Licht und Kontrast

Eigentlich hatte Anna nicht vorgehabt, bis zum Sonntag in Selb zu bleiben.

»Meine Tochter Jenny kommt morgen aus dem Ferienlager zurück«, erklärte sie Lukas Mauren. »Einfach mal so einen Tag dranhängen kann ich also nicht.«

So war das also. Lukas fand es selber überraschend, dass ihn diese Aussage störte. Wohl weniger die Tatsache, dass die Fotografin ein Kind hatte, als der daraus zu ziehende Schluss, dass es dazu einen Vater geben musste. Herrgott! Die Frau war bestimmt ebenso alt wie er und er kannte sie kaum, hatte sie gerade vor einer Stunde zum ersten Mal getroffen. Nur, weil sie in seinen Augen gut aussah und mindestens ebenso gute Fotos machen konnte, hieß das noch lange nichts. Man konnte in Bilder so vieles hinein interpretieren. Was wusste er denn schon?

Dass sie hier saß, war ihr Job. Bestimmt hatte sie Familie, Haus und Hund wie die meisten Frauen ihres Alters. Dass er nie bis dahin gekommen war, hieß nicht, dass es den meisten Enddreißigern ebenso ging.

»Kann sich nicht dein Mann mal um euer Kind kümmern?«, brummte er nun, entsprechend ungehalten, obwohl ihm das gar nicht zustand. Was ihm auch sofort deutlich gemacht wurde. Anna sah ihn entsetzt an und Franz richtete sich ruckartig auf.

Doch die Fotografin konnte offenbar ganz gut für sich selbst sprechen. Anna hatte die unerwartet private Frage zwar deutlich auf dem falschen Fuß erwischt, doch sie fing sich schnell wieder.

»Tut mir leid!« Sie sah dem Mann ihr gegenüber dabei trotzig in die Augen. »Jennys Erzeuger hält nicht viel davon, sich um seine Tochter zu kümmern …«, der Trotz wich einer heimlichen Traurigkeit, »schon seit zwei Jahren nicht mehr. Meine Tochter und ich leben allein und ich bin für sie verantwortlich.«

Lukas sah, dass der Journalist tröstend nach ihrer Hand griff.

»Annas Privatleben geht hier keinen was an«, stellte er entschieden klar, »ebenso wenig wie meines. Wenn sie sagt, sie kann nicht, dann habt ihr das zu akzeptieren, ganz egal, ob ihre Gründe nun beruflich oder privat sind.« Er sah Anna nachdenklich an, deren Gesicht deutlich zeigte, wie unwohl sie sich gerade fühlte.

Franz hatte selbst kein gutes Gefühl mehr, wenn er an diesen Job dachte. Ja, er brauchte ein neues Projekt. Und die Arbeit mit den Corvidae hatte ihnen beiden Spaß gemacht. Aber er musste diesen Auftrag auch nicht um jeden Preis haben und auf Annas Kosten schon gar nicht.

Doch die dachte in ganz andere Richtungen.

Als Lukas ein »Tut mir leid!« vorbrachte, winkte sie einfach ab.

»Ich würde schon gern euer Konzert heute hören«, gab sie zu. »Eure Youtube-Videos sind toll.« Mit gerunzelter Stirn blickte sie dann zu Franz. »Was meinst du? Ob Sylvie morgen Jenny nicht vom Bahnhof abholen und mit zu euch nehmen könnte? Bis zum Nachmittag wären wir ja wieder zurück.«

Anna, Franz und Sylvie wohnten in demselben idyllischen Dorf vor den Toren Jenas. So hatten sich die Paare auch vor fünf Jahren kennengelernt, als Stefan und Anna begannen, ein Haus in Weidenau zu renovieren. Stefan war inzwischen nach Hamburg zurückgekehrt. Anna lebte mit Jenny allein in dem inzwischen gemütlichen, alten Bauernhaus. Franz und Sylvie mochten die beiden und gerade Franz' Frau verbrachte viel Zeit mit Jenny. Ein Problem sollte dieser eine Abend wirklich nicht sein.

