Meine Lippen sind versiegelt

Während Hollys Abwesenheit setzte ich mich an den überfüllten Schreibtisch und fing an, ihn aus purer Langeweile aufzuräumen. Auf den vielen Blättern standen entweder mathematische Formeln oder lange Texte.
Aber ich entdeckte auch ausnahmslos auf jeder Seite kleine Zeichnungen in den Ecken oder auf den Rückseiten. Sie schien sich nicht sehr auf die Unterrichtsinhalte zu konzentrieren.
Nachdem ich die Bücher aufeinander gestapelt und die Blätter geordnet hatte, schaltete ich den eher veralteten Computer an. Beim Hochfahren brummte er laut vor sich hin.
Als es im Zimmer stetig düsterer wurde, da die Sonne unterging, knipste ich die Schreibtischlampe an, um besser sehen zu können. Der Bildschirm des PCs flackerte auf. Ich hatte keine Lust im Internet zu surfen, darum spielte ich Solitär.
Da ich dieses Kartenspiel seit einer Ewigkeit nicht mehr gespielt hatte, verlor ich bei den ersten drei Malen kläglich. Mit der Zeit wurde ich jedoch eindeutig besser und ich bekam richtig Spaß.
Um halb elf kam Holly zurück. Sie stellte sich hinter mich und schaute mir still beim Kartenlegen zu.
„Und wie war´s?“
„Sehr schön“, war ihre knappe Antwort.
Während sie mich beobachtete, fuhr ich den PC herunter. Danach drehte ich den Stuhl mit einem Schlenker zu Holly. Diese setzte sich auf meinen Schoß.
„Wie ich sehe, hast du die Zeit genutzt, um das Chaos auf meinem Schreibtisch zu beseitigen.“ Sie sprach gegen meine Brust und ich konnte ihr Lächeln auf meiner Haut spüren.
„Ich bin keine Unordnung in meiner Umgebung gewohnt, da musste ich dein Zimmer zumindest teilweise meinem Standard anpassen.“ Amüsiert gluckste ich.
„Das finde ich sehr nett von dir. Dann muss ich es zumindest nicht machen.“
„Ein bisschen Aufräumen wird dich schon nicht umbringen.“
„Das meinst aber nur du.“ Sie gähnte ausgiebig und lange.
„Da ist wohl jemand müde.“ Holly nickte nur und rieb sich bereits die erschöpften Augen.
„Geh lieber ins Bett, Holly.“
„Nein.“ Sie war auf einmal hellwach.
„Wenn ich ins Bett gehe, dann verlässt du mich und dann bin ich stundenlang alleine, ohne dich.“ Ihre Worte überschlugen sich. Verzweifelt und ängstlich suchte sie meinen Blick.
„Beruhige dich. Ich hatte gar nicht vor wegzugehen.“
„Wirklich?“, fragte sie unsicher.
„Ja.“ Ich breitete meine Arme aus. Erleichtert strahlte sie mich an und umarmte mich ungestüm. Ich fuhr ihr durch die Haare und küsste sie auf den Kopf.
„Du solltest dich jetzt umziehen, sonst kommst du ja nie ins Bett.“
„Ich kann sowieso nicht schlafen, wenn du hier bist.“
„Soll ich dann doch lieber gehen?“ Behutsam strich ich ihr vom Nacken über den Rücken, bis zu ihrem Steißbein.
Leicht zuckte sie unter meiner Berührung zusammen.
„Nein“, sagte sie mit fester Stimme.
„Ich zieh was anderes an.“ Gut gelaunt holte sie ihre Schlafsachen aus dem Kleiderschrank und ging zum Bad.
„Du kannst auch ruhig hier bleiben.“ Frech zwinkerte ich ihr zu.
„Werd jetzt bloß nicht unverschämt. Du musst mich nicht noch mal in Unterwäsche sehen.“ Ihre Wangen färbten sich langsam rosa.
„Was meinst du denn damit?“ Ich hatte keine Ahnung, worauf sie hinaus wollte.
„Das weißt du genau Mr. Ich-zieh-ihr-mein-Hemd-an, während-sie-schläft.“ Das Rosa wurde zu rot. Holly versuchte streng oder auch böse zu klingen, doch ihre Verlegenheit machte alles zunichte.
Es fiel mir schwer sie ernst zu nehmen, aber mir wurde bewusst, dass ihr die Tatsache, dass ich sie nur in Unterwäsche gesehen hatte, äußerst peinlich war. Dabei hatte ich es nur gut gemeint, als ich Holly aus ihren engen Klamotten befreit und ihr mein Hemd gegeben hatte. Ich würde lügen, wenn ich es nicht auch zu 10% aus Eigennutzen getan hatte.
Sie hatte in dieser Nacht überirdisch schön ausgesehen. Zusammengekauert hatte sie auf meinem Bett gelegen, in ihrer schwarzen Unterwäsche und die zarte Haut erhellt vom Mondlicht. Ich hatte mich neben sie gelegt und sie minutenlang angestarrt.
Als ich bemerkt hatte, wie sie vor Kälte zitterte, hatte ich mir das Hemd ausgezogen und es ihr vorsichtig und liebevoll über den Kopf und dann über den Körper gezogen.
„Tut mir leid, Holly. Ich hätte dich vorher um Erlaubnis bitten müssen.“
Ich setzte mich auf die Bettkante und sah ihr dabei zu, wie sich ihre Gesichtsfarbe wieder normalisierte und sie ins Bad verschwand. Ich hörte das Wasser der Dusche. In der Zeit, in der sie sich bettfertig machte, zog ich mir die Schuhe aus und stellte sie unter den Schreibtisch.
Dann hob ich die herumliegenden, getragenen Klamotten auf und wartete, bis Holly fertig war.
Kurze Zeit später kam sie mit feuchten, strubbligen Haaren aus dem Bad. Sie trug eine bequeme schwarze Schlafanzughose und ein hellblaues Top, auf dem Bibo aus der Sesamstraße abgebildet war.
„Du siehst…niedlich aus.“ Beschämt schaute Holly zur Seite.
„Du machst dich doch nur lustig über mich.“
„Nein, ich meine das ernst. Du siehst immer niedlich aus. Egal, was du trägst.“
„Ja klar.“ Sie verdrehte die Augen.
„Hier.“ Ich gab ihr die aufgesammelte Kleidung. „Die habe ich auf dem Boden gefunden. Du solltest wirklich hin und wieder aufräumen.“
„Danke, Dad“, brummte Holly grimmig. Sie stopfte die Sachen gewaltsam in den Wäschekorb und schloss die Badezimmertür. Ich trat so nahe an sie heran, dass sie nicht an mir vorbeikam. Ich klemmte ihr die Haare hinter die Ohren, ehe ich ihr linkes Ohr küsste. Holly versteifte sich und seufzte.
„Ich finde dich nicht nur niedlich, sondern auch äußerst attraktiv.“
„Wir…Wirklich?“ Ihre Stimme zitterte.
„Ja, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr. Ich begehre nichts mehr auf dieser Welt, als dich“, hauchte ich und biss ihr ins Ohrläppchen. Dies schien sie aus ihrer Trance herauszuholen.
Aus Rache zog sie mir kurz, aber fest, an den Haaren. Gespielt empört sah ich sie an.
