Lauf!!!

Mit Holly in meinen Armen lag ich in ihrem Bett und hörte ihr aufmerksam beim Atmen zu. Jeder Atemzug klang für mich wie Musik. Ich liebte es einfach bei ihr zu sein, wenn sie schlief. Dann war die Welt um mich herum friedlich und es gab nichts Böses, das das Glück zwischen ihr und mir zerstören konnte. Sie war sofort eingeschlafen, als wir uns auf die Kissen gelegt und ich sie zugedeckt hatte. Im Gegensatz zu ihr war ich hellwach. Ich hatte gedacht, nein, sogar gehofft, dass wenn ich wieder in einem richtigen Bett schlief, ich ohne Umschweife in einen tiefen und ruhigen Schlaf fiel, aber ich fühlte mich nicht müde. Es schien, als habe es die Schlaflosigkeit in den vergangenen Wochen nicht gegeben.
Es ärgerte mich ungemein, dass mein Körper nicht die einmalige Chance zum Schlafen nutzte. Sehr leise schnaubte ich, ehe ich mein Gesicht in ihrem duftenden Haar vergrub. Ich roch eine Mischung aus Veilchen und Lavendel. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich auf einer weiten Blumenwiese befand.
Der Duft vernebelte meinen Verstand und hinderte mich daran, klar zu denken. Die anderen Eindrücke der Außenwelt rauschten in einem Wahnsinnstempo einfach an mir vorbei, als sei Hollys betörender Duft im Moment das Wichtigste auf diesem Planeten. Für mich gab es tatsächlich nichts Wichtigeres. Holly stand Tag für Tag, Stunde für Stunde und Minute für Minute in meinem Fokus. Sie war mein Mittelpunkt.
Ich rückte noch ein Stückchen näher an sie heran und fuhr mit meiner rechten Hand sanft über ihren Rücken. Ich war in einer Art Trance gefangen, in der ich nur noch verschwommen sah und nichts fokussieren konnte. Mein Kopf war vollkommen leer. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir los war.
Draußen wurde es bereits hell, als schlagartig meine Lider schwer wurden und ich neben meiner Freundin einschlief.

Ich stand vor einem Altar in einer lichtdurchfluteten, prächtigen Kirche. Die steinerne Decke ragte förmlich in den Himmel hinein und das bunte Glas warf die verschiedensten Farben auf den Boden. Meine Augen wanderten nach vorne. An den Enden der unzähligen dunklen Holzbänke waren wunderschöne, weiße Lilien angebracht worden und alle Bänke waren vollbesetzt. Es gab keinen einzigen freien Platz mehr. Alle Leute schauten zu mir und musterten mich mit leeren Blicken. Ich bemerkte, dass ich keinen der hier Anwesenden kannte. Sie alle waren mir fremd.
Es war still in der Kirche. Dies wunderte mich, weil doch so viele Menschen hier waren. Ich achtete jedoch nicht weiter darauf. Stattdessen sah ich an mir herunter. Erstaunt fiel mir auf, dass ich einen edlen schwarzen Anzug anhatte. Dazu trug ich ein blütenweißes Hemd und eine, zum Anzug passende, Krawatte. Ich war verwirrt. Was sollte das alles bloß bedeuten?
Plötzlich setzte Orgelmusik ein. Ich kannte die Melodie. Es war die Melodie, die meistens gespielt wurde, wenn bei einer Hochzeit die Braut den Saal betrat. Ich starrte wie gebannt auf die Doppeltür, die mir direkt gegenüber lag. Ich konnte es kaum erwarten, dass die Tür aufging, denn ich war gespannt darauf, wer herauskommen würde.
Die fremden Leute folgten meinem Beispiel und schaute ebenfalls in dieselbe Richtung. Und dann war der Augenblick gekommen. Die Tür ging auf. Ich hielt den Atem an, als ich eine junge, hübsche Frau erblickte: Holly. Sie trug ihre langen schwarzen Haare offen. Ihre leuchtenden blauen Augen konnte ich sogar von meinem Platz aus sehen, obwohl ein dünner Schleier vor ihrem Gesicht hing.
Mit der Leichtigkeit einer Elfe machte sie sich auf dem Weg zu mir. In diesem Augenblick schienen alle meine Wünsche in Erfüllung zu gehen. Ich war in einer Kirche, um die Liebe meines Lebens zu heiraten. Etwas Besseres konnte es gar nicht geben.
