Maya oder die Kunst des Sterbens

Eljie und ihr Mann Anas lebten damals in einem hübschen Haus in einem grossen Dorf. Als Maya zu ihnen kam, war sie dermassen verängstigt, dass niemand sich ihr nähern durfte. Sie fauchte und zeigte klar, dass sie bei der geringsten Annäherung kratzen oder beissen würde. Eljie und Anas stellten die alte Hundehütte in den Keller, polsterten sie weich aus, stellten zu essen und zu trinken in die Nähe und liessen die bereits ältere Katzendame zuerst einmal ankommen.
Es dauerte viele viele Wochen, bis sich Maya das erste Mal streicheln liess. Eljie hatte unterdessen erfahren, dass die ehemaligen Besitzer von Maya sie mit einer Wolldecke hatten einfangen müssen, um sie an ihren neuen Platz bringen zu können. Maya konnte es offenbar nur schlecht verkraften, dass diese ohne sie in ihr Heimatland zurückkehren wollten.
Anas verbrachte den Winter mehr oder weniger mit Maya im Keller. Er sass neben ihr, las oder plauderte mit der schwarzen Schönheit. Mit der Zeit durfte er sie sogar streicheln.
Langsam begann Maya Vertrauen zu fassen. Trotzdem hatte sie noch Angst, denn sie wusste, dass oben im Haus auch eine Hündin lebte.

Es war an einem Abend anfangs Frühling, als Maya auf einmal im Wohnzimmer auftauchte. Rasch umfing Eljie die Hündin, sprach leise und beruhigend auf sie ein und begrüsste gleichzeitig voller Wärme die mutige Katzendame. Maya setzte sich voller Vertrauen neben Anas in seinen Sessel.
Nach kurzer Zeit hatten Hund und Katze gelernt, sich zu respektieren, mehr noch, sich zu vertrauen.

Maya genoss drei schöne, sonnige Jahre mit ihrer neuen Familie.
Dann wurde sie krank. Sehr krank.
Eljie fand sie an einem Abend, von Krämpfen gezeichnet, im Büro. Es folgten schwere Tage für alle Familienmitglieder, denn Maya hatte ganz ausdrücklich jeglichen Besuch, eine Behandlung und die Erlösung durch die Spritze beim Tierarzt abgelehnt.

Eljie wusste sich kaum mehr zu helfen. Traurig wanderte sie mit ihrem Geist zu der kranken Katze. Doch was sie sah, liess ihr Herz sich weit öffnen.
Sie sah Maya weich gebettet auf einem Tuch. Helles Licht umgab sie. Von oben zeigte sich eine grosse, helfende Hand.
Eljie verstand...

Am nächsten Tag lebte Maya immer noch. Eljie hatte so sehr gehofft, Maya dürfe einschlafen.
Noch einmal wanderte Eljie mit ihrem Geist zu Maya.
Maya wirkte glücklich. "Ich freue mich auf drüben! Bald habe ich es geschafft!" lachte sie. Sie zeigte Eljie eine grosse Wiese im schönsten Sonnenschein. "Hier werde ich schon bald herumlaufen können!" erzählte sie Eljie voller Freude.
"Eljie, sag Anas, dass er mich bitte loslassen soll. Dann kann ich gehen. Solange er mich hält, muss ich noch bleiben... "
Ein tiefer Seufzer entrang sich Eljies Brust. Sie wusste, wie schwer dieser an Mayas bevorstehendem Tod trug.
Trotzdem versprach sie Maya, mit Anas zu sprechen. Sie dankte ihr für die gemeinsame Zeit, für all die Geschenke, die sie ihr und der ganzen Familie gemacht hatte.
"Ich habe zu danken, Eljie! Bei euch habe ich gelernt, dem Leben wieder zu vertrauen! Bei euch habe ich erfahren, was Liebe bedeutet! Sag das Anas! Sage ihm, wie sehr ich ihn liebe! Und dass diese Liebe nicht endet, wenn ich gehe!"

Eljie berichtete Anas schonend von ihrem Gespräch mit Maya.

Noch am selben Abend hörten sie auf einmal Maya  im unteren Stock rufen.
Alle drei eilten die Treppe hinunter, setzten sich im Halbkreis um die sterbende Katze. Maya hatte die Augen weit geöffnet. Ihr Blick, klar und entspannt, ging zuerst zur  Hündin, dann zu Eljie. Auf Anas blieb er liebevoll  liegen, während sie ruhig ihren letzten Atemzug tat.

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