Madame Balduin

Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.

Maxim Gorki

Nach dem Essen schweifte Emma durch die Regalreihen. Noch immer war sie kein bisschen müde, sondern viel zu aufgeregt, um sich hinzulegen. Trotz der langen Reise. Mit den Fingern streifte sie sachte über die Buchrücken. Hier und da nahm sie ein Exemplar zur Hand und sah es sich genauer an. Wie viele Bücher hier wohl alleine in diesem Haus auf einen neuen Leser warteten? Sie hatte Monsieur Baltasar darauf angesprochen, doch selbst er konnte ihr diese Frage nicht beantworten. „Die Bücher haben sich über die Generationen immer mehr vermehrt. Manche befinden sich schon Jahrhunderte im Besitz der Familie. Und täglich kommen mehr dazu.“

Der Besitzer hatte es sich wieder am Tresen gemütlich gemacht. Von dort hatte er den besten Aussichtsplatz über den kompletten Laden. Die Zeitung hatte er jedoch gegen ein Buch getauscht.

Kurz darauf kündigte die Glocke den ersten Besuch an.

„Ah, guten Morgen Madame Balduin.“, begrüßte der Buchhändler die Dame.

Emma kam zwischen den Regalen hervor. Den ersten Kunden wollte sie sich nicht entgehen lassen.

„Guten Morgen Monsieur Baltasar. Wie läuft das Geschäft? Haben Sie neue Bücher bekommen?“, die ältere Dame lief zielstrebig auf den Tresen zu.

„Ich habe Ihnen schon einen Stapel weggelegt, wo bestimmt etwas für Sie dabei sein dürfte.“, antwortete er.

„Haben Sie schon den neuen Buchreport gelesen? Das mit den Insekten ist ja mal wieder weit hergeholt, meinen Sie nicht auch?“, fragte Madame Balduin. „Nur weil ein bisschen Ungeziefer durch die Straßen rennt, direkt von einer Bedrohung zu sprechen.“

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was ich davon halten soll, Madame. Angeblich wurden ja bereits ganze Sammlungen aufgefressen.“, antwortete Baltasar.

Leise trat Emma an den Tresen.

„Na, wen haben wir denn da?“, die Frau wandte sich zu ihr um.

„Madame, darf ich Ihnen meine neue Mitarbeiterin Emma vorstellen? Sie ist erst vor wenigen Stunden angekommen.“, erklärte Baltasar. „Emma, dies ist eine unserer treuesten Stammkunden, Madame Balduin.“

„Guten Morgen Madame.“, grüßte Emma.

Die Kundin musterte sie und fragte dann: „Sag mir Kind, liest du?“

„Natürlich Madame. Für mein Leben gerne. Umso glücklicher bin ich über diese Chance im Haus der Bücher.“, antwortete sie der Kundin.

Nun lächelte Madame Balduin sie freundlich an. „Sehr schön. Was anderes habe ich von Baltasar auch nicht erwartet. Noch so einen fanatischen Sammler, der keins seiner Bücher anrührt, brauchen wir hier nicht im Ort.“

Der Besitzer musste lachen. „Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, Madame.“

„So und nun zeigen Sie mal her mein Lieber, was Sie für mich beiseitegelegt haben.“

Baltasar griff unter den Tresen und förderte daraus einen großen Stapel Bücher. „Emma, trag der Madame doch bitte die Bücher an einen Leseplatz, damit Sie sie in Ruhe durchsehen kann.“

Als die Kundin ihre Auswahl getroffen hatte, kam sie mit einem ziemlich großen Rest an den Tresen. „Baltasar, die hier würde ich gerne mitnehmen.“

Während der Inhaber die Bücher in einem Büchlein notierte und einpackte, wandte sich Madame Balduin an Emma. „So Mädchen, hat dir Baltasar denn schon die Stadt gezeigt?“

„Noch nicht, aber ich bin ja auch erst heute Morgen eingetroffen.“, verneinte Emma.