Der Journalist nickte. »Ich kann sie nachher anrufen«, versicherte er. »Doch vorher habe ich noch ein Wörtchen mit diesem Mike zu reden. Er kann uns nicht einfach hierher bestellen, ohne die Formalitäten geklärt zu haben. Wenn das Projekt nicht zustande kommt, setze ich ihm den ganzen Tag auf die Spesenrechnung.« Der Schriftsteller lachte. »… einschließlich Kaffee und Kuchen!«

Trotz der ernsten Worte stellte diese Aussage die gute Laune der drei wieder her. Sie bezahlten und als sie aus dem Café traten, empfing sie das weiche Licht des späten Nachmittags und versetzte Anna in Fotolaune. Fröhlich begann sie in ihrem Fotorucksack zu kramen und förderte bald darauf ihre Minolta zutage. Ohne große Umstände entfernte sie den Deckel von ihrem Objektiv und schraubte einen Filter auf.

Neugierig sah ihr der Musiker dabei zu, während Franz das Schauspiel schon kannte.

»Na, hat dich die Sucht schon gepackt?«

Anna grinste. »Klar doch! Schau dir dieses Licht an – ein Traum.«

Lukas runzelte die Stirn. »Was ist an diesem Licht denn so besonders?«

Doch bevor Anna zu einer wahrscheinlich recht ausführlichen Antwort ansetzen konnte, verabschiedete sich Franz schnell von den beiden. Bestimmt war es gut, wenn Lukas Mauren selber sah, wie gewandt Anna mit der Kamera war.

Franz fand den Mann sympathisch. Sein Auftreten vorhin im Café war höflich und zurückhaltend gewesen. Kein Grund also, ihn nicht mit Anna alleine zu lassen. Bei Jonas hätte er das ganz anders gesehen. So aber machte er sich auf die Suche nach dem Manager der Pagans. Egal, wie es nun weiterging, so ließ sich ein Franz Meister nicht behandeln!

Anna hingegen schilderte für Lukas, wie das Licht für ein perfektes Foto aus ihrer Sicht beschaffen sein musste: kontrastreich, weich, intensive Farben und Konturen frei gebend. Mit der Kamera zeigte sie ihm dann gleich am Bild, was sie meinte und Lukas ließ sich gern von ihrer Faszination mitreißen. Gemeinsam streiften sie durch das kleine Frankenstädtchen auf der Suche nach spannenden Motiven, witzigen Details und neuen Perspektiven.

Anna genoss das Interesse des Musikers an ihrer Arbeit und auch für Lukas war der Bummel ein ungewohntes Erlebnis. Dass die Fotografin ihn so selbstverständlich an ihrer Arbeit und ihrer Begeisterung teilnehmen ließ, war für ihn etwas ganz Besonderes. Die meisten Frauen sahen sonst nur sein Bühnenimage, den ungebundenen, vermeintlichen Neuheiden, mit dem sie Freizügigkeit und Hemmungslosigkeit assoziierten. Manche boten sich ihm auch jetzt noch, wo er das typische Alter des wilden Lebens längst überschritten hatte, ganz offen an.

Manchmal ließ er sich von solchen Avancen locken, doch meistens verschwand er nach den Konzerten schnell in seinem Wohnmobil oder dem angemieteten Zimmer und verbrachte die Nacht damit zu lesen oder zu komponieren. Der ganze Rummel um seine Person interessierte ihn wenig. Er genoss den Moment, wo er auf der Bühne stand nur deshalb, weil er dort seine Musik spielen konnte, etwas, was ihm wirklich Spaß machte.

Solche Momente wie dieser, während dem er ungezwungen mit Anna durch die Stadt schlenderte, waren selten geworden. Nachdenklich beobachtete er die Fotografin, deren ganze Konzentration sich nun auf einen Brunnen richtete, den sie auf dem Marktplatz entdeckt hatten – unzählige sechseckige Porzellankacheln in verschiedenen Blautönen lockten das Auge zu näherer Betrachtung.

