Macht

Esthers Nerven lagen absolut blank, während sie verzweifelt in ihrem Rucksack nach irgendeinem Medikament kramte - sie wusste nicht mal genau, was sie überhaupt brauchte. Für sie kam schon die Tatsache, dass sie tatsächlich wieder in der Schule saß, einem Weltwunder gleich. Trotz ihres Aussetzers der sich über die letzte Woche gezogen hatte, fühlte sie sich kein bisschen besser oder gar erholt. Das Gewitter und der falsche Alarm von Jakob in der letzten Nacht taten ihr übriges. Und als wäre das nicht schlimm genug, hatte ihr Lehrer auch noch die glorreiche Idee ein Gruppenprojekt zu veranstalten und sie mit dem asozialen Typen, der sie letztens von ihrem Platz gescheucht hatte, einem Choleriker, der in seinem Vokabular nichts als Schimpfwörter zu besitzen schien und einer anderen irrelevanten Person, die sie vorher schon nicht kannte und die sie auch nach fünf Sekunden wieder vergessen würde, zusammenzustecken.
Und so bestand ihre erste Affekttat darin, nach irgendeiner Medizin in ihrem bereits erheblich erweiterten Arsenal zu suchen, dass ihr irgendwie in dieser Situation weiterhelfen konnte. Ihr Kopf pochte und ihre Atmung schien ihr unregelmäßig, was sie noch panischer und aggressiver in ihrem Kramen werden ließ. Die Sonne, die viel zu grell und heiß von draußen durch das Fenster hereinschien nervte sie, ihre Mitschüler, die alle rücksichtslos einen Höllenlärm veranstalteten würde sie am liebsten alle in die Luft fliegen lassen und ihre „Teamkameraden“… Gott, sie wühlte nur noch sinnlos durch den Müll, Schulsachen, Medikamenten, Krams den sie irgendwann rein geschmissen hatte, um sich irgendwie abzulenken und ihre Aggressionen unter Kontrolle zu bekommen - vergebens.
„Das nervt.“ grollte die Stimme des Asozialen neben ihr, aber sie dachte gar nicht daran ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. „Falls du gerade nach deinem Bleiberecht suchst, solltest du vielleicht eher beim Metzger oder Holzfäller um die Ecke gucken, vielleicht kann man dich ja da als Schlachttier oder Brennholz gebrauchen.“ Die Leute um sie herum brachen in schallendes Gelächter aus, aber der Asoziale lachte über seinen eigenen Witz am lautesten und zog schnell die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse auf sich.
Es war wie ein Kurzschluss. Mit einem Zug griff Esther in seine lange, strubbelige Haarmähne, um seinen Kopf mit voller Wucht auf die Tischplatte zu knallen. Es war ebenso schnell geschehen wie es vorbei war. Blut strömte aus seiner Nase, als sie ihre Hand zurückzog und ihren Blick wieder in das schwarze Loch ihres Rucksacks richtete. Der vorhin so laute Raum war jetzt totenstill. Nur das dumpfe Fluchen des Asozialen war zu hören, während er vergeblich versuchte, den Blutfluss der aus seiner Nase kam zu stoppen. Esther schnappte sich ihren Rucksack und rannte raus auf den Schulhof. Laut hallten ihre Schritte in dem ruhigen Gang von den kahlen Wänden wider, während es in ihren Ohren rauschte und Adrenalin ihr Herz wunderbar schnell pochen ließ. Das prickeln in ihren Fingern war unglaublich angenehm. Dieses Hochgefühl in ihrer Brust - so etwas hatte sie nie zuvor gefühlt. Macht. Sie konnte machen, dass die anderen leiden mussten, wenn sie es wollte. Und sie wollte mehr.

