Letzte Vorbereitungen

Da ich mit dieser Geschichte am Kindle Storyteller Wettbewerb teilnehme, darf sie für drei Monate ausschließlich auf Amazon verfügbar sein. Hier daher nur eine Leseprobe.


Nervös kaute Johanna auf ihrem Kugelscheiber herum. Es war verrückt, dass sie die ganzen letzten zwei Jahre nichts anderes getan hatte, um auf diesen Moment hinzuarbeiten, doch jetzt, da es soweit war, befiel sie Furcht. Panik. Als sträube sich alles in ihr dagegen, die wohlige Sicherheit aufzugeben und sich aufzumachen in die Welt des Unbekannten, eine Welt ohne Netz oder doppelten Boden. Eine Welt, die ihr vielleicht ihre Träume erfüllen konnte. Oder sie kalt abweisen und mittellos zurücklassen würde.

Ungeduldig legte sie den Stift beiseite und zog ihren Laptop näher an sich heran. Sie würde jetzt auf diesen Button drücken. Sie hatte ihr Geld die letzten zwei Jahre genau hierfür gespart. Sie sprang ja nicht planlos ins kalte Wasser, sie wusste genau, was sie tat. Es gab gar keinen Grund zur Furcht.

Die Tickets für die Tour lagen im Einkaufswagen von eventim und warteten nur darauf, von ihr bezahlt zu werden. Tief atmete sie durch, dann klickte sie auf den Button, der sie zur Kasse führte.

Fünfzehn Tickets.

Sechshundert Euro.

Es würde der Sommer ihres Lebens. Oder ihr Ruin. Jetzt jedenfalls war ihr Konto um sechshundert Euro leichter und alles, was sie dafür hatte, waren fünfzehn digitale Dateien, die sie ausdrucken und als Eintrittskarte nutzen konnte. Das fühlte sich definitiv nicht beruhigend an.

Wann war das letzte Mal gewesen, dass sie ein Konzert besucht hatte? Grübelnd klappte Johanna ihren Laptop zu und begann, die Haarnadeln aus ihrer ordentlichen Hochsteckfrisur zu ziehen. Sie war achtzehn gewesen damals, und ihre Eltern hatten ihr zum Geburtstag Eintrittskarten für ihre Lieblingsband geschenkt, zwei Stück, damit sie ihre beste Freundin mitnehmen konnte. Lorem ipsum war schon damals den Inhalt ihres Lebens gewesen. Sie lächelte bei der Erinnerung daran, wie sie zu zweit und völlig aufgeregt in der Halle angekommen waren, noch mit richtigen Tickets in der Hand, die ihre Eltern an einer richtigen Vorverkaufsstelle erworben hatten.

Ein Lachen entfuhr Johanna unwillkürlich, als sie sich an ihr lächerliches Outfit von damals erinnerte. Es war mitten in ihrer Gothic-Phase gewesen, sie hatte sich genauso wie ihre Freundin komplett in schwarz gekleidet, sogar ihre eigentlich blonden Haare hatte sie schwarz gefärbt. Wenn sie heute Fotos von sich aus der Zeit sah, konnte sie sich nur noch zu Tode gruseln, so leichenblass wirkte sie in dem Stil.

Aber auf dem Konzert hatte sie sich wohl gefühlt, denn alle um sie herum waren ebenso gekleidet. In der Schule waren ihre beste Freundin und sie immer belächelt worden für ihren Musikgeschmack – Rock statt Pop, Gothic statt Hiphop, Mittelalter statt EDM –, doch in der Halle waren nur Menschen anwesend, die ihren Geschmack teilten und damit auch den Kleidungsstil.

Mit bedächtigen Schritten ging Johanna in ihr kleines Badezimmer, um alle Haarnadeln sicher zu verstauen und ihren Rock gegen bequemere Hosen zu tauschen. Das Konzert war in mehr als einer Hinsicht eine Offenbarung gewesen für sie. Nicht nur hatte sie entdeckt, wie viel berauschender Musik war, wenn man sie live erlebte – sie hätte nicht gedacht, dass sie lorem ipsum noch großartiger finden konnte als sowieso schon – nein, sie hatte auch das erste Mal in ihrem Leben echte Erregung verspürt.

