Es ist kurz vor halb zwölf, in wenigen Minuten klingelt es zur großen Pause und das kleine Mädchen sitzt da, starrte Löcher in die Luft und macht ein Gesicht, wie sieben Tage Regenwetter. Das kleine Mädchen heißt Melanie, aber Melanie findet sie doof, darum sagt jeder nur Milly zu ihr. Milly hat eine zierliche Figur und ist für ihre zehn Jahre ein wenig zu klein geraten, sonst ist sie jedoch ein ganz normales Mädchen. Ihr schulterlanges braunes Haar hat ihr die Mutter zu Affenschaukeln geflochten, dadurch wirkt sie zusätzlich noch ein wenig verspielt – was ihr absolut nicht gefällt. Am liebsten, wäre sie schon Erwachsen, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Milly‘ s Gesicht wirkt schmal, sie hat einen kleinen Mund,  braune Augen und eine niedliche Stupsnase. Nun ja, das mit den Augen, das ist so eine Sache für sich, denn die haben sich in den letzten Monaten sehr verändert. Früher leuchteten ihre Augen, waren klar und sprühten vor Lebensfreude aber seit einigen Monaten ist ihr Blick zunehmend ausdruckslos, trüb, ja oftmals sogar traurig. In diesem Moment ertönt das Pausensignal im gesamten Schulgebäude und flugs füllen sich die Gänge mit schwatzenden und lärmenden Kindern.

»Aua«, sagte Milly. »Pass doch auf wo du hinrennst«, beschwert sie sich bei zwei Jungen, die sie angerempelt hatten.

»Stell dich nicht so an, Zicke«, bekam sie zur Antwort.          

Milly zieht eine Flunsch und tritt aus dem menschlichen Strom heraus. Sie stellt sich auf die Seite und wartet ab, bis der größte Teil der Jugendlichen an ihr vorbei gezogen waren.

»Du hättest dem Typ ruhig mal kontra geben können. Ich hätte mir das bestimmt nicht sagen lassen«, warf Ria, Milly ihrer besten Freundin vor.

»Ja, ich weiß. Ich hab mich einfach nicht getraut. Es ist schrecklich, aber ich weiß auch nicht was ich dagegen machen soll. In der letzten Zeit habe ich vor jedem und allem Angst.« Milly blickt betrübt zu Boden.

»So kann das doch nicht weitergehen. Du musst unbedingt etwas dagegen tun. Hast Du schon mal daran gedacht in einen Judo oder Karate Club einzutreten?«, will die Freundin wissen. »Gedacht habe ich schon daran aber dann habe ich wiederum Angst davor mich beim Training zu verletzen. Ja ich weiß, es ist schrecklich mit mir, manchmal verstehe ich mich selber nicht mehr. Früher war ich doch anders«, klagte Milly.

Gemeinsam verlassen die Mädchen das Schulgebäude. Sie gehen auf die Haltestelle zu und müssen sich beeilen, weil in diesem Moment der Bus um die Ecke biegt.

Das Mittagessen steht zu Hause schon auf dem Tisch und Milly geht ins Bad um sich die Hände zu waschen. Während des Essens, beichtet sie ihrer Mutter was ihr heute beim verlassen der Schule widerfahren war.

»Aber Kind, dass ist doch nicht so schlimm«, versucht die Mutter sie zu beruhigen.

»Und es ist doch schlimm«, erwidert Milly erbost, die es satt hat von jedem herum geschubst zu werden. »Warum kann ich nicht so sein wie die anderen. Die lassen sich nichts gefallen und haben dazu immer noch einen tollen Spruch parat«, beklagt sich Milly über sich selbst.

»Sei nicht traurig Spatz. Du wirst sehen, das gibt sich noch im Lauf der Zeit«, erwidert die Mutter und beginnt das schmutzige Geschirr wegzuräumen. Milly steht vom Tisch auf und hilft ihr dabei. Dummerweise rutscht ihr dabei einer der Teller aus der Hand und zerbricht am Boden.                                                                   »Da hast du es«, schimpfte sie und ärgert sich über sich selbst und ihre Ungeschicklichkeit.

