Luzider Traum

Esther hatte keine Lust mehr, zu leben. Sie wollte aber auch nicht unbedingt sterben, zumindest jetzt noch nicht. Genau genommen wusste sie nicht, was sie wollte. Fakt war, dass sie sich am Montagabend nach der Alkohol-Misere ihrer Mutter auf das Sofa im Wohnzimmer gelegt und sich seit fünf Tagen von dort auch nicht wieder wegbewegt hatte. Nur wenn die Wohnung leer und still war und die Bauchschmerzen vor Hunger nicht mehr auszuhalten waren oder der Durst zu sehr brannte, dann schleppte sie sich lustlos in die Küche um irgendetwas herunter zu würgen oder ins Bad, um auf Toilette zu gehen. Das Leben und die Welt um sie herum drehte sich trotzdem weiter. Juno entschuldigte sich mindestens drei mal täglich mit schuldbewusster Mine bei ihr wegen der Sache mit dem Alkohol und suchte nun noch verbissener nach einer Anstellung. Gewissenhaft hat sie Esther bei der Schule abgemeldet und über viele Ecken und Enden einen blanko Krankenschein besorgt, um ihr den Gang zum Arzt zu ersparen. Penibel teilte sie nach wie vor jede Mahlzeit in drei gleich große Teile für jeden ein und legte den Teil für Esther stets beiseite, auch wenn er nie angerührt wurde und schließlich nach und nach vergammelte. Jakob kämpfte sich durch die Schule. Jeden Tag setzte er sich zu seiner Schwester, immer zu einer anderen Zeit, und erklärte sich die Mathehausaufgaben, die sie ihm eigentlich erklären sollte, selbst. Oder er erzählte, von seinen neuen Freunden, seinen Lehrern, den Fächern, den Klassen, der Stadt, dem Schulweg, dem Film den er vor kurzem gesehen hat. Manchmal erzählte er stundenlang, und es war angenehm ihm zuzuhören, auch wenn sie nichts von dem was er erzählte bei sich behielt.
Überhaupt schien Jakob ohne Probleme in diesem Land angekommen zu sein, während sie auf ganzer Linie gescheitert war. Irgendwie löste das bei ihr aber nichts weiter als ein metaphorisches Achselzucken aus. Sie hatte an diesem Montag einfach das Projekt „Neustart“ für gescheitert erklärt und war seitdem in einer Art Schlafparalyse gefangen, aus der sie sich weder befreien konnte noch wollte. In der Farben, Geräusche, Gedanken und Ereignisse sofort in ein schwarzes Loch gesogen wurden, sobald sie in ihr Bewusstsein traten, so dass es keine Vergangenheit, keine Zukunft gab, nur die verschwommene Gegenwart, die sie teilnahmslos an sich vorbei rauschen ließ.
Vielleicht war es dumm von ihr, so schnell aufzugeben. Aber sie hatte keine Lust mehr auf das Leben, und es hatte nun eben zu warten bis sie wieder aufstand oder sich ganz verabschiedete.