Lukas aber interessierte sich weniger für die offensichtliche Werbung der Porzellanstadt, viel mehr lockte es ihn, die Frau zu beobachten, die selbstvergessen versuchte, diesem hundertmal abgelichteten Motiv einen neuen Aspekt abzuringen. Dabei war sie sich nicht zu schade, für ein Foto auf die Knie zu gehen oder sich so zu verrenken, dass sie die Brunnensäulen vor den blauen Himmel bekam. Ihre halblangen braunen Haare hatte sie schon zu Beginn des Spaziergangs mit einem einfachen Haargummi zusammengefasst. Jetzt schob sie einzelne lose Strähnen hin und wieder ungeduldig aus der Stirn, wenn sie sie störten.

Dem Mann, dessen Beobachtung sie gar nicht wahrnahm, gefiel die selbstverständliche Eleganz ihrer Bewegungen. Und mit einem Mal erkannte Lukas, was er da vor sich sah. Anna war nicht irgendeine Frau, die aus Spaß Fotos machte. Auch, wenn sie sich selbst nicht so nannte, war sie eine Künstlerin.

Unwillkürlich schlug sein Herz schneller, als er diesen Gedanken weiterspann. Vielleicht hatten sie mehr Gemeinsamkeiten, als er zunächst gedacht hatte, konnte sie hinter das offensichtliche Bild des Lukas Mauren sehen, etwas, worauf er bei früheren Freundinnen meistens vergeblich gewartet hatte?

Lukas wusste es nicht. Und inzwischen war ihre gemeinsame Zeit beinahe um. Er musste langsam zurück, um sich auf das Konzert vorzubereiten. Doch bevor er seine vorschnellen Wünsche und Gedanken verdrängte, prägte er sich das Bild vor seinem Auge gründlich ein: Anna, wie sie mit der Kamera in der Hand den Moment festhielt.

Die Frau hinter dem Objektiv sah durch den Sucher ihrer Kamera den ernsten, forschenden Blick des Musikers. Und es waren nicht Licht und Kontrast der Gesichtszüge des Mannes, die sie gefesselt die Luft anhalten ließen, bevor sie den Auslöser drückte.

Als der Tontechniker auf der anderen Seite des Marktes einen erneuten Soundcheck begann, verflog der Zauber dieses kurzen Augenblicks, wie er gekommen war. Aus ihrer Betrachtung gerissen, richtete sich Anna auf und klopfte verschämt ihre Hosenbeine ab. Ein feines Rot überzog ihre Wangen, als sie sich ihrem Begleiter erneut zuwandte. Doch Lukas hatte sich wieder gefasst.

»Ich muss zurück«, entschuldigte er sich bedauernd. »Wir müssen noch die Instrumente einrichten und ein bisschen Schminke muss ich mir wohl auch bald leisten.« Er lachte leise. »Wenn du nach dem Konzert allerdings noch Zeit für einen alten Heiden wie mich hast, würde ich mir gern bei einem Glas Wein deine Bilder von heute anschauen.«

Überrascht starrte Anna den ›Heiden‹ einen Moment zu lange an und Lukas glaubte schon, mit seinem Wunsch über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Dann aber trat auf Annas Gesicht ein Lächeln und sie nickte.

»Gern!« Und nach einem tiefen Einatmen: »Doch vorher könntest du mich noch mit eurem Lichtleister bekannt machen. Ich muss unbedingt ein paar Auskünfte zur Beleuchtung der Bühne einholen.« Sie zwinkerte Lukas zu. »Und wenn wir Jonas ein paar gute Bilder zeigen wollen, brauche ich die Erlaubnis, hinter der Absperrrung fotografieren zu dürfen.«

Da war sie also wieder, die Fotografin in Anna. Lukas lachte, ergriff wie selbstverständlich die Hand der überraschten Frau und zog sie über den Platz Richtung Konzertbühne.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media