Mackenzie

 

Halb schlafend tapse ich in meiner übergroßen Schlafanzughose und einem ärmellosen Top aus meinem Zimmer in die Küche zur Kaffeemaschine. Von der offenen Küche mit dem großen Wohnraum gehen die Schlafzimmer, sowie das Badezimmer ab. Heute Nacht habe ich grottenschlecht geschlafen. Immer wieder hatte ich denselben Traum über meine Familie. Das Gebäude in dem sie waren, als der Anschlag verübt wurde, explodiert nicht. Sie kommen raus um mich zu holen. Wir fahren nach Hause und führen ein glückliches Leben zusammen. Und dann wache ich auf und bin wieder in der Realität. Hier ist das Gebäude explodiert und ich habe keine Eltern und Bruder mehr. Und ich kann wieder die kalte Leere spüren wie immer nach diesem Traum.

„Sind wir auch mal wach?“, höre ich hinter mir eine Stimme. Ich atme tief ein um mir nichts anmerken zu lassen. Anscheinend ist unser Goldlöckchen wieder fit. Das sie da ist, war mir klar. Aber ich hatte die Hoffnung, dass sie mich nicht anspricht. Ich drehe mich zu ihr um. Da steht sie. Die Perfektion in Person. Ihr blondes Haar ist perfekt frisiert und hochgesteckt. Von meinem Haarschopf an dem zu erkennen ist, dass ich gerade erst aufgestanden bin, fangen wir gar nicht erst an. Ihr Arbeitsoutfit, ein blauer Rock mit farblich passendem Blazer, sitzt ebenfalls perfekt.

„Hmm, erst Kaffee, dann reden!“, nuschle ich vor mich hin. Drehe mich wieder um, um mir einen Kaffee einzuschenken.

„Du denkst an den Termin um zwölf bei Agent Brody?“ Ich höre Charlie zu, während ich vorsichtig an meinem heißen Muntermacher nippe. Meine Gedanken wandern zur Psychologin, oder Psycho-Hexe, wie ich sie lieber nenne. Seit meiner Kindheit schafft sie es, mich immer wieder zur Weißglut zu treiben.

„Wenn es sein muss. Wobei ich echt keine Ahnung hab was sie jetzt schon wieder von mir will“, gebe ich von mir.

„Ich denke es hat was mit dem Unfall von letzter Woche zu tun.“ Als ich nichts von mir gebe zieht sie nur eine Braue hoch. Mal wieder.

„Ja Charlie, ich geh ja hin. Obwohl ich nicht verstehe was es mit meinem Seelenleben zu tun haben soll, wenn ich einen Autounfall hatte. Ich meine ich will mich nicht umbringen! Ich glaube, dass jemand den Wagen manipuliert hat. Er wurde noch nicht überprüft! Katie wollte das machen.“ Schon wieder die Braue. „Ich will mich nicht umbringen!!“, setze ich genervt nach.

„GUTEN MORGEN !!!!“ Katie, die ich am frühen Morgen genauso wenig ertrage, stürmt fröhlich zur Tür herein. Sie ist morgens aufgedreht und extrem gut gelaunt. Ihre roten Locken sind behelfsmäßig nach oben gesteckt. Es sieht ziemlich chaotisch aus. Sie war schon unten in der Garage und hat an ein paar Autos gebastelt und ihre blauen Augen blitzen vor Freude.

„Morgen Katie. Sag mal, konntest du dir meinen Unfallwagen schon anschauen?“, frage ich.

„Nein, tut mir leid. Ich hatte heute Morgen noch keine Zeit. Aber er steht für heute Mittag in meinem Kalender, dann wissen wir hoffentlich mehr“, antwortet Katie. Wir schauen beide zu Charlie, die ohne offensichtlichen Grund plötzlich anfängt zu kichern.

„Einen Kalender? Ernsthaft Kate?“, Charlie kann es kaum glauben.

„Es ist keiner wie du ihn benutzen würdest“, sagt Katie gekränkt.

„Nein? Und wie kann ich mir deinen Kalender vorstellen?“ Charlie betont das Wort Kalender besonders.