Gekonnt knüpfte Esther verschiedene Knoten in ihr Fadengestrick, während sie im selben Rhythmus die dazugehörigen Worte und Sätze in ihrem Kopf wiederholte. Eigentlich war es ein Kinderspiel, das jungen Menschen schon früh ein kleines Repertoire an Gebeten vermitteln sollte. Esther war nicht gläubig, und spätestens seit dem Ausbruch des Krieges und ihrer Flucht waren jegliche Glaubensgrundsätze und der Verdacht auf einen existierenden Gott ausgemerzt. Aber das Knüpfen konnte sie selbst im Schlaf in- und auswendig. Sie hatte im stockfinsteren Keller geknüpft, als um sie herum Bomben die Erde erschütterten, sie hatte in überfüllten Zügen mit sterbenden Menschen geknüpft und als sie im gelobten Land im tiefsten Winter auf dem Bahnsteig sitzen gelassen wurden. Die immer gleichen Bewegungen und Worte halfen ihr, den Verstand nicht zu verlieren.
Und nun saß sie hier, im Schatten der Turnhalle auf dem staubigen Schulhof um Schutz vor der grellen Sonne zu suchen und knüpfte, um einerseits das erdrückende, extreme Hochgefühl zu ertragen, und sich andererseits vor der immer stärker werdenden Sorge vor den Konsequenzen ihrer Kurzschlussreaktion abzulenken. Esther war ein durch und durch rationaler Mensch, zumindest glaubte sie fest daran, das zu sein. Irrationalität und emotionale Verhaltensweisen machten sie wütend. Sie wusste ganz genau, dass es keinen Sinn ergab sich hätte/wäre/könnte-Fragen zu stellen. Trotzdem konnte sie diese noch nicht ganz aus ihrem Denksystem verbannen.
Hätte sie doch nur einen kühlen Kopf bewahrt, müsste sie sich jetzt keine Sorgen um einen eventuellen Verweis von der Schule und den damit gescheiterten Schulabschluss machen. Würden die Menschen ihr mit Respekt begegnen, wäre sie zu dieser gewaltvollen Maßnahme gar nicht erst gezwungen worden. Hätte sie in ihrer Heimat bleiben können, hätten alle ihr beschränktes Leben in Ruhe weiterführen können. Wütend zog Esther an den Schnüren die um ihre Finger gewunden waren, bis sie ihnen den Blutfluss abschnitten und weiß wurden. Nein, völlig egal was ihr für Gerechtigkeitssätze von klein auf eingetrichtert wurden, egal wie sie es drehte und wendete - sie konnte nichts falsches an ihrer Tat erkennen. Die Zeiten müssen endlich vorbei sein, in denen sie die Unmenschlichkeiten wortlos ertrug. Esther beschloss, aus dieser gezwungenen Passivität auszubrechen. Sie schwor sich, von nun an jeden, der meinte sie demütigen oder beleidigen zu müssen, ohne zu zögern anzugreifen, auf welche Art auch immer. Wenn überhaupt jemand das Recht auf der Welt dazu hatte, dann sie. Es gab keinen rationalen Grund, sich dabei schlecht zu fühlen. Ihre Fingerspitzen wurden taub, doch Esther schnürte sie noch fester ein.
Dumpf drang die nervige Pausenklingel in ihr Bewusstsein ein. Kurz blitzte der Gedanke auf, zu gehen und nie wieder zu kommen, oder sich bis zur nächsten Stunde zu verstecken. Sofort verfluchte sie sich für diesen Gedanken. Sie hatte nichts falsches getan. Sie würde einfach das machen, was sie in jeder Pause bisher getan hatte, sich in die hinterste Ecke der Schulbibliothek verkriechen und sich mit dem CD-Player der dort stand Hörbücher anhören. Entschlossen stand sie auf, schmiss ihr geknüpftes in den Rucksack, schulterte den und machte sich erhobenen Hauptes auf den Weg.

