Meister, mein Meister

Die letzten Kinder der Sonne strichen über den Horizont, spielten im kräftigen Abendrot. Die junge Dame spürte das Prickeln auf ihrer Haut, atmete die klare Waldluft ein. Jeder ihrer Sinne schien sich an der Situation zu laben, aus dem Funkeln ihrer Augen sprach nichts als reine Lebensfreude. Das Schnauben der Pferde klang in ihren Ohren, das wiederholte Aufschlagen der Hufen auf dem ungepflasterten Weg. Die erste kühle Brise wehte durch ihr helles Blondes Haar, welches nur durch ein weißes Band zusammengehalten, in lockigen Strähnen herabhing. Die ersten Geschöpfe der Nacht regten sich im Unterholz, während ein Schwarm dieser gefiederten Wesen über die Baumkronen schwebte.

Ihr fast schon kindliches Lächeln spannte sich über das nicht mehr ganz so kindliche, wenn auch sehr filigrane Gesicht, über ihre vollen Lippen, die kleine Nase und ihre tiefblauen Augen. Früher wäre die junge Dame wohl bei dem schnappenden Laut der Peitsche zusammengezuckt, doch nun war sie älter und wusste um einige Dinge in der Welt, welche ihr früher verschlossen geblieben waren. So erfüllte es sie nun nur mehr mit einem warmen Gefühl von Sicherheit. Der Kutscher, ein Mann der seine besten Jahre bereits hinter sich gelassen hatte und dessen Hut nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass seine Haarpracht sich bereits lichtete, blickte zu ihr herüber.

Eine Mischung aus Sorge um sie und Unbehagen stand in seine dunklen Augen geschrieben. Doch sie lächelte ihn nur beruhigend an. Ein kleiner erschrockener Laut entwich ihrer Kehle als sie sich trotz allem Übermut seitlich an den Armen des Mannes festhielt um nicht herab zu fallen. Der Kutscher zuckte nicht minder erschrocken zusammen und hätte fast die Kontrolle über die Pferde verloren. Er war schon lange in seinem Geschäft tätig und im Gegensatz zu ihr lies er sich auch durch größere Holperer nicht verschrecken. Als sie seinen Arm berührte fluteten graue Bilder durch ihren Geist.

Das Lächeln einer Frau, deren Gesicht bereits tiefe Lachfalten zierte - Zuneigung. Ein junger Mann, welcher mit Mehl verstaubter Kleidung nach Hause kam - Stolz. Ein kleines Eigenheim mit Garten - Wehmut. Ein alter Mann mit weißen Bart - zwiegespaltene Gefühle. Fröhliche Gestalten, welche im Schein des Feuers den Beginn des Sommers feierten... Die Bilder verblassten.

Dieses Erlebnis war für sie nichts Ungewöhnliches. Sie hatte diese Gabe seit ihrer Kindheit besessen. Sie betrachtete diesen Mann, welchen sie für einen herzensguten Menschen hielt mit einem Lächeln, bevor sie mit einem sachten Erröten seinen Arm los lies. "Entschuldigt mein Herr, ich war unachtsam." Bei jedem Menschen wirkte diese Gabe unterschiedlich stark. Ihre Vermutung war, dass es davon abhing wie viel Emotionen ein Mensch an sich heran lies. "Seid ihr sicher, dass ihr nicht lieber in der Kutsche Platz nehmen mögt?" Die einzigen von welchen sie nie ein Bild empfangen hatte waren ihre leiblichen Angehörigen gewesen. "Es wird nicht wieder vorkommen, ich bleibe hier wenn es genehm ist." Das Nicken und Lächeln des Mannes täuschten nicht darüber hinweg, dass er eigentlich ganz und garnicht damit einverstanden war. Doch in ihrer Freude lies sie sich davon nicht beeindrucken.

