Marlene

Als ich auf das Gymnasium komme, freunde ich mich schnell mit ein paar Mädchen an. Jedoch zeigt sich schnell, dass die Meisten ein falsches Spiel treiben. Lediglich eine Einzige ergreift immer wieder Partei für mich. Als wir auf Klassenfahrt sind, fangen die Anderen an, auch sie zu ärgern, doch sie entscheidet sich trotzdem, bei mir zu bleiben, mich weiterhin zu unterstützen. Dadurch gerät sie selbst ins Feuer, doch das ist ihr egal. Unser Verhältnis zueinander ist das zweier Schwestern, so stark und unermüdlich. Wir sind das Dreamteam schlecht hin, können über alles reden.

Nach einiger Zeit kommt sie mit den Anfeindungen der Anderen nicht mehr klar. Sie wird als Fett beschimpft, da sie ein wenig mehr auf den Rippen hat. Es fließen Tränen als einige der gut gebauten Mädchen sich einen bösen Spaß daraus machen, als sie mit einem Mitschüler zusammenstößt. „Zum Glück ist nicht sie auf ihn gefallen, sonst gäbs jetzt einen Fettfleck, keinen Jungen mehr.“ Das belastet sie, weshalb sie sich ein wenig von mir entfernt, um aus der Schussbahn zu sein.

Leider kommen deshalb bald die ersten Streits, unser Lieblingssatz ist stets „Wir streiten nicht, wir diskutieren!“ Wir schafften es dennoch jedes Mal uns wieder zusammenzuraufen.

Ich weiß nicht, warum, aber es kommt die Zeit, da erzählt sie mir nichts mehr, spricht nur noch über Fußball und YouTube. Anfangs fachsimple ich gern mit, lasse mich von ihrem Enthusiasmus mitreißen. Vielleicht bin ich einfach zu erwachsen geworden, denn bald interessieren mich die Themen nicht mehr. Da ihre Selbstgespräche zwei Drittel des Tages ausmachen, haben wir uns schnell nichts mehr zu sagen. Meistens nicke ich nur noch, oder lächle matt.

Irgendwann streite ich mich mit einer gemeinsamen Freundin, die mir droht sich zu ritzen. Ich habe die Nase voll von ihren ewigen Hysterie-Anfällen, und so mache ich das falscheste, was man wohl in dieser Situation tun kann. Ich schreibe „Dann tus doch, bring dich um. Ich jedenfalls werde dich nicht vermissen.“ Als Marlene davon wind bekommt, ist sie Sauer – zurecht. Doch dann geht auch sie zu weit. Alles was ich ihr jemals erzählt hab, im Vertrauen, tratscht sie an ihre Mutter weiter, welche dann zu meiner Mutter ins Büro geht, und ihr alles, was nicht für ihre Ohren bestimmt war, steckt. Noch dazu, als wenn das nicht schon genug wäre, dichtet sie mal eben noch ein paar lügen dazu, damit ich richtig blöd dastehe.

Natürlich spreche ich sie darauf an, doch alles was ich zu hören bekomme, ist, das ich selbst doch auch nie eine gute Freundin gewesen wäre. Ich hätte ihr nie zugehört, hätte ihre Probleme als Humbug abgetan und sie nie zu Wort kommen lassen. Außerdem hätte ich sie mit meinen Problemen zu sehr belastet.

Nun, ich rechtfertige mich nicht oft, aber hier muss ich etwas sagen.

1.       Ich habe ihr immer zugehört, im Gegensatz zu ihr. Wenn mich etwas nicht interessierte, dann hörte ich trotzdem zu, aus Höflichkeit. Diese Höflichkeit besaß sie nicht. Wenn sie etwas nicht hören wollte, so sagte sie so etwas wie „Interessiert mich doch nicht.“ und nahm ihr Gespräch wieder auf.

2.       Wie ich schon erwähnte, füllten ihre Selbstgespräche, die mich zwar nicht interessierten, die ich aber niemals gewagt hätte zu unterbrechen, mindestens zwei Drittel des Tages. Wenn also jemand nicht zu Wort gekommen ist, dann bin ich das.

3.       Ich habe ihre Probleme niemals als Humbug abtun können, denn sie erzählte mir nie welche. Ihre Gespräche waren stets belangloses Zeug. Zeit genug hatte sie, sie wollte nur nicht. Das dann auf mich zu schieben finde ich etwas makaber.

4.       Sind Freunde nicht da um ihnen Probleme zu erzählen? Und weil sie meine Probleme so sehr belasteten, plauderte sie sie zu Hause einfach aus?

Manchmal frage ich mich, ob sie uns beide nicht etwas verwechselt, doch ich akzeptiere ihre Meinung und setze mich von ihr weg, wodurch ich mich – Gott weiß warum – nochmals zum Gespött der Klasse mache, die nicht einmal etwas von dem Streit mitbekommen hatte.

Das ist also meine erste Erfahrung mit Menschen, in denen man sich ziemlich täuschen kann, und so bleiben mir nur noch zwei richtige Freunde.

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