Monatsmarkt

Wir waren ziemlich stürmisch los geritten und hatten uns einfach auf Kevins "immer der Nase nach!" verlassen, so dass wir bald orientierungslos geradeaus ritten und uns nur noch über die bizarren Dinge wunderten, die an uns vorbei zischten:

Seltsame Menschen winkten uns zu, in bunte Farben und Harnische gekleidet, mit Schuhen, die aus Holz und Stroh und Lehm zu bestehen schienen, alsbald aber auch aus komisch aussehenden Materialien, die wir nicht kannten, schwarz, braun oder weiß. Menschen die lachten, Menschen die in kurzer Kleidung scheinbar zur Bewegung durch die Straßen liefen, Menschen, die kauften, die feilschten, die schimpften, die spielten und allerlei verrückte Sachen trieben. Sogar ein tanzendes Paar kreuzte unseren Weg und laute Musik schallte aus einem Haus das bunt leuchtete. Menschen über Menschen.  Doch noch viel außergewöhnlicher erschienen einem die Häuser, die in vielen verschiedenen Bauweisen an uns vorüber flitzten: erst waren nur kleine aus Stroh, Lehm und Holz gebaute Gebäude zu sehen, aber je weiter wir ritten, desto mehr Stein wurde auch benutzt, bis man sogar Farbe an den Wänden hatte, die nicht immer schön aussah, an manchen Stellen sogar schon abbröckelte und dem Verfall nahe zu sein schien. 'Was ist hier nur los,' dachte ich. 'Als ob die Zeit mit uns weiter reiten würde...alles verändert sich innerhalb weniger hundert Meter!'

"Sag mal Kevin, als du uns das erste mal gesehen hast, warum hast du dich nicht darüber gewundert, wie wir aussahen? Und woher wusstest du so genau Bescheid aus welcher Zeit wir kamen?" fragte Funny unvermittelt und lenkte mich damit von meinen Gedanken ab.

"Ihr seid nicht die ersten, die es aus anderen Epochen hierher geführt hat", erklärte er gelassen.

"Du scheinst dich ja auszukennen, was diesen ganzen Zeitwandel angeht. Kannst du uns da was dazu sagen?", hakte Chase nach. Er ließ sein Pferd traben und wir passten uns an, denn schließlich wollten wir nicht durch den Zugwind Worte verloren gehen lassen.

"Aber klar. Zuerst müsst ihr wissen, dass das Raum-Zeit-Verhältnis durch die Dämonen nach und auch schon vor der großen Schlacht durcheinander gebracht worden war. Es bildeten sich 'Zeitschichten', die jedoch nicht alle gleichmäßig verteilt und auch nicht gleichgroß ausgeprägt sind. Es gibt große Zeitschichten und Zeitenengpässe. Romino hat das Glück und den Fluch auf einem dieser Zeitenengpässe entstanden zu sein. So konnte es kommen, dass es am einen Ende erst Anfang des 19. Jahrhunderts und am anderen Ende bereits 1971 ist. 'Leute wie Dok' zum Beispiel," zwinkerte er Funny zu, "wissen zwar Bescheid, leben aber lieber in ihrer alten konservativen Zeit und holen sich nur das Nötigste aus der Zukunftsebene. Wir haben uns daran gewöhnt so zu leben..."

Er beschrieb allerlei Dinge, unter Anderem auch wie Elektrizität funktioniert und was mit den Rittern und allem bis heute Drumherum geschah: Nach einem Einfall fremdländischer Kolonisten in die Königreiche entstanden große Unruhen, denn die Fremden waren es nicht gewöhnt unter einem König oder Kaiser zu leben. Sie waren ein freies Volk gewesen, dass nun mit einer gewaltigen Revolution die Alleinoberhäupter stürzen wollte. Beistand erhielt diese Gruppe von der Unterschicht, die sich daraus Besserung für die eigenen Lebensverhältnisse versprach. Aus der Monarchie wurde nach der Kapitulation der überraschten Adelshäuser eine Demokratie, bei der die Bürger wählen können, wer über ihnen steht und die Gesetze macht. Durch diese Veränderung steigerte sich auch tatsächlich der durchschnittliche Lebensstandard. Die technischen Fortschritte waren nicht mehr zu bremsen, keiner litt mehr Hunger, da das Land aus dem die Fremden kamen fruchtbar war und die Einheimischen mit ihnen Handel trieben: Metalle gegen Essen, für beide äußerst lukrativ, denn die Ausländer konnten Metal gut brauchen.