15 Minuten später fand sie sich beim Schuldirektor wieder und war sich ihres Beschlusses nicht einmal ansatzweise so sicher wie noch vor einer Viertelstunde. Ihr Nacken war so verspannt, dass sie Kopfschmerzen davon bekam. Um ihr tat es ihr überhaupt nicht leid, aber der Gedanke an ihre Mutter quälte sie. Vor dem Beginn des Schuljahres hatten sie einen verzwickt großen Streit ausgetragen. Esther wollte gar keinen höheren Schulabschluss und ihrer Mutter damit weiterhin auf der Tasche liegen. Am liebsten wäre sie direkt arbeiten gegangen, aber Juno wollte das nicht zulassen. Bildung war ihr eines der wichtigsten Güter im Leben, und ihrer Meinung nach wäre es viel zu Schade um die „Genialität“ ihrer Tochter - Esther selbst war der festen Überzeugung, dass ihre Mutter mit dieser Formulierung maßlos übertrieb. Sie war ganz solide in Mathematik, aber das war es auch. Da steckt nichts besonderes hinter, nur logische Schlussfolgerungen, und das war alles andere als „genial“. Letztlich endete das Ganze in einem Kompromiss: Esther durfte nebenbei jobben, musste aber ihren höheren Abschluss machen. Und mal ganz davon abgesehen dass sie persönlich es einfach über alle Maßen hasste zu versagen, folterte sie der Gedanke an die Enttäuschung ihrer Mutter noch viel mehr.
Ihr schauderte entsetzlich. Der Rektor vor ihr saß schweigend hinter seinem unaufgeräumten Schreibtisch und starrte durch sie hindurch. Es war totenstill, nur entfernte Stimmen und Tumult schlichen sich ganz leise vom Pausenhof in das schäbige Büro. Die komischen eierschalenfarbenen Wände könnten mal wieder neu gestrichen, die beiden staubigen Fenster, deren Lackierung vom Rahmen abblätterte mal wieder geputzt werden. Die Pflanze hinter dem Schreibtisch war schon längst verwelkt und die Aktenschränke, die das meiste der Wände bedeckten, waren chaotisch, verstaubte Ordner und lose, vergilbte Blätter schienen dort willkürlich hineingesteckt. Hinter Esther über der geschlossenen Tür hing eine Uhr, die sie mit ihrem gleichmäßigen Ticken zermürbte. Ja verdammt, sie mochte es sich nicht eingestehen, aber sie hatte Angst. Wenn man sich in ihrer Heimat gegen die Obrigkeit erhob, konnte das Exekution zur Folge haben. Das elende Warten auf etwas Ungewisses, das Schweigen des Rektors, all das ließ sie fast wahnsinnig werden. Ihr Kiefer war aufeinander gepresst und ihre Hände zu Fäusten geballt. Sie wollte nur weglaufen, und diesmal konnte sie sich diesen Gedanken schwer übel nehmen.
Als die Tür schwungvoll aufgestoßen wurde endete der eine und fing der nächste Horrortrip an. Dem Lehrer voran stolzierte der Asoziale, und man konnte seine Gangart wirklich nicht anders bezeichnen, in den Raum. Breitbeinig, mit verschränkten Armen stellte er sich neben sie, mit der offensichtlichen Absicht seine Muskeln zur Schau zu stellen und möglichst bedrohlich auszusehen. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht so auf Esther gewirkt wie er das gerne wollte. Auch wenn er für einen (rein physisch gesehen) ausgewachsenen Mann eher durchschnittlich groß war, so war er doch doppelt so breit wie sie, und das mit Sicherheit nicht aufgrund von Fett. Flüchtig warf sie einen Blick auf sein Gesicht und musste sich heftig auf die Lippe beißen, um ein selbstzufriedenes Grinsen zu unterdrücken. Seine Nase war offensichtlich gebrochen und notdürftig bandagiert worden. Der Rest seines Gesichts trug eine bestimmt gut einstudierte, emotionslose Maske zur Schau, aber Esther musste sich nicht bemühen um dahinter die tiefe Demütigung, die er erfahren musste und die Beleidigung, die er fühlte, zu sehen. Sein ganzes Verhalten, seine Mimik und Gestik, die so primitiv waren schrieen ihr diese Tatsachen metaphorisch ins Gesicht. Die Lippe hatte schon längst nachgegeben, sie schmeckte ihr Blut und nahm sich darum ihren Finger zur Hilfe. Esther hatte sich bestimmt schon fünf Rippen angeknackst um nicht laut loszulachen, aber dafür ging es ihr schon viel besser. Die ganze Situation war einfach so absurd dass es schon wieder lächerlich wurde. Der Asoziale unterdessen tat so als würde es sie nicht geben, was ihr nur Recht war.