„Es ist ein großes weißes Blatt, auf dem alle Wochentage stehen und darunter jeweils, welche Autos wann gecheckt werden. Das war Stews Idee.“ Man kann den Stolz in Katies Stimme hören, als sie ihrer Freundin von dem Kalender erzählt. „Ach, warum erzähle ich dir überhaupt davon?!“

„Stew? Läuft da was zwischen euch?“, frage ich neugierig. Stew ist einer der Mechaniker mit denen Katie zusammen in der Garage arbeitet. Niedlich ist er ja schon. Er hat graue Augen, die immer schauen als wüsste er gar nicht wo er gerade ist. Die dunklen Haare sind immer zerzaust. Wobei niedlich kann man ihn eigentlich nicht nennen, der Kerl ist bestimmt 1,90 groß und durchtrainiert.

„Nein, da ist nichts. Stew ist mir viel zu verplant. Wie heute zum Beispiel. Wir wollten uns den BMW von Sullivan anschauen. ich komme runter und er ist nicht da. Stan meinte, er hätte einen wichtigen Termin vergessen.“ Katie zuckt mit den Schultern. Ich belasse es dabei. Ich weiß ja, dass sie ihn süß findet. Darum sage ich jetzt nichts mehr. Auch Charlie gibt auf, zumindest was Stew betrifft.

„Aber Kate, den Kalender will ich auf jeden Fall sehen.“ Bei Charlies Worten schüttelt Katie seufzend den Kopf.

„Schläft Jules noch?“ frage ich hoffnungsvoll.

„Nein, sie ist im Fitnessraum und trainiert schon seit sechs.“ Teilt mir Charlie mit, als sie zur Tür geht.

„Seit sechs!“ Ist die Frau irre?

„Jap!“, antwortet Charlie. „Denk an deinen Termin bei Agent Brody!“ Und damit war sie weg.

„Was für einen Termin hast du denn jetzt schon wieder?“, fragt Katie unschuldig. Ich werfe ihr einen Blick zu, der sie zum Schweigen bringt und laufe in mein Zimmer um mich in meine zerfetzten Lieblingsjeans zu werfen und mir ein Sweatshirt mit Kapuze überzuziehen. Als ich wieder aus meinem Zimmer komme, ist Katie weg. Jules ist inzwischen wieder da. Mit überkreuzten Beinen sitzt sie am Esstisch. Sie überfliegt gerade einige Akten und macht sich, wie jeden Morgen, über ihre Cornflakes her. Sie liebt Cornflakes über alles. Ich muss zugeben in den schwarzen Jeans und dem roten Top sieht sie echt heiß aus. Die Jungs starren ihr immer hinterher, was sie belustigend findet. Sie nutzt es aber auch schamlos aus. Jules ist ziemlich direkt. Wenn ihr etwas gefällt, dann sagt sie es auch. Ich konnte schon in viele verdutzte Gesichter schauen, wenn sie anfing mit dem männlichen Geschlecht zu flirten. Wobei ihre und meine Definition von Flirten weit auseinanderliegen.

„Hey mein Schatz, fertig mit Frühsport?“, frage ich Jules. Sie sieht von ihren Akten auf und mustert mich von Kopf bis Fuß.

„Ja, du könntest auch mal wieder mitkommen. Du setzt ja schon an … da am Hintern und am Bauch.“ Sie deutet grinsend mit ihren Löffel auf die entsprechenden Stellen. Heute ist definitiv nicht mein Tag. Warum nur hacken alle auf mir herum? Kopfschüttelnd laufe ich Richtung Tisch und nehme auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz.

„Ja ist ja schon gut. Morgen können wir ja zusammengehen. Nur vielleicht nicht gleich um sechs?“ Frage ich vorsichtig und versuche ihr Mitleid zu wecken. Bekomme aber keines.

„Nein Zwerg, wenn dann gleich morgen früh, nur so wirst du richtig wach!“ Jules erhebt sich, geht zur Spüle und stellt ihre leere Schüssel hinein. Dann packt sie die Akten zusammen. Mit einem Seufzer gebe ich mich geschlagen sonst kann ich mir das ewig anhören.

„Ok aber du musst mich wecken!“, stelle ich klar. Sie grinst mich an. Sie weiß, dass ich alleine nicht so früh aufstehen würde.

„Abgemacht! Also bis später dann.“ Sie verschwindet und ich frühstücke in Ruhe. Von Jules´ Cornflakes lass ich die Finger, das kann böses Blut geben.

