Mama

„Mama?", flüsterte der junge Mann panisch und drehte sie auf den Rücken. Ari griff nach dem Handgelenk der Frau und überprüfte ihren Puls. Als sie ihn erfasste, griff sie sich sofort in die Hosentasche, zog ihr iPhone raus und wählte die Nummer ihrer Mutter. Zum Glück trug Cornelia ihr Telefon immer bei sich und hob nach wenigen Sekunden ab.

„Mama, Katrin ist zusammengebrochen, ich bin bei ihr, wir brauchen sofort einen Krankenwagen"-„Verstanden, ich schick sofort jemanden los. Ist Thomas da und in der Lage mit zu kommen?" – „Ja." – „Gut, bis gleich. Zehn Minuten, maximal."

Ari hatte während des ganzen Gesprächs Tom angesehen, der ihren Blick besorgt erwiderte. Nachdem ihre Mutter aufgelegt hatte, öffnete sie den Mund, um ihm zu berichten, doch er kam ihr zuvor: „Ich hab's gehört."

Ari klappte den Mund zu und sah ihm verwirrt nach, als er aufsprang und ins Schlafzimmer seiner Mutter stürzte. Sie schüttelte kurz den Kopf gegen die Benommenheit und legte die Frau behutsam in die stabile Seitenlage. Während Tom noch in dem kleinen Raum herumhantierte, tastete Ari seine Mama auf eventuelle Verletzungen, verursacht durch den Sturz, ab. Als es endlich klingelte, hechtete sie zur Tür und riss den Hörer von der Gegensprechsprechanlage.

„Ja?", brüllte sie in den Hörer.

„Rettungssanitär, Sie haben einen Krankenwagen gerufen?"

„Ja, kommen Sie hoch, dritter Stock."

Ari drückte einige Sekunden den Summer, hängte den Hörer wieder in die Halterung und öffnete die Tür. Zwei junge Sanitäter stürmten das Treppenhaus mit einer aufklappbaren Trage und einem Koffer hinauf. Oben angekommen, machte Ari den Männern Platz und deutete hinter sich, auf die bewusstlose Frau. Tom kniete neben ihrem Kopf, neben ihm lag eine kleine Reisetasche und er wirkte so kreidebleich wie die Wand des Flurs.

„Sie ist nicht ansprechbar, aber hat einen Puls und ich glaube, sie hat sich durch den Sturz nicht verletzt, ich hab sie in die Seitenlage gelegt", sprudelte Ari ungefragt los, als die beiden Männer den Treppenabsatz erreichten. Der größere trat gleich durch die Tür und ließ sich neben Katrin nieder, öffnete den Koffer und legte ihr fachmännisch eine Blutdruck-Manschette um. Der kleinere Sanitär kam langsamer nach und beäugte Tom, der noch immer überall getrocknetes Blut an Hals und Nacken hatte.

„Was ist denn mit Ihnen passiert?", sprach er ihn an. Tom bemerkte nicht, dass er gemeint war und hatte nur Augen und Ohren für seine Mutter.

„Oh, er hat sich nur ein bisschen am Kopf verletzt, ich war hier, um die Wunde anzusehen und gerade als ich ihn säubern wollte ist Katrin, seine Mutter, ohnmächtig geworden. Aber ihm geht's soweit gut", versicherte Ari hastig. Daraufhin warf der Mann ihr einen genaueren Blick zu. Bevor er irgendetwas fragen konnte, hob Ari abwehrend die Hände.

„Ich bin noch in der Ausbildung, aber Tom ist okay, bitte, seine Mutter!"

Die Dringlichkeit in ihrer Stimme und da Tom nicht so wirkte, als würde er jeden Moment umkippen und neben seiner Mutter auf dem Fußboden enden, schienen den Mann zu überzeugen und an seine eigentliche Aufgabe zu erinnern. Er hockte sich auf Katrins andere Seite, zog ihren rechten Arm zu sich und klemmte ihr einen Fingerhut, zur Messung des Sättigungsgehalts des Sauerstoffs im Blut, an den Mittelfinger. Sein Kollege pumpte gerade die Manschette auf und starrte auf seine Armbanduhr.