»Das ist doch kein Malheur. Das hätte mir auch passieren können, Kindchen«, erklärt die Mutter.

»Es ist aber nicht dir passiert, sondern mir«, stellt Milly empört fest. Sie dreht sich um und verlässt, ärgerlich mit sich selbst, die Küche.

Milly hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen und macht sich über ihre Hausaufgaben her. Das war auch nötig, denn durch ihre dauernde Angst und Unsicherheit ist ihre allgemeine Leistung in den letzten Monaten ziemlich abgesackt. Milly beteiligte sich zu wenig am Unterricht, hieß es in der schulischen Beurteilung, aus Angst eine falsche Antwort zu geben, antwortet sie lieber gar nicht. Selbst ihre Königsdiziplin die Diktate und Aufsätze, in der sie fast immer unschlagbar gute Noten vorweisen konnte, verreißt das Mädchen in der letzten Zeit immer öfter und alles nur, wegen ihrer steten Unsicherheit. Mit ein Grund warum sie manchmal von einigen Mitschülern gehänselt wird.

Milly ist es langsam leid, seit fast einem halben Jahr geht das nun so. Sie ist unsicher, hat Angst und kann schlecht schlafen.

Eigentlich hat es an dem Tag begonnen, als die Mutti ihr sagte, dass der Papi eine neue Freundin hat und jetzt nicht mehr bei uns zu Hause wohnt. Im schlimmsten Fall lässt sie sich scheiden. Das war der Tag an dem für Milly eine Welt zusammen brach. Natürlich waren die unschönen Szenen zwischen Papi und Mami, die freilich immer und immer wieder stattfanden, eine Belastung für die kleine Familie. Vornehmlich nachts stritten sich die beiden im Wohn-, oder Schlafzimmer, so dass sie nicht einschlafen konnte. Oftmals, weil sie ja nicht verstehen konnte worum es bei ihren Streitigkeiten ging, zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und dachte so würde alles wieder gut werden. Mit der Zeit merkte sie jedoch, dass es nicht funktionierte und da kam es schon vor, dass sie sich in der einen oder anderen Nacht in den Schlaf weinte. Warum hat der Papi eine Freundin? Das kann er doch nicht machen. Hat er die Mami denn nicht mehr lieb? Sie konnte und sie wollte es einfach nicht verstehen. Dabei liebte sie ihren Vater und nicht nur so, nein sie liebte ihn abgöttisch. Ihr Papa, das war nicht nur ihr Papa, er war ihr ein und alles. Es gab für sie im Grunde genommen nichts Wichtigeres auf dieser Welt. Er war der liebevollste und zärtlichste Papa den sich ein kleines Mädchen nur vorstellen konnte. Man konnte ihn alles fragen, er hatte auf alles eine Antwort und das schönste, er konnte die tollsten Geschichten erzählen.

Jetzt, seitdem ihr Papa nur mal ab und zu einen Tag mit ihr verbringt fühlt sich Milly so unsagbar allein, so verlassen. Natürlich freut sie sich riesig, wenn der Tag dran ist an dem er vor der Tür steht, sie abholt und Milly ihn den ganzen Tag für sich allein hat. Am Abend, wenn er sie wieder verlässt, dann hasst sie ihn, fühlte  sich von ihm verraten aber nicht nur von ihm, auch von Mama, eigentlich von der ganzen Welt. An solchen Tagen zieht sie sich oftmals  in ihr Zimmer zurück und weint. In den letzten Monaten hat sie sehr oft  geweint, vorwiegend nachts wenn es niemand sieht.  

Das Telefon klingelt und Milly zuckt erschreckt zusammen. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte ihrer Aufgaben gemacht. Die Mutter ruft und Milly verlässt das Zimmer.

»Ria ist am Apparat«, sagt sie und gibt ihr den Hörer in die Hand.