„Was ist das denn für ein Benehmen?“
„Ich habe dir gesagt, dass ich auch anders kann.“
„Ja, aber jetzt ab ins Bett.“ Ich schob sie zum Bett. Sie schlug die Decke zur Seite und kuschelte sich darin ein. Ich wollte mich gerade umdrehen und mein Schlafquartier, den Schreibtischstuhl beziehen, als sie mich am Handgelenk packte.
„Wo willst du hin?“, fragte sie unsicher und strich mir mit dem Daumen über den Handrücken.
„Ich will zum Schreibtisch. Ich setzte mich auf den Stuhl, damit du in Ruhe schlafen kannst.“
„Nein“, schmollte sie und zog mich aufs Bett.
„Du schläfst natürlich bei mir.“
„Bist du dir sicher?“
„Das ist eine überflüssige Frage, James.“
Holly hob die Decke an und rutschte ein Stück zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich legte mich neben sie. Sofort schmiegte sie sich an mich und legte ihren Kopf auf meine Brust. Eine Weile lagen wir still nebeneinander.
„Ich liebe den Rhythmus deines Herzens. Er beruhigt mich immer“, nuschelte sie leise, sodass ich sie kaum verstehen konnte. Sie würde bald einschlafen. Ich spielte mit einer ihrer langen Haarsträhnen. Noch einmal gähnte sie.
„Ich liebe dich, James Roddick.“ Ihre Worte waren nicht mehr, als ein Flüstern. Sie schloss ihre Augen und atmete ruhig und regelmäßig.
„Ich dich auch“, entgegnete ich, aber ich bezweifelte, dass sie mich noch hörte. Ich nahm die Decke und legte sie fest um Hollys Körper.
Dann verschränkte ich die Hände hinter den Nacken und versuchte ebenfalls einzuschlafen, doch leider gingen mir zu viele Gedanken durch den Kopf.
Dabei merkte ich, seit ich mich hingelegt hatte, wie mich die Ereignisse des heutigen Tages ermüdet hatten. Ich war beinahe 24 Stunden auf Achse und hatte ein Gefühlschaos hinter mir.
Mit kreisenden Bewegungen massierte ich meine Schläfen und atmete tief durch.
Die Bilder des heutigen Tages verdrängte ich erst einmal und betrachtete Holly im Schlaf, um mich abzulenken.
Leicht zuckte ihr rechter Mundwinkel und ihre Lippen hatte sie aufeinander gepresst. Ich strich über die zarte Haut ihrer Wangen und legte mich auf die Seite, damit ich sie besser sehen konnte. Während sie schlief, wirkte sie unruhig. Sie zog die Stirn in Falten und wälzte sich hin und her.
Als sie sich wieder zu mir rollte, schlang ich meinen rechten Arm um sie und hielt Holly fest. In meinen Armen zuckte sie wie wild. Ich packte fester zu und wiegte sie wie ein Neugeborenes, um sie zu beruhigen. Zuerst schien es keine Wirkung zu haben, doch dann entspannten sich ihre Muskeln und ihre Arme wurden schlaff. Es wurde still im Zimmer und allmählich wurden meine Lider schwerer.

Mein Schlaf war trotz der aufwühlenden, vergangenen Stunden tief und zum Glück auch traumlos gewesen. Ich hätte noch weiter schlafen können, aber ein heftiger Schlag gegen meine Brust ließ mich meine Augen schlagartig öffnen. Ich war im ersten Augenblick völlig orientierungslos und hatte keinen Schimmer, wo ich war.
Aber als ich die lilafarbenen Wände sah, fiel mir ein, dass ich bei Holly war. Ich blickte nach links, doch sie lag nicht mehr neben mir. Stattdessen hatte sie ihren Oberkörper starr aufgerichtet und murmelte immer wieder meinen Namen vor sich hin. Sie musste einen unruhigen Schlaf gehabt haben und hatte mich beim Aufwachen schmerzhaft am Brustkorb erwischt. Ich setzte mich ebenfalls auf und umarmte sie von hinten. Sie zuckte erschrocken zusammen und sah mich von der Seite her ängstlich an.
„Alles in Ordnung, Holly?“, fragte ich besorgt und küsste sie auf die Nasenspitze. Langsam, wie in Zeitlupe, nickte sie.
„Ich hatte nur einen Albtraum.“ Sie winkte ab.
„Muss ich das nun so verstehen, dass ich ein Albtraum bin?“ Liebevoll lächelte ich Holly an und fasste sie an den Händen. Sie waren feucht und eiskalt.
„Wie meinst du das?“
„Du hast eben einige Male meinen Namen gesagt, daher nehme ich an, dass du von mir geträumt hast.“ Ihr ganzer Körper fing an zu beben. Ich glitt ihre Arme hinauf und stellte fest, dass diese auch kalt waren. Ich fing an mir Sorgen zu machen.
„Der Traum muss aber sehr furchteinflössend gewesen sein.“ Sie antwortete nicht. Ich rückte noch näher an sie heran, um sie zu wärmen und ihr zu zeigen, dass sie nicht allein war.
„Ich…ich…“, ihre Stimme brach ab. Holly rang nach Atem und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
„Ich habe tatsächlich von dir geträumt. Ich habe dich vor mir gesehen, blutüberströmt und tot. Ich habe alles getan, um dich wiederzubeleben, aber es ist nichts passiert. Rein gar nichts. Überall war dein tiefrotes Blut. Überall, auch an meinen Händen und…“ Weiter konnte sie nicht. Sie hob ihre zitternden Hände auf Augenhöhe.
„An diesen Händen war dein Blut, James“, presste sie mit erstickender Stimme hervor. Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen und schluchzte. Es tat weh sie in diesem Zustand zu sehen, an dem nur ich Schuld trug.
„Es war ein Traum, Holly. Mir wird schon nichts geschehen. Ich kann auf mich aufpassen.“ Ich hoffte sie beruhigen zu können.
Holly ließ zumindest ihre Hände sinken und das Schluchzen hatte nachgelassen.
„Ich weiß, dass es bloß ein Traum war, dennoch habe ich solche Angst um dich. Ich habe Angst, dass dein Tod Realität wird.“
Als sie mich wieder ansah, war ihr Gesicht übersäht mit Tränen, die sie meinetwegen vergossen hatte. Holly lehnte sich zurück, direkt an mich und suchte Schutz vor ihrer panischen Angst. Behutsam strich ich ihr über den Rücken.
„Mir wird nichts passieren, aber damit du wieder in Ruhe schlafen kannst, verspreche ich dir immer besonders auf mich Acht zu geben. Schließlich habe ich einen guten Grund zu leben, nämlich dich Holly.“
Meine Worte entlockten ihr ein schüchternes und unsicheres Lächeln. Sie legte ihren Kopf gegen meine Brust.
„Geht´s dir besser?“ Trotz ihres Lächelns machte ich mir immer noch große Sorgen.
„Etwas.“ Mir reichte ihre Antwort nicht.
„Was kann ich tun, damit es dir nicht nur etwas besser geht, sondern dass du von Herzen glücklich bist?“ Gespielt angestrengt dachte sie über meine Frage nach.
„Ein Kuss wäre nicht schlecht.“
„Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Ich nahm ihr zartes Gesicht in meine Hände und küsste sie. Leicht öffnete sie ihren Mund und der Kuss wurde leidenschaftlicher. Dann löste sie ihre Lippen von meinen, nur, um sich auf mich zu setzten. Ich schlang meine Arme um ihre Hüften und genoss den Kuss, den sie fortsetzte.