Derweil kam Holly immer näher. Ihr schlanker Körper war in ein trägerloses, fein besticktes und schneeweißes Brautkleid gehüllt. Bis zu ihrer Taille war das Kleid eng geschnitten. Dagegen war der untere Teil durch einen Reifrock aufgebauscht. In dem gleißenden, reinen Licht sah sie aus wie ein Engel. Ihre Schönheit war unvergleichlich.
Nach einer halben Ewigkeit stand sie mir endlich gegenüber. Dieser Moment war mit Abstand der Glücklichste meines bisherigen Lebens. Ich wollte etwas zu Holly sagen, aber ich brachte keinen Ton heraus. Immer wieder öffnete ich den Mund und versuchte es weiter. Holly legte den Kopf schräg und lächelte mich zaghaft an.
In ihren Händen hielt sie einen Blumenstrauß aus Lilien und hellen Rosen. Ich gab es auf, etwas zu sagen. Stattdessen nahm ich vorsichtig mit beiden Händen den unteren Teil des Schleiers und schlug ihn zurück. Direkt schaute ich in ihr Gesicht. Ihre Wangen waren rosig und ich konnte jede einzelne Sommersprosse auf ihrer Nase sehen. Als dieser wahrhaftige Engel vor mir stand, wusste ich, dass ich heute heiraten würde, denn ich hatte die perfekte Frau gefunden.
Ich konnte es kaum erwarten, dass der Geistliche auftauchte und mit der Zeremonie begann, aber auf einmal veränderte sich die Stimmung. Dunkle Wolken zogen am Himmel auf und in der Kirche wurde es finster. Ich hörte einen lauten Knall, der von oben zu kommen schien. Die Leute sprangen hektisch auf und kreischten hysterisch.
Hier lief alles völlig falsch ab. So sollte eine Hochzeit nicht sein. Verwirrt huschten meine Augen zu Holly zurück. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Die Haut war aschgrau und in ihren feinen Mundwinkeln bildete sich eine rote Flüssigkeit. Ihre Augen waren bis zum Anschlag aufgerissen und in ihnen fehlte jegliche Emotion. Was ist mit ihr?, fragte ich mich besorgt und packte sie an den Oberarmen.
Panisch beäugte ich sie. Mein Blick blieb an ihrem Bauch hängen. Dieselbe rote Flüssigkeit, die aus ihrem Mund kam, breitete sich immer weiter auf dem weißen Kleid aus. Zuerst war es bloß ein kleiner Punkt, aber mit der Zeit wurde ein riesiger Kreis daraus, welcher nicht aufhören wollte zu wachsen. Sekundenschnell zählte ich eins und eins zusammen.
Irgendjemand hatte auf Holly geschossen. Ich hielt sie fest, während sie vor meinen Augen schwächer wurde und verblutete. Jetzt floss auch das Blut aus ihrer Nase. Überfordert hob ich sie hoch und rannte los, um Hilfe zu suchen.
Holly war durch den erheblichen Blutverlust noch leichter, als sonst. Ich lief weiter, auch als ich die Kirche verlassen hatte, doch ich konnte niemanden entdecken. Mein Puls raste wie verrückt, denn ich hatte furchtbare Angst um Holly. Diese fing an zu husten. Das Blut schoss in die Luft und ähnelte sprühendem Regen.
Abrupt blieb ich stehen und sah auf sie herab. In ihrem Gesicht erkannte ich all den Schmerz, den sie erlitt.
„Du musst durchhalten, Holly“, schrie ich und schüttelte sie, damit sie bei Bewusstsein blieb. Trotz meiner Bemühungen flatterten ihre Lider und ich spürte wie ihre Muskeln erschlafften. Nein, das durfte nicht sein. Sie durfte nicht sterben…

Heftig zitternd und mit eiskalter Haut fuhr ich in die Höhe. Viel zu schnell hob und senkte sich mein Brustkorb. Kerzengerade saß ich in Hollys Bett und hatte Probleme meine Pupillen unter Kontrolle zu bekommen. Das Zimmer drehte sich vor meinen Augen in Windeseile. Mir wurde speiübel. Automatisch krallte ich mich mit meinen Händen in der Matratze fest.
Ich senkte meine Lider, in der Hoffnung, dass es mir dann besser ging. Tatsächlich hörte das Drehen auf. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Dann wagte ich es wieder meine Augen zu öffnen. Ich war allein im Zimmer. Die Vorhänge waren vorgezogen worden, sodass ich aus dem Fenster schauen konnte. Draußen fiel ausnahmsweise mal kein Schnee, aber dafür stürmte es.