»Hey Milly! Was hältst du davon? Ulla, Britta und Geli wollen zum Baggersee. Wollen wir mitfahren?« fragte die Freundin.

»Ich weiß nicht recht. Der See ist doch so tief«, waren Milly‘ s bedenken.

»Ach komm, sei kein Frosch. Das wird bestimmt lustig«, versuchte sie die Freundin zu überreden.

»Na schön, ich komm mit, wann und wo treffen wir uns?« will Milly wissen.

»Gelis älterer Bruder Bert holt uns ab. Du musst nur in einer halben Stunde vor der Haustür stehen, er fährt uns mit dem Auto hin«, erklärt Ria der Freundin.

Milly fragt ihre Mutter und auf deren Zusage gibt sie der Freundin Bescheid. Sie packt ihre Badetasche, zieht sich ihren Bikini drunter und steht pünktlich zum Abholen vor ihrem Haus. Gelis Bruder ließ sie nicht lange warten, nach wenigen Minuten hält er mit dem Auto vor ihrer Tür. Bert fährt den Familien Van der Hausers.

Von dem hatte Angelika Hauser letzten Monat ausführlich berichtet. Da die Hausers eine große Familie waren, Vater, Mutter, vier Kinder und die Oma mütterlicherseits lebten alle in einem eigenen Haus. Gelis Vater war Architekt und hatte auch ein eigenes Büro im Keller. Das Auto war eigentlich ein Firmenwagen, doch nutzen konnte ihn die ganze Familie.

»Der macht wirklich was her, ein tolles Auto«, schwärmt Milly und fährt mit der Hand über den weichen Bezug ihres Sitzes.

Er bot allen bequem Platz und die Mädels waren schwer beeindruckt.

Die Fahrt dauert keine zwanzig Minuten, als Bert die lachende und schwatzende Rasselbande am Baggersee nördlich von Rhinsdorf absetzt.

Die fünf Freundinnen sehen sich nach einem ungestörten Platz um und finden ihn auf einer kleinen Anhöhe unterhalb eines Birkenhains, dort lassen sie sich nieder. Geli hat eine Decke mitgenommen, welche die Mädels jetzt ausbreiten und ihre Taschen, Beutel und sonstigen Badeutensilien darauf verteilen. Ratz Fatz entledigen sie sich ihrer Kleider und reiben sich gegenseitig mit Sonnencreme ein. Britta und Milly waren noch nicht ganz ausgezogen, da ruft Ulla schon: »Wer kommt mit ins Wasser?« erwartungsvoll sieht sie die anderen an.

»Wir gehen natürlich alle«, sagte Britta und steht bereit.

»Ich weiß nicht. Können wir nicht noch ein bisschen warten?« fragt Milly.

»Du schon wieder! Na es ist eh besser, wenn einer bei den Sachen bleibt. Du kannst ja nachkommen, ok«, schlug Ulla vor.

Milly bleibt allein zurück. Ein wenig enttäuscht sieht sie den anderen Mädchen hinterher, die kreischend zum See hinunter laufen. Milly steht auf. Sie macht sich auf den Weg zu den öffentlichen Toiletten. Nach ihrer Rückkehr sucht sie ihr Geldbörse und entdeckt in ihren Schuhen ein paar gelbe Söckchen. Was soll das denn? Wo kommt die denn her? denkt das Mädchen. Sie schaut sich um, kann jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Vielleicht gehören sie ja eines der Mädchen. Milly überlegt! Sie kann sich jedoch, auch nach reichlichem Überlegen, nicht daran erinnern, dass eine ihrer Freundinnen gelbe Söckchen getragen hat. Nach dem Entkleiden, sind die Mädels doch geradewegs zum Baggersee gelaufen, erinnert sich Milly. Da sie keine erkennbare Erklärung für die Existenz dieses ungewöhnlichen Textil finden kann, steckt sie die gelben Dinger kurzerhand in ihre Tasche.