„Du bringst mich noch um den Verstand“, flüsterte sie leise in mein Ohr. Mich überkam erneut eine Hitzewelle, die mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Hollys Haare waren noch zerzauster, als am Vorabend und standen in alle Richtungen ab.
Als sie den Kuss unterbrach, strahlte das Blau ihrer Augen unglaublich hell.
„Mir geht es schon viel besser, James.“ Frech grinste ich.
„Das finde ich gut.“ Ich fuhr ihr mit einer Hand über die schwarzen Haare, damit sie etwas ordentlicher aussah. Verlegen senkte sie den Blick. Rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen.
„Ich sehe wohl ziemlich wild aus.“ Nervös glättete sie ihre Hose und das Top. Ich stand auf und setzte sie sanft auf dem Boden ab.
„Du siehst bezaubernd aus.“ Mit dem Mittelfinger tippte ich ihr gegen die zierliche Stupsnase.
„Ja, aber nur, wenn ich nicht gerade aufgestanden bin und ordentliche Klamotten anhabe, mit denen ich mich auch in die Öffentlichkeit trauen kann.“ Sie betrachtete ihr Top, das in der linken unteren Ecke helle Flecken aufwies. Mit dem Daumen kratzte sie an ihnen, um sie, so gut es ging, zu entfernen.
„Wie oft muss ich es dir noch sagen, Holly, du unterschätzt andauern sowohl deine Schönheit, als auch dein reizendes Wesen.“
„Du bist verrückt.“ Ihr Blick war noch immer nach unten gerichtet. Mit ihren Händen schnappte sie sich den Saum meines Hemdes und spielte nervös an ihm herum.
„Ich bin nicht verrückt, sondern ehrlich.“ Darauf entgegnete sie nichts, stattdessen ging sie zum Wecker und schaute nach der Uhrzeit.
„Ich muss mich langsam für die Schule fertig machen.“ Holly ging an mir vorbei und wollte schon ins Bad verschwinden, als ich mich ihr unverblümt in den Weg stellte und sie abfing. Ich beugte mich zu ihr herunter, legte meine Wange an ihre und sog ihren blumigen Duft ein.
„Was machst du denn?“ Sie kicherte leise, weil mein Atem sie kitzelte.
„Ich will bloß deinen Duft als Überbrückung für die Zeit, in der du dich im Bad aufhältst. Ohne eine Erinnerung an dich würde ich es nicht aushalten.“
„Ich sag es dir nur noch einmal, James: du bist verrückt.“ Ich spürte die aufsteigende Wärme ihrer Haut.
„Ich muss mich wirklich fertig machen.“ Ungern löste ich mich von ihr.
„Du hast gesagt, dass du dich langsam fertig machen musst.“ Ich setzte ein schiefes Lächeln auf. Spaßhaft schlug sie mir gegen die linke Schulter.
„Du bist unmöglich. Musst du alles wörtlich nehmen?“ Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust.
„Ja, ich nehme schließlich jedes Wort, das von deinen hübschen Lippen kommt, ernst.“
„Sehr nett von dir, danke.“ Galant wirbelte Holly um mich herum und huschte ins Badezimmer, so ungewohnt schnell, dass ich sie nicht mehr in die Finger bekam. Es ärgerte mich ein bisschen, da ich normalerweise derjenige war, der die superguten Reflexe besaß. Aber diesmal war sie mir entwischt, wie die verführerische und wohlriechende Beute dem hungrigen Jäger.
Ich hockte mich vor das Bett in den Schneidersitz und wartete gelangweilt auf ihre Rückkehr. Ich hörte das Rauschen des Wassers und ein paar Minuten später das laute regelmäßige Dröhnen eines Föns.
Nach einer Viertelstunde kam Holly frisch geduscht und diesmal mit trockenen Haaren zurück. Um ihren Körper hatte sie einen weißen flauschigen Bademantel geschlungen. Voller Energie tänzelte sie zum Kleiderschrank und riss die Türen weit auf.
Obwohl ich gegen meinen Willen einige Minuten in dem Schrank verbracht hatte, hatte ich nicht bemerkt, wie voll gestopft und unordentlich er war. Aber, nachdem ich das Chaos in ihrem Zimmer gesehen hatte, war der überfüllte Inhalt des Schranks keine Überraschung. Ratlos stand Holly vor ihren Kleidungsstücken und legte den Kopf schräg. Dann drehte sie sich zu mir um und schaute mich verzweifelt an.
„Was soll ich anziehen?“ Ein typisches Frauenproblem, das kein Mann lösen konnte, ohne, dass die Frau in Tränen ausbrach oder vor Wut an die Decke ging. Ich zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass du in allem perfekt aussiehst.“ Sie stöhnte genervt und stampfte mit dem Fuß auf.
„Du bist mir keine große Hilfe, James“, jammerte sie.
„Keine Panik. Die Kleiderfrage ist nicht überlebenswichtig.“ Als sie mir ihren Rücken zuwandte, schmunzelte ich. Nach fünf Minuten schnappte sie sich mies gelaunt eine schwarze Jeans und einen kobaltblauen Rollkragenpullover und verschwand erneut ins Badezimmer.
Damit ich mich nicht völlig nutzlos fühlte, stand ich auf und ging zum Schreibtisch. Das Fenster dahinter zeigte mir einen grauen Himmel. Es würde wohl kein schöner Tag werden. An einer Pinnwand, die Holly direkt neben dem kleinen Fenster angebracht hatte, entdeckte ich ihren Stundenplan.
Um ihr etwas Gutes zu tun, warf ich einen kurzen Blick auf ihre heutigen Fächer und packte ihren Rucksack mit den entsprechenden Büchern. Ich musste feststellen, dass er voll gepackt ziemlich schwer war. Meiner Meinung nach war er viel zu schwer für Hollys zierlichen Körper.
Auf einmal spürte ich die dünnen Arme von ihr, die meinen Bauch umklammerten. Sie schmiegte sich an mich.
„Was machst du?“ Ich drehte mich in ihrer Umarmung um.
„Ich war so charmant und habe deinen Rucksack gepackt.“ Verwirrt zog sie eine Augenbraue in die Höhe.
„Wirklich? Woher kennst du denn meine Fächer für heute?“ Wortlos zeigte ich mit der linken Hand auf den Stundenplan.
„Ach so, danke.“ Holly lächelte und gab mir einen Kuss aufs Kinn. Dann wurde ihr Blick traurig und das Lächeln fror ein.
„Ich muss frühstücken und dann auch schon in die Schule, aber ich will nicht gehen. Ich will dich nicht verlassen.“
Der Ton ihrer Stimme wurde lauter und hektischer.
Ich konnte bloß den Kopf schütteln. Sie musste alles dramatisieren.
„Ich würde auch viel lieber den Rest des Tages mit dir verbringen, anstatt wegen nerviger Verpflichtungen aufstehen zu müssen, aber wir müssen realistisch bleiben. Du musst in die Schule, was anderes würden deine Eltern auch nicht wollen.“ Holly verdrehte die Augen.
„Mir ist egal, was meine Eltern wollen.“ Sie klang trotzig, wie ein kleines Kind.