Als die Band nach ewiger Warterei endlich auf der Bühne erschienen war, hatte sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht mit ihrem Idol gesehen. John. Jonathan. Die Fackel, wie sein Bühnenname war. Natürlich hatte er sie in der Masse nicht gesehen, doch sie hatte ihn gesehen. Nicht als Sänger, nicht als VIP, sondern als einen Mann. Sie war achtzehn gewesen, er irgendetwas Mitte dreißig. Sie sexuell völlig unerfahren, er hatte Erfahrung und Dominanz mit jeder noch so winzigen Geste verströmt. Noch Tage danach hatte sie nachts von ihm geträumt. Äußerst feuchte Träume.

Skeptisch betrachtete Johanna sich im Spiegel. Wenn sie ihre Hochsteckfrisur und ihr Make-Up entfernte, blickte ihr immer wieder ein sehr junges Mädchen entgegen. Sie war inzwischen fünfundzwanzig und dennoch wurde sie regelmäßig beim Alkoholkauf nach ihrem Ausweis gefragt. Nicht, dass das sonderlich häufig vorkam, denn im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen war sie kein Freund von Wein oder Sekt, und Bier trank sie schon gar nicht. Nur einen guten, irischen oder schottischen Whisky dann und wann ließ sie sich gefallen. Der Einfluss ihres Vaters, der ein wahrer Kenner der irischen Single Malts war.

Sorgfältig schüttelte sie den Rock aus und trug ihn zurück in ihr Schlafzimmer, wo sie ihn zu all ihren anderen Röcken und Kleidern hängte. Schmunzelnd dachte sie erneut an ihre Gothic-Phase. Damals wäre sie vermutlich in Ohnmacht gefallen, wenn man ihr gesagt hätte, dass sie nur wenige Jahre später nur noch Röcke und Kleider im Stile der fünfziger Jahre tragen würde. Was ein Studium der Philosophie und Ideengeschichte so alles in einem Menschen bewirken konnte.

Sie wusste, wenn sie einer neuen Bekanntschaft erzählte, welche Musik sie in ihrer Freizeit hörte, brachten die meisten das kaum mit ihrer Erscheinung zusammen. Eine kleine, sehr schmale Frau in äußerst weiblich geschnittenen Kleidern, die langen, glatten Haare stets aufwändig zu eleganten Wellen hochgesteckt – und dann hörte sie Metal und mittelalterlichen Rock? Gerade jene, die den Musikgeschmack teilten, lachten sie mit schöner Regelmäßigkeit dafür aus.

Doch es war ihr egal. Sie liebte ihre Kleider und die Eleganz, die ganz natürlich kam, wenn sie fertig herausgeputzt aus der Tür trat. Und genauso liebte sie den Klang des Dudelsacks und das berauschende Gefühl von lautem, hartem Rock. Musste man sich denn immer genauso kleiden, dass jeder einen sofort in eine Schublade stopfen konnte?

Schnell bastelte Johanna sich in der Küche eine Schale Müsli zusammen, dann kuschelte sie sich wieder auf ihr Sofa, Laptop auf dem Schoß, Müsli in einer Hand. Sie musste noch ihr ODT, ihr Outfit des Tages, für morgen bearbeiten. Wie immer hatte sie den halben Tag damit verbracht, mit ihrer Kamera einen Ort zu finden, wo sie ungestört eine ganze Reihe von Fotos aufnehmen konnte. Sie bevorzugte es, ihre Outfits außerhalb der eigenen vier Wände zu präsentieren, damit ihre Leser es in freier Wildbahn beurteilen konnten.

Ihr Fashionblog lief inzwischen gut, so gut sogar, dass sie mit dezent geschalteter Werbung ein geringfügiges Einkommen daraus hatte. Nicht genug zum Leben oder um die Miete zu zahlen, aber als Taschengeld nicht schlecht. Jeden Tag der Woche präsentierte sie ihren Lesern ein Outfit des Tages und zweimal die Woche gab es einen philosophischen Essay zu verschiedenen Themen. Seit sie tatsächlich Geld damit verdienen konnte, gab sie sich besonders viel Mühe, ihre Leser – oder besser: ihre Leserinnen – zu halten.