Nun schnappt Milly sich ihr Portemonnaie und marschiert los um ein paar Süßigkeiten zu kaufen. Am Kiosk angekommen will sie sich gerade in eine endlose Käuferschlange einreihen, als zwei Jungen sie zur Seite drängen und sich obendrein auch noch über sie lustig machen.

»Mach mal Platz du Knirps«, sagt der eine etwas größere zu ihr.

»Jungs, das macht man aber nicht. Die Kleine stand doch schon vor euch an. Könnt ihr jungen Leute euch denn heute gar nicht mehr benehmen!« schimpft eine ältere Dame, die die Szene im vorübergehen beobachtet hat.

»Das macht nichts, Omi«, antwortete einer der Jungen lachend: »Sie ist unsere Schwester, wir dürfen das«, rief er der älteren Frau noch hinterher, die kopfschüttelnd weiter ging.

»Stimmt gar nicht«, meldete sich Milly kleinlaut und sah verschüchtert zu Boden..

»Wen interessiert das schon«, bekommt sie zu hören und ein lautes Lachen obendrein.

Endlich hat sich die menschliche Schlange vor Milly aufgelöst und sie kann ihren Einkauf tätigen.

»Zwei Tüten Kekse, ein Päckchen Kaugummi, fünf Tüten Brausepulver, eine Flasche stilles Wasser, Donalds lustiges Taschenbuch und ein Fruchteis bitte«, bestellt sie und denkt, damit bin ich erst mal versorgt. Natürlich bekommen ihre Freundinnen etwas ab! Milly ist nicht der Typ der alles für sich allein haben will, doch das findet sich später von ganz allein. Das Fruchteis wickel sie gleich aus wirft das Papier in den Korb seitlich vom Kiosk und geht fröhlicher Dinge zurück zum gemeinsamen Liegeplatz.

Das seltsame Kleidungsstück, diese ominösen gelben Socken lassen sie jedoch nicht los. Immer und immer wieder kreisen ihre Gedanken um diese Strümpfe. Milly nimmt sie erneut in die Hand. Prüfend betrachtet sie die Söckchen von allen Seiten und kommt zu dem Schluss, dass sind ganz gewöhnliche Kleidungsstücke. Die sehen so ähnlich aus wie das Paar, das ich zu Hause habe. Plötzlich hält sie inne! An der Ferse entdeckt sie ein kleines, unscheinbares blaues Kreuz ... handgestickt. Vielleicht eine Kennzeichnung, um sein Eigentum wiederzuerkennen, dachte Milly. Sie misst dem unscheinbaren Zeichen keine große Bedeutung bei, kann sich aber ihre nächste Handlung auch nicht erklären. Das Mädchen nimmt die Strümpfe und zieht sie sich über die Füße. Eigenartig, denkt sie, die passen mir als wären sie für mich gemacht. Doch kaum hat sie sie angezogen, da traut sie ihren Augen nicht. Die Söckchen werden  heller und heller, sie kann zusehen wie sie immer mehr verblassen bis, ja, bis …  sie kann es gar nicht fassen. Die Fußbekleidung wird nicht nur hell, sie wird durchscheinend und dem nicht genug, sogar durchsichtig, bis die Söckchen schließlich weg sind – also nicht weg – sie sind unsichtbar. Milly ist völlig verwirrt, dabei kann  sie die Strümpfe fühlen, am Bein und mit ihren Händen, doch sehen kann sie sie nicht mehr. Da stimmt doch was nicht, das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen, denkt sie sich. Verwundert reibt sich Milly die Augen, schüttelte den Kopf und kneift sich in den Arm.

»Aua«, entfährt es ihr. Es ist also keine Einbildung, ich täusche mich nicht und ich träume auch nicht. Alles was sie soeben erlebt hat ist wirklich geschehen! Ja, aber wenn das alles wirklich und wahrhaftig ist, worin liegt der Sinn des Ganzen, überlegt sie. Milly bekommt nicht die Zeit über Sinn oder Unsinn der unsichtbaren Söckchen nachzudenken, denn im nächsten Augenblick kommen Ria, Geli, Ulla und Britta vom schwimmen zurück. Sie hat nicht einmal die Zeit die geheimnisvollen Socken wieder auszuziehen und in ihrer Tasche verschwinden zu lassen.  