„Irgendwann hätte ich sowieso gehen müssen. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht in 20 Minuten.“ Sie stöhnte.
„Du hast recht, aber trotzdem finde ich es blöd.“ Ich wuschelte ihr durch die Haare.
„Kopf hoch, Holly, ich komme ja bald wieder. Versprochen ist versprochen.“ Leicht zuckten ihre Mundwinkel nach oben, doch so wirklich begeistern konnte ich sie nicht.
„Ich werde dann mal verschwinden.“ Ich drehte mich von ihr weg und wollte gehen, aber ich hatte nicht mit Hollys Beharrlichkeit gerechnet. Sie schnappte sich blitzschnell meine rechte Hand und hielt mich mit aller Kraft fest.
„Bitte, verlass mich nicht.“ Flehend sah sie mich an.
Bald wäre ich sogar schwach geworden, doch es ging nun mal nicht anders.
„Ich kann nicht für immer in deinem Zimmer bleiben, versteckt vor deinen Eltern. Wenn du von der Schule kommst, dann werde ich vor deinem Haus warten. Verlass dich drauf, Holly.“ Ich konnte sehen, wie schwer es ihr fiel sich von mir zu verabschieden.
Ihre Hand in meiner verkrampfte sich, bevor Holly sie wegzog. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, vermutlich, um nicht wieder in Versuchung zu geraten mich zu packen und aufzuhalten.
Ich schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, ehe ich zum Schreibtisch ging und das dahinter liegende Fenster öffnete. Eiskalte Luft strömte herein und brachte mich zum Frösteln. Galant stieg ich über den Tisch, ohne irgendetwas zu berühren.
„Was zur Hölle machst du da?“, zischte Holly hinter mir.
„Ich klettere aus dem Fenster, dass siehst du doch“, erklärte ich mit einer Selbstverständlichkeit, die sie erschrecken ließ. Ich stellte meine Füße auf die Fensterbank und hoffte, dass sie mein Gewicht aushielt. Ich schaute mich um, auf der Suche nach etwas, woran ich herunterklettern konnte.
Zum Springen war es eindeutig zu hoch. Zum Glück befand sich einen halben Meter vom Fenster entfernt die Regenrinne. Ich brauchte mich nur an ihr festzuhalten und langsam hinab zu gleiten. Das müsste problemlos funktionieren.
„Bist du wahnsinnig? Wie willst du denn bitte da runterkommen?“ Holly stand vor dem Schreibtisch und beobachtete mit einer Mischung aus Angst und Skepsis meine Kletteraktion.
„An der Regenrinne.“ Wie wild schüttelte sie den Kopf.
„Das kommt nicht in Frage. Das ist viel zu gefährlich. Wieso benutzt du nicht wie jeder normaler Mensch die Tür?“
„Weil deine Eltern unten sitzen und sie mich nicht sehen sollen oder hast du das schon wieder vergessen?“ Leicht weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen.
„Das habe ich tatsächlich vergessen, aber bei meinem Gedächtnis ist das auch keine Überraschung.“ Ich lachte laut auf.
„Da hast du absolut recht.“ Böse funkelte Holly mich an.
„Mach dich nicht über mich lustig, dass kann ich nicht leiden“, sagte sie eingeschnappt.
Ich zuckte bloß mit den Achseln und setzte mich auf die kalte Fensterbank. Unter mir ertönte ein unüberhörbares Ächzen. Ich schluckte. Als ich nach unten schaute, entdeckte ich zwei kümmerliche Büsche. Die würden meinen Fall notfalls nicht abbremsen.
„Ich will zwar nicht, dass meine Eltern dich sehen, doch du musst dafür dein Leben nicht riskieren. Vielleicht kannst du dich ungesehen an ihnen vorbei schleichen.“
„Nein“, widersprach ich bestimmend, „ich will dir keinen Ärger machen und außerdem hat sich der Gedanken, aus dem Fenster zu klettern, in meinem Kopf verankern, also werde ich es machen.“
Unter der Bank verlief eine Panele, die wenige Zentimeter hervorragte. Ich stellte meinen Fuß schräg und stellte ihn auf den winzig kleinen Vorsprung. Dann folgte der andere Fuß. Von drinnen hörte ich die lauten Atemzüge von Holly.
Ich konzentrierte mich jedoch auf meinen Halt und die Balance. Als ich mir sicher war, dass ich einen festen Stand hatte, drehte ich mich vorsichtig um, damit ich von draußen in ihr Zimmer sehen konnte. Holly hatte die rechte Hand vor Schreck und Aufregung vor den Mund geschlagen.
„Sei bitte vorsichtig.“ Sie hatte ihre Stimme wiedergefunden. Sie war durchzogen von panischer Angst. Verschmitzt grinste ich.
„Ich bin vorsichtig, keine Sorge. Aus einem Fenster klettern ist eine meiner leichtesten Übungen.“ Überheblich zwinkerte ich ihr zu.
„Mir ist egal, wie oft du sowas schon gemacht hast oder nicht. Ich sterbe hier gerade vor Angst um dich hundert qualvolle Tode.“ Ihr Gesicht war blass und ihre Lippen zitterten nervös.
„Tut mir leid. Willst du mir trotzdem noch einen Abschiedskuss geben?“
„Das ist gemein.“
„Warum?“ Holly stemmte die Hände in die Hüften.
„Weil du ganz genau weißt, dass ich zu einem Kuss niemals nein sagen würde.“
„Das verstehe ich jetzt mal als ein ja.“ Grinsend verdrehte sie die Augen. Dann kam sie näher, legte sich halb auf den Schreibtisch und stützte das Kinn auf die Hände.
„Du siehst hinreißend aus.“ Ihre strahlenden Augen und der Kopf, den sie zur Seite geneigt hatte, verwandelten sie in einen bezaubernden Engel. Ihr Anblick machte es schwer für mich sie zu verlassen. Wir beide beugten uns so weit nach vorne, bis sich unsere Lippen berührten. Der Kuss war nur kurz, da ich Holly nicht weiter aufhalten wollte. Ihre Wangen färbten sich rosa und sie bekam einen verklärten Blick.
„Irgendwie fängt es an mir zu gefallen, dass du an meinem Fenster hängst, mich küsst und mir Komplimente machst. Das ist sehr romantisch.“
„Dann ist es wohl eine Überlegung wert öfters durchs Fenster zu klettern.“ Ihr Gesicht wurde auf einen Schlag ernst.
„Lieber nicht, sonst sterbe ich noch an einem Herzinfarkt.“
„Das will ich natürlich nicht riskieren. Ich komme dann das nächste Mal durch die Tür ins Haus.“ Sie schmunzelte.
„Das klingt schon besser.“ Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Bis später.“
Sehnsüchtig sah Holly mir zu, wie ich mich langsam und vorsichtig auf die Regenrinne zu bewegte. Mir trat der Schweiß auf die Stirn und zu meinem Pech wurden auch meine Hände schwitzig. Als ich mit der linken Hand nach der Rinne griff, rutschte sie durch die Feuchtigkeit ab.
„Mist“, fluchte ich leise vor mich hin und versuchte ein weiteres Mal die Rinne gepackt zu bekommen. Diesmal klappte es und ich klammerte mich mit der Hand an das metallene, eisige Rohr.