Sie war gerade dabei, die letzten Feinheiten ihres Bildes für den nächsten Tag zu bearbeiten, da meldete ein leises „Bing“ das Eintreffen einer neuen Mail. Nachlässig wanderten Johannas Augen in die untere rechte Ecke des Bildschirmes – und sofort war sie hellwach.

Mit zitternden Fingern öffnete sie das Mailprogramm, rief die Nachricht auf und las.

Liebe Frau Voigt,

wir haben Ihre Mail gelesen und sind sehr an einer Zusammenarbeit interessiert. Eine Artikelreihe über alle Konzerte der aktuellen lorem ipsum Tour würde unserer Website sicherlich beim Wachsen helfen, immerhin streben wir an, die Nummer 1 für alles rund um Rock in Deutschland zu werden!

Wir hoffen, dass sie verstehen, dass wir Ihnen nicht den branchenüblichen Lohn zahlen können, immerhin sind Sie noch ganz frisch um Geschäft und können weder Arbeitsproben noch Referenzen nachweisen. Wir bieten Ihnen daher an, dass sie uns einen Artikel von 500 (fünfhundert) Wörtern schreiben gegen ein Entgelt von 25 € (fünfundzwanzig Euro) plus 10 € (zehn Euro) für ein Bild.

Bitte teilen sie mir mit, ob sie mit diesen Bedingungen einverstanden sind, dann schicke ich Ihnen einen Vertrag zu.

Herzliche Grüße,

Das Team von Rockin Germany

Johanna wurde blass. Fünfundzwanzig Euro für einen Artikel? Das war ein Witz! Sie wusste, diese Website war gerade erst im Entstehen und konnte sich vermutlich kaum vernünftige Reporter leisten, aber fünfundzwanzig Euro waren wirklich wenig. Zusammen mit den zehn Euro für ein Foto käme sie auf dreiundfünfzig Euro, was nicht einmal die Kosten für das erste Konzert abdecken würde, von Hotelrechnungen und Anfahrt ganz zu schweigen.

„Was soll überhaupt dieses professionelle Getue und gestelzte Schreiben?“, fluchte sie leise vor sich hin: „Die schaffen es nicht, die ganze Mail durch die Anrede groß zu schreiben, bilden sich wohl sonst was darauf ein, dass sie die Zahlen in Klammern ausschreiben, damit es ja keine Verwirrung gibt. Aufschneider!“

Doch sie wusste, sie musste in den sauren Apfel beißen. Jedes Angebot war besser als gar kein Geld. Sie hatte sowieso damit gerechnet, für mindestens drei verschiedene Internetseiten Artikel verfassen zu müssen, um halbwegs über die Runden kommen zu können. Ihre Miete und die alltäglichen Ausgaben konnte sie mit ihrem Ersparten stemmen, doch für Hotels und Reisekosten musste sie sich Geld dazu verdienen. So sah es der Plan vor.

Entmutigt legte sie den Laptop neben sich auf das Sofa und schaufelte das Müsli in sich hinein. Für jedes Konzert drei verschiedene Artikel schreiben würde eine Menge Arbeit. Doch wenn sie denselben Artikel mehrmals verkaufte, musste sie ihre Preise um mindestens zwanzig Prozent senken und das brachte ihr genauso wenig. In den nächsten Wochen bis zum Beginn der Tour musste sie unbedingt genug ODTs vorproduzieren, dass sie zumindest ihren Fashionblog ohne größeren Aufwand nebenher laufen lassen konnte.

Sie fuhr sich mit beiden Händen durch ihre Haare. Sie hatte sich dazu entschieden, in diesem Jahr ihren Traum zu erfüllen, und egal, wie viel sie dafür opfern müsste, sie würde es durchziehen. Sie hatte Tickets für alle fünfzehn Stationen der Tour zum aktuellen Album von lorem ipsum gekauft, sie würde zu allen hingehen. Sie würde beobachten, genießen, darüber schreiben und einfach im Moment leben.

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