Es war endlich soweit. Sie würde ihren Meister kennen lernen. Ihre Eltern hatten trotz allem gewollt, dass sie sich im Dorf einen Ehemann suchte und eine Weile lang hatte sie selbst mit der Möglichkeit geliebäugelt. Doch letzten Endes war sie Vielen unheimlich gewesen. Wer wolle schon eine Frau haben, welche in den Kopf eines Mannes schauen könne und jedes Fehlverhalten bemerkte? So jedenfalls hatte sie ihren Vater heimlich mit ihrer Mutter sprechen hören. Es hatte sie nicht verletzt, in gewisser Weise stimmte es sogar, auch wenn sie auf ihre Unschuldige Art nicht verstand um welches Fehlverhalten es überhaupt gehen könnte. Ihre Mutter hatte nur gelacht und gesagt er solle sich nichts einbilden, das könne jede Frau mit Verstand. Sie war mit dem Glauben aufgewachsen, dass ihre Gabe ein Geschenk war, ein Hauch Göttlichkeit, gefangen in ihrem kleinen Körper. Ihre Eltern waren stets liebevoll und achtsam mit ihr umgegangen und auch wenn sie nicht wie die anderen Kinder gewesen war, so hatte sie doch viele Freunde gehabt und eine schöne Kindheit verbracht.

Ihr Meister... Wie durch Zufall hatte ihr Vater auf dem großen Markt in der Stadt erfahren, dass sie nicht einzigartig in ihrem Talent war. In den umliegenden Dörfern war nie etwas Ähnliches aufgetreten, doch in den Großstädten gab es nach dem Hörensagen einige, welche ihr in ihren Fähigkeiten ähnelten. In der Königlichen Hauptstadt sei sogar eine ganze Akademie gegründet worden. Wie viel von diesen Gerüchten nun stimmte oder auch nicht, ihr Vater war sehr neugierig gewesen als er von einem Schweinehirten diese, zu dem Zeitpunkt noch vermeintliche Geschichte hörte. Der Schweinehirte selbst hatte nicht mehr viel preisgeben können, er hätte vermutlich nach drei Bieren auch erzählt seine Mutter sei ein halber Oger gewesen.

Doch von einem fahrenden Händler, welcher weit durch das Land gereist war hatte ihr Vater näheres herausgefunden. Wie es nun letzten Endes dazu gekommen war.. eine lange Geschichte. Nun jedoch bestritt sie ihre erste Reise alleine und das auch noch zu jemandem, der sie lehren sollte und der vor allem auch noch selbst verstand was in ihr vorging. Ihr Herz bebte in Gedanken an ihren Meister. Sie stellte ihn sich alt vor, alt und weise, liebevoll und nachsichtig - wie ein zweiter Vater. Auch eine gewisse Erhabenheit lastete diesem inneren Bild an. Ihr Herz schlug wahrlich in freudiger Erwartung, die Aufregung schnürte ihr kurz die Kehle zu.

Doch noch mehr stockte ihr der Atem als die Bäume des Waldes sich lichteten und einen freien Blick auf die Mauern der Stadt Makrand öffneten. Es war bei Weitem nicht die größte Stadt des Reiches, doch.. das mussten tausende Lichter sein, welche dort in der Dämmerung funkelten und genau so viel würden noch mit der Dunkelheit hinzukommen. Vor dem Tor hatte sich eine kleine Kolonne an Wagen gebildet, auf welche nun auch die Kutsche gemächlich zusteuerte. Selbst von hier draußen konnte sie bereits das geschäftige Treiben hören, konnte dutzende neuer Gerüche wahrnehmen. Wie würde es wohl erst sein wenn sie angekommen war? Und viel wichtiger.. wie würde ihr Meister wirklich sein?

Sie erwachte am nächsten Morgen in einem weichen Bett. Auf der Straße hörte man bereits das Poltern der Wagen, die Schreier auf dem nahe gelegenen Markt, welcher sich über weiter Teile der Stadt zu erstrecken schien. Auch wenn sie es hatte verleugnen wollen, sie war furchtbar müde gewesen von der Reise und trotz aller Bestrebungen war sie sogleich ins Bett gefallen nachdem man ihr ein Zimmer in dem kleinen Gasthaus zugewiesen hatte. Nun jedoch war sie wieder voller Energie und bereit eine ganz neue Welt in sich eintauchen zu lassen. Mit einem Jauchzen schwang sie sich auf ihre Beine und wollte schon das Zimmer verlassen. Dann entschloss sie sich doch etwas anzuziehen. Immer erst nachdenken hatte ihr Vater stets gesagt.

