Lies

"Es war eine Lüge!"
Die Menschen, die ihr auf den Straßen begegneten, blieben stehen und sahen sie verwirrt an. Alina musste ein seltsames Bild geben: die Läuferin in Blut getränkt, den Geruch des Todes mit sich führend, jagte in Richtung Rathaus, die Waffen aufgebracht erhoben. "Das alles war nur eine beschissene Lüge, habe ich nicht recht? Weil sie nicht ins Muster passte, weil Emilia zu intelligent war! Sie war zu gut für diese Stadt, oder nicht? Komm raus du Arschgesicht und antworte mir!"
Ihr war es in diesem Moment gleichgültig, was andere von ihr dachten und ob ihr respektloses Verhalten Konsequenzen haben würde. Der Hass und die Wut, die in ihr tobten, hatten sie völlig im Griff.

Polizisten in Uniformen kamen auf sie zu und versuchten sie zu beruhigen. Alina wusste, dass man mit ihr sprach, doch anstelle von Worten war da nur ein monotones Rauschen in ihrem Kopf. Als jemand ihren Arm packte, stieß sie die Person grob weg.
"Fass mich nicht an! Keiner fasst mich an, kapiert? Ansonsten schlag ich euch die Köpfe ab, ihr widerlichen, unwissenden, dämlichen...", sie verstummte, als die Doppeltür des Rathauses aufgestoßen wurde und der Mann, der für das ganze Chaos verantwortlich war, die Treppen hinunter geeilt kam. Alinas Augen verengten sich zu Schlitzen, als er sie müde anlächelte und anscheinend auf Verständnis hoffte.
Die Polizisten wichen auf sein Handzeichen zurück und er blieb wenige Schritte vor dem Mädchen stehen. Er sah sie einfach nur an.
Alina war sich nicht sicher, ob sie ihn gleich umbringen oder ihm zuerst zuhören sollte. Ihre innere Stimme riet ihr, ihn sofort zu töten, schließlich war es ohnehin zu spät. Em war tot. Und trotzdem konnte sie sich nicht bewegen, war wie erfroren. Sie musste schlucken und senkte den Kopf, während ihre Waffen klirrend zu Boden fielen und ihr lodernder Zorn durch ein eisiges Gefühl der Einsamkeit und Trauer erstickt wurde.
Nichts um sie herum regte sich, bis sie schließlich aufsah und leise sagte: „Sie war gar keine Kreatur, Ben. Sie war noch ein Mensch, sie...“ Bens Gesichtsausdruck blieb unverändert, er zeigte keine Regung. „Du wusstest es, oder? Du wusstest es, als du sie anklagtest und du wusstest es, als du mich losgeschickt hast, um sie zu jagen. Warum hast du das getan?“