 »Ein Handtuch, schnell ein Handtuch«, ruft Geli beim näherkommen. Milly hält ihr das ihre entgegen und die Freundin reißt es ihr regelrecht aus der Hand.

»Ach, das tut gut«, sagt sie, sich in das kuschelige Frottee einhüllend.

»Is mir kalt, is mir kalt, is mir kalt«, hört Milly Britta klagen, die ebenfalls schnell nach ihrem Handtuch greift.

Nun sind auch Ulla und Ria an ihrem gemeinsamen Liegeplatz angelangt. Ulla die schon ganz blaue Lippen hat, nimmt stumm ihr Handtuch und setzt sich wortlos auf die Decke.

»Macht nur nicht so ein Geschrei, Mädels. Klar 14° C Wassertemperatur ist nicht besonders warm aber deshalb braucht ihr euch trotz allem nicht so anzustellen. Ist schließlich noch keiner bei 14° erfroren«, sagte Ria recht schroff.

»Da muss ich Ria aber recht geben, immerhin seid ihr fast eine halbe Stunde  im See gewesen. Ihr hättet ja früher herauskommen können«, mischt sich Milly in das Gespräch ein.

»Das haben wir gerne, sich vor Angst drücken und hinterher große Sprüche klopfen«, wirft Geli dazwischen.  

»Was heißt hier Angst und große Sprüche klopfen. Ich hatte einfach noch keine Lust ins Wasser zu gehen. Ich mag es nicht anzukommen und ins Wasser zu rennen. Ich möchte mich langsam an alles gewöhnen und vielleicht erst mal ein wenig die Sonne genießen«, verteidigt sich Milly, die sich angegriffen fühlte, seltsamer Weise recht lautstark.

»Langsam an alles gewöhnen, dass ich nicht lache«, warf Ria dazwischen. »Angst hast du! Du hast mir selbst am Telefon gesagt … ich weiß nicht, der See ist doch so tief. Das kannst du nicht abstreiten!« stichelt Ria weiter.

»Ist er ja auch!«, behauptete Milly steif und fest.

»Milly, du brauchst hier keinen auf stark zu machen. Wir wissen, dass du eine sehr gute Schwimmerin bist aber jeder weiß auch, dass du dich vor tiefem Wasser fürchtest«, stellt Ria fest.

»Es kann ja nicht jeder so mutig sein wie ihr«, erwidert Milly trotzig, dreht sich um nimmt ihr zuvor gekauftes Taschenbuch heraus und fängt an zu lesen.

»Bitte Milly, mach hier nicht einen auf beleidigt. Ich habe es nicht böse gemeint. Immerhin sind wir doch Freundinnen, es tut mir leid«, bittet Ria Milly um Verzeihung.

»Ja, komm sei kein Frosch, Milly«, stimmen die anderen mit ein.

»Ist ja schon gut. Ich bin nicht beleidigt«, sagte Milly, legt das Buch wieder fort und lacht.

»Los Mädels, kommt wir gehen auf die Ballspielwiese. Ich habe einen Wasserball dabei«, ruft Britta, deren Lippen inzwischen wieder normal aussehen.

»Das ist eine tolle Idee«, schließt sich Ulla dem Vorschlag an.

»Au ja, wir spielen jeder gegen jeden. Wer die meisten Ballverluste hat muss ein Eis ausgeben«, tönt Geli.

»Wo wir gerade von ausgeben sprechen«, meldet sich Milly noch einmal zu Wort. Sie holt die Brausetüten hervor und reicht jeder ein Tütchen.  

»Das halt ich ja im Kopf nicht aus. Ich sterbe für Brausepulver. Das Zeug kribbelt so schön auf der Zunge«, ruft Ulla und greift zu.