Nach einigen Sekunden des allgemeinen Schweigens stand der Rektor mit einem rucken seines Stuhls auf und schritt zum Fenster. Wichtigtuerisch schüttelte er den Kopf. „Ich habe mir ja schon gedacht, dass es früher oder später einmal so weit kommt. Aber wie das nunmal so ist, wünscht man sich von den meisten Vorahnungen nicht, dass sie eintreten.“ Esther biss sich so stark sie konnte auf den Finger. Vielleicht war sie ja nun endgültig wahnsinnig geworden, aber die gestelzte, bedächtige Ausdrucksweise des Rektors, als wäre er der Hauptprotagonist in einem unglaublich tiefsinnigen Film und als würde ihn das Geschehen tatsächlich auch nur ansatzweise tangieren, seine pseudophilosophischen Phrasen und ihr Lehrer, der daneben stand und betont wichtig und ernst dreinschaute - ihr war, als wäre sie in einer Satireshow gefangen. Und wer auch immer das Drehbuch dazu geschrieben hatte, sollte gefälligst seinen wohlverdienten Preis dafür bekommen.
Als würde er einem Script folgen drehte er sich theatralisch zu seinen Schülern um. Sein Anzug von mittlerer Qualität, die säuberlich zurückgekämmten Haare, die eher in die Mode des letzten Jahrhunderts passten, seine ganze viel zu feine Erscheinung war herrlich deplatziert in einer schäbigen Schule, ergänzten sich aber so gut mit seinem narzisstisch anmutenden Charakter. „Ich hoffe ihnen ist klar, wie ernst die Lage ist, auch das allgemeine Integrationsbild des Landes betreffend.“ Esther brauchte die Fachbegriffe in seinem Gefasel nicht zu verstehen, um die Lächerlichkeit seines Auftritts zu begreifen. Mittlerweile war sie dazu gezwungen, die Luft anzuhalten. „Sie sind vorübergehend ein Gast in unserem Land, und als Solcher haben sie sich auch zu verhalten. Abgesehen davon haben sie die Schulordnung schwer verletzt, etwas, das in unserem Land nicht geduldet wird.“ Er hielt eine Kunstpause, bevor er fortfuhr: „Ich verlange von ihnen eine Entschuldigung Herrn Marcus Orcus gegenüber, außerdem erhalten sie einen temporären Schulverweis. Nutzen sie die Zeit, um über ihr asoziales Verhalten nachzudenken und darüber, ob sie bereit sind sich hier anzupassen, oder ob sie dies verweigern und in diesem Fall damit rechnen müssen, ihr Bleiberecht zu verlieren. Haben sie das verstanden?“ Esther musste tatsächlich für einen Augenblick angestrengt überlegen, wer zur Hölle den albernen Namen „Marcus Orcus“ trug und was sie mit ihm zu tun hatte, bis sie darauf kam, dass der Asoziale neben ihr wahrscheinlich einen Namen trug. Sie hatte nicht alles von dem Gerede des Rektors mitgeschnitten, aber der herablassende und belehrende Ton, sowie die gnadenlose Verallgemeinerung gegenüber eines hochkomplexen Themas, von dem der Augenwischer offensichtlich keine Ahnung hatte, gingen nicht an ihr vorbei. Wieder stieg eine unfassbare Wut in ihr auf, sie fing an mit ihren Zähnen zu mahlen und ihre kurz geschnittenen Fingernägel noch tiefer in das Fleisch ihrer Handinnenfläche zu graben. