Lost

Alina ergriff die Axt auf ihrem Rücken und trennte noch im Laufen den Kopf der Kreatur von dessen Körper. Er fiel wie ein schwerer Ball mit einem gedämpften Geräusch zu Boden.
Je tiefer sie in den Wald hinein rannte, desto mehr Präsenzen spürte sie um sich herum. Es wurden immer mehr, und sie kamen immer näher. Alina hatte schon mehrfach daran gedacht, umzudrehen und sich in Sicherheit zu bringen. Doch dass Em noch immer nicht getötet wurde, bewies nur, dass sie tatsächlich zu eine der Kreaturen geworden war. Der Professor konnte nicht erklären wie, aber alle Beweise sprachen dafür. Und Em kannte sich in der Stadt aus, sie war dementsprechend eine Gefahr für die gesamte übrige Bevölkerung.
Ein Grunzen direkt neben ihr, und Alina reagierte, ohne überhaupt hinzusehen. Sie rammte den Dolch nach rechts und direkt durch das Herz der Kreatur. Em befand sich nicht weit vor ihr, stolpernd und schluchzend. Konnten Kreaturen überhaupt weinen?
Bei dem Gedanken daran musste Alina schallend lachen. Das war lächerlich, natürlich konnten Kreaturen das nicht. Ihre Körper wurden allein von dem Drang nach fließendem Blut und warmen Fleisch beherrscht.
Der Gedanke daran ließ sie schneller werden. Alina war eine der besten Kämpfer der Stadt, obwohl sie genau so alt wie Em war. Nein, so alt wie Emilia. Sie musste sich selbst daran erinnern, dass dieses Etwas, das sie gerade jagte, nicht länger die Freundin aus ihrer Kindheit war. Dieses Ding, das einmal Emilia, Em, gewesen war, musste unter allen Umständen getötet werden.
Doch dann blieb Alina schlitternd stehen und runzelte die Stirn. Emilia rannte direkt auf eine Kreatur zu, die unübersehbar zwischen den Bäumen stand. Allen anderen Kreaturen war sie bewusst ausgewichen, doch diesmal nicht. Alina war gezwungen, wegzusehen, als eine eiskalte Hand ihren Arm berührte. Sie fuhr herum und trennte mit der Klinge ihres Dolches den Kopf der Kreatur ab. Um sie herum erhellten überall rote Augen die dichte Dunkelheit. Sie war umzingelt. Scheiße, dachte sie und versuchte ihre Beute, die sie eigentlich jagte, im Auge zu behalten, doch das war unmöglich, während sie kämpfte.
"Verdammt.", knurrte die Läuferin wütend und befestigte die Axt wieder in der Schlaufe auf ihrem Rücken. Stattdessen griff sie nach den Kurzschwertern an ihrem Gürtel. Die Klingen reflektieren die rot glühenden Augen. Es waren bloß zwanzig, mit Chance. Sie konnte es noch rechtzeitig schaffen.
Einen Moment später war Alina getränkt in Blut. Sie hatte keine Wunden davongetragen, doch sie war erschöpft. Und es stank erbärmlich bis zum Himmel.
Sie biss sich auf die Lippe, um den Würgreiz zurückzudrängen und setzte sich stattdessen wieder in Bewegung. Im Gegensatz zu Emilia verursachte sie keinen Lärm.
Der Umriss des ihr nur zu altbekannten Mädchens stand immer noch reglos vor der Kreatur, dessen glühende Augen sich nur auf sie richteten. Ich muss sie töten, dachte Alina entschlossen, sie beide. Anders geht es nicht. Und dann muss ich hier weg.
Sie beschleunigte ihre Schritte, doch wurde kurz darauf von einem schrillen Schrei aufgehalten. Dem Schrei folgte ein weiterer, und noch einer. Sie spürte, wie sich die Gänsehaut überall auf ihrem Körper ausbreitete und ein unangenehm brennendes Kribbeln ihren Rücken hinab lief. Sie blieb stehen, atmete mit einem Mal schwer. Hier stimmte irgendetwas nicht.
Dank ihrer Augen erkannte sie Emilia klar in der Dunkelheit, schlaff in den Armen der Kreatur, welche nun an ihrem Hals klebte, als wäre sie das Hauptgericht des Tages.
Sie erstarrte. Er ernährte sich von ihr? Aber das müsste bedeuten, dass Emilia gar keine Kreatur sein konnte?
Ein animalisches Fauchen direkt hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Sie musste sich zusammenreißen und in Bewegung bleiben!
Doch als sie herum fuhr, erstarrte sie. Eine riesige Horde Kreaturen rannte auf sie zu, ihre Blicke verschleiert und dunkelrot, blutrünstig, wild.
Gegen eine solche Menge hatte sie nicht die geringste Chance.
Als die erste Kreatur an ihr vorbei stürmte und sie nur unmerklich streifte, durchzuckte sie der erste eisige Stromschlag. Und im nächsten Moment flog die Horde förmlich an ihr vorbei, wie ein Fluss um einen Stein. Dann stand sie wieder alleine, mitten in der Dunkelheit, und drehte sich quälend langsam um. Eine grauenhafte Vorahnung schlich sich in ihr Gewissen. Emilia war gar keine Kreatur gewesen, als sie gezwungenermaßen aus der Stadt floh. Doch jetzt wurde sie hier in diesem Wald zerfleischt und der Geruch ihres Blutes hatte sich innerhalb weniger Sekunden verbreitet. Alina hatte nicht geahnt, dass sich so viele Kreaturen zwischen den Bäumen versteckt hatten. Wäre Emilia nicht dieser Kreatur in die Arme gelaufen und getötet worden, dann wäre Alina jetzt in einem aussichtslosen Kampf um ihr Überleben gefangen.
Es hatte sich ein drängelnder Kreis um das Mädchen gebildet und die Läuferin hörte die Viecher schreien, grunzen und fauchen. Es klang fürchterlich. Kreaturen bei ihrem Festmahl.
Alina wich einen Schritt zurück. Sie hatte nur diese eine Möglichkeit zu fliehen und zwar jetzt. Sie atmete tief durch und ballte die Hände zu Fäusten, während sich ihre Füße wie von selbst über den unebenen Waldboden und zurück in Richtung Stadt bewegten.

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