Mit einem zufriedenen Seufzen rieb sie sich über den Bauch. Sie hatte soeben, für einen Betrag der sonst eine ganze Woche finanziert hätte, Köstlichkeiten aus jeden Ecken des Reiches erworben. Die Menschen hier waren ein sehr offenes, freundlichen Völkchen und sie liebte ihr Leben hier jetzt schon. Es konnte nur noch besser werden sagte sie sich. Leichten Schrittes lief sie eine viel zu saubere Straße entlang. Sie hatte sich die Wegbeschreibung gut gemerkt und nun wurde es Zeit ihren Meister kennen zu lernen. Sie blieb stehen und schaute sich argwöhnisch um. Hier hätte es eigentlich sein sollen, doch dies konnte unmöglich der Ort sein um den es ging. Eine große prunkvolle Villa, welche man in ihrem Dorf wohl einen Palast genannt hätte, erstreckte sich hinter dem vergitterten Tor vor ihrer Nase.

Ein kleiner Brunnen plätscherte in einer unnachahmlichen Gelassenheit und ein Vogel tat sich seines Durstes gütlich. Kleine, zierliche Bäume säumten den Weg und in der Ferne lies sich hinter der Villa weiteres, wenn auch dunkleres Grün erkennen. Hier war sie falsch, keine Frage - doch was nun tun? Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie einen kleinen Nebeneingang, eine einfache Holztüre neben welcher eine Handglocke befestigt war, welche durch ein Klangrohr mit dem inneren verbunden war, der Dienstboteneingang vermutete sie.  Ohne sich weitere Gedanken zu machen lief sie leichten Schrittes zur Glocke und läutete an ihr. Zu ihrer Enttäuschung jedoch geschah genau nichts. Das konnte doch wohl nicht sein. Ein so großes Anwesen musste mindestens ein Dutzend Bedienstete haben und nicht jeder von jenen konnte beschäftigt sein. Wieder klingelte sie an der Glocke. Beim ersten Mal hatte sie es nicht bemerkt, doch der Klang war hell und von einer Leichtigkeit, welche dem Ohr und Herz wohltuend ist. Sie lächelte kurz - vielleicht war ja auch das System in sich nicht mehr ganz und drinnen hörte sie gar niemand.

Sie klopfte vorsichtig gegen die Holztüre und war fast erschrocken als diese sich mit einem leisen Knarren öffnete. Niemand schien dort zu sein, kein Geräusch drang an ihr Ohr als das Knistern eines Feuers. "Hallo, ist da jemand?" Ihre sanfte Stimme bebte zaghaft bei ihren Worten. Fast schon wollte sie umdrehen und sich nach einem anderen Wegweiser umsehen, da siegte in ihr doch die Neugierde und ihre Füße traten wie von selbst in die kleine Kammer ein. Eine kleine Hutablage, ein Schrank für Schuhwerk und ein Mantelhalter, mehr fand sich hier drin nicht. Doch die nächste Tür schien nur angelehnt und so lugten ihre Augen auch in diese Domäne eines ihr unbekannten Hausherren. Gemütlich brannte ein kleines Feuer, beheizte einen runden Kessel, welcher an drei Ketten hing. Es duftete... nach gut getrocknetem Holz, nach einem heißen fremdartigen Essen, welches dort brodelte, nach einer Unzahl an verschiedenen Gewürzen und Kräutern - wahrlich, dies war die Küche. So voll ihr Bauch auch noch von all den Köstlichkeiten war, so ging sie doch langsam auf das Feuer zu, stellte sich auf die Zehenspitzen um in den Kochtopf zu schauen - und wäre fast vorn über in das Feuer gefallen als von hinten eine Stimme erklang.

"Kann ich euch helfen junge Dame?" Ihr Herz pochte laut als sie sich umdrehte und des jungen Mannes gewahr wurde, welcher dort in Arbeitskleidung vor ihr stand. Seine Kochschürze zeugte eindeutig davon, dass er es war, welcher sich heute um den Eintopf gekümmert hatte, welcher immer noch im Feuer köchelte. Irgendwie fühlte sie sich ertappt und ihr Anstand erlaubte es ihr sachte und beschämt zu erröten. "Ich wollte nicht einfach so in die Tür fallen, aber ich fürchte ich habe mich verlaufen und ich wollte nach dem Weg fragen." Sie lies es aus einen Knicks vor jemandem zu machen, der ganz eindeutig nicht viel älter wie sie war und anscheinend einer der Angestellten. Sie hätte ihn nie für etwas Schlechteres wie sich selbst gehalten, das war nicht ihre Art, aber sie vermied die Etikette der Noblen wo es sich nur vermeiden lies.