»Aber, um das klar zu stellen. Ich mache hier keinen auf stark, wie Ria so schön behauptet«, greift Milly das Thema noch einmal auf und blickt auf die Mädchen, die ihre Freundin verwundert anschauen, ohne zu wissen, worauf sie hinaus will.

 »Ich sehe schon, es ist das Beste wenn ich euch zeige was ich meine«, sagt Milly entschlossen, stand auf und fordert die Freundinnen auf mitzukommen.

Irritiert schaut sich die Clique an, dann stehen sie auf und folgen der Freundin.

Milly hat keine Ahnung warum sie das alles tut. Sie marschiert geradewegs Richtung Baggersee. Nur eines ist ihr bewusst, sie und das spürt sie beim über den Rasen gehen, sie ist nicht Barfuß, denn ihre Füße stecken immer noch in diesen unsichtbaren gelben Söckchen. Eine Gruppe Jungens stand ihr im Weg, ohne jedoch zu bemerken dass die Mädchen auf sie zukamen.

»Ach, könntet ihr uns bitte mal vorbeilassen«, ruft Milly mit fester Stimme.

Verdutzt über das sichere Auftreten der Mädchengruppe machen die Burschen ohne zu murren Platz.

»Danke Jungs und Du kannst den Mund wieder zumachen, sonst kommen vielleicht noch Fliegen rein«, ist Milly‘ s coole Randbemerkung an einen der Jungen.

Die Mädchen kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, so kennen sie ihre Milly überhaupt nicht.  

Am See angekommen, hechtet Milly, ohne sich vorher nass zu machen, mit einem gekonnten Kopfsprung in das kalte Wasser des Baggersees. Mit sicheren Schwimmstößen schwimmt sie einmal über den See, machte kehrt und kommt ohne Unterbrechung wieder zurück. Bewundernd, über das forsche Vorgehen von Milly, hat sich eine größere Gruppe Jugendlicher am Rand des Sees versammelt, die Beifall klatschen als das Mädchen wieder aus dem Wasser steigt.

»Boah, ihr habt wirklich recht, das Wasser ist ganz schön kalt aber wenn man sich bewegt spürt man das kaum«, lautet Milly‘ s lässiger Kommentar.

Die Freundinnen und auch alle anderen die drum herum stehen, lassen sie hoch leben, ja sie feiern Milly geradezu. Das hätten sich nicht viele getraut – in einem Zug über den Baggersee und zurück.

Der Nachmittag wird toll für die Mädchen Clique, die richtig viel Spaß beim Ball spielen haben, sogar Milly hat diesmal keine Angst vom Ball getroffen oder beim Spielen verletzt zu werden.  

Am Abend, sitzt Milly mit ihrer Mutter am Abendbrottisch und versucht heraus zu bekommen, wie ernst es der Mutter mit der angekündigten Scheidung ist.

»Wie geht das eigentlich? Kann man sich denn so einfach scheiden lassen?« will Milly wissen.

»Nein mein Spatz, so einfach geht das nun auch nicht. Zuerst muss man ein Trennungsjahr einhalten und danach kann man die Scheidung einreichen«, erklärt ihr die Mutter.

»Und wie ist das mit dir und Papi? Wollt ihr das denn? Hast du den Papi denn nicht mehr lieb?« versucht Milly heraus zu bekommen.

Nachdenklich und still schaut die Mutter auf ihre belegte Leberwurst Schnitte, so als müsse sie über die ihr gestellte Frage nachdenken. Ein, zwei Minuten überlegt sie, dann sagt sie: »Ich schon. Ja, ich hab ihn noch lieb! Da der Papa aber jetzt diese neue Freundin hat, wird er die Trennung wohl wollen«, erklärt ihr die Mutter.

»Aber, wenn du dich nun nicht scheiden lassen willst?« ließ Milly nicht locker.