Unsere Neugier war noch nicht gestillt, alles was uns gerade auffiel: die vielen Straßen, die gräulich und dreckig jeden Hufschlag laut erschallen ließen, die großen Stangen am Straßenrand, die er als Straßenlaternen bezeichnete, musste er uns erklären.

"Was war das denn für ein buntes Haus aus dem die Musik und das tanzende Pärchen gekommen waren?" Schon die ganze Zeit brannte mir diese Frage auf der Zunge.

"Das war eine Disko. Ihr habt übrigens Glück, dass gerade Schmuserunde war, ansonsten wäre euch Techno oder ähnliches um die Ohren geflogen..."

"Teckno?"

"Eine Musikart, die in den späten 90igern beliebt ist, aber auch immer mehr Anhang bei der Jugend aus den 60gern gewinnt. Laut, textlos und mit viel, viel Rhythmusschlägerei... Nichts was euch gefallen würde, schätze ich."

"Aha... das muss ich ja noch nicht verstehen, oder?" Ich sah auf und bemerkte eine plötzliche Veränderung unserer Umgebung. "Du sag mal, hier leben wohl kaum Menschen in der Gegend." Es sah kahl und unwirtlich aus, nur einige Strohhütten standen stillschweigend herum. Ziegen, Schafe und einige Kühe liefen am Wegesrand neben uns her, oder fraßen das spärlich wachsende Gras vom Boden. "Was ist denn hier auf einmal los?"

"Wir befinden uns in einem Dimensionsriss. An dieser Stelle haben laut Legende einmal zwei Dämonen miteinander gekämpft, grausamer als Menschen je dazu im Stande wären. Schließlich sah es nach unentschieden aus und beide hatten gleichzeitig den Gedanken durch ein Zeitloch zu fliehen. Sie entschieden sich für genau entgegen gesetzte Orte und rissen durch ihre große Macht dieses Loch in die Dimensionen. Beide starben an den Verletzungen, die die riesige Explosion anrichtete, doch der Riss hat sich bis heute nicht geschlossen und so kam es, dass mitten im Gebiet um 1965 ein kleiner Ort aus dem 7. Jahrhundert erhalten blieb. Die Menschen von dort sind schweigsam. Sie sprechen unsere Sprache nicht und weigern sich nach unseren Regeln zu leben. Sie lassen uns aber in Ruhe, also lassen wir sie leben wie sie wollen." Wir waren überwältigt von der Tatsache, dass ein so großer Zeitenunterschied möglich war, so durchquerten wir den kleinen Flecken Rominos recht schweigsam und ohne große Worte. Doch kurz darauf dröhnte der Krach der nahenden Großstadt umso lauter in unseren Ohren. Die geteerte Straße kam uns seltsam vor nach dem staubigen Feldweg. Pferdelose Kutschen rasten mit Atem beraubender Geschwindigkeit an uns vorüber und stanken noch dazu fürchterlich. Unsere Pferde bekamen Angst und scheuten, aber wir waren zu fasziniert von unserer Umgebung, als dass wir uns um sie kümmern hätten können: große silberne Bauten aus Glas mit Millionen von Fenstern, gewaltige Brücken, die Straßen überspannten und wieder mit Straßen überzogen waren. "Vorsicht vor den Autos und Fahrrädern, erwartet keine Rücksicht, Leute..." Die riesigen, geteerten Straßen wurden von Tausenden dieser "Autos" und "Fahrräder" benutzt, ab und zu kamen auch Reiter und Vagabunde an uns vorbei. Musik drang aus den Fenstern verkommener Kleinbauten, die aus rotem Backstein gefertigt waren und schon ziemlich alt aussahen. Was wir sahen wirkte auf uns wie ein Puzzle aus vielen verschiedenen Teilen, die gar nicht zusammen zu gehören schienen. Wir wagten uns nur langsam voran, aus Angst wir könnten etwas verpassen. Da hieß uns Kevin anzuhalten:

"Wir befinden uns im Herzstück Rominos. Dies ist der absolute Knotenpunkt des Zeitenengpasses, hier trifft sich der Viehwagen mit dem Sportauto, der Plattenspieler mit dem MP3-Player und der Ritter mit der Polizei. Das riesige Gebäude vor uns, das aussieht als hätten 100 verschiedene Architekten daran gearbeitet (was vielleicht sogar stimmen mag), ist das Regierungsgebäude. Von dort aus wird alles von den Demokraten überwacht."