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, das berührte sie nicht mehr allzu sehr. Aber es ärgerte sie über die Maßen, dass sie sich bei diesem asozialen Typen entschuldigen musste und dass nicht ein Wort über seine Beleidigung, die ihr sämtliche Menschlichkeiten abgesprochen hatte, verloren wurde. Mit einem letzten Blick auf sie und Marcus wandte sich der Rektor vom Fenster ab, setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und fing an, in verschiedenen Papierstapeln zu kramen und irgendwas zu suchen. Höchst widerwillig und in gewisser Art und Weise auch angeekelt drehte sich Esther zu der Person neben ihr, die tatsächlich aus ihrer Starre erwachte und minimal den Kopf in ihre Richtung bewegte, um sie mit einem stählernen Blick zu traktieren. Aber Esther war mit ganz anderen Emotionen beschäftigt, als dass sie noch andere verarbeiten könnte. Mit schmerzverzogenem Gesicht zischte sie Marcus zwischen zusammengepressten Zähnen unverständliche Laute zu, in denen nicht einmal ansatzweise eine Entschuldigung herauszuhören war. Was ihn nicht zu stören schien, wahrscheinlich hatte er noch nicht einmal hingehört, denn prompt warf er ihr eine Antwort hin, welche er sich wahrscheinlich schon längst zurecht gelegt hatte. Oder die er immer sagte, das würde sie ihm auch zutrauen. „Entschuldigung vernommen. Aber nicht akzeptiert.“ knurrte er. Nun konnte sich Esther wirklich kein Grinsen mehr verkneifen, wobei sich ihr Gesicht eher zu einer Fratze verzog, die die Zähne bleckte und Marcus’ Blick mit einem wahnsinnigen Starren begegnete. Falls die Intention seiner Antwort war, sie irgendwie zu entwürdigen oder zu bedrohen, dann hatte er sein Ziel um Längen verfehlt. „Na Gott sei Dank.“ flüsterte Esther ihm zu. Marcus’ Augen schmälerten sich. „Hier ist ihr Verweis.“ unterbrach der Rektor mit seiner nervigen, hohen Stimme die angespannte Situation. Er schien nichts von all dem mitbekommen zu haben, und ihr fiel auf, dass ihr Lehrer verschwunden war. Wahrscheinlich hatte er sich nach dem allgemeinen Urteil des Herrn Rektors abgeseilt, um pünktlich zu seiner nächsten Stunde zu erscheinen. Sie war nun nicht mehr würdig angeschaut zu werden, man hielt ihr nur einen Wisch hin, während der Direx auf sein Handy starrte und irgendetwas eintippte. Wortlos riss sie ihm den Wisch aus der Hand und lief raus auf den Gang. Den schweren Schritten hinter ihr und des zu späten Zufallens der Tür nach war der Asoziale ihr gefolgt. Ihr Herz setzte dennoch einen Sekundenbruchteil aus, als er mit eisernem Griff ihr Handgelenk umklammerte und sie mit größerer Kraft als nötig herumriss. „Was ist dein scheiß Problem?“ schrie Esther ihm erschrocken und wütend ins Gesicht. „Ich glaube, dir ist immer noch nicht klar, wen du hier vor dir hast. Ich bin bereit, dieses eine Mal dir gegenüber nachlässig zu sein. Solltest du dich wieder derart respektlos mir gegenüber zu verhalten, musst du dir über sehr viel schlimmere Szenarien Gedanken machen als einen harmlosen Schulverweis.“ Er sprach das so emotionslos als hätte er das aus einem schlechten Verbrecherroman auswendig gelernt. Bei Esther brannten die Drähte nun endgültig durch und sie lachte laut auf, was einem freudlosen Kreischen jedoch ähnlicher war. Wofür hielt diese Witzfigur sich, für einen scheiß Mafiosi? Wie in der Kampfschule gelernt wandte sie sich aus seinem Griff, und er trat tatsächlich einen Schritt zurück. Wort- und in gewisser Weise fassungslos machte sie auf dem Absatz kehrt und sich auf den Weg zur Bahnstation.