 

Um zehn treffen wir uns alle im großen Konferenzsaal zum täglichen Bericht mit Agent Sullivan, dem Leiter des Quartiers, um die Aktivitäten der schwarzen Drachen zu besprechen. Es sind einige Agenten anwesend. Sally Peters, sie ist die stellvertretende Leiterin des Worlds. Amanda Wood und George King gehören zu den Agenten, die hauptsächlich Außeneinsätze haben. Ronald Sullivan ist Anfang 50. Früher hat er an der Front gegen die Drachen gekämpft, was man an den Narben in seinem Gesicht sehen kann. In seinen roten Haaren sind schon vereinzelt graue zu erkennen. In Stresssituationen bleibt er ruhig, was er sich im Krieg aneignen musste. Seine grauen Augen strahlen Sanftheit aus, auch wenn er einen zusammenstaucht, was bei mir öfter der Fall ist, bleibt der Ausdruck in seinen Augen immer der Gleiche. Er kennt mein Leben und versucht es mir, trotz allem, leicht zu machen. Laut Sullivan ist es momentan ruhig, fast schon zu ruhig. Nicht nur ihm bereitet das Sorgen. Angesichts der Tatsache, dass das diesjährige Drachentreffen hier im World-Quartier stattfindet, könnte was Großes auf uns zukommen. Die Black Dragons werden immer stärker, und die Gefahr, dass sie etwas planen, ist da. Das Treffen wäre die Gelegenheit für sie. Wenn ich mir das vorstelle, kommen Erinnerungsfetzen hoch, an das Treffen, bei dem ich meine Familie verloren habe, und auch Gabriel...

„Mackenzie! Bist du auch der Meinung wir sollten die Höhle genauer unter die Lupe nehmen?“, Sullivan reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe in vier Augenpaare, die auf meine Antwort warten. Jules, die neben mir sitzt, räuspert sich.

„Ja ich mache mich heute Mittag auf den Weg. Kein Problem“, antworte ich.

„Nein, Charlie macht heute Mittag einen Kontrollgang. Dann kann sie sich die Höhle anschauen.“ Agent Wood meint es zwar gut, aber das interessiert mich nicht wirklich.

„Nein, sie soll sich in Ruhe um den Kontrollgang kümmern, dann kann sie bei der Sache bleiben“, entgegne ich.

„Hast du heute Mittag nicht noch eine Menge zu tun?“ Jetzt mischt Sullivan sich auch noch ein.

„So viel ist das nicht. Und außerdem muss ich hier mal raus. Mir fällt so langsam die Decke auf den Kopf.“

„Mac“, kommt es wieder von dieser Wood, sie kann einfach nicht die Klappe halten. Ich beuge mich über den Tisch und sehe sie fest an.

„Ich werde zur Höhle fahren und darüber diskutiere ich nicht!“ Sage ich in einem festen Ton.

„Schön aber nicht alleine. Ich komme mit.“ Wirft Jules ein und ihr Blick sagt mir, dass es besser ist, wenn ich ihr nicht widerspreche.

„OK, aber zwei reichen!“ Ich möchte meine Freundinnen nicht mehr als nötig in Gefahr bringen. Es reicht, dass ich immer wieder mein Leben riskieren muss, da möchte ich die drei soweit wie möglich raushalten.

Da das Wichtigste besprochen wurde, erheben wir uns, um in der Cafeteria noch etwas zusammen zu trinken, bevor jeder seinen alltäglichen Verpflichtungen nachgeht und ich zu meinem Termin bei Agent Brody muss. Im Fahrstuhl herrscht Stille und ich weiß auch warum, als ich mich umdrehe starrt mich Jules an.

„Wo warst du denn vorhin mit deinen Gedanken? Im Konferenzsaal warst du jedenfalls nicht! Hast du schon wieder von ihm geträumt?“

„Und wenn es so ist, was willst du dagegen machen?“ Kontere ich genervt, immer wieder die gleiche Diskussion. In Gedanken rolle ich die Augen.

„Mac, ich bitte dich. Gabe ist tot. Du machst dich nur selbst fertig.“ Ich tue so als würde ich darüber nachdenken. Gabriel ist nicht tot. Ich versuche seit ich klein bin, dass allen verständlich zu machen. Aber keiner glaubt mir. Ich weiß, dass er nicht tot ist, ich spüre ihn. Momentan ist es zwar etwas schwieriger, aber er ist nicht tot! Ich rede mittlerweile nur noch selten davon, es gibt nur Ärger, so wie jetzt.