Es hatten sich Zuschauer um sie herum versammelt und auch die Polizisten starrten den Professor erwartungsvoll an. Sie erwarteten, dass er Alina für verrückt erklärte und alles leugnete. Doch das tat er nicht. Stattdessen überwand er den Abstand zwischen sich und ihr und berührte vorsichtig ihre unterkühlte Wange.
„Du bist am Ende deiner Kräfte, schmutzig und riechst nach Verderben. Du solltest duschen gehen und dich beruhigen. Wir werden reden, wenn du erst einmal richtig angekommen bist. Na los, geh schon.“
Natürlich gehorchte sie. Ihr Körper bewegte sich wieder wie von selbst, ließ Ben und die Schaulustigen zurück, verschwand im Rathaus. Dem Haus, in dem sie aufgewachsen war, als Adoptivtochter des Professors. Sie hatte von Anfang ein besseres Leben und mehr Rechte gehabt als alle anderen Kinder in ihrem Alter und sie hatte sich nie darum gekümmert. Doch dann traf sie Emilia... Emilia, die jetzt tot war. Alina war Schuld. Sie hätte erkennen müssen, dass ihre Freundin keine Kreatur war.
Sie hatte einfach dem Befehl von Ben gehorcht und das Mädchen gejagt. So wie sie jetzt gehorchte, indem sie sich unter die Dusche stellte und den Wasserhahn auf drehte. Alina beobachtete, wie das blutrote Wasser mit der Zeit immer heller wurde, bis es schließlich wieder durchsichtig und ihr schmerzender Körper sauber war. Das brennende Gefühl in ihrem Inneren war jedoch immer noch präsent und sie ahnte, dass es auch nicht so schnell verschwinden würde.
Alina ließ sich absichtlich viel Zeit mit dem Anziehen und saß noch eine Weile auf ihrem Bett. Die Matratze war hart und der Bettbezug kalt, unberührt. Nichts an diesem Zimmer fühlte sich vertraut und herzlich an.
Sie stützte ihre Ellbogen auf ihren Oberschenkeln und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Nichts an diesem Ort glich auch nur annähernd einem Zuhause, nur war ihr das bisher egal gewesen. Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein hörte sie Emilias helles Lachen und dann ihre Stimme, wie sie nachdenklich fragte: Aber was glaubst du hat bewirkt, dass es so etwas wie die Kreaturen gibt? Ich meine, wenn sie doch keine Gefühle besitzen und sich von Menschen ernähren und selbst alles andere als menschlich sind, wo kommen sie dann her?
Alina seufzte und stand auf. Ihre Beine zitterten vor Anstrengung, aber das war sie gewohnt. Es gehörte zu ihrem Alltag, genau wie die Kreaturen von Anfang an da gewesen waren. Die ersten von ihnen tauchten vor rund dreißig Jahren auf und man versuchte vergeblich, die gesamte Menschheit zu retten. Ob es irgendwo da draußen noch weitere Überlebende gab, war unklar. Irgendwie schaffte man es, eine riesige Schutzmauer um eine der Städte zu errichten, auch wenn das viele Opfer gefordert hatte.
Ich meine, Alina, stell dir mal vor, all diese Kreaturen waren einmal Menschen und...
Sie schloss die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich und ging den Gang entlang, in Richtung Treppe. An den Wänden hingen Gemälde und der rote Teppich unter ihren Füßen war bereits total ausgetreten.
... und wenn sie einmal menschlich waren, muss irgendwo in ihrem Inneren ja noch etwas davon übrig sein, oder? Denk doch mal an...
Ein Seufzen entglitt ihren Lippen, als sie sich gegenüber von Ben an den viel zu großen Tafeltisch setzte und lustlos auf das mehr als großzügige Abendessen starrte. Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie ihren Appetit schon lange verloren. Sie nahm die Gabel in die Hand und begann eine grüne Erbse nach der anderen aufzustechen.
… Menschen, die unter psychische Störungen leiden. Sie benehmen sich alles andere als normal, aber sind trotzdem noch menschlich, richtig? Zumindest steckt man sie nicht sofort in eine Rubrik, welche sie schlechter als uns macht.
Das Essen fühlte sich pappig und schwer in ihrem Mund an. Alina hätte es am liebsten wieder ausgespuckt, doch sie zwang sich, den Brei hinunterzuschlucken und Wasser hinterher zu spülen. Sie musste nicht aufsehen, sie hatte ein Gespür dafür zu erkennen, ob sie beobachtet wurde oder nicht. Und gerade spürte sie den prüfenden Blick von Ben auf sich ruhen. Sie fragte sich, wann er wohl etwas sagen würde, als ein weiterer Erinnerungsfetzen sie durchfuhr.
Ich glaube nicht, dass Kreaturen unersättlich und unmenschlich sind. Natürlich - ihnen fehlt etwas. Aber was soll man tun, wenn einem etwas fehlt? Man sucht verzweifelt danach. Vielleicht brauchen sie einfach nur Hilfe, einen Schubs in die richtige Richtung... Wer weiß das schon so genau?
Alina senkte betrübt den Kopf und schüttelte ihn unmerklich. Nein, dachte sie und drängte den Würgereiz zurück, du hast dich geirrt Em. Kreaturen brauchen keine Hilfe, sie wollen nur Blut. Und du... gerade du musstest ihnen zum Opfer fallen, wegen mir.
„Du stellst gar keine Fragen mehr.“
Es handelte sich um eine Feststellung, doch so wie Ben es betonte, klang es mehr wie eine Frage. Alina sammelte sich und sah dann vorsichtig auf. Sie wusste nicht, ob sie bereit dafür war. Sie antwortete nicht, sondern erwiderte bloß den Blick des Professors.
Dieser legte sein Besteck auf den Tisch und säuberte sich mit der Serviette den Mund. Alina unterdrückte ein spöttisches Schnauben. Er sah lächerlich aus, wie ein Politiker beim Geschäftsessen. Nur zu schade, dass es in der heutigen Welt keine dieser ach so bedeutenden Politiker mehr gibt, dachte sie verbittert und wusste, dass ihre Wut wieder wuchs. Ben nahm einen Schluck Wein und stellte dann das teure Glas neben seinen Teller. Er faltete die Hände, räusperte sich. Die Geduld und die Ruhe, die er ausstrahlte, weckten in Alina den Drang über den Tisch zu springen und ihn gleich hier und jetzt zu erwürgen.
„Du musst verstehen, Kind, dass es notwendig war. Emilia stellte eine Gefahr für uns alle dar, auch wenn sie...“