Ein seltsames Kratzen war an der Eingangstür zu hören. So als würde jemand versuchen die Tür aufzuschließen, aber kläglich daran scheitern. Ein paar Sekunden später erklang ein Ratschen und das Klicken des Schlosses. „Jakob, stell die Tasche erstmal vor die Tür hier ab und hol den Saft am Ende der Treppe, den konnte ich noch nicht mit hochnehmen. Ich lass den Schlüssel stecken, wenn du dann reinkommst schließ gleich ab!“ Juno dirigierte, als müsste sie gerade ein Menschenleben retten. Immer diese Ärzte. Es wird höchste Zeit, dass sie wieder in ein Krankenhaus kommt. Mit einer großen Einkaufstüte beladen kämpfte sie sich durch die Tür und den Flur. „Ah, Esther, trag die Tüte vor der Tür herein und stell sie auf den Küchentisch.“ Wortlos tat Esther einfach das, was die Chefärztin ihr aufgetragen hatte. „Sag mal... Bereiten wir uns auf eine Hungersnot vor?“ fragte sie verwirrt als sie die Tüte neben die Spüle wuchtete, weil auf dem kleinen Küchentisch kein Platz mehr war. Juno lachte hell. „Nein, haha. Ich habe nur einen großen Wocheneinkauf gemacht, weil ich demnächst nicht mehr viel Zeit zum Einkaufen haben werde. Weißt du, ich habe endlich eine Stelle als Chirurgin bekommen, im Hedwig-Krankenhaus. Morgen kann ich anfangen. Zwar zunächst erst als Vertretung, weil einer ihrer Ärzte über längere Zeit ausfällt, aber immerhin. Vielleicht kann ich sie ja währenddessen von mir überzeugen!“ plapperte Juno fröhlich vor sich hin, während sie mit Esther zusammen den Einkauf wegräumte. „Mama... Das ist Wahnsinn.“ entgegnete Esther entsetzt. „Ja, nicht wahr? Die Leute da scheinen auch recht-“ „Nein Mama, du verstehst nicht. Ich meine, das ist wirklich Wahnsinn. Das Hedwig-Krankenhaus ist doch am anderen Ende der Stadt! Da hast du bestimmt eineinhalb Stunden Wegzeit, und das zweimal am Tag!“ „Eigentlich eher zwei Stunden, und wer weiß, es kommt ja häufig vor dass die Bahnen mal nicht fahren, also kannst du ruhig noch eine halbe Stunde Verspätung mit einrechnen!“ Juno lachte fröhlich, als hätte sie gerade einen Witz gemacht. Für Esther war die Beweisführung damit abgeschlossen: Ihre Mutter war nicht mehr ganz dicht. Genauso wie sie selbst. Die ganze Welt war nicht mehr ganz dicht. Fassungslos sah sie ihr dabei zu, wie sie die Küchenschränke mit unverhältnismäßig viel Zeug vollstopfte. „Mama... Was hast du da überhaupt für einen Müll gekauft?“ fragte sie und sah ratlos auf das Ding, was sie gerade zufällig in der Hand hielt und wegräumen sollte. Gelbe, dünne Scheiben waren in Plastik eingeschweißt. „Hm? Ach, das was du da in der Hand hast ist glaube ich Käh-seh oder so.“ „Ja, das kann ich auch lesen... Aber was genau ist das?“ „Keine Ahnung, hab’s noch nie probiert.“ trällerte ihre Mutter fröhlich. Auf den angeekelten Blick ihrer Tochter hin fuhr sie sie genervt an: „Mein Gott, Esther! Wenn wir weiterhin nur das essen was wir kennen, bekommen wir doch nur Mangelerscheinungen. Probier‘s doch erstmal, vielleicht schmeckt es ja!“ Sie nahm ihr den Käh-seh aus der Hand und steckte ihn in den Kühlschrank. Esther warf Jakob, der gerade den Saft in die Küche schleppte, einen hilflosen Blick zu, aber der zuckte nur mit den Schultern.
