Mareridt

Es waren die schlimmsten Schmerzen, die Rúna jemals kennengelernt hatte. Ihr Rücken schien eine einzige Wunde zu sein und es gab mehrere Stellen, die geradezu pulsierend brannten. Es war, als würden sich heiße Kohlen in ihre Haut einbrennen. Immer wieder versuchte sie sich zu bewegen, doch ihr Körper kam dem Befehl nicht nach.
Sie lag auf dem Bauch und so sehr sie es auch versuchte, nicht einmal ihre Arme ließen sich ein wenig anheben. Stimmengemurmel drang an ihr Ohr und nun glaubte sie zu wissen, was geschehen war.
Àri musste sie gefesselt und geschlagen haben. Mühsam erinnerte sie sich, dass ein ähnlicher Schmerz sie aus dem Schlaf geweckt hatte, dass die Stimme ihres Herrn sie brüllend angeherrscht hatte, dass sie nicht bis zum Vormittag auf der faulen Haut zu liegen habe. Immer wieder hatte die gnadenlose, harte Hand auf sie eingeschlagen und wenn sie genau nachdachte, so war sich Rúna nicht sicher, ob das Gesicht des Mannes wirklich dem von Ári geglichen hatte. Doch natürlich musste er es gewesen sein - Ári, der sie schon einmal mehrere Tage lang gebunden und ausgepeitscht hatte, bis sie es verinnerlicht hatte, wer sie war.
Auch jetzt wieder musste sie ihm einen Grund gegeben haben, dass er sie hier „belehrte“. Sie versuchte, jene Worte auszusprechen, die er beim letzten Mal wieder und wieder von ihr hatte hören wollte. Sie wollte der Qual entgehen, den Schmerzen, der Unfähigkeit, sich auch nur ein wenig zu bewegen. Doch es kam nichts aus ihrem Mund. Sie war stumm und jede noch so große Anstrengung blieb ohne Ton. Dabei wusste sie ganz genau, was Ári von ihr hören wollte: ‚Ein Sklave ist nichts. Nur der Schmerz kann ihn lehren, mehr als nichts zu sein.‘ Sie brachte es nur nicht über ihre Lippen.
Das Murmeln kam näher, doch sie verstand nicht, was die Männer neben ihr sprachen. Leise unterhielten sie sich, zu leise …
Nicht zu wissen, was ihre Peiniger planten, war für Rúna die Hölle. Sie wollte sie wenigstens sehen, wollte sich vergewissern, dass Ári keine neue Bestrafung plante, ihr nicht noch mehr Leid zufügen würde …
Doch sie konnte ihren Kopf nicht in die Richtung drehen, aus der die Stimmen kamen. Wieder und wieder versuchte die junge Frau, sich irgendwie zu orientieren, sich verständlich zu machen, Ári um Gnade zu bitten. Doch es gelang ihr nicht.
Dann, irgendwann, nachdem sie sich wieder und wieder hilflos und ohne Erfolg zu einer Bewegung hatte zwingen wollen, spürte sie, wie sich die Strohmatratze neben ihr senkte. Ein schwerer Körper ließ sich auf ihrem Lager nieder und die unbändige Angst durchflutete Rúna wie eine Woge. Was würde nun mit ihr geschehen? Würden sie sie weiter bestrafen?