„Ich bin es leid, mich andauernd über meine Träume, wenn es denn einer war, mit euch zu unterhalten und als verrückt abgestempelt zu werden.“ Ich weiß, dass dieses Thema ihr an die Nerven geht. Über keinen unserer Brüder wurde so viel geredet wie über ihren. Durch meine empathische Fähigkeit spüre ich wie über Jules´ Seele dunkle Wolken ziehen.

„Julie“, versuche ich es vorsichtig. In dem Moment geht der Fahrstuhl auf.

„Lass es gut sein Mac!“, bekomme ich schroff zu hören und damit eilt sie an mir vorbei.

 

Als ich mit Katie und Charlie in der Cafeteria ankomme, sitzt Jules an einem Tisch mit vier Tassen. Drei Mal Kaffee und einmal Tee für Charlie. Sie hat sich etwas beruhigt, aber der Frieden zwischen uns ist noch nicht gesichert.

„Ich möchte nicht mehr darüber reden!“, sagt sie mit fester Stimme, als ich mich ihr gegenüber hinsetze.

„Ich kann auch darauf verzichten, danke!“, zische ich. Ziehe eine der Tassen zu mir und nehme einen Schluck.

„Mädels ich bitte euch, ich will hier keinen Zickenkrieg, verstanden?“ Charlie, die wie ein Feldwebel vor uns steht, mischt sich ein. Jules wirft ihr einen für sie typischen Blick zu, der sagt: `Willst du mich etwa herumkommandieren´. Charlie versucht immer Frieden zu stiften, auf uns aufzupassen. Sie will uns vier zusammenhalten.

„Ausgerechnet du möchtest keinen Zickenkrieg, Mac hast du das gerade gehört?“ Ich muss mir ein Grinsen verkneifen als ich Jules´ Worte höre.

„Ja, die Königin der Zicken möchte, dass wir Frieden schließen“, gebe ich gleichgültig von mir. Ich kann es mir nicht verkneifen, ich ärgere Charlie so gerne. Sehe so gerne, wie sie aus der Haut fährt. Und Jules Stimmung tut es auch keinen Abbruch. Also erhebe ich mich und strecke Jules die Hand hin.

„Hiermit stelle ich einen offiziellen Antrag auf Frieden mit dir, nimmst du an? … leider habe ich keine weiße Fahne oder einen Ölzweig dabei, ich hoffe es geht auch so? Bitte … für Charlie.“ Die letzten Worte sage ich in einem flehenden Ton. Sie würde lieber laut loslachen, macht aber mit. Charlie steht kurz davor zu explodieren.

„Ok, ihr zwei Idioten, ist ja gut. Ich bin die Zicke und ihr habt euch lieb.“ Bricht es aus ihr heraus, als Jules Anstalten macht sich zu erheben um mir die Hand zu geben. Leicht genervt setzt sich Charlie zu uns an den Tisch, an dem Katie bereits sitzt und voller Schadenfreude die ganze Szene beobachtet hat.

Jetzt sind wir wieder auf einem normalen Level und können die Besprechung, ohne meine geistige Abwesenheit zu erwähnen, nochmal durchgehen. Die Höhle wurde bei einem Kontrollgang gefunden. Es ist nicht klar wo oder wer der Bewohner ist. Es könnte durchaus ein Späher sein, der das Gebiet für einen Angriff der Black Dragons auskundschaftet. Charlie sollte heute Mittag einen Kontrollgang machen um die Überwachungssysteme zu überprüfen. Katie wollte den Wagen checken, mit dem ich letzte Woche den Unfall hatte. Sie fand die Sache auch merkwürdig. Und Jules? Die hatte Kampftraining. Ich hingegen durfte meinen Kopf wieder in Bücher über Sicherheitsfragen stecken, bevor wir uns auf den Weg machen konnten.

„Mac, hast du schon deine To-Do-Liste für das Drachentreffen bekommen?“, fragt Charlie. Bisher hatte ich bei den Treffen ein paar kleinere öffentliche Auftritte. Dieses Jahr ist das Treffen größer, als jemals zuvor und meine Auftritte sollen dementsprechend größer ausfallen.