„Keine der Kreaturen war?“, fauchte Alina und ihre Faust schloss sich automatisch fester um die Gabel in ihrer Hand. Ben zeigte sich völlig unbeeindruckt.
„Ja. Sie war keine von ihnen, doch sehr wohl eine ebenso große Bedrohung.“

„Warum?“

Der Professor runzelte die Stirn, als würde er abwägen, ob es eine gute oder schlechte Idee war, Alina davon zu erzählen. Schließlich sagte er leichthin: „Weil sie angefangen hat, zu viele Fragen zu stellen. Und sie wollte Nachforschungen anstellen, über die Kreaturen und was es mit ihnen auf sich hat.“

Alina schwieg, auch wenn sie fragen wollte „Was ist falsch daran?“. Sie tat es nicht, ihre innere Stimme hielt sie davon ab. Und da sie darauf nichts erwiderte, fuhr Ben fort.
„Solche Fragen sollte keiner von uns Menschen auch nur gedanklich in Betracht ziehen. Es hat viele Jahre gebraucht und viele Opfer gefordert, einen sicheren Ort wie diesen hier zu erschaffen. Ein paar fatale Entscheidungen oder Pläne - so wie Emilia sie schmiedete - könnte unser aller Leben kosten.“ Er machte eine Pause, um eine raumumfassende Geste zu vollführen. „Das alles hier ist im Vergleich zu dem da draußen das reinste Paradies!“ Er lehnte sich vor und sah Alina fest in die Augen. „Gerade du solltest wissen, wovon ich spreche, du hast es schließlich mehr als oft genug gesehen. Da draußen herrscht das totale Chaos, Unordnung und Grausamkeit und bloß weil ein dummes, kleines Mädchen glaubt, alles verändern zu können, sollen wir unsere Sicherheit auf's Spiel setzen? Unser aller Sicherheit?“ Er nahm einen weiteren Schluck Wein und schüttelte energisch den Kopf. „Sie einzusperren hätte auch nichts weiter gebracht. Sie hätte jemand anderen ihre giftigen Vermutungen ins Gedächtnis gepflanzt und eine neue, unbegründete Hoffnung hätte sich unter uns breit gemacht. Und das, Liebes, wäre fatal gewesen und hätte den sicheren Untergang der Menschheit bedeutet.“
Alina wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war weder beeindruckt, noch schockiert. Eine unbestimmbare Leere füllte sie und sie wollte einfach nur aufwachen und feststellen, dass das alles bloß ein Traum gewesen war.
Sie starrte auf ihre zerrissenen Fingernägel und bemerkte, dass ihre Hände leicht zitterten. Nein, sie sollte das nicht zu nah an sich heran lassen. Sie hatte schließlich eine Aufgabe zu erfüllen und wenn sie das nächste Mal auf Jagd ging, um das Gebiet rund um den Mauern sauber zu halten, konnte sie sich keine Schuldgefühle leisten. Genau genommen konnte sie sich überhaupt keine Gefühle leisten.
Alina stand abrupt auf und nickte Ben knapp zu. „Danke für das Essen, doch ich sollte schlafen gehen. Es war ein langer Tag und ich muss morgen früh hoch.“
Sie wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern verließ mit schnellen Schritten den Saal und jagte die Treppe hoch bis in ihr Zimmer. Gewöhnlich würde sie jetzt noch ein schnelles Workout machen, um sich körperlich fit und bereit zu halten. Sie hatte einfach keine Kraft mehr.
Sie schaffte es gerade noch, sich auszuziehen und ins Bett zu fallen, als ihre Glieder auch schon taub und schwer wurden und sie am ganzen Körper anfing zu zittern. Als das das erste Mal passierte, war sie völlig aufgelöst gewesen und in Panik geraten, doch inzwischen kannte sie die Reaktionen ihres Körpers. Das Adrenalin würde niemals ganz verschwinden.
Sie starrte an die kahle Decke über sich und schloss die Augen. Fünf. Sie musste bloß bis fünf zählen und würde sofort einschlafen. Doch wollte sie das?
Alina verspürte den Drang zu gähnen, und selbst dafür war sie zu schwach. Eins. Vor ihren Augen begannen bunte Lichter zu flimmern. Zwei. Die Taubheit wurde zu einem Kribbeln in ihrem gesamten Körper. Drei. Es fühlte sich an, als würde ihr Kopf im Kissen versinken. Vier. Sie brauchte die Erholung, das wusste sie, aber...
Stell dir mal vor, all diese Kreaturen waren einmal Menschen.

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