Ich beeilte mich, die Rinne hinab zu klettern, da sich meine Finger wie taube, unbewegliche Stumpen anfühlten. Meine Nägel hatten sich blau verfärbt und die Haut war durch die Kälte leicht rötlich. Nach zwei Minuten berührten meine Füße festen Boden und ich konnte die verfluchte Rinne loslassen. Sofort rieb ich die Hände aneinander, um sie zu wärmen. Das kam nun mal davon, wenn man auf die glorreiche Idee kam eine Regenrinne am frühen Morgen herunterzuklettern.
Ich entfernte mich vom Grundstück, aber nicht, ohne einen letzten Blick aufs Haus zu werfen. Ich hoffte Holly vielleicht am Fenster zu sehen, doch sie tauchte nicht auf.
Niedergeschlagen stapfte ich die Straße entlang und überlegte krampfhaft, wie ich die kommenden Stunden ohne sie verbringen sollte. Wenn meine Suzuki nicht Schrott gewesen wäre und im Nirgendwo gestanden hätte, dann wäre ich durch die Gegend gekurvt oder wäre nach Hause gefahren. Doch die Realität sah nun mal anders aus und da ich keine Lust hatte, erneut ein Taxi mit einem nervigen Fahrer zu bestellen, trottete ich gemächlich Richtung Innenstadt.
Es war kühl und windig noch dazu. Mir passte das Wetter gar nicht, denn ich hatte keine Jacke mitgenommen und so musste ich frieren. Nachdem ich Holly verlassen hatte, fühlte ich mich auf einen Schlag einsam und verloren. Ich wusste nicht, wo ich hin sollte.
Die Ungewissheit nagte an mir und plötzlich begann ich wieder mein ganzes Leben und den Sinn meines Berufes in Frage zu stellen. Wieso tötete ich eigentlich? Weil es mir Vergnügen bereitete oder weil ich die vergangenen Jahren nichts anderes getan hatte, also aus reiner Routine?
Es war eine Mischung aus Beidem, aber war ich in der Lage mein Leben umzukrempeln und wie jeder andere Mensch einem ordentlichen, von der Gesellschaft akzeptierten, Beruf nachzugehen? Ich zweifelte stark an meinem Durchsetzungsvermögen und dem Willen aufzuhören.
Normalerweise sagte ich jedem meine Meinung und vertrat sie, ohne von ihr abzuweichen, doch bei meinem Boss war das eine ganz andere Geschichte. Ich hatte keine Angst vor Jericho, wenn es Mann gegen Mann hieße, schließlich war er schwächer und älter, als ich. Seine guten Tage waren längst vorbei. Das, was mir Angst einjagte, war seine Rache, falls ich aussteigen würde.
Für ihn gab es nichts Schlimmeres, als einen potenziellen Verräter, der alle lebenslänglich ins Gefängnis bringen konnte. Er würde alle meine Kollegen zu mir schicken, um mir den Gar aus zu machen. War ich also feige, wenn ich aus Angst um mein Leben weitermachte?
Nein, denn mein Selbsterhaltungstrieb setzte nur ein und dass war vollkommen normal. Aber war es richtig Leben zu beenden, um mein Eigenes zu retten? Eine schwierige Frage, die ich nicht alleine beantworten konnte.
Ich brauchte dringend einen Rat und mir fiel nur ein Mensch ein, mit dem ich meine Sorgen bei diesem Thema teilen konnte: Emilia McDermott. Hektisch kramte ich mein Handy aus der Hosentasche und tippte ihre Nummer aus meinem Gedächtnis ein, da Jericho uns verboten hatte die gegenseitigen Nummern zu speichern.
Auch gesendete SMSen durften wir nicht abspeichern, da die Gefahr, ein Handy zu verlieren, viel zu groß war. Schließlich könnte es jemand finden und aufgrund der gesendeten Nachrichten zur Polizei bringen. Dann wären wir nämlich alle geliefert, ohne Ausnahme. Es klingelte nur einmal, bis sie abnahm.
„Ja?“ Sie klang so fröhlich und ausgelassen wie immer.
„Hier ist James.“
„Hi. Was gibt´s?“
„Hast du Zeit für mich?“ Ich versuchte beiläufig zu klingen und nicht verzweifelt. Am Ende der Leitung war es still. Emilia schien nachzudenken.
„Ja, wo treffen wir uns?“
Zum Glück fragte sie nicht nach, was ich von ihr wollte. Der Moment der Wahrheit würde jedoch später auf mich zukommen.
„In der Stadt gibt es ein Cafè direkt neben der Bank. Kennst du das?“
„Hmm ja, das kenne ich. Soll ich sofort hinkommen?“
„Ja, ich komme vermutlich etwas später, darum kannst du dich ruhig schon ins Cafè setzen, wenn du da bist.“
„Gut, dann bis gleich.“ Sie legte auf. Mir ging es bei der Aussicht auf die Lösung meines Problems schon viel besser. Ich beschleunigte meinen Schritt. Der Wind wurde heftiger und pfiff mir um die Ohren.
Nach einer halben Stunde, die mir wie zehn Stunden vorkam, erreichte ich die ersten Läden der Innenstadt. Es waren viele Frauen mit ihren kleinen Kindern, die noch nicht schulpflichtig waren, unterwegs und machten die ersten Besorgungen des Tages. Sie hatten sich in dicke Jacken gehüllt und schützten ihre Ohren mit Mützen gegen den Wind. Bei dem Anblick von warmer Kleidung legte ich noch einen Gang zu. Dank meiner Geschwindigkeit erreichte ich auch bald das Cafè neben der großen Bank.
Durch das breite und hohe Schaufenster sah ich die kleinen, aus Kiefernholz bestehenden, Tische mit den dazu passenden Stühlen. Es waren bereits einige Plätze besetzt. Auf der linken Seite, hinten in der Ecke, erblickte ich Emilias freudestrahlendes Gesicht, das von der Wärme im Inneren leicht gerötet war. Ich betrat den Laden und steuerte direkt ihren Platz an.
Die Hitze, die hier drinnen herrschte, erschlug mich beinahe. Als Emilia mich mit ihren blauen Augen fixierte, winkte sie mir zu. Ich nickte gelassen und setzte mich auf den noch freien Stuhl.
„Wartest du schon lange?“ Sie schüttelte den Kopf. In ihre blonden Haare hatte sie einen dünnen schwarzen Haarreif mit einer kleinen Schleife gesteckt.
„Willst du was bestellen?“ Vor ihr stand eine dampfende Tasse mit Kaffee.
„Im Moment nicht.“ Sie musterte mich.
„Vielleicht solltest du dir auch einen Kaffee bestellen, James. Du siehst durchgefroren aus. Hast du keine Jacke?“
„Doch, aber ich habe sie Zuhause vergessen.“
„Ach so“, flötete Emilia und nahm einen Schluck. Sie war extrem gut gelaunt. Ich dagegen war nervös, seit ich das Cafè betreten hatte.
„Also“, sie stellte die Tasse zurück auf ihren Platz, „warum wolltest du dich mit mir treffen?“ Gespannt schaute sie mir in die Augen und neigte sich zu mir. Kaum merklich schluckte ich. Wie sollte ich nur anfangen?
„In letzter Zeit mache ich mir häufiger Gedanken über…über meine Zukunft in unserem Gewerbe.“ Unsicher beobachtete ich ihre Reaktion aus den Augenwinkeln. Sie wirkte nachdenklich. Ihre Stirn lag in Falten und ihr Blick war ernst.