„Also, du drehst das so und so und dann drückst du…“ „Nein, nein, nein. Das muss andersherum!“ „Wirklich Mama, ich glaube, ich kenne mich mit Technik ein bisschen besser aus als du.“ „Aber doch nicht mit dieser Krücke, die ist ja wohl selbst älter als deine Schwester!“ Es knisterte und rauschte, bis es mit einem mal laut knackte und totenstill war. „Siehst du! Wehe du hast das jetzt kaputt gemacht, dann erklärst du aber den Nachbarn warum wir ihnen ein kaputtes Radio zurückbringen!“ schimpfte Juno gereizt und angespannt. „Aber Mama, sie haben es uns doch geschenkt, was soll man auch mit so einem halbtoten Ding…“ wandte Jakob ein. „Und ich sagte doch tausendmal, dass wir dieses Geschenk nicht annehmen werden, verdammt nochmal!“ „Mama, wir sind nicht mehr in unserem Heimatland und es herrscht auch kein Krieg, wo Radios selbst auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen kosten. Hier sind die Geräte viel billiger, und für so ein Ding würdest du hier nichtmal eine halbe Münze bekommen. Im Grunde genommen haben uns unsere lieben Nachbarn Schrott geschenkt.“ „Wie kannst du es wagen so über diese freundlichen Menschen zu-“ Es knackte erneut, und diesmal fing es laut an zu rauschen. Es quietschte, und dann drang durch das laute Rauschen eine leise, erschöpfte Männerstimme hindurch. „Hallo, hier ist endlich wieder Ha’Tikwa, mit den neuesten, unzensierten Meldungen direkt aus dem Krisengebiet für all unsere Brüder und Schwestern innerhalb und außerhalb! Zuerst eine vergleichsweise erfreuliche Meldung. Die Freiheitskämpfer haben mehrere Transporte zu den südlichen Vernichtungs-“ Die Worte gingen wieder in dem Rauschen unter. „Gott, sei so gut und lass uns wenigstens mal für fünf Minuten Radio hören, du elender Verräter!“ schrie Jakob voller Inbrunst. „Lauter, Bruderherz, auf der anderen Seite des Erdballs hat man nur die Hälfte verstanden.“ „Seid still jetzt, alle beide!“ keifte Juno, als Jakob gerade den Mund für empörte Widerworte öffnete. Esther, die das laute Gezanke der beiden aufgeweckt hatte, setzte sich auf. Ihr war, als wäre sie wie die Prinzessinnen in den Märchen gerade aus einem siebenjährigen Schlaf erwacht. Nur mit erheblich weniger Glitzer, Romantik und Kitsch. Eigentlich mit keines dieser Dinge. Mit einem Mal fühlte sie sich hellwach, und bei den Worten aus dem Radio rauschte das beinahe vermisste Adrenalin seit langer Zeit wieder durch ihre Adern. „…56 Tote, aber 300 Häftlinge konnten befreit werden.“ drang die Stimme wieder durch das Rauschen hindurch.
So ging es immer weiter. Der Mann sprach von Toten, Verletzten, Befreiten. Von neuen Flüchtlingszügen, von Terror und Krieg. „Ha’Tikwa meldet sich nächste Woche wieder, um sie auf dem Laufenden zu halten. Gott segne uns alle.“ Mit diesen Worten wurde es wieder totenstill in dem kleinen, schäbigen Zimmer.

Jakob wachte in dieser Nacht von einem lauten knallen auf. Schlagartig stürmte er aus dem Zimmer. Im Gang hörte er es wieder. Er erkannte eigentlich jede Waffe an ihrem Klang, diese jedoch konnte er seltsamerweise nicht einordnen. Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen rüttelte er Esther und seine Mutter wach. „Schnell, ein Angriff, sie haben uns eingeholt! Sie bombardieren uns wieder!“ Mit lautem Getrampel stolperten sie die Treppe runter, während es erneut donnerte. Sie waren nicht die Einzigen. Das halbe Haus rannte in den Keller, schubsend, drängelnd, egoistisch, wie sich Menschen, wenn sie Lebensangst haben, verhalten. Unten im kalten, feuchten Keller rannte Jakob zu einem kleinen Fenster. Es klärte sich schnell, warum er die Bomben nicht einordnen konnte: Es waren keine. Es war bloß Gewitter. Das Adrenalin rauschte trotzdem weiter durch seine Adern. Das Grollen ließ ihn zerfetzte Leichen sehen, auf dem Boden, in den Bäumen, zerquetscht in Trümmern, Maschinengewehre rattern hören, Blut und verbranntes Menschenfleisch riechen. Mit aller Kraft hielt er sich die Ohren zu, starrte auf den grauen Betonboden. Ihm wurde schwindlig, ständig wurde er wieder in die Vergangenheit zurückgerissen, irgendwann wusste er nicht mehr, was passierte und was er sich einbildete.
Trotz des Fehlalarms ging niemand zurück in seine Wohnung, solange das Gewitter andauerte. Seine Mutter und seine Schwester kauerten sich in einer Ecke zusammen. Ein Kind und ein Mann weinten.

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