„Ja, ich habe sie bekommen. Ich soll die komplette Eröffnung machen, soll die Leute willkommen heißen, ein paar Worte sagen“, antworte ich. Sullivan bringt mir großes Vertrauen entgegen, ich möchte ihn unter keinen Umständen enttäuschen.

„Und? Weißt du schon was du machst, wie du es machst?“ Habe ich schon erwähnt, dass Charlie neugierig ist?

„Ja, ich habe eine Menge Ideen? Ich habe auch schon mit ein paar Leuten gesprochen, die mir helfen sollen. Und habe ihnen gesagt was ich mir vorstelle.“ Charlie lässt ihre Tasse auf den Tisch knallen.

„Ein paar Leute? Wenn du Hilfe brauchst, warum kommst du nicht zu uns?“ Sie ist eingeschnappt, aber ihre Art von Hilfe brauche ich in diesem Fall nicht.

„Charlie, krieg dich wieder ein. Ich brauche Drachen. Oder kannst du dich seit neustem in einen Drachen verwandeln?“, frage ich.

„Nein, kann ich nicht … Wenn du andere Hilfe brauchst, sag aber Bescheid ja?“ Charlie hat ein großes Herz und will jedermann immer helfen. Deshalb verwundert mich ihre Reaktion nicht, dass eine von uns sie nicht um Hilfe bittet.

„Klar, mach ich. Ich weiß, du willst mir unbedingt helfen. Es sieht gerade nicht so aus, als bräuchte ich dich. Aber ich weiß wo du wohnst, ich sag dir Bescheid.“ Meine Worte beruhigen Charlie. Ich kann sehen, wie sie gegen ihre Neugier kämpft. „Du willst wissen, was ich geplant habe? … Du platzt ja gleich.“ Ich kann mir mein freches Grinsen nicht verkneifen.

„Jetzt spuck es schon aus. Sag mir was du bisher hast“, fordert Charlie mich auf. Ich möchte sie nicht länger auf die Folter spannen, also erzähle ich was ich bisher habe.

„Ok, also ich will mit einem großen Knall anfangen“, Katie klatscht vergnügt in die Hände und unterbricht mich.

„Singst du? Oh bitte, du musst unbedingt singen. Es wird von dir erwartet, dass du singst. Ich liebe deine Stimme, alle lieben deine Stimme. Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn du singst. Weißt du schon was du singst?“ Mir fällt die Kinnlade runter, sie redet ohne Punkt und Komma.

„Kate, hol doch mal Luft!“, sagt Charlie während sie Katie schräg von der Seite anschaut. „Also Mac, beantworte die Fragen unseres Plappermauls hier.“

„Ich weiß noch nicht genau ob ich singen soll. Und unterbrecht mich jetzt nicht. Ich singe jedes Mal, ich will nicht als die singende Wächterin in die Geschichte eingehen.“ Ich singe wirklich gerne und die Leute mögen es, aber übertreiben muss man es ja nicht.

„Quatsch keinen Käse, Mac. Du musst singen, es ist nicht nur, dass du es kannst, die Leute wollen dich hören. Sie lieben dich. Du bist der Liebling aller. Sie hängen dir an den Lippen, ob du nun singst oder zu ihnen sprichst“, höre ich Jules sagen. Aber ich bin keine Sängerin, sondern eine Kämpferin.

„Ich bin ja noch nicht fertig mit der Planung. Das ein oder andere Lied wird schon kommen.“ Ich denke ich werde mich morgen mit Keith zusammensetzen und ein paar Lieder durchgehen. Die Eröffnung steht schon fast. „Jules?“, ich versuche das Thema zu wechseln. „Was war gestern Abend? Du bist spät heimgekommen.“ Ich beobachte sie. Ich weiß, dass sie mit einem Jungen unterwegs war.

„Hmm, nicht so toll. Küssen konnte er auf jeden Fall nicht. Er hat gesabbert wie ein Hund. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.“ Sie verzieht angewidert das Gesicht.

„Ich nehme an, du siehst Nick nicht wieder?“ Hakt Katie nach, obwohl wir alle die Antwort kennen.