Die Hochzeit und Hollys Tod waren bloß ein Traum gewesen. Ein schrecklicher Traum, der unglaublich real gewirkt hatte. Noch immer hatte ich die Bilder vom blutgetränkten Brautkleid in meinem Kopf. Ich schüttelte mich, bevor ich meine Beine aus dem Bett schwang und aufstand. Kaum stand ich auf dem Boden, da schlotterten meine Knie. Noch nie zuvor hatte ein Traum solch eine Wirkung auf mich gehabt.
Urplötzlich ging die Tür auf und Holly betrat das Zimmer.
„Du bist ja wach“, brachte sie überrascht hervor, als sie mich erblickte. Sie kam zu mir herüber und schlang ihre dünnen Arme um meine Taille. Ich war froh, sie lebend vor mir zu sehen; ihre Wärme und ihren Atem zu spüren.
„Hast du gut geschlafen, James?“, fragte sie mich gut gelaunt. Ich musste erstmal meine Gedanken ordnen, ehe ich antworten konnte.
„Sehr gut“, log ich und zwang mich zu einem Lächeln. Holly streckte sich und küsste mich auf den Hals.
„Das ist schön“, flüsterte sie und küsste mich erneut. So langsam normalisierte sich mein Puls und ich beruhigte mich. Das war nur ein Traum. Das war nur ein Traum. Das war nur ein Traum.
„Willst du vielleicht etwas essen?“ Es dauerte seine Zeit, bis die Frage bei mir ankam.
„Nein.“
„Du solltest aber etwas essen. Du siehst blass aus.“ Besorgt musterte sie meine Hautfarbe.
„Ich habe aber keinen Hunger, Holly“, jammerte ich, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mich zum Essen zwingen wollte.
„Okay“, sagte sie beschwichtigend. Schlagartig tat es mir leid, dass ich sie ohne Grund angemeckert hatte.
„Und was hast du heute noch vor?“, fragte ich ohne Zusammenhang mit erheblich sanfterer Stimme.
Holly schien die Änderung meiner Stimmung bemerkt zu haben, denn sie grinste mich an.
„Nichts besonderes, außer das ich heute Abend gemeinsam mit Jamie und Olivia zu meiner Schule fahre“, meinte sie genervt und verdrehte die Augen. Bei dem Wort Schule wurde ich hellhörig.
„Warum fahrt ihr dorthin?“ Ich trat einen Schritt zurück.
„Es ist El…Elternabend. Die Beiden würden gerne hingehen und weil sie meine Lehrer und die Schule nicht kennen, wollen sie, dass ich mitkomme.“ Sie klang nicht gerade begeistert. Ich wusste nicht, ob es daran lag, dass sie keine Lust auf diesen Abend hatte oder dass ihr bewusst war, dass sie normalerweise ihre Eltern begleitet hätte. Ich konnte aber nicht weiter darüber nachdenken, denn in mir wuchs die Verunsicherung. Ich spürte Gefahr.
„Ich halte es für keine gute Idee, wenn du mitfährst.“
„Warum das denn?“ Sie runzelte die Stirn.
„Wegen meiner Ex-Kollegen“, antwortete ich. Meine Kehle war staubtrocken. Zu meiner Verwunderung fing Holly an zu kichern. Ich hielt es für ziemlich unpassend bei diesem Thema zu lachen.
„Also ich glaube nicht, dass sie auch noch abends bei meiner Schule auf mich warten. Die haben bestimmt andere Dinge zu tun, als 24 Stunden Wache zu halten. Das ist unlogisch.“ Sie spielte die Situation zu völligem Unrecht herunter und dass wusste sie. Vielleicht wollte sie sich einfach einreden, dass kein Risiko bestand und sich so ein Stück Normalität zurückholen.
„Glaub nicht, dass diese Killer logisch denken würden. Logisches Denken setzt gesunden Menschenverstand voraus und diesen besitzt keiner von ihnen“, erwiderte ich unverfroren und sah Holly mit ernster Miene an. Daraufhin seufzte sie übertrieben laut.
„Ich weiß, dass du deine Ex-Kollegen kennst und du dir Sorgen machst, aber heute Abend werde ich zur Schule fahren. Es wird schon nichts passieren, James.“ Sie winkte ab und gab mir einen flüchtigen Kuss auf mein Kinn. Ich schnaubte, weil sie die Situation nicht ernst nehmen wollte.