„EKG", sagte er schlicht und sein Kollege förderte einen transparenten dünnen Schlauch aus der Tasche und reichte sie ihm. Der Sanitäter rollte ihn auf, enttarnte eine Sauerstoffbrille und legte sie Katrin an die Nase, während der andere die Ärmel der Frau hoch krempelte und ihre Bluse um einige Knöpfe öffnete. Anschließend bereitete er das EKG vor und sein kleinerer Kollege klebte die Pads an Katrins Handgelenke, ihre Knöchel und einen auf ihre Brust. Sie stellten keine weiteren Fragen. Ari nahm an, sie wurden von Cornelia bereits über alles weitere informiert.

Während der Prozedur stand Thomas völlig aufgewühlt daneben. Er starrte mit großen Augen auf das EKG und immer wieder auf seine am Boden liegende Mutter, die sich nicht rührte. Ari beobachtete ihn und wollte am liebsten zu ihm gehen und ihn in den Arm nehmen, doch sie fürchtete sich vor der Zurückweisung, die so sicher, war wie das Amen in der Kirche. Als die beiden Sanitäter Katrin schließlich auf die Trage hoben und fest schnallten, riss sie sich los und schlüpfte hastig in ihre Schuhe. Auch Tom erwachte aus seiner Starre und begann sich hastig anzuziehen. Ari trat zuerst durch die Tür, um den Männern den Weg frei zu machen und die Haustüre zu öffnen, Tom bildete den Schluss und zog die Tür hinter sich zu, die Reisetasche über der Schulter.

Während die beiden Männer Katrin durchs Treppenhaus manövrierten, folgte Tom ihnen schweigend bis zum Rettungswagen. Auf einen Wink hin, stieg er hinten mit ein, setzte sich neben seine Mutter und griff nach ihrer Hand. Er wirkte völlig geistesabwesend und Ari tat das Herz bei seinem Anblick weh. Etwas unschlüssig blieb sie vor dem Wagen stehen und betrachtete die Szene beklommen, bis der größere Sanitäter die Türen schloss und sie ansprach: „Sie fahren vorne mit."

Ari nickte konfus, trat jedoch gehorsam zur Beifahrerseite und schwang sich auf den erhöhten Sitz. Sie schnallte sich an und knetete nervös ihre Hände. Der Sanitäter startete den Motor und aktivierte Blaulicht und Martinshorn. Geschickt rangierte er rückwärts durch eine Lücke parkender Autos über den Gehweg auf die Straße. Er fuhr wie selbstverständlich an einer Roten Ampel vorbei und warf dem Mädchen einen kurzen Blick zu.

„Sie sind Ariel, richtig? Cornelias Tochter."

„Ja, genau, hat meine Mutter Ihnen schon alle Infos gegeben?"

Der Mann nickte bloß und verfiel für den Rest der kurzen Fahrt wieder in konzentriertes Schweigen. Als sie die Klinik erreichten und vor dem Außeneingang zur Notaufnahme zum Stillstand kamen, entdeckte Ari bereits Cornelia vor der Einfahrt, neben zwei weiteren Personen in weißen Kitteln. Das Getöse des Motors war kaum erloschen, als Ari die Wagentür aufriss und auf den grauen Asphalt sprang. Auch die beiden Ärzte eilten sofort an die Rückseite des Rettungsfahrzeugs und positionierten sich neben der Liege, während Cornelia ihre Tochter kurz in den Arm nahm.

„Ist mit dir und Thomas alles in Ordnung?"

„Uns geht's soweit gut, aber wenn du Zeit hast kannst du ihn dir mal angucken. Er hat eine Wunde am Kopf und ich hab sie genäht."

Cornelia nickte mit einem aufmunternden Lächeln und drückte ihr beruhigend den Arm. Die beiden Ärzte brachten Katrin bereits ins Innere des Krankenhauses, während die Sanitäter sie mit Infos fütterte und Tom mit der Tasche in einer Hand nebenher rannte.

„Komm", sagte ihre Mutter und gemeinsam beeilten sie sich die anderen einzuholen. Sie liefen durch einen hell erleuchteten Gang, der den typisch sterilen Geruch verströmte, den wohl jede Einrichtung dieser Art innehatte. Das Weiß der Wände wurde hin und wieder durch unterschiedliche Bilder und breite hellgraue Türen unterbrochen. Mehrere farbige Streifen zogen sich über den glänzenden grauen Linoleumboden. Bei jedem abzweigenden Gang spaltete sich ein Streifen ab und verlor sich bald hinter einer Ecke. Nur wenige Menschen kreuzten ihren Weg, doch jeder von ihnen, ob in Weiß, Blau oder Grün, schenkte Cornelia ein knappes Nicken oder Lächeln und machte ihnen sofort Platz.