„Nein, ich kann wirklich darauf verzichten. Ich würde ihn an eine von euch abgeben. Ich bin ja nicht egoistisch, ich teile gerne mit euch.“ Sie sieht uns aufmuntert an. Mit anderen Jungs kann ich gar nichts anfangen. Es gab schon den ein oder anderen, der versucht hat mit mir zu flirten. Aber keiner reizt mich. Ich will nur den einen. Charlie schüttelt den Kopf.

„Nein, ich trage nicht gerne Sabberlätzchen. Aber vielleicht will Kate ja“, Charlie deutet mit dem Kopf auf ihre Cousine.

„Hey, Charlie! Du spielst mit deinem Leben.“ Katie hebt drohend den Finger, was ihre Freundin zum Lachen bringt.

„Verzeihung, ich habe Stew vergessen“, erwidert Charlie. Katies Gesicht verfinstert sich. Jules und ich verfolgen interessiert das Gespräch der beiden.

„Da läuft nichts“, mault sie zurück. Charlie zieht skeptisch die Augenbraue nach oben. Ich neige kurz den Kopf nach unten, damit ich das Grinsen unter meiner Mütze verstecken kann.

„Du läufst ihm hinterher, ich habe es gesehen.“ Charlie kann aber auch nicht aufhören. Ihre Augen verengen sich. Ich merke, dass sie sich gleich an die Gurgel gehen und versuche zu schlichten.

„Hey, Mädels. Lasst es gut sein.“ Charlie will gerade Luft holen und mich anschnauzen. Na, wer führt jetzt einen Zickenkrieg?, frage ich sie in Gedanken. Ich lehne mich über den Tisch zu ihr rüber. Sie schluckt und entscheidet sich dafür nichts mehr zu dem Thema Stew zu sagen.

„Ja Mac, du hast recht.“ Sie nickt kurz und hebt stolz den Kopf. Katie und Jules wissen, dass ich Charlie zurückgepfiffen habe. Wir erheben uns um unseren Aufgaben nachzugehen.

 

Um zwölf treffe ich mich wie vereinbart mit Agent Sylvia Brody, die mich wie immer mit ihren Analysen über meine Psyche in den Wahnsinn treibt. Sie hat Psychologie studiert und meint, sie wüsste alles über mich. In Wahrheit ist sie ein Stubenhocker, der überhaupt keine Ahnung vom Leben hat. Sie muss schon Ende sechzig sein. So sieht sie zumindest aus. Ihre grauen Haare sind immer zu einem Dud hochgesteckt und der sitzt tadellos. Sie trägt eine Brille, über deren Rand sie mich immer beobachtet und meine Reaktionen auf ihre Fragen einschätzt. Seit meiner Kindheit muss ich immer wieder zu ihr. Als wir hier ankamen hatte ich lange Zeit Probleme. Ich wachte nachts auf und hatte Schmerzen. Es fühlte sich an als würde mir das Herz zerreißen. Als hätte man mir ein Stück von meinem Ich genommen. Ich leide auch heute noch darunter, spreche aber mit niemandem mehr darüber. Man hat mir als Kind deswegen Medikamente gegeben um mich ruhigzustellen. Als ich größer wurde konnte ich diese Schmerzattacken besser verstecken und gelte heute als geheilt. Aber sie sind immer noch da!

„Mackenzie, schön dass du Zeit für mich hast“, begrüßt mich Agent Brody. Wir tun jetzt mal so, als wäre ich freiwillig hier.

„Natürlich, immer gerne.“ Mit Freundlichkeit kommt man bei ihr immer weiter.

„Wie geht es dir? Es ist ja momentan ziemlich hektisch, dieser ganze Trubel der um das Drachentreffen herrscht.“ Ihre blauen Augen sind streng auf mich gerichtet und eiskalt.

„Mit der Hektik an sich habe ich nicht viel zu tun. Ich baue ja nichts auf oder organisiere die Auftritte auf den einzelnen Bühnen und bin auch nicht für die Unterbringung der Clans verantwortlich“, ich hebe die Schultern, gelogen war es nicht. „Viele Angriffe gibt es auch nicht. Das einzige was ich momentan mache, ist alle Sicherheitsfragen durchgehen um zu sicherzugehen, dass auch keinem der anwesenden Clans etwas passiert und die Bösen auch da bleiben wo sie hingehören.“ Das war doch eine gute Antwort, denke ich mir. Erkenne aber schnell meinen Irrtum.