„Wie war die Schule?“ fragte Juno zwischen dem Kramen und Räumen der kleinen Familie. „Ging.“ entgegnete Esther, während eine Welle an schlechtem Gewissen, welches sie bisher so gut verdrängen konnte, sie überschwemmte. Sie würde ihrer Mutter nichts von diesem Ausrutscher und dem Verweis erzählen. Sie konnte noch nicht mal ihre eigenen Sorgen verkraften. „Bist du denn gut wieder reingekommen? Ist doch bestimmt nicht einfach, auch vom Stoff her meine ich, wo du doch schon die erste Schulwoche krank warst.“ „Geht schon.“ „Hast du wenigstens schon ein paar nette Leute treffen können? Dann kannst du dir vielleicht helfen lassen und musst nicht alles alleine auf die Reihe bekommen.“ Esther konnte daraufhin nur abfällig schnaufen, stopfte mit einigem Kraftaufwand und aufkommenden Aggressionen die letzte dubiose Packung in den kleinen Kühlschrank und schmiss die Tür zu. Ein kalter Zug erfasste sie. „Ist alles in Ordnung meine Seele? Ist irgendwas passiert? Du wirkst besorgniserregend…“ Die belegte Stimme und der höchste Spitznamen, den man seinem Kind geben konnte, ließen Esther in das bekümmerte Gesicht ihrer Mutter aufblicken. Der Einkauf war verstaut, Jakob steckte noch die knisternden Tüten weg. Sie wusste nicht mehr was sie fühlte, nur dass es warm und sehr erdrückend war. „Du musst dir keine Sorgen machen, es ist nur alles insgesamt nicht so einfach.“ antwortete sie. Juno beobachtete wie sich ihre Tochter grob durch die Haare fuhr. Wieder einmal musterte sie ihre ungesund blasse und dünne Gestalt, die sie in ihren weiten, schwarzen Klamotten zu verstecken versuchte. Ihre kurzen, stumpfen Haare, die früher einmal lang, dick und glänzend waren. Ihre hervorstehenden Wangenknochen, die ihre ohnehin schon tiefen, dunklen Augenringe hervorhoben. Ihre leeren, pechschwarzen Augen. Und wieder einmal fühlte sie sich dabei unendlich schuldig, und so konnte sie den Schwermut nicht aus ihrer Stimme verbannen. Ihre Tochter schien nicht zwei, sondern 20 Jahre gealtert. Alles kindliche, jeder Liebreiz, jede Wärme, alles Weibliche schien nie da gewesen. „In Ordnung, aber ich bin immer für dich da, du brauchst dich nicht zu scheuen mir irgendetwas anzuvertrauen, okay? Du bist doch immerhin noch mein Kind.“ „Hmm. Ich kümmere mich um den Schulkram.“ murmelte Esther und lief an ihrer Mutter vorbei ins Wohnzimmer zu ihrem Rucksack. Juno war klar, dass ihr etwas verschwiegen wurde, aber sie wollte ihre Tochter auch nicht unter Druck setzen, davon hatte sie offenbar genug. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie blickte zu Jakob der sich inzwischen an den Tisch gesetzt hatte und so tat, als wäre die Tischplatte unglaublich interessant. „Geht es dir wenigstens einigermaßen?“ fragte Juno verzweifelt und blickte hilflos ihren Sohn an. Dieser blickte auf und grinste sie breit an. „Ja, mir geht es wirklich gut! Meine Freunde haben mich dieses Wochenende wieder eingeladen!“

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