»Was ich will? Ich glaube das ist in dem Fall nicht wichtig. Der Richter wird die Tatsachen prüfen und sein Urteil sprechen – und das war es dann, mein Spatz. Im Moment ist es aber noch nicht so weit, warten wir es erst mal ab.« Und während die Mutter das sagt, steht sie auf und räumt das Geschirr vom Tisch. Milly tut es ihr gleich, überlegt aber, was kann ich tun, dass die beiden sich wieder lieb haben – das wir drei uns wieder lieb haben, verbessert sie sich in Gedanken.

Ein paar Tage später. Milly sehnte den Augenblick herbei, an dem ihr Vater wieder einen ganzen Tag bei ihr sein würde. Tagsüber trug sie die seltsamen Söckchen, die ihr, wie sie glaubte Sicherheit, Selbstbewusstsein und Angstfreiheit gaben, nur abends zog sie sie aus. Heimlich wusch sie die Söckchen im Handwaschbecken um sie am nächsten Morgen wieder sauber tragen zu können. Und es schien wirklich als würde der Zauber dieser Fußbekleidung auf Milly abfärben. Sie wirkte Selbstsicher, Umgänglicher und sie hatte immer einen passenden Spruch parat. Ria, ach was, die ganze Clique wunderte sich über den plötzlichen Wandel der Freundin, schon die Vorstellung am Baggersee hatte sie stark beeindruckt. Doch ansonsten dachten die Mädchen über das neue Verhalten ihrer Freundin nicht weiter nach. Für sie war Milly das Mädchen das sie von früher kannten … sie war halt wieder die Alte.  

In der Nachbargemeinde von Rhinsdorf in Fredersheim, so fand Milly ein Plakat an der Litfaßsäule, findet in der kommenden Woche eine Kirmes statt und der Vater hat versprochen mit ihr dorthin zu gehen.

Die ganze Woche war Milly schon aufgeregt, aber heute, heute waren ihre Hände schweißnass vor Erregung. Sie wartet jetzt nur noch auf den Augenblick, dass die Türglocke ertönt und ihr Vater sie zum Besuch der Kirmes abholt. Fünf Minuten musste sie sich noch Gedulden, dann stand der Papa vor der Tür.

Auf der Fahrt zum Rummel bemerkt Milly, dass der Vater anders ist als sonst. Er spricht wenig, macht ein ernstes Gesicht und ist unkonzentriert.

Auweia, beinahe hätte Papi den Zebrastreifen übersehen. Was ist bloß mit ihm los? Die beiden älteren Leute kann man doch gar nicht übersehen, dachte Milly, erschreckt.

Auf der Kirmes setzt sich seine Zerstreutheit fort. Beim Schießen trifft er kein einziges Mal, nur eine einzige Büchse fällt beim Dosenwerfen herunter und das Würfeln verpatzt er total. Früher, wenn Milly mit ihrem Vater auf die Kirmes ging, wusste sie gar nicht wohin mit den ganzen Gewinnen aber heute … nein, heute macht es keinen Spaß mit ihm. Nicht der entgangenen Gewinne wegen, die waren der Milly egal. Nein, es war einfach nur der Papa selbst, der ihr heute nicht gefiel.

Später sitzen die zwei auf einer Bank vor einem Imbiss und essen Hamburger mit Pommes und trinken Cola.    

 »Papi, ist das wahr, Mutti sagt ihr lasst euch scheiden?« fragt Milly mutig drauf los. Sie hat nicht die geringste Angst, trägt sie doch die neuen gelben Söckchen.

Einen Moment lang ist Milly‘ s Vater sprachlos. Mit so einer Frage hat er nicht gerechnet. Zwei, drei Atemzüge lang überlegt er noch, bevor er antwortet: »Ich glaube schon, dass die Mutti sich von mir trennen will, immerhin habe ich ihr ziemlich weh getan. Dir natürlich auch.«

»Ist es, weil du jetzt eine neue Freundin hast? Und wirst du sie heiraten? Oder, kann es sein, dass Du und Mutti sich wieder vertragen?« sprudelt es jetzt aus Milly heraus. Ihre Wangen glühen jetzt feuerrot, ist sie doch stolz auf sich selbst, dass sie so mutig gefragt hat. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät und wir werden wieder eine richtige Familie, ist Milly‘ s heimlicher Wunsch und Gedanke. Dafür kann ich ruhig schon mal etwas riskieren.