Ihr Vater hatte die Neureichen im Dorf immer nur belächelt, wenn diese vermeintliche neue Richtungen und Regeln vom Hofe einführten, aufgeplusterte Gecken hatte er nur behauptet. "Ich suche Meister Salem, ich weiß nicht ob ihr von ihm gehört habt...?" Plötzlich schien es eine schlechte Idee gewesen in das Haus eingedrungen zu sein. Der junge Mann wirkte nett, doch helfen können würde er ihr nicht. "Nun junge Dame.. ich denke da kann ich euch helfen. Ihr befindet euch mitten in seinem Haus. In seiner Küche im genau zu sein." Er machte eine flapsige Verbeugung und deutete mit scherzhafter Theatralik auf die Feuerstelle. Ihr Herz machte einen großen Sprung und Aufregung machte sich in ihrem Körper breit. Sie war also doch richtig, bald würde sie ihn endlich sehen. Sie hatte sich schon halb mit einer Enttäuschung abgefunden und so war ihre Freude nun noch größer.

Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf und obwohl diese umher flatterten, wie Vögel bei den ersten Flugversuchen, plapperte ihr Mund einfach drauf los. "Ihr kennt ihn? Wie ist er so, wie sieht er aus? Ist er nett, wo finde ich ihn, was macht er.. ist er wirklich so begabt wie es heißt? Habt ihr es schon einmal wirklich gesehen?" Als der junge Mann zu lachen begann, stemmte sie empört die Hände in die Hüften, wenn auch nicht ohne ein erneutes Erröten. "Was ist daran so lustig?" verlangte sie zu wissen. Sie hatte so viele Fragen und dieser Mann lachte einfach über sie. Was er dann sagte brachte sie jedoch nur noch mehr zum Erröten. "Entschuldige.. ich bin es nicht gewöhnt, dass so ein Aufsehen um meine Person gemacht wird. Du musst Ilaya sein, dein Vater hat mir einen langen Brief geschrieben. Salem.. zu deinen Diensten. Oder wie du es gesagt hast - Meister Salem." Er lächelte sie wohlwollend an und streckte ihr eine Hand entgegen. Damit hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Das sollte ihr Meister sein? Verdattert nahm sie seine Hand entgegen und noch während sich nur die Fingerspitzen berührten, schossen ihr Bilder in den Kopf, nahmen den Platz jeglicher Gedanken, jeglichen Handelns ein.

Die Lippen des Meisters dicht vor ihrem Gesicht, wie sie Worte formten, welcher sie nicht gewahr wurde. Ein verschwommenes Bild des Meisters, blutbespritzt von oben bis unten mit  einem liebevollen Lächeln. Die Hand des Meisters wie sie tiefe Furchen in ihre Haut riss. Der Meister... viel zu nah. Viel, viel zu nah.. was tat er da nur?

Für einen kurzen Moment nur erschienen diese Bilder vor ihrem Auge, so kurz nur dass sie im Nachhinein fast meinte es sei nur eine Illusion gewesen, denn so etwas war noch nie passiert. Doch dieser Stich in ihrem Herzen, das heiße Prickeln welches sich durch ihren Körper ausgebreitet hatte.. das konnte keine Illusion sein. Mit diesen Gedanken wechselte ihre Sicht auf die ihr gut bekannten grauen Bilder.
Er an einem knorrigen Tisch, welcher unter der Last von Büchern ächzte. Er in einem prachtvollen Garten, anscheinend ganz in Gedanken vertieft. Er beim Kochen, sich den Finger ableckend nachdem er sich geschnitten hatte.
Vollkommen verdutzt und mit sehr widerstreitenden Gefühlen blickte sie ihm tief in seine braunen Augen. Immer noch hielt sie seine Hand, doch das war ihr in diesem Moment egal.

DAS sollte ihr Meister sein...?

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