Schweigend gelangten sie an eine breite Flügeltür. Cornelia betätigte einen Schalter an der Wand und sie schwang von selbst auf. Die Ärzte schoben Katrin hindurch, ohne ihnen weitere Beachtung zu schenken. Thomas wollte gerade über die Schwelle treten, als Cornelia ihn sanft am Arm packte und zurückhielt. Er fuhr zu ihr herum und Ari fürchtete bei seinem Gesichtsausdruck, er würde aufbrausen und sich losreißen. Doch er sah ihrer Mutter, die ohne mit der Wimper zu zucken stehen geblieben war, ins Gesicht und seine Züge und aggressive Körperhaltung entspannten sich augenblicklich, als hätte sie ihn hypnotisiert. Er ließ den Kopf hängen, nickte ergeben und zog die Nase hoch. Es hat nicht ein Wort der erfahrenen Schwester gebraucht, um den besorgten Jungen zur Vernunft zu bringen. Ari hatte diese Macht ihrer Mama selbst schon oft am eigenen Leib erfahren. Die Augen dieser Frau, vor allem im Zusammenspiel mit ihrer linken Augenbraue, mochten Gefühle in ihrem Gegenüber gleichwohl erzeugen wie eindämmen, je nachdem was Cornelia wollte. Bei Ari hatte sie vor allem Grauen und Respekt ausgelöst: vor der feurigen Wut ihrer Mutter und den Konsequenzen sämtlicher Dummheiten, die ihrer Tochter so im Kopf herumschwirrten. Tom dagegen hatte sie besänftigt und beruhigt, ihn stumm wissen lassen, seine Mutter ist in guten Händen.

„Na komm, Thomas, nehmen wir erst mal dich unter die Lupe und gucken, wie sehr mein Kind dich malträtiert hat."

Thomas grinste gequält zur Antwort, während Aris mitleidiges Lächeln bei diesen Worten erlosch und sie ihre Mutter empört mit dem Zeigefinger in die Seite piekste. Die ältere Frau ignorierte ihre Tochter und hakte sich bei Tom unter. Er überragte Cornelia um mehr als eine Kopflänge, doch sie führte ihn unbeirrt in die Notaufnahme. Ari trottete missmutig hinterher. Eifersüchtig starrte sie auf die Hand ihrer Mutter, die auf Toms Arm lag.

Es waren nur zwei Patienten in dem großen Raum und die wurden bereits versorgt. Cornelia steuerte auf die hintere Ecke und eine schmale Liege gleich neben dem Ausgang zu. Sie deutete Thomas sich zusetzen und wandte sich einem kleinen Schrank auf Rollen zu, auf dem allerhand Kram, wie Verbandszeug, Desinfektionsmittel und andere Materialen bereitstanden.

Tom ließ sich auf der Bettkante nieder, während Ari es vorzog, etwas entfernt hinter ihm zu warten. Sie beobachtete ihre Mutter, die sich ihre Brille auf der Nase hochschob und Handschuhe anzog.

„Na mal sehen", murmelte sie, fasste Toms Gesicht mit beiden Händen und zog seinen Kopf nach unten, damit sie seine Wunde begutachten konnte. Sie strich sein verklebtes Haar beiseite und sah mit hoch gezogenen Brauen durch ihre Brille, zog den Mund kraus, neigte den Kopf zur Seite, strich einige Haare auf die andere Seite, nickte leichte, tastete mit einem Finger auf Toms Kopf herum und murmelte vor sich. Ari verdrehte die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese Show zog Cornelia garantiert nur ab, um sie zu ärgern und zu verunsichern. Mit schlechten Gewissen erinnerte sich Ari an die nicht verwendete Betäubung beim Nähen.

„Mutter, mach kein Schachspiel draus."

Cornelia blinzelte geziert und spähte ohne die Position zu ändern über ihre Brillengläser zu ihrer Tochter.

„Nun, Kind, Nähen solltest du noch üben. Wegen dir wird dieser arme, hübsche junge Mann eine Narbe davon tragen." Sie ließ Toms Gesicht los und tätschelte ihm mütterlich die Wange.