„Über was denkst du genau nach?“
„Versprichst du mir, dass du keiner Menschenseele jemals von diesem Gespräch zwischen uns erzählen wirst?“ Sie schmunzelte.
„Meine Lippen sind versiegelt.“ Sie legte den Zeigefinger ihrer rechten Hand auf den Daumen und fuhr sich über den Mund. Die Bewegung sollte einen Reißverschluss symbolisieren, der geschlossen wurde. Ich brachte ein leichtes Lächeln zu Stande. Ich atmete noch ein paar Mal kräftig ein und aus, ehe ich begann.
„Ich bin unsicher.“ Verwirrt blickte Emilia zu mir herüber.
„Wie meinst du das?“
„Ich frage mich, ob es richtig ist, was ich tue. Ich denke öfters über die Menschen nach, die ich umgebracht habe oder noch töten werde. So vielen habe ich wehgetan und dabei kannte ich bei den meisten Aufträgen noch nicht einmal den Grund, warum sie sterben mussten. Ich habe mir auch nie die Mühe gemacht nachzufragen. Mir ist klar geworden, dass ich nicht das Recht habe Leben zu beenden. Niemand von uns hat das Recht.“
Ich hatte schnell und undeutlich gesprochen. Im Innern hoffte ich, dass sie nicht alles verstanden hatte, was ich ihr gebeichtet hatte. Ich war fest davon überzeugt gewesen mit ihr zu reden, doch ein Teil von mir wollte mich beschützen, weil er Emilia nicht traute. Diese lehnte sich gerade in ihrem Stuhl zurück und hatte einen undefinierbaren Gesichtsausdruck. Es dauerte einige Zeit, bis sie etwas sagte.
„Dadurch lässt sich wohl dein Verhalten in der Kirche erklären.“
„Was?“ Ich war überrascht. Woher wusste sie von den Vorkommnissen in der Kirche? Sie grinste.
„Jericho hat sich noch eine halbe Ewigkeit über dich beschwert. Er hat dich ständig als undankbaren Bengel bezeichnet. Es war lustig.“ Amüsiert gluckste sie vor sich hin.
„Wirklich sehr witzig“, entgegnete ich schroff und warf ihr einen giftigen Blick zu.
„Sorry.“ Angestrengt unterdrückte sie ihr Lachen, was ihr jedoch nicht gänzlich gelingen wollte.
„Zurück zu deinem Dilemma: gibt es irgendeinen Grund, warum du plötzlich alles in Frage stellst? Dein Sinneswandel kommt bestimmt nicht von irgendwoher.“
Meine Gesichtzüge entgleisten. Was sollte ich auf ihre Frage antworten? Ich konnte ihr nicht von Holly erzählen, dass war ausgeschlossen. Lieber würde ich mich erschießen, als einen Kollegen, egal, wie sehr ich ihm vertraute, über Holly aufzuklären.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich sagen, dass es um eine Frau geht“, sagte sie mit einem weisen, intensiven Blick, der mich bis auf den Grund meiner Seele durchbohrte.
Ich nahm mir vor, nichts auf ihre Aussage zu entgegnen. Sie rührte mit einem silbernen Löffel in ihrem Kaffee herum.
„Ich deute dein Schweigen als ein Ja.“ Emilias Augen funkelten. Ich wich ihrem Blick aus und starrte auf den Tisch. War ich so leicht zu durchschauen? Oder war Emilias weibliche Intuition die Antwort?
„Wer ist sie?“ Ihre Stimme triefte vor Neugierde. Als ich zu ihr herübersah, lächelte sie aufmunternd.
„Du kannst es mir ruhig anvertrauen. Ich habe dir versprochen nichts zu verraten und daran halte ich mich.“ Mechanisch schüttelte ich den Kopf.
„Bring mich bitte nicht dazu.“ Wehleidig sah ich in ihre Augen.
„Ich verstehe dich“, gab sie zu. Dann tat sie etwas Überraschendes. Emilia legte ihre rechte Hand auf meine Linke, die auf dem Tisch lag.
„Du hast Angst um sie“, flüsterte sie mir zu. Stumm nickte ich.
„Hast du ihr von deinem Beruf erzählt?“ Emilias Miene war emotionslos. Nun wurden meine Befürchtungen zur Realität. Ich stand vor der Entscheidung Holly zu erwähnen oder nicht. Was sollte ich tun? Holly verließ sich darauf, dass ich nichts bei meinen Kollegen durchsickern ließ. Sie vertraute auf mein Schweigen.
Aber Emilia konnte ich vertrauen. Sie war anders, als die Anderen und vielleicht konnte sie mir bei meinem inneren Konflikt helfen. Ich würde es riskieren; einfach aufs Ganze gehen. Ich war mir sicher, dass von Emilia keine Gefahr für Hollys Leben ausging. Ich konnte mich auf ihr Wort verlassen.
„Ja“, presste ich hervor und spannte meine gesamten Muskeln an. Mein Atem ging stoßweise und das Herz schlug mir bis zum Hals. Emilia wirkte zum Glück weder beunruhigt, noch schockiert. Sie nahm einen Schluck Kaffee.
„Wie hat sie reagiert?“
„Natürlich war sie alles andere, als begeistert. Es war schrecklich für mich die Angst in ihren Augen zu sehen. Aber komischerweise ist sie nicht abgehauen und hat mich verlassen, sondern sie will mit mir zusammen sein. Sie liebt mich sogar.“ Die Worte klangen für mich immer noch surreal. Augenblicklich dachte ich an Holly und ein breites Lächeln trat auf meine Lippen.
„James Roddick hat sich also verliebt. Dass ich das noch erleben darf.“ Erfreut klatschte sie in die Hände.
„Ich freue mich für dich, ganz ehrlich.“
„Danke“, nuschelte ich verunsichert. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet.
„Sie hat dich mit Sicherheit zum Nachdenken gebracht.“ Zustimmend nickte ich.
„Tja, sowas schafft nur eine Frau.“  
„Emilia, ich brauche unbedingt deinen Rat.“ Meine Miene wurde todernst.
„Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Ich will ja aufhören, aber ich habe Angst vor den Konsequenzen, wenn ich aussteige. Jericho wird sie und mich töten lassen. Das kann ich unmöglich herausfordern.“ Die Lautstärke meiner Stimme schwoll drastisch an.
„SCH!“ Emilia blickte sich panisch um, da sie Mithörer befürchtete.
„Beruhig dich, James.“ Ich musste mir auf die Zunge beißen, damit mir kein böses Wort herausrutschte.
„Ich kann dir nur empfehlen weiterzumachen, egal, wie sehr es dich auch anwidert. Wie du schon gesagt hast, es ist viel zu gefährlich aufzuhören. Dieses Mädchen ist dir sehr wichtig, dass ist kaum zu überhören und darum darfst du ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen, bloß, weil du mit deinem Beruf unglücklich bist.“
„Aber sie ist auch unglücklich mit der jetzigen Situation.“
„Du hast ihr bestimmt davon erzählt, dass der Ausstieg alles andere, als leicht ist.“
„Ja schon, aber…“
„Aber sie ist dennoch bei dir geblieben und akzeptiert wohl oder übel deinen Beruf. Sie würde auf keinen Fall wollen, dass du dein Leben für sie riskierst.“ Ihre Miene war streng, aber auch geprägt von Verständnis. Mir dröhnte der Schädel. Diese Unterhaltung war anstrengender, als gedacht.