Abermals fühlt er sich durch die Fragestellung der Kleinen überfordert, ja sogar angegriffen, doch schließlich sah er ein, dass es sich um ein ganz natürliches Interesse bei ihr handeln muss. Er verwarf auch den Gedanken sich insgeheim heraus zu reden, sondern ging über seiner Tochter die Wahrheit zu sagen.

»Ach weißt du Spatz, dass mit meiner Freundin ist so eine Sache – wir sind nämlich nicht mehr zusammen. Ich habe da einen sehr, sehr großen, dummen und unüberlegten Fehler gemacht. Deshalb kann ich der Mutti nicht einmal böse sein, wenn sie mich nicht mehr will, obwohl ich sie immer noch lieb hab«, versichert ihr der Vater.

Das ist ja wunder-, wunder-, wunderbar, jubelte Milly innerlich, versuchte aber ganz ruhig zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen.

»Vielleicht lässt sich doch noch was machen, Papi. Komm doch einfach am Sonntag zum Kaffee zu uns und bring der Mami einen großen Blumenstrauß mit. Ich glaube, wenn ihr dann nicht wieder streitet, kann alles wieder gut werden. Die Mami hat mir nämlich gesagt, dass sie dich auch noch lieb hat, aber sag ihr bloß nicht das ich dir das verraten habe«, sagt Milly zum Vater und lächelt dabei verschmitzt.

Auf dem Heimweg dachte Milly insgeheim, jetzt war der Nachmittag doch noch sehr schön und Papi, war wieder wie früher, und wieder zierte ein feines Lächeln ihre Lippen.

Der Samstag zog sich hin wie ein gut durchgekauter Kaugummi, Milly konnte den Sonntag kaum abwarten, so nervös war sie. Doch auch die längste Wartezeit geht mal vorbei und Milly flitzt wie ein Sausewind zur Haustür als am Sonntagnachmittag die Türglocke läutet. Sie schaut durch den Tür Spion und ruft: »Mami, Mami komm schnell, es steht jemand vor der Tür.«

»Immer mit der Ruhe, ich komm ja schon«, sagt die Mutter und öffnet die Tür.

»Richard!« sagt sie erstaunt.

»Hallo Verena, darf ich reinkommen. Ich glaube wir haben etwas zu besprechen«, lautet seine Antwort und dabei holt er einen großen Blumenstrauß hinter seinem Rücken hervor.

Ein wenig überrumpelt tritt sie zur Seite und lässt ihn herein. Milly beobachtet alles von der halb geschlossenen Küchentür aus. Sie verzieht sich ganz in die Küche, schließt die Tür. setzt Kaffeewasser auf und holt drei selbstgebackene Stück Kuchen hervor, dann wartet sie das weitere Geschehen ab. Milly muss viel Geduld aufbringen, sogar sehr viel Geduld. Eine knappe Stunde dauert das nun schon, denkt sie und drückt dabei kräftig die Daumen.

Kaum hat sie den Gedanken zu Ende gedacht, da öffnet sich die Küchentür und die Mutter kommt herein.

»Milly«, sagt sie und sieht erstaunt auf die vorbereitete Kaffeetafel.

»Das habt ihr doch beide auf der Kirmes ausgeheckt«, behauptet die Mutter, nimmt Milly in den Arm und gibt ihr einen dicken Kuss. »Danke«, haucht sie lächelnd und dabei läuft ihr eine kleine Träne über die Wange.

Milly ist glücklich wie lange nicht mehr, jetzt ist ihr größter Wunsch doch noch in Erfüllung gegangen. Nur eines war seltsam, das gelbe paar Söckchen war am nächsten Tag verschwunden … sie sah es nie wieder.

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