Meuterei

Blutig rot erhob sich die Sonne am Horizont und warf das feurige erste Tageslicht auf die Gesichter der Matrosen. Sie alle waren an Deck, und starrten mit grimmiger Miene auf Gunnar, der Alvaró die Hand reichte um ihm die Leiter hinauf zu helfen. Kaum spürte er die Sonne und die frische Luft, drückte der gebrechliche Kapitän den Rücken durch und tat einen tiefen Atemzug. Er war immer noch abgemagert, doch jetzt, da seine Haut wieder ihre gewöhnliche Farbe annahm, wirkte er nicht mehr wie ein Gespenst.
Als Alvaró sah, wie seine Mannschaft ihn anstarrte, bekam er ein mulmiges Gefühl. Er schaute fragend zu Gunnar. Dieser nickte ihm unsicher und sichtlich nervös zu und sprach dann laut, doch mit leicht zittriger Stimme:
"Unser Kapitän... er war offensichtlich krank. Deshalb hat er sich an den letzten Tagen wohl nicht an Bord gezeigt. A-Aber jetzt wird er..."
Er brach ab und rang mit seinen Händen, offenbar wusste er nicht was er weiter sagen sollte.
"Was ist hier los?", zischte Alvaró Gunnar leise zu. Dieser antwortete nicht, sondern begann sich verlegen den Nacken zu reiben.
"Wie wäre es, wenn er uns zuerst einmal erklärt, wohin diese Reise, auf diesem gottverdammten Seelenverkäufer eigentlich führt?"
Das war der Koch, der sich aus der Menge der Seeleute gelöst hatte und direkt auf Gunnar und Alvaró zuging. Er war offensichtlich zornig und nicht zu Späßen aufgelegt.
"Wie wäre es, wenn er uns erklärt, was das für ein Licht ist, dem wir da hinterherfahren? Wie wäre es, wenn er uns erklärt, warum er sich über Wochen in seiner Kajüte einschließt ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben?"
Der Koch war jetzt schon ganz nah herangekommen. Alvaró konnte die Zwiebeln in seinem Atem riechen und den Hass in seinen Augen sehen.
Jetzt ganz ruhig bleiben, dachte er, du hast schon schlimmeres erlebt. Hast du dich nicht gerade erst von seltsamen Stimmen und Bildern in deinem Kopf befreien können? Da wirst du doch mit ein paar wütenden Ruderern fertig. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Die Wahrheit konnte er nicht sagen, dass Stimmen in seinem Kopf waren, und ihm die Rettung durch dieses Licht versprochen hatten, würden sie ihm nicht glauben. Und wenn doch, dann würden sie ihn für wahnsinnig halten. Blieb nur noch den Unwissenden zu spielen. Das war seine einzige Chance. Seine Kehle war immer noch trocken, und das Sprechen gelang ihm nur mühsam:
"Ich weiß nicht, was für ein Licht das ist. Ich weiß es wirklich nicht. Aber nachdem wir so lange in dieser verdammten, nebligen Hexensuppe gelegen hatten, war ich dankbar für diesen kleinen Orientierungspunkt. Und wenn ich mich recht erinnere, dann wart ihr das zu Anfang auch. Hat sich während meiner Abwesenheit so viel verändert?"
Der Koch schwieg und blickte misstrauisch. Dann fragte er grob: "Und warum warst du abwesend?"
"Natürlich war ich krank. Kurz nachdem das Licht am Horizont auftauchte, habe ich es bemerkt. Es fing an wie eine Grippe, aber bald konnte ich nichts mehr essen oder trinken ohne mich zu übergeben. Ich bin in meiner Kajüte geblieben, um euch nicht anzustecken. Ich wollte dort bleiben bis es mir besser geht."
Der Koch trat einen Schritt zurück. Dann rief er:
"Du hättest wenigstens ein Lebenszeichen von dir geben können, elender Hund! Was mich angeht, so können wir keinen Kapitän gebrauchen, der verseucht in seiner Kajüte liegt."
Zustimmende Rufe aus dem Pulk der Mannschaft.
Nun an die Mannschaft gewandt fuhr der Koch fort:
"Am Ende steckt uns diese Ratte noch an! Ich sage, werfen wir ihn über Bord!"
Jetzt brüllten die Seeleute ihre Zustimmung, während sie drohend näher kamen.

Gunnar wusste nicht wohin. Er wollte sich nicht gegen die Mannschaft stellen, in der Hoffnung, dass sie ihn am Leben lassen würden, da er getan hatte was sie wollten. Er wollte aber auch den Kapitän nicht im Stich lassen, der ihm zwar unheimlich geworden war, für den er jedoch großen Respekt empfand. Diese moralische Zwickmühle hielt ihn gefangen, sorgte dafür dass sich jenes unangenehme Gefühl in seinen Gedärmen ausbreitete, das er immer bekam, wenn er Gewissensbisse hatte. Es wurde so stark, dass ihm davon übel wurde und er zur Reling stürzte, wo er sich in das Meer erbrach.
Als er den Kopf wieder hob, sah er etwas am Horizont. Das heißt, er sah nicht wirklich etwas, er konnte es nur erahnen. Aber es sah aus, wie eine Landmasse. Die Linie am Horizont war dort nicht gerade, wie da wo der Himmel auf das Meer traf, sondern gewölbt wie bei einem Berg.
"HEY!" rief er aufgeregt.
Einige Matrosen drehten sich zu ihm um.
"Was ist denn?", verlangte der Koch zu wissen, "willst du etwa auch schwimmen gehen?"
Gunnar schüttelte energisch den Kopf. "Land!" rief er, und deutete in die Richtung in die er sich gerade erbrochen hatte.
Bei diesen Worten brach Durcheinander auf dem Schiff aus. Alvaró, den man gerade eine Schlinge um den Hals legen wollte, wurde fallen gelassen und alle stürzten zur Reling um angestrengt zum Horizont zu starren.
"An die Holme!" rief jemand, und die Besatzung stürzte unter Deck. Der Koch aber blieb stehen und schaute Gunnar an. Dann raunte er:
"Sobald wir das Land erreichen, endet eure Fahrt."

Kommentare

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    Spannend wie die letzten Teile :D Doch, ich bin verwirrt. Hat der Kapitän jetzt die Stimmen in seinem Kopf losgeworden? Was für Bilder hat er eigentlich gesehen als er die Glasscherbe berührt hat? Hat der Fremde vom ersten/zweiten Kapitel, der ihm das Kästchen gegeben hat, damit gerechnet das Alvaro das Kästchen öffnet und wollte eigentlich nur ihn zu diesem mysteriösen Land schicken? Oder hat Alvaro dadurch großen Schaden angerichtet? Und was sind das für Stimmen, woher kommen sie und warum konnte Gunnar ihn so leicht aus ihrem Bann befreien, hat er das überhaupt? Und warum ist der Koch so grumpy und hasserfüllt? Bitte, bitte lade bald das nächste Kapitel hoch, ich brauche die Antworten! LG, Polla

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