Eine große, raue Hand strich ihr das Haar aus dem Gesicht und Rúna versuchte, die Augen zu öffnen. Doch die Schwäche blieb und mit ihr die Dunkelheit. Sie war dem Mann, der ihr so nahe gekommen war und den sie für Ári hielt, auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Übergangslos begann sie zu zittern und ihr schon vorher schneller Herzschlag begann zu rasen. Das Atmen fiel ihr schwer, schmerzhaft schwer, und mit der Angst löste sich schließlich auch das bleierne Gewicht ihres Körpers und Rúna erwachte aus ihrer Bewusstlosigkeit, nur, um sich sofort, nachdem sie mühsam die Augen geöffnet hatte, einem rothaarigen, blauäugigen Krieger gegenüber zu sehen, den sie im ersten Moment nicht einmal erkannte.
Doch es war natürlich Thorstein, der sich zu ihr gelegt hatte, um seine zitternde und schwer atmende Sklavin irgendwie zu beruhigen. Schon oft im Laufe dieses endlosen Tages hatte er sich ins Haus geschlichen, um nach Rúna zu sehen, obwohl Teitr ebenfalls auf sie aufpasste. Wieder und wieder hatten die beiden Männer ihre Wunden kontrolliert und kritisch jede kleine Veränderung auf Erfolg oder Versagen des Brandeisens kontrolliert. Bisher waren sie zufrieden mit dem, was sie sahen. Dennoch beunruhigte Rúnas lange Bewusstlosigkeit Thorstein nicht wenig.
Dann, es ging bereits auf Abend zu, hatte sich die Situation verändert. Der Atem der jungen Frau war schneller und die Blässe ihres Gesichts war ein wenig rosiger geworden. Schon hatte der Steuermann geglaubt, das Schlimmste sei überstanden. Bald aber sahen sie, wie sich Rúnas Gesicht immer wieder angstvoll und gequält verzog. Aufgeregt hatte er Teitr um Rat gefragt, doch auch der alte Mann wusste nicht, was diese Veränderung bedeutete.
Rúnas schnelle Atmung und ihre sichtbare Unruhe hatten Thorstein unruhig gemacht. Plötzlich sah er wieder Snót vor sich, die schweißgebadet und blass zu ihm aufgeblickt hatte, die pure Todesangst in ihren Augen. Nichts hatte es gegeben, dass er damals für sie hätte tun können. Sie war kurze Zeit später in seinen Armen gestorben und er hatte diesen Verlust nie wirklich richtig überwunden. Und jetzt lag Rúna hier und es war gut möglich, dass auch sie die Nacht nicht überlebte.
Thorsteins Hände zitterten, als er, neben ihr liegend, begann, ihren Nacken beruhigend zu streicheln. Fast schien es, als würde diese leichte Berührung sie noch mehr ängstigen. Doch dann sah er, wie sich ihre Lider ein wenig bewegten. Nur voller Mühe und für ihn viel zu langsam schlug die junge Frau ihre Augen auf. Weite, dunkle Pupillen starrten ihn verständnislos an. Ihr Blick glitt ratlos über sein Gesicht und der Krieger fragte sich bereits, ob Rúna ihn wirklich nicht erkannte oder ob ihr Verstand unter dem Fieber gelitten habe, als sich ihre Miene langsam glättete. Sie war offenbar zu ihm zurückgekehrt.

Schockiert von der Erkenntnis, dass es Thorstein war, der neben ihr lag und dass ihre Erlebnisse wohl nur ein Traum gewesen waren, schloss Rúna erneut die Augen. Die Erinnerung an alles, was mit ihr geschehen war, kam zurück und sie musste einsehen, dass zumindest ein Teil ihres Albtraums irgendwie Realität war. Der noch immer heftige schmerzende Rücken sprach eine ganz eigene Sprache über das, was die Männer während ihrer Ohnmacht getan haben mussten. Sie hatten ihre Wunden gnadenlos ausgebrannt, hatten ihr nicht erlaubt, zu sterben und in Hels Reich einzugehen. Nein! Sie sollte weiterleben, um ihnen erneut und immer wieder bis zum Ende ihres Lebens zu dienen.
Nach allem, was ihr widerfahren war, glaubte Rúna nicht mehr an irgendwelche Versprechen. Ragnar konnte ihr viel erzählen, Jorunn und Lathgertha noch so viele schöne Worte finden, sie würde keinem von ihnen mehr vertrauen. Lügner waren sie alle, nur auf ihren eigenen Vorteil und ihr Wohlbefinden bedacht. Und Thorstein war der Schlimmste von allen! Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie nun hier lag. Plötzlich widerte sie die Nähe zu ihrem Herrn nur noch an. Was war er doch für ein Betrüger, dass er ihr nun vorgaukelte, sich um ihr Wohlbefinden zu sorgen. Ihre Arbeitskraft war dabei alles, was ihn wirklich interessierte. Rúna wollte nur noch Ruhe um sich haben. Sie wollte allein sein und sich nicht dem stellen müssen, was nun auf sie zukam.
Ein letztes Mal atmete sie tief durch und versuchte dabei, das schmerzhafte Pulsieren der Brandwunden zu ignorieren. Dann schlug sie erneut die Augen auf und musterte den Mann neben ihr. Leise, da ihre Stimme kein bisschen Kraft hatte, aber doch entschlossen sprach sie dann aus, was sie dachte: „Ihr habt mich also zurückgeholt, Thorstein“, flüsterte sie resigniert, „und es wird nicht lange dauern, bis ich wieder für euch arbeiten kann. Ihr habt alles getan, was nötig war, um mir den Weg zu Hel zu versperren.“ Rúna atmete mehrmals hektisch durch, um ihr Leid und ihre Schmerzen zu beherrschen. Sie würde nicht vor diesem Mann weinen, niemals mehr! „Ich möchte zurück auf mein Lager“, ließ sie ihn dann beherrscht wissen. Und als sie sah, dass ihr Herr Anstalten machte, ihr zu widersprechen, hob sie ihre schwache Hand ein wenig, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben. „Bittet einen der Knechte, mich zurück auf den Heuboden zu bringen. Eine Sklavin wie ich hat hier nichts verloren.“

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    Was für eine Frau! Was für eine Kraft sie sich bewahrt hat trotz all der Demütigungen und jetzt der unglaublichen Schmerzen! Meine Hochachtung, Rúna!

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