„Sei vernünftig, Holly“, bat ich sie. „Lass Jamie und Olivia alleine fahren, bitte.“ Ich packte sie an den Händen und drückte sie fest. Tief schaute ich ihr in die Augen. Dieses Mal war Holly die Unvernünftige von uns beiden. Sonst war ich immer derjenige, der jedes erdenkliche Risiko einging.
„Tut mir leid, aber ich werde mitgehen“, meinte sie entschlossen und wandte sich von mir ab. Zu meinem Unmut wurde mir klar, dass Holly ihre Meinung nicht ändern würde, da konnte ich machen, was ich wollte.
„Das gefällt mir ganz und gar nicht und darum werde ich ebenfalls zu deiner Schule gehen. Dann kann ich zumindest auf dich aufpassen“, sagte ich in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. Holly entgegnete nichts.
Sie wusste, dass ich mich nicht von meiner Entscheidung abbringen lassen würde. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog ich das auch durch.
„Na gut“, würgte sie unzufrieden hervor und zeigte mir so, was sie von meiner Idee hielt. Aber sie musste sich damit genauso zufrieden geben, wie ich mit der Tatsache, dass sie sich heute in unnötige Gefahr brachte.

Nachdem ich Hollys Haus verlassen und stundenlang nachdenklich unter „meinem“ Baum gehockt hatte, stand ich nun an der Westfront der High School. Das Gebäude lag im Dunkeln, während der Parkplatz von zehn Laternen beleuchtet wurde. Es standen bereits einige Autos auf dem Platz. Ich wartete seit zwanzig Minuten auf die Ankunft von Holly. Ich war etwas früher losgegangen, damit ich vor ihr hier war. Ich wusste von Holly, dass ihr Onkel um 18 Uhr losfahren wollte. Ich schaute auf meine Uhr, konnte aufgrund des fehlenden Lichts aber nichts erkennen.
Ungeduldig scharrte ich mit den Füßen. Die ganze Zeit lag mein Blick auf dem Parkplatz und den umliegenden Bäumen. Meine Vermutung war, dass sich meine Ex-Kollegen ganz in der Nähe versteckt hielten. Auch wenn Holly dies nicht glauben wollte, in meinem Inneren spürte ich die kommende Gefahr; ich konnte sie förmlich riechen.
Mein Körper stand ununterbrochen unter Hochspannung und zitterte. Ich war unruhig und angespannt. Vor allem, als ein glänzender Mercedes auf das Schulgelände fuhr. Das war Jamies Auto, genauer gesagt war es das Auto seines verstorbenen Bruders. Der Wagen hielt an und drei Personen stiegen aus. Ich konnte zwar nichts sehen, dennoch wusste ich, dass es Olivia, Jamie und Holly waren. Die drei gingen schnurstracks auf den Haupteingang zu und betraten die Schule. Holly wusste, dass ich draußen war und alles im Auge behielt. Erst, wenn sie wieder herauskamen, würden wir uns kurz an dieser Stelle treffen. Jetzt hieß es weiter warten und hoffen, dass ich Unrecht hatte.
Ich lehnte mich an die harte Außenwand und schaute dabei zu, wie der Wind die Schneeflocken nach links wehte und sie dann wie verrückt umherwirbelten. Seit heute Morgen waren weitere vier Zentimeter Neuschnee gefallen. Eigentlich mochte ich Schnee sehr gerne, aber seit ich nicht mehr in meinem bequemen, warmen Bett schlief, sondern in der Kälte unter einem knorrigen Baum, hatte ich meine Meinung geändert. Nun besah ich den Schnee mit Abscheu und flehte inständig, dass es aufhören würde zu schneien.
Nach einer halben Ewigkeit sah ich aus meinen Augenwinkeln wie die Flügeltür geöffnet wurde. Mein Kopf schnellte zum Eingang. Drei Personen redeten kaum hörbar miteinander. Zwei von ihnen überquerten den Parkplatz und steuerten den Mercedes an. Die andere Person dagegen kam auf mich zu. Als sie näher kam, erkannte ich Holly im schwachen Licht. Mit einer Jacke, Handschuhen, Stiefeln und schwarzen, flauschigen Ohrenschützern hatte sie sich gegen die eisige Kälte gewappnet. Trotz ihrer dicken Kleidung fröstelte sie.
„Und?“, fragte sie neugierig, aber gleichzeitig schien ihre Miene zu sagen, dass sie wusste das keiner der Killer aufgetaucht war. Ich glaubte sogar ein unterdrücktes, triumphales Lächeln zu erkennen.
