser Stadt ausgerechnet zu mir mit diesen Fragen kommt.“

„Ihr kanntet ihn?“, fragte Keeda aufgeregt, doch Vera schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Ich kannte keinen Neverember, denn dieser existierte damals noch nicht. Er gab sich diesen Namen vor Dekaden selbst, um seine Vergangenheit zu begraben und nicht von ihr eingeholt zu werden. Doch ich sollte die Geschichte von Anfang an erzählen.

Damals, ich war noch eine junge Frau, war ich überrascht, als ein junger Mann am späten Abend auf meiner Schwelle stand und mich anflehte, ihm Antworten zu geben. Meine Gabe war damals nicht so ausgeprägt wie heute, sowie meine Vorsicht. Ich bat ihn hinein und wir setzten uns in eben diesen Raum und entzündeten das Feuer.

Für gewöhnlich kamen nur junge Mädchen zu mir, die etwas über ihre Zukünftigen wissen wollten, keine Männer, und doch überraschte es mich nicht, dass auch dieser Junge ein gebrochenes Herz hatte, auch wenn es nicht der Grund für seinen Besuch war.

Er wollte etwas über sein Schicksal wissen, nichts über Liebe, nichts über Glück. Es schien mir, als erwartete er bereits, dass ich ihm seine Zukunft, wie einen Pfad durch die Hölle beschreien würde, umso überraschter war er, und auch ich um ehrlich zu sein, als das Gegenteil zutraf. Als ich seine Hände nahm und darauf wartete, dass meine Gabe einsetzte, sah ich so deutlich wie selten.

Ich beschrieb ihm, wie er eines Tages in einer edlen Rüstung aus Silber und Gold an der Seite der mächtigste Männer stehen würde und vor dem Thron Wache hielt, in der einen hand die Krone, in der anderen ein Schwert. Man würde den Kopf in Ehrfurcht vor ihm beugen und er würde, der Krone von allen am Nächsten stehen.

Er glaubte mir zunächst nicht, doch dann beschrieb ich ihm auch die Finsternis die ich erblickte. Ich sah eine junge Mondelfin, bildhübsch, mit Haar so weiß wie Schnee und Augen so schwarz wie Kohle. Ruckartig hat er meine Hände losgelassen und mich ängstlich gemustert, doch ich es war bereits zu spät.

Meine Gabe setzte ein und ich tauchte in seinen Zeitstrom ein, tief genug, um mehr zu sehen, als er wollte. Ich sah ihn zusammen mit diesem Mädchen, sie waren glücklich, lachten und lebten zusammen, doch dann kam das schwarze Fieber über Neverwinter und eine Finsternis legte sich auch über die Beziehung der beiden.

Der junge Mann erklärte mir, dass seine Freundin noch immer zu Hause wartete, und versuchte ein Heilmittel für diese diebische Krankheit zu finden. Er selbst sei in die Enclave gekommen, um von mir zu erfahren, ob es ihr gelänge oder er sie auch an das Fieber verlieren würde. Ich sagte ihm, dass ich sie beide zusammen in der Enclave sehen würde und augenblicklich sandte er eine Nachricht an seine Freundin, dass sie zu ihm kommen solle.“

„Neverember was verliebt?“, fragte Alice ungläubig und riss sie alle aus ihrer gespannten Starre. Vera nickte traurig und sah betrübt in die Flammen bevor sie mit bedrückter Stimme weiter sprach.

„Die beiden waren überglücklich und beschlossen hier ein neues Leben zu beginnen. Das war die Zeit, in der Neverember sich selbst seinen Namen verlieh und der Palastwache beitrat, so wie ich es ihm prophezeit hatte.

Er und seine Freundin besuchten mich oft, doch als Neverember zum Berater des Prinzen ernannt wurde, kamen sie immer seltener, bis er eines Tages allein zu mir kam. Der Prinz war mittlerweile zum König geworden und der junge Mann von einst zu einem ernsten und ehrgeizigen Taktiker. Ich erkannte es in dem Moment, als er über meine Schwelle trat. Eine Finsternis hatte sich über sein zuvor strahlendes Herz gelegt und tiefe Schuldgefühle verdunkelten seinen Geist. Die Dunkelheit war zu dich, um hindurch zu sehen und so erblickte ich nur Ausschnitte seines neusten Lebens.