„Klingt ja fast so, als wäre dir langweilig!“ Ich denke einen Moment über ihre Worte nach. Wie komme ich da wieder raus?

„Nein, ganz und gar nicht. Es ist interessant! Wie die Überwachungssysteme funktionieren oder worauf man bei den Sicherungskontrollen achten muss. Ich lerne viel.“ Ich hoffe, das kann sie überzeugen.

„Hmm … das klingt wirklich sehr interessant, so bist du auch nicht immer mit deinem Schicksal konfrontiert.“ Sie nickt, es gefällt ihr. „Ich mache mir allerdings trotzdem Sorgen was den Autounfall von letzter Woche betrifft.“ Ich mache ein entschuldigendes Gesicht.

„Ich weiß, es tut mir leid, allen einen Schrecken eingejagt zu habe. Ich war in Gedanken. Eines der Überwachungssysteme hat mir Kopfzerbrechen bereitet und ich war so beschäftigt, dass ich nicht mehr auf die Straße geachtet habe. Ich weiß echt nicht, was ich mir dabei gedacht habe.“ Wenn das mal nicht gut improvisiert ist weiß ich auch nicht. Sie nickt wieder, sie schluckt es!

„Ja ich kann dich verstehen. Ich hatte mir Sorgen gemacht, du könntest dir nach all unseren Gesprächen über …“, sie versucht mitfühlend zu wirken. „Vielleicht doch etwas antun wollen.“ Nein, will ich nicht!

„Ich glaube nicht, dass es der Wunsch meiner Eltern gewesen wäre. Ich möchte, dass sie stolz auf mich sind. Nicht das ich den ganzen Tag darüber nachdenke, aber ich möchte mir definitiv nichts antun!“ Und das ist die Wahrheit. Ich hoffe, das Thema Selbstmord ist jetzt vom Tisch. Es ist anstrengend es immer wieder durchzukauen.

„Das ist eine gute Einstellung, und ich kann dir versichern sie sind stolz auf dich, egal wo sie jetzt sein mögen.“ Ich höre ihr zu und werde ein bisschen wehmütig, reiße mich aber zusammen um es ihr nicht zu zeigen und lächle verkrampft. „Wie kommst du mit der Planung der Eröffnung voran? Agent Sullivan hat mir erzählt, du würdest darin aufgehen.“

„Ja, ich freue mich darauf. Und, dass mir Agent Sullivan so ein Vertrauen entgegenbringt, ehrt mich sehr. Ich habe ein paar Drachen mit eingebunden und weiß auch schon wie ich anfangen will. Komplett bin ich noch nicht fertig, aber ich habe ja auch noch ein paar Tage Zeit“, erkläre ich.

„Du sollst auch ein paar Worte sagen. Ich denke du bist dir bewusst, was für einen Einfluss du hast. Die Leute verehren dich. Und das nicht nur weil du die Wächterin bist. Du bist jemand der ihnen die Hoffnung gibt, dass dieser Krieg bald ein Ende hat. Gleichzeitig bist du auch jemand, der auf dem Boden geblieben ist. Sie wissen was du durchgemacht hast und, dass du eine von ihnen bist.“ Ich gebe alles für diese Menschen. Ich möchte sie beschützen. Möchte nicht, dass noch mehr Familien das gleiche Schicksal erleiden wie ich. Es wundert mich diese Worte aus ihrem Mund zu hören, sie hören sich mehr nach Sullivan an.

„Gut, ich denke, ich habe dich jetzt genug aufgehalten. Du solltest jetzt wieder an die Arbeit gehen.“ Agent Brody erhebt sich und reicht mir die Hand. Ich gebe ihr nicht gerne die Hand, das Einzige was ich in ihrer Gegenwart fühlen kann ist Kälte. Erstaunt darüber, dass das Gespräch so schnell und harmlos über die Bühne gegangen ist, verlasse ich ihr Büro, bevor ihr doch noch etwas einfällt.

 

Nach dem Psycho-Termin wollte ich laufen gehen. Das ist nach so einem Gespräch einfach das Beste um den Kopf wieder frei zu bekommen. Meine Eltern anzusprechen war keine gute Idee von mir. Vor allem nach der Nacht. Sie sind dann immer wie Geister, die hinter mir stehen und beobachten was ich mache.