„Pah, das hätte ich mir denken können. Baltasar verkriecht sich hier mal wieder in seinem Nest und das arme Mädchen sieht nichts von der großen weiten Stadt.“, die Kundin schnaubte und sah dabei Baltasar schelmisch an, bevor sie sich wieder an Emma wandte. „Was hältst du davon, wenn Madame Balduin dich in die Gesellschaft der Stadt einführen würde? Die ganzen alten Weiber gehen mir hier eh auf die Nerven. Die könnten ruhig ein bisschen frischen Wind gebrauchen.“

„Oh, ich weiß nicht.“, antwortete Emma unsicher, obwohl sie schon Lust darauf hätte, mehr von der Stadt zu sehen. Sie sah vorsichtig zu ihrem neuen Chef hinüber, der sie abschätzend ansah.

„Von mir aus kannst du gehen. Hier wird eh nicht mehr viel passieren heute.“, antwortete er. Emma stand die Freude ins Gesicht geschrieben. Als Baltasar Madame Balduin abkassiert hatte und sich die zwei Frauen auf den Weg nach draußen machten, rief er seiner Kundin noch hinterher: „Aber dass du sie mir ja wieder wohlbehalten zurückbringst!“ Daraufhin konnte die alte Dame neben ihr nur lachen.

Emma hatte auf dem Weg zu ihrem neuen Arbeitsplatz noch nicht viel von der Stadt gesehen. Der Kutscher hatte sie auf direktem Weg zum Laden gebracht. Doch keine zwei Straßen weiter herrschte reges Treiben.

Die ältere Dame hängte sich bei Emma ein und zusammen schlenderten sie zwischen den Buden umher. Emma war begeistert. Alles schien sich hier nur um Bücher zu drehen. Sie wusste gar nicht, wo sie als erstes hinschauen sollte.

An einem Stand wurden Gebäcke angeboten, die in den unterschiedlichen Formen eines Buches gebacken worden waren, offen oder geschlossen. An einem anderen Stand gab es alle möglichen Dekorationsartikel, die sich ebenfalls nur um dieses Thema drehten. Leselampen, Buchständer und andere merkwürdige Konstruktionen, von denen Emma nicht wusste, welchen Zweck sie erfüllten. Aufeinandergestapelte Bücher, die als Beistelltisch dienten, Sessel und Bilder, in denen mit Buchseiten Szenen nachgestellt wurden.

Zwischen den Ständen gab es immer wieder Vorleser, die versuchten, Passanten anzulocken, um etwas Trinkgeld zu bekommen. Manche davon hatten sich passend zu ihrem Text verkleidet oder sogar Bühnenbilder hinter sich positioniert.

Doch die meisten Buden verkauften Bücher in schierer Menge. Von antiquarischen bis hin zu den neusten Bestseller, war dort alles vertreten.

Aber auch Buchbinder, Restauratoren oder Künstler, die Büchern durch bunte Farben ein komplett neues Aussehen verpassten.

„Die Buden findest du hier jeden Tag. Am Sonntag findet dann meist noch ein Bücherbasar statt, obwohl dieser nicht mehr so gut besucht ist, wie noch vor einigen Jahren.“, erklärte Madame Balduin. „Einmal im Jahr findet dann noch der Jahrmarkt statt. Du bist gerade zur richtigen Zeit nach Bibliomantika gekommen, schon in drei Wochen ist es soweit.“

„Aber gibt es hier nicht schon alles?“, fragte Emma erstaunt.

„Oh mein Kind, noch lange nicht.“, lachte die Madame. „Aber du wirst schon sehen. Ich möchte nicht zu viel verraten. Komm, lass uns noch in ein Café gehen, bevor ich dich zurück zu Baltasar bringe.“

Madame Balduin steuerte ein kleines Café am Rande des Marktplatzes an. Sie ließen sich am Fenster einen Platz zuteilen, machten es sich in den Ledersesseln bequem und bestellten beim Kellner die Getränke.

„So meine Liebe, nun hast du einen kleinen Einblick in die Stadt der Bücher erhalten. Jetzt würde ich natürlich zu gern auch etwas von dir erfahren. Wo kommst du denn her?“, fragte Madame Balduin.

„Ich komme aus einem kleinen Dorf an der Küste. Meine Eltern betreiben dort auch eines Antiquariat.“, erklärte Emma.