Ich wusste, dass Emilia absolut Recht mit dem hatte, was sie sagte. Eigentlich hatte ich von Anfang an gewusst, was ich weiterhin zu tun hatte. Alle Aufträge ausführen, die Jericho mir geben würde, um Hollys Leben zu schützen.
Ich hatte Emilia um Rat gefragt, weil ich tief im Inneren die Hoffnung gehegt hatte, dass sie mir zum Aufhören raten würde. Dann hätte ich ihr die Schuld geben können, falls dann alles aus dem Ruder gelaufen und in einer Katastrophe geendet hätte.
Doch ich war letztendlich froh, dass ich mit ihr geredet hatte und sie sich für mich freute.
„Du hast Recht. Ich werde einfach weitermachen.“ Emilia bedachte mich mit einem mitleidigen Blick.
„Es tut mir leid, dass du keine andere Wahl hast.“ Ich zuckte mit den Achseln.
„Das ist mein Schicksal. Es lässt sich nicht ändern.“ Sie ließ den Kopf sinken.
„Wir alle hängen in diesem Beruf fest, ohne die Chance zu entkommen.“ Sie klang traurig und niedergeschlagen.
„Wieso bist du in dieses Metier eingestiegen?“ Diese Frage wollte ich ihr schon immer stellen. Sie war ein lebensfroher und optimistischer Mensch. Wie hatte sie sich bloß unter Mörder verirrt?
„Es war in meinem Fall eher Zufall, als fester Entschluss. Ich habe mich vor sieben Jahren nach Abenteuern und Nervenkitzel gesehnt. In der Zeit habe ich Geschichte studiert. Ein ziemlich trockenes und langweiliges Studium, wie sich später herausstellte“, meinte sie bitter.
„Lange hielt ich es also nicht an der Uni aus. Ich wollte raus aus dem normalen und konventionellen Leben. Ich war bereit alles für ein wenig Action zu tun.“ Bei ihrer Erzählung blitzten ihre Augen.
„Wie der Zufall es wollte, begegnete ich William. Er fragte mich, wieso ich so unglücklich aussah. Nichts ahnend, dass er ein solches Geschäft führte, beklagte ich mich über die gähnende Langeweile in meinem jungen Leben. Wer hätte geahnt, dass er mir ein Jobangebot machen und ich es ohne zu Zögern annehmen würde? Am aller wenigsten ich.“
Sie nahm ihre Tasse und schob sie zwischen ihren Händen hin und her. Starr beobachtete ich ihre Bewegungen.
„Hast du manchmal auch Zweifel, wie ich?“ Emilia hob den Kopf und spielte abwesend mit einem Ring an ihrer linken Hand.
„Ja, schon sehr oft, aber ich habe dasselbe Problem, wie du. Ich bin noch zu jung, um durch die Hand eines verrückten Kollegen zu sterben. Wie ich Jericho kenne, würde er Ophelia zu mir schicken.“ Sie verzog das Gesicht. Ich fing an zu lachen.
„Ihr könnt euch wirklich nicht ausstehen, oder?“ Emilia fiel in mein Lachen ein.
„Absolut nicht. Ich hasse sie.“
„Ist etwas zwischen euch vorgefallen oder war die Abneigung von Anfang an da?“ Nach meiner Frage blieb ihr das Lachen im Hals stecken.
„Da war mal eine Geschichte, aber die musst du nicht kennen.“
„Ich will sie aber unbedingt hören. Ich habe dir etwas anvertraut, jetzt bist du an der Reihe.“ Ich sah, dass sie mit sich kämpfte.
„Na gut.“ Bevor sie anfing, bestellte sie einen weitere Tasse Kaffee bei einer braunhaarigen Kellnerin, die gerade an unserem Tisch vorbeikam.
„Ophelia“, bei ihrem Namen füllte sich ihre Stimme mit Abscheu, „und ich haben uns einige Zeit richtig gut verstanden.“
Überrascht zog ich eine Augenbraue in die Höhe.
„Unglaublich, ich weiß.“ Sie schmunzelte.
„Doch vor vier Jahren hat sich alles geändert.“ Emilias Miene war auf einen Mal wie versteinert, als sie mich direkt ansah. Ihre sonst vor Freude strahlenden blauen Augen waren merkwürdig trüb.
„Was ist passiert, Emilia?“ Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf die Schulter, als ich sah, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballte.
„Wir hatten einen heftigen Streit, der…“, fing sie an, konnte dann aber nicht weitersprechen.
Ihre Haut hatte sich gräulich verfärbt. In diesem Moment ähnelte sie einer wandelnden Toten.
„Der Streit zwischen uns ist eskaliert, James. Ophelia und ich sind aufeinander losgegangen. Wir beide hatten unseren Zorn und Hass einfach nicht mehr unter Kontrolle.“
Emilias schmaler Körper bebte.
„Ohne Gnade haben wir uns bekämpft. Dabei war es uns egal, dass wir Kolleginnen sind. Es ging einzig und allein darum, die Andere zu besiegen und die eigene Stärke zu demonstrieren. Wir wollten uns töten und dass hätten wir auch getan, wenn William nicht dazwischen gegangen und uns im letzten Augenblick gestoppt hätte.“ Ein tiefes Knurren entfleuchte ihrer Kehle, was mir zeigte, wie sehr sie die verpasste Chance, Ophelia zu töten, ärgerte.
Ich war derweil völlig perplex. Ich konnte kaum glauben, dass die beiden kurz davor gestanden hatten sich gegenseitig umzubringen.
„Lass mich raten, Ophelia hat den Streit provoziert“, äußerte ich den offensichtlichsten Verdacht. Emilia nickte.
„Was hat sie getan?“
„Etwas, was ich ihr niemals verzeihen kann.“
„Du willst mir nichts Genaueres erzählen, oder?“
„Nein, tut mir leid“, flüsterte sie und senkte den Kopf.
„Das macht nichts. Vielleicht tröstete es dich, dass ich sie auch nicht ausstehen kann, Emilia.“  
Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich und sie schenkte mir ein dankbares Lächeln. Ein Schweigen entstand, in dem der von ihr bestellte Kaffee gebracht wurde.
„Aber reden wir nicht mehr über meinen Zwist mit Ophelia, sondern über das Mädchen, das dein Herz gewonnen hat.“ Ich konnte es zwar nicht erklären, doch ich hatte das Gefühl, dass Emilia kein persönliches Interesse an mir und Holly hatte, sondern dass sie nützliche Informationen für Jericho sammeln wollte.
Misstrauen kroch langsam, aber sicher, in mir hoch und ich fragte mich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war ihr von Holly zu erzählen, auch wenn ich ihren Namen nicht genannt hatte.
Ungeduldig klopfte sie mit ihren Fingern auf dem Tisch und wartete auf eine Antwort. Als ich jedoch in ihre ehrlichen Augen und in ihr mädchenhaftes Gesicht sah, kamen mir meine Zweifel an ihr albern vor. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, da ich ihr sowas Hinterhältiges zugetraut hatte.
„Gibt es etwas Bestimmtes, was du über sie wissen möchtest?“ Sie dachte mit gerunzelter Stirn nach.