„Mir ist nichts ungewöhnliches aufgefallen“, antwortete ich emotionslos, obwohl ich unsagbar froh war, dass ich mich geirrt hatte. Doch, um ehrlich zu sein, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, das übrig geblieben war. Ich hütete mich jedoch davor, Holly von meinen Zweifeln zu berichten.
„Ich habs dir ja gesagt, James“, frohlockte sie und grinste. Derweil wurde der Motor des Mercedes gestartet.
„Fährst du nicht mit Jamie und Olivia zurück nach Hause?“, fragte ich verwirrt und folgte dem wegfahrenden Auto mit meinen Augen. Holly schüttelte den Kopf.
„Nein, ich hab ihnen gesagt, dass ich noch mit Linda reden muss und sie mich später nach Hause bringt.“ Sie nahm meine linke Hand und streichelte mit ihrem Daumen über meinen Handrücken.
„Und du hast sie angelogen, weil…?“ Ich kniff die Augen zusammen und fuhr mir mit meiner anderen Hand durch die Haare.
„Weil ich will, dass du mich nach Hause bringst“, sagte sie enthusiastisch und schaute mich verliebt an. Ich war überrascht, dass sie sich dafür entschieden hatte gemeinsam mit mir durch den Schnee zu stapfen, statt in einem beheizten Wagen zu sitzen.
„Bist du dir sicher?“, fragte ich skeptisch. Sie nickte. Ich hatte immer noch Angst, dass Holly etwas zustieß. Daher blieb ich weiterhin wachsam, als wir uns auf den Weg machten.
Schweigend gingen wir nebeneinander her und konzentrierten uns darauf, dass wir nicht ausrutschten und hinfielen. Eine Weile tat ich nichts anderes, als auf meine Schritte zu achten und hin und wieder einen Seitenblick auf Holly zu werfen. Freudestrahlend hüpfte sie leicht bei jedem Schritt und schaute dem Schnee beim Fallen zu.
Urplötzlich wurde jedoch meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt und zwar auf ein Stapfen hinter uns. Wenn ich genauer hinhörte, dann vernahm ich sogar unregelmäßige Atemzüge. Jemand verfolgte uns. Genauer gesagt verfolgten sie uns.
Unauffällig beschleunigte ich meinen Schritt und zog Holly hinter mir her. Anscheinend hörte sie nicht das, was ich hörte. Derweil kamen die Killer immer näher. Kurz wagte ich es nach hinten zu schauen, aber es war einfach zu dunkel. Ich konnte unmöglich sagen, wie viele von ihnen hier waren.
Aus Nervosität wurden meine Hände feucht. Holly merkte immer noch nichts. Mein Herzschlag erhöhte sich und meine Schritte wurden schneller und schneller. Aber leider musste ich feststellen, dass unsere Verfolger sich auch beeilten. Spontan fiel mir nicht ein, was ich tun sollte. Sollte ich einfach zusammen mit Holly davonlaufen oder sollte ich mich ihnen stellen? Die zweite Option verwarf ich genauso schnell, wie sie gekommen war. Ich wäre chancenlos gegen sie, wenn mehr als zwei hinter uns waren. Also entschied ich mich für die erste Option.
Ich verstärkte den Griff um Hollys Hand und raste ohne Vorwarnung los. Einen halben Meter hinter mir schnappte meine Freundin nach Luft. Sie hatte erhebliche Schwierigkeiten mit mir Schritt zu halten.
„Wa…was ist denn in dich gefahren?“, keuchte sie mit hochroten Wangen.
„Lauf einfach, Holly. Lauf!!!“, schrie ich und legte noch einen Zahn zu. Weiter und weiter liefen wir Hand in Hand, ohne zu wissen wohin. Ich hatte keine Zeit genau hinzuhören, wie weit die Killer noch entfernt waren.
Auf einmal geschah jedoch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Holly stolperte und fiel der Länge nach hin. Ich stoppte und hockte mich neben sie in den Schnee.
„Alles in Ordnung, Holly?“, fragte ich hektisch.
„Ja, ja“, meinte sie atemlos. Diesen Augenblick nutzte ich und spitzte die Ohren. Es war still. Unheimlich still.
„Sind...sind sie hier?“, stotterte sie. Kaum merklich nickte ich.
„Ich gehe zurück und werde mal nachsehen.“ Vor Entsetzen weiteten sich ihre Augen. Ich ignorierte es und sprang auf.
„Du bleibst hier, Holly“, befahl ich.
Dann, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, rannte ich in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Die Finsternis verschluckte mich, als ich Holly hinter mir kreischen hörte.
„NEIN, JAMES. WARTE!!!“

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media