Was ich jetzt brauche ist: Kopfhörer in die Ohren, Musik voll aufdrehen und ab um den See. Vorher muss ich aber noch schnell in meine Jogginghosen schlüpfen. Also zurück in unsere Wohneinheit, in der Hoffnung auf keinen zu treffen. Zwar sind wir heute Morgen im Guten auseinandergegangen, aber ich habe keine Lust nochmal auf meine Träume angesprochen zu werden. Als ich die Tür aufziehe schlägt mir harter Rock entgegen. Aha, Jules ist da. Und ihre Stimmung ist, wie ich der Musik entnehmen kann, gut. Sie hat die Lautstärke so aufgedreht, dass sie gar nicht mitbekommen konnte, dass ich da war.

Als ich das Quartier verlasse, atme ich erst einmal tief ein. Unsere Wohneinheit liegt unter der Erde. Es gibt keine Fenster und ich fühle mich oft eingesperrt wie in einem Kerker. Ich laufe los. Beim Laufen höre ich am liebsten Hard Rock. Durch einen weitläufigen Wald kommt man an den großen See. Man könnte meinen, er wurde extra dafür angelegt damit sich Drachen erfrischen können, so groß ist er. Alle zweihundert Meter führt ein Steg ins klare Wasser, das zum Baden einlädt. Die grüne Wiese gibt dem Ganzen den letzten Schliff. Es ist einer der schönsten Orte die ich kenne. Manchmal finde ich es schade, dass es so wenige gibt die diesen Ort kennen. Wenn ich allein sein will und keine anderen Menschen um mich herum ertrage, bin ich froh, dass es hier so ruhig ist. Ich laufe wieder in den Wald zurück und erhöhe das Tempo. Mir fällt wieder das Gespräch mit Agent Brody ein. Meine Eltern. Ich weiß, dass Gabriel noch am Leben ist. Aber meine Eltern? Für mich sind sie tot. Sollten sie doch noch am Leben sein, wäre das das Beste überhaupt. Aber zu hoffen, dass sie noch am Leben sind und dann das Gegenteil zu erfahren, würde alte Wunden aufreißen. Meine größte Sorge ist momentan Gabriel. Ich hatte immer eine Verbindung zu ihm. Seit ein paar Wochen ist diese unterbrochen, was mir schwer zu schaffen macht. Mit den Mädels kann ich darüber nicht reden. Ich habe es heute wieder erlebt wie sie reagieren können. Und das obwohl ich noch nicht einmal etwas gesagt habe und nur einige Sekunden an ihn gedacht habe. Vielleicht sollten wir uns mal darüber unterhalten das nicht jede meiner Reaktionen auf Gabriel zurückzuführen ist und nicht ausdiskutiert werden muss. Ich sage es, sollte ich Gesprächsbedarf haben. Es ist schwer, für uns alle, dessen bin ich mir bewusst. Und ich versuche, so viel wie möglich von ihnen fern zu halten und zu funktionieren, so wie man es von mir erwartet. Aber am Ende bin ich auch ein nur Mensch!

Meine Runde nähert sich dem Ende und ich werde langsamer. Ich bin total ausgepowert vom Laufen. Mein Kopf ist wieder einigermaßen frei. Jetzt brauche ich erst mal etwas zu trinken. Ich gehe durch unser Wohnzimmer Richtung Wohnküche. Dort sitzen meine drei Lieben am Tisch und warten offensichtlich auf mich. Die Atmosphäre im Raum ist angespannt.

„Was ist los? Ist was passiert?“ Während ich zum Kühlschrank gehe um mir eine Flasche Wasser herauszuholen sehe ich mir alle drei genau an, ihre Blicke sind gesenkt. Ich habe zwar telepathische Fähigkeiten wollte sie aber nicht am laufenden Band benutzen um andere auszuspionieren und schon gar nicht die Menschen, die mir nahestehen. Jules sieht mich als erstes an und die Traurigkeit trifft mich mit voller Wucht. Das nächste was ich spüre ist Verwirrung. Was ist hier los? Ich will schon gegen meine Prinzipien verstoßen, als Jules tief Luft holt und sagt:

„Es wurde ein goldener Drache gesehen!“

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