„Wie heißt sie?“ Ich zögerte mit der Antwort. Das komische Gefühl in mir konnte ich nicht abschütteln.
„Holly“, nuschelte ich.
„Ein schöner Name. Ist sie hübsch?“
„Ja.“ Ihre Frage projizierte sofort ein Bild von Holly in meinen Kopf. Ihre hellen blauen Augen strahlten mich fröhlich an. Die langen schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Die kleinen Sommersprossen um ihre Nase stachen hervor und gaben ihr das niedliche Aussehen, das ich so sehr an ihr liebte.
„Sie muss sehr schön sein, so, wie deine Augen glänzen.“ Ich zuckte beim Klang von Emilias Stimme leicht zusammen. Ich fühlte mich ertappt.
„Das ist sie“, sagte ich eher zu mir selbst, als zu ihr. Emilia öffnete ihren Mund, um mich weiter auszufragen, als eine fröhliche, hohe Melodie aus ihrer schwarzen Tasche drang. Ihr Kopf ruckte zur Seite.
„Oh, das ist mein Handy.“ Sie schnappte sich die Tasche und zog ihr Handy hervor.
„Ja?“, fragte sie vergnügt in ihr Telefon.
Ich lehnte mich zurück und starrte verträumt an die Decke. Ich blendete alles um mich herum aus und achtete bloß auf mich und meine Gedanken. Um mich vollkommen von der Umwelt abzuschirmen, schloss ich die Augen. Dann ließ ich das Gespräch mit Emilia noch einmal Revue passieren.
Hatte ich ihr zu viel verraten? Würde sie tatsächlich ihr Versprechen halten und Niemandem von diesem Treffen erzählen? Hatte ich ihr möglicherweise viel zu viel Vertrauen zukommen lassen? Ich war unsicher und nervös. In meiner Magengegend hatte ich ein merkwürdiges Gefühl, das ich nicht genau bestimmen konnte. War es gut oder schlecht?
„James, bist du noch da?“ Ein ausgelassenes Kichern drang an meine Ohren. Ich öffnete blitzschnell die Augen und wandte mich zu Emilia.
„Was ist?“, zischte ich leise.
„Das war Jericho.“ Sie fuchtelte mit dem Handy in der Hand in der Luft herum. Entnervt stöhnte ich auf.
„Was wollte er denn von dir?“
„Er hat neue Aufträge für uns. Du kannst dich also darauf einstellen, dass er auch dich bald anrufen wird.“
„Klasse.“ Meine Stimme strotzte vor Sarkasmus.
„Lass uns gehen. Er will, dass wir sofort kommen.“ Sie erhob sich und legte einen Zehndollarschein auf den Tisch. Widerwillig und lustlos stand ich auf und folgte ihr nach draußen in die Kälte.
Schlagartig fiel mir Holly ein. Ich hatte ihr hoch und heilig versprochen, dass ich vor ihrem Haus auf sie warten würde, wenn sie von der Schule kam. Ich konnte unmöglich zu Jericho gehen und mir wieder einen Auftrag aufhalsen lassen. Abrupt blieb ich stehen, doch Emilia ging unbeirrt weiter. Plötzlich klingelte mein eigenes Handy.
„Verdammt“, fluchte ich so laut, dass Emilia sich umdrehte.
„Was ist los?“ Sie sah mich verwirrt an.
„Warte kurz.“ Ich zückte mein Handy und nahm das Telefonat an.
„Was willst du, Jericho?“ Ich war gereizt und aggressiv.
„Zügel dein Temperament! Du hast wohl vergessen, mit wem du sprichst“, er klang genauso wütend, wie ich.
„Nein, habe ich nicht. Ich spreche mit einem selbstsüchtigen Arschloch“, brüllte ich in das Handy.
„Jetzt hör mir mal zu, Roddick: ich weiß zwar nicht, was mit dir los ist, aber du kommst augenblicklich in mein Büro und dann klären wir das.“ Ich hörte das Freizeichen. Laut schnaufte ich und fletschte die Zähne. Ich war so sauer wie lange nicht mehr.
Emilia stand ein paar Meter von mir entfernt und beobachtete mich besorgt. Brodelndes Blut rauschte durch meinen Körper und brachte eine Hitzewelle über mich. Ich hasste Jericho und seine ständigen Befehle.
Er war ein fauler alter Sack, der das meiste Geld einheimste, obwohl er nicht die harte Arbeit leistete, sondern wir.
Ich wollte nicht zu ihm gehen. Ich wollte und musste zu Holly, sonst würde ich nicht nur mein Versprechen, sondern auch ihr Herz brechen.
„Alles in Ordnung, James?“ Emilia kam zu mir. Ruckartig schüttelte ich den Kopf.
„Nein, ich kann und will da jetzt nicht hin. Auf keinen Fall. Ich habe was Besseres zu tun, als mich von diesem Mistkerl anbrüllen zu lassen.“
„Ich verstehe dich ja, aber hast du unsere Unterhaltung vergessen? Du musst mit mir kommen.“ Sie packte mich grob am Unterarm und zerrte mich hinter sich her.
Ihre Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in meine Haut. Schnellen Schrittes durchquerte sie die Innenstadt. Wie konnte sie mit ihren kurzen Beinen bloß so schnell laufen?
Die Leute, an denen wir vorbeikamen, guckten uns verwundert hinterher. Meine Wut war größten Teils verflogen, aber ich war immer noch nicht begeistert davon, zu Jericho zu gehen und mir eine Standpauke abzuholen. Emilia drehte ihr gestresstes Gesicht in meine Richtung.
„Folgst du mir jetzt selbstständig, ohne, dass ich befürchten muss, dass du mir gleich abhaust oder muss ich dich weiterhin am Arm hinter mir herzerren wie ein unartiges Kind?“ Keck zwinkerte sie mir zu.
„Ich denke ich bin bereit für die erste Variante“, antwortete ich gelassen. Sie lockerte ihren Griff und ließ endgültig ihre Hand sinken. Ich spürte einen ziehenden Schmerz, der sich durch meinen Unterarm zog und weiter ausbreitete. Meine Haut brannte wie Feuer. Vermutlich hatte sie ihre Nägel direkt in meine noch nicht verheilten Abschürfungen versenkt.
„Besteht die Möglichkeit, dass du deine Fingernägel mal kürzt?“
„Warum denn das?“ Emilia drehte ihre Hände und begutachtete ihre Finger. Wortlos krempelte ich den linken Ärmel meines Hemdes nach oben und offenbarte rote, verkrustete Stellen auf meiner Haut. Als ich die Unterseite meines Armes betrachtet, fielen mir halbmondförmige Einkerbungen ins Auge, aus denen einzelne Bluttropfen hervorquollen und auf den Boden tropften. Ich hielt ihr meinen Arm demonstrativ unter die Nase.
„Deswegen, meine Liebe.“ Angewidert verzog sie ihr fröhliches Gesicht und drückte meinen Arm nach unten.
„Hoffentlich weißt du, dass das widerlich ist.“ Frech grinste ich und legte ihr meinen gesunden Arm um die Schulter.
„Das ist mir durchaus bewusst, aber dass ist ja zum Teil auch dein Verdienst.“ Schmollend verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Ja, ja, jetzt schiebst du die Schuld wieder auf mich.“ Daraufhin blieb mir nichts anderes übrig, als nickend zuzustimmen.

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