Meine größte Angst

Glückliches Kinderlachen schallte durch das totenstille Wohnzimmer. Euphorisches Jauchzen brachte mein freudloses Herz dazu unrhythmisch zu schlagen. Ihre Augen strahlten, als sie auf dem Kettenkarussell saß und immer wieder rief "schneller", während sie sich Runde für Runde drehte. Liebevoll streichelte ich ihr Kuscheltierpferd, welches immer noch nach ihr roch, während ich diesen Moment des unfassbaren Glücks beobachtete.
Federleicht wurde meine Schulter durch eine Hand berührt, doch es fühlte sich an wie ein Schlag und ich zuckte zusammen. "Wir müssen los." Seine Stimme war kaum mehr als ein Wispern. Ein letztes Mal hörte ich sie lachen, bevor er den Fernseher ausschaltete und ihr Bild für immer verschwand. Er ging zur Tür und ich folgte ihm wie eine Marionette, deren Fäden er in der Hand hielt. Schritt. Schritt. Schritt. Ich setzte mich schwer atmend auf die Treppe. Mein Körper fühlte sich an wie Blei - ein Spiegelbild meines Herzens. Routiniert zog er meine Schuhe an und versuchte mich anzulächeln, doch es erreichte seine Augen nicht. Sein Blick war schmerzerfüllt, umrandet von tiefen schwarzen Augenringen. Ich streichelte sein Gesicht und kurz schloss er die Augen, bevor er sich abwendete.
Wir fuhren mit dem Auto. Die Welt zog mit ihren Häusern, Bäumen und Menschen vorbei. Unbedeutend. Vergänglich. Mein Blick erhaschte zwei spielende Kinder im Vorgarten, woraufhin ich meine Konzentration auf meine Hände richtete, die monoton das Kuscheltierfell streichelten. Als wir anhielten drehte er sich zu mir. "Du darfst ruhig weinen. Ich bin immer an deiner Seite." Obwohl ich nickte, wusste ich, dass ich niemals weinen würde. Nein. Sonst würde ich ertrinken im Meer der Verzweiflung...
Schwarz gekleidete Menschen kamen uns entgegen und ich senkte meinen Blick. Ich wollte sie nicht sehen, ertrug ihre Anwesenheit nicht. Sie sprachen Worte des Trostes und der Hoffnung, unwissend, dass jedes Wort wie Messerstiche für meine Seele waren.
Er nahm meine Hand und führte mich zu den Plätzen in die erste Reihe. Seine Hände waren kalt und feucht. Beinahe bewundernd sah ich zu ihm.  Keiner würde ihm ansehen, dass er genauso zerbrochen war wie ich. Niemand spürte seinen Schmerz und nicht einer würde von den Albträumen erfahren, die ihm jede Nacht den Schlaf raubten. Mein Fels in der Brandung. Mein Anker. Mein Mann.
"...Es war ein Leben voller Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit. [...] Viel zu früh wurde sie aus unserer Mitte gerissen und hinterlässt eine tiefe Lücke im Herzen aller. [...] Sie hat den Kampf voller Zuversicht geführt und trotzdem verloren." Während der Pfarrer redete, bedeutungslose Phrasen schwang, schrie ich innerlich, in der Hoffnung, dass er endlich Ruhe geben würde. Doch während mein Geist wütete, blieb mein Körper ruhig, gelähmt - unfähig meinem Geist zu gehorchen, der mich anflehte das alles zu beenden. 
Wir gingen hinaus, vorbei an Gräbern, die mit bunten Blumen und Kerzen bedeckt waren. Wie eine schwarze Narbe durchzogen wir die Gänge der letzten Ruhestätte. Unsere Familie stellte sich zu uns, schluchzend, weinend. Meine Mutti stand neben mir und ergriff meine Hand, die ich unwirsch abschüttelte. Verletzt sah sie mich an. Verstand sie nicht, warum ich so handelte? Wie konnte sie noch eine Tochter haben, während ich... während ich...
Ein nicht enden wollender Strom von Menschen zog an uns vorbei und umstellte ein tiefes dunkles Loch. Ich atmete tief durch und schloss für einen Augenblick meine Augen. Auf keinen Fall durfte ich die Fassung verlieren. Mein Mann drückte meine Hand etwas fester.  Es tat weh, doch ich begrüßte den Schmerz als willkommene Ablenkung. Wir waren einen Schritt vor dem Abgrund und klammerten uns verzweifelt an der Illusion uns gegenseitig Halt geben zu können. 
Wieder redete der Priester, doch ich verstand die Bedeutung der Worte nicht mehr. Stattdessen war mein Blick auf den kleinen weißen Sarg geheftet, der auf einen winzigen Podest neben dem tiefen und dunklen Loch stand. Auf ein unausgesprochen Signal hin, kamen Männer und begannen den Sarg in die Erde nieder zu lassen. Zentimeter für Zentimeter. Und mit jedem Millimeter zerbrach etwas in mir. 
Der Pfarrer trat vor. Er griff einmal in eine Schale voller Erde und warf es in das Loch. Dann holten seine Hände aus einer anderen Schale ein paar Blütenblätter, die er gleichfalls hinab fallen ließ. Nun folgten die anderen schwarzen Gestalten. Jedesmal, wenn eine Handvoll Erde nieder fiel, zuckte ich zusammen. Wieder und wieder und wieder. Nein. Nein! "Nein! Stopp! Das könnt ihr doch nicht machen!" Meine Stimme klang kratzig. Zu lange hatte ich geschwiegen. "Holt sie wieder hoch!" Tränen kullerten mein Gesicht hinab. Mehr und mehr und mehr. "Holt sie sofort hoch! Da drin liegt mein Baby!" Weinend fiel ich auf die Knie und blickte hinab ins Dunkle. "Bitte... Bitte! Ich habe doch noch ihr Kuscheltierpferd. Wie soll sie denn sonst schlafen? Versteht ihr das denn nicht?" Flehend sah ich mich um und  bekam Blicke voller Verständnislosigkeit, Verwirrung und Mitleid. "Bitte! Mein Baby! Bitte!!!" Doch keiner rührte sich. So versuchte ich selbst an den Sarg zu gelangen, beugte mich über den Rand und fiel....

Schweißgebadet erwachte ich. Mein Herz schlug wild in meiner Brust. Panik nahm mir die Luft zum Atmen. Wie in Trance stolperte ich in das Kinderzimmer, um meine Tochter seelenruhig schlafen zu sehen. Ich schluchzte auf und schlug meine Hände vor den Mund. Stille Tränen kullerten hinab. 
Mit zitternden Händen berührte ich sanft ihr Gesicht. Es fühlte sich warm an. Vorsichtig streichelte ich ihr Haar. "Mami?" Schlaftrunkend sah sie mich an. "Ist gut mein Baby. Ich bin es nur. Alles ist gut." Sie lächelte beruhigt und schloss ihre Augen. Im Halbschlaf rutschte sie zur Seite und hob ihre Decke, als Aufforderung mich zu ihr zu legen. So kuschelte ich mich nah an sie heran und verbarg mein Gesicht in ihren Haaren, hoffend, dass dieser Traum nie enden würde...

 

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