„Daher wahrscheinlich auch deine Liebe zum Lesen.“, schmunzelte die ältere Dame. „Ein ganz schön weiter Weg bis hier her. Deine Eltern waren damit einverstanden, dass du so weit von zu Hause weg ein neues Leben anfängst?“

Emma überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Naja, ganz einverstanden waren sie nicht. Aber sie konnten mich auch verstehen, da sie früher den gleichen Wunsch gehegt hatten. Als ich dann die Antwort von Monsieur Baltasar erhielt, waren sie glaube insgeheim sogar erfreut darüber.“

„So toll das Haus der Bücher ist, musst du bei Baltasar aber gut aufpassen, sonst sitzt du den ganzen lieben langen Tag nur zwischen den Regalen. Er ist so in seine Bücher vertieft, dass ich mich manchmal frage, ob er überhaupt noch einen Fuß hinaus setzt.“, Madame Balduin lachte.

Trotz der wunderschönen Stadt, die sie faszinierte, konnte Emma ihren Chef verstehen. Das geschriebene Wort hatte sie schon ihr Leben lang begleitet. Sie konnte sich auch stundenlang in dicken Wälzern vergraben, ohne einen Gedanken an die Welt um sich herum zu verlieren.

„Deinem verträumten Blick entnehme ich, dass du dagegen nichts einzuwenden hast.“, stellte die Frau ihr gegenüber fest.

„Bei Büchern weiß man einfach, woran man ist. Anders wie bei manchen Menschen, Madame.“, antwortete Emma ehrlich. Doch im nächsten Moment hätte sie sich dafür schälten können. Sie machte einen zerknirschten Gesichtsausdruck und beeilte sich zu sagen: „Tut mir Leid, das war nicht auf Sie bezogen.“

„Nein, keine Sorge, so hab ich das auch nicht aufgefasst. Doch du darfst nicht vergessen, dass die Welt wunderbare Dinge zu bieten hat, auch außerhalb der Buchseiten. Nur kann man das an solch einem Ort zu leicht vergessen.“, erwiderte die Madame. „Aber was hältst du davon, wenn ich dich demnächst mit in den Leseclub nehme?“

„Oh das hört sich toll an.“, Emma konnte ihr Glück kaum fassen. „Vielen Dank!“

Doch die Dame wollte sie beschwichtigen: „Bedank dich nicht zu früh bei mir. Hier in der Stadt sind die Umgangsformen eine etwas andere als auf dem Land. Besonders was die Auffassung unserer geliebten Schätze angeht.“

 

Am Abend merkte Emma, wie erschöpft sie nun doch von der Reise war. Nach dem Essen ging sie direkt in ihr Zimmer, um ihre Sachen noch schnell auszupacken.

Nach einem Blick durchs Fenster wandte sie sich dem Bücherregal zu. Ihre wenigen Schätze würden darin kläglich aussehen, besonders im Vergleich zu den Regalen auf der anderen Seite der Wand. Aber sie wusste, dass dies nicht lange so bleiben würde in der Stadt der Bücher. Vorsichtig räumte sie ihre Wälzer ins Regal. „Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer kam neben „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers. Nina Blazons „Faunblut“ und „Der dunkle Kuss der Sterne“, „Taberna Libraria“ von Dana S. Eliott sowie die „Zwischen den Welten“-Reihe von Laini Taylor durften ins zweite Fach einziehen.

J.K. Rowlings „Harry Potter“ kamen auf den Nachttisch neben ihrer Leselampe. Die Reihe war schon ziemlich mitgenommen, die Seiten vergilbt, da der kleine Zauberer sie seit ihrer Kindheit begleitete.

Zufrieden legte Emma sich in ihr neues Bett und ließ ihren Blick noch einmal durchs Zimmer schweifen. Morgen würde sie mit Madame Balduin zum Leseclub gehen. Mit diesem Gedanken und einem Lächeln auf dem Gesicht, schlief sie kurz darauf ein.


Kommentare

  • Author Portrait

    Wieder ein fantastisches Kapitel! So wie du alles beschreibst, kann man es sich sehr gut vorstellen und ich für meinen Teil bin eifersüchtig auf Emma, da sie in so einer tollen Welt lebt und die meisten hier Bücher für eine Strafe halten. Doch zurück zur Geschichte. Mit ihren zwei Kapiteln wurde sie jetzt schon ein Teil von mir und ich freue mich jetzt schon riesig auf das dritte Kapitel! Deine Wolfslady

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Feenstaub

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