„Hach Tommy, inzwischen tut es mir ein bisschen leid, dass ich dich in letzter Zeit immer Ariel überlassen musste."

Ari klappte entrüstet der Mund auf, doch sie beherrschte sich und schluckte die spitzen Worte herunter. Tom zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. Eingeschnappt und enttäuscht drehte sich Ari um und kehrte ihnen den Rücken.

„Schon okay, Conny, Ariel hat sich bisher immer ganz gut um mich gekümmert", hörte sie Toms tiefe Stimme und drehte sich langsam und mit pochendem Herzen wieder um. Er sah sie nicht an, aber diese einfachen Worte aus seinem Mund, trotzdem zynischen Betonung ihres Namens, fühlten sich wie das größte Kompliment an, das er ihr machen konnte. Sie spürte wie sich ein dämliches Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete und drehte sich schnell wieder um, bevor es jemand bemerkte.

„Ach du armer Junge, wie viel musstest du schon erleiden, dass du inzwischen so empfindest?"

Ari nahm die Spitze ihrer Mutter kaum zur Kenntnis und spielte stattdessen verträumt Toms Worte immer wieder in ihren Gedanken ab, wie eine kaputte Schallplatte.

„Also gut, Kinder, ich muss wieder an die Arbeit. Geht nach Hause. Und Tommy, ich rufe dich an, sobald ich etwas erfahre, ja?"

„Ich würd' gern hier bleiben, Conny"

„Das wär Quatsch, Kleiner", widersprach Cornelia sanft und sah mit aufmunterndem Lächeln zu ihm auf. „Deine Mutter wird definitiv die Nacht hier verbringen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die nächsten Paar. Mindestens. Geh heim, ruh dich aus und kurier deine eigenen Verletzungen! Du kannst hier nichts für sie tun."

Thomas seufzte verdrießlich, aber sah wohl ein, dass sie Recht hatte. Er nickte schwach und ließ sich von der kleinen Frau fest drücken, bevor er Richtung Ausgang schlurfte.

„Kümmere dich um ihn", befahl sie Ari und sah Tom besorgt nach. Die nickte, umarmte ihre Mutter ebenfalls zur Verabschiedung und ging Tom nach. Sie hielt sich einige Schritte hinter ihm und starrte auf seinen breiten Rücken. Er ließ die Schultern hingen und beachtete sie nicht. Als sie an der Annahme, gegenüber vom Haupteingang vorbei kamen, hielt Ari inne.

„Warte kurz", rief sie Thomas zu und war überrascht, als er tatsächlich stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. Ohne eine Erklärung ging sie auf die junge Frau hinter der hohen Theke an der Patientenaufnahme zu und sprach sie an:

„Hallo. Entschuldigen Sie bitte, haben Sie vielleicht einen kleinen Zettel und einen Stift?"

„Oh, klar, einen Moment." Die junge Schwester reichte ihr ein kleines quadratisches Blatt von einem Notizblock und einen Kuli. Ari lächelte ihr ein stummes Dankeschön zu und kritzelte hastig eine Zahlenfolge auf den Zettel, dann reichte sie ihr den Kugelschreiber zurück, nickte ihr zu und drehte sich auf dem Absatz um. Tom stand tatsächlich immer noch da und sah sie fragend an.

Ari nahm ihren Mut zusammen, sah ihm fest in die Augen und konzentrierte sich darauf mit ruhigen, selbstsicheren Schritten auf ihn zuzugehen. Als sie vor ihm anhielt hielt sie ihm den Zettel hin. Tom nahm ihn entgegen und runzelte beim Anblick der Ziffern die Stirn. Ari baute sich mit grimmigen Gesicht vor ihm auf und stemmte die Arme in die Seite.

„Wenn du das nächste Mal verdroschen wurdest, ruf gefälligst an! Oder ist es dir etwa lieber, wenn deine arme kranke Mama sich noch mehr um dich sorgt, weil sie mich nicht mehr für dich rufen kann? Und egal was meine Mutter sagt, belästige sie nicht, sie hat genug mit ihren Überschichten am Hals. Und jetzt los, ich ruf uns 'n Taxi, damit du nicht am Ende doch noch abklappst und auch im Krankenhaus landest!"


Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und marschierte an ihm vorbei durch die aufgleitenden Glastüren und in den einsetzenden Regen.



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