Er wollte wissen, ob ich ihn noch immer vor dem Thron stehen sah, die Krone in der Hand und ich bejahte. Das Schicksal hatte sich trotz seiner Veränderungen nicht gewandelt. Neverember nickte zufrieden und verließ mich. Das was das letzte Mal, dass ich dem Lord begegnet war, damals als er noch Berater war und der Krieg noch nicht begonnen hatte.“

Vera verstummte bedrückt und blickte nachdenklich von den Flammen auf. Alice griff nach ihrer Hand und drückte dankbar einen Kuss auf deren Rücken. „Danke Vera, diese Geschichte … Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du uns geholfen hast.“

Harbek und Keeda tauschten einen bestürzten Blick und blickten wortlos in das Feuer zu ihren Füßen. Vera schüttelte den Kopf und folgte ihrem Blick.


„Nicht zu glauben“, murmelte Harbek zum zigsten Mal und drehte sein Siegel zwischen den Händen. Sie hatten noch lange bei Vera gesessen und stumm in die Flammen gestarrt, bis ihr Tee kalt geworden und die Glut erloschen war. Sie waren gleich danach zurück in das verfallene Haus gegangen, um unbeobachtet ihre Gedanken zusammen zu tragen. Harbek saß seit ihrer Ankunft auf dem staubigen Boden und murmelte wieder und wieder die gleichen Worte.

Alice drückte sich von der Tür ab und zog den Zwerg entschlossen auf die Füße. Verwundert ließ er sie gewähren und blieb schwankend stehen.

„Es ist nicht Veras Schuld!“, sagte sie bestimmt und sah von Harbek zu Keeda, die ihren Blick skeptisch erwiderte.

„Sie hat Neverember gesagt er würde eines Tages die Krone in den Händen halten, worauf hin er alles getan hat, um dieses Ziel zu erreichen. Von Schuld haben wir nie gesprochen, lediglich davon, dass sie der Auslöser war und das kannst du nicht bestreiten. Allerdings spielt dies am Ende ohnehin keine Rolle. Es ist passiert, und die Vergangenheit zu verändern liegt nicht einmal in der Macht der Götter.

Die Frage die wir uns stellen müssen, ist, was wir jetzt zu tun haben. Ich würde mit all diesen Information auf dem schnellsten Weg zu Neverember und Knox gehen, um sie beide damit zu konfrontieren.“ Keeda sah fragend von Alice zu Harbek und der sich noch immer fassungslos die Haare raufte und den Kopf schüttelte. Alice sah ihn zweifelnd an, schüttelte jedoch ebenfalls den Kopf.

„Wir haben keine Beweise. Nein hör mir zu, bevor du mich erneut unterbrichst. Was haben wir? Die Erzählungen eines Wachmanns, den wir bestochen haben, und die einer Seherin. Wir brauchen glaubwürdigere Verbündete und nicht nur das, wir sprechen von einem Umsturz. Doch was tun wir danach? Abwarten bis der nächste skrupellose Emporkömmling das Podest erklimmt?

Das erste was wir jetzt tun müssen, ist das, was wir schon seit Wochen anstreben. Valindra töten und Frieden bringen. Für Valindra sind wir noch nicht bereit, das sehe ich ein, doch nicht nur sie bedroht das Land. Was ist mit den Orkkriegen im Turmviertel? Wenn wir dort anfangen und die Streitigkeiten schlichten, wird das nicht nur den Menschen helfen, sondern auch unsere eigene Position stärken und unseren Worten mehr Bedeutung geben.

Außerdem, bezweifele ich, dass es dort mit Rechten Dingen zugeht. Unser Informant sagte doch ebenfalls, dass Neverember lächerlich kleine Verstärkungstruppen in die Kriegsgebiete schickt, um die Kräfte für den eigentlichen Kampf aufzuheben.“

„Du willst einen Krieg im Alleingang beenden?“, wiederholte Keeda ungläubig und verschränkt die Arme vor der Brust, auch Harbek schreckte bei diesen Worten aus seinen Gedanken auf und zog fragend die Brauen nach oben.

Alice grinste sie breit an und zuckte mit den Achseln, „Weshalb nicht?“

Harbek erwiderte ihr Grinsen und klopfte ihr anerkennend auf den Rücken. Gemeinsam sahen sie zu Keeda hinüber, die noch immer skeptisch wirkte. Sie seufzte tief und schmunzelte kopfschüttelnd, „Lasst uns den Krieg beenden.“

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