Es war das riesige Gebäude vor uns, an dem in vielen Schriften und Sprachen groß die Worte: 'Regierungssitz von Furanta' prangte.

"Das ist... "

"...unbeschreiblich!" beendete Béilo Chase's Satz. Auch mir fällt es schwer, die richtigen Worte für dieses riesige Bauwerk zu finden. Es sah aus, wie ein Puzzle aus Häusern von vielen verschiedenen Epochen. Am östlichen Ausläufer des Hauses, das zum einen mit alten Holzbalken, zum andern mit massiven Steinsäulen gestützt wurde, sah man eine Art kleines Bauernhäuschen, über dessen Tür – ebenfalls aus Holz – ein Schild angebracht war:

>Angelegenheiten vom frühen bis ins späte Mittelalter<

An einer anderen Tür aus glänzendem, silbernem Metall, die zu einem nüchternen, fantasielos wirkendem Haus gehörte, hing mit außergewöhnlich gerader Schrift ein weiteres Schild:

>Bürokratisches und Politische Angelegenheiten der Neuzeit<

Und so ging es weiter, große Häuser, kleine Häuser, manche sahen aus, wie aus Blumen und Lehm gefertigt, andere waren aus Stroh gemauert, wieder andere hatten kein Dach oder standen nur provisorisch zusammen geflickt herum. Alle diese Häuser waren in das Gebäude eingebaut. Sie standen nebeneinander, über- und untereinander, waren zu Etagen zusammengefasst oder ragten einfach kreuz und quer aus dem Grundbau heraus, der als einziger einen neutralen Eindruck machte. Er war nur an wenigen Stellen zu sehen, wo mal keines der andern Bauten heraus stach, dort sah man wie an vielen umstehenden Gebäuden nur Fenster, die das Spiegelbild ihrer Umgebung zeigten. Es war so hoch wie die Wolken und doch nicht das Einzige, das solche enormen Höhen erreichte. Denn um den Regierungssitz herum standen noch viele anderer dieser Spiegelfensterwolkenbauten. Minutenlang starrten wir dieses Ungetüm vor uns an. Dann riss Kevin uns plötzlich aus der Gafferei:

"Ihr braucht doch bestimmt noch eine Karte. Oder wisst ihr nicht mal wo ihr hinmüsst?"

"Tja, na ja,... öhm..." Ich musste Kevin festhalten, damit er nicht von Falums Rücken plumpste.

"Was?! Und wo bitte schön wollt ihr mit suchen anfangen?"

"Flash? Ich bin euch gefolgt, weil ich dachte du weißt, wo du hin willst? Reisen wir etwa seit einer Woche in der Gegend herum, ohne zu wissen, wo wir überhaupt hin wollen???" Béilo machte einen desillusionierten Eindruck. Eine Woche, mir kam es schon so viel länger vor...

"Na ja, mein einziger Anhaltspunkt bleibt nun mal ein Name. Usongu."

"Usongu?" fragten alle wie aus einem Mund.

"In Olim." Kevin tippte auf seinem kleinen schwarzen Kasten herum. "Das steht zumindest unter dem Punkt 'derzeitiger Aufenthaltsort'."

"Und woher weiß das dieser Kasten?" skeptisch musterte ich das Ding mit dem Kevin da vor meiner Nase herumfuchtelte.

"Das ist ein Handy. Die Regierung weiß von jedem wo er sich befindet, frag mich nicht wie die das anstellen. Hier, kuck mal." Er tippte ein weiteres Mal auf dem Handy herum und zeigte es mir wieder.

"Das ist verrückt! Da steht mein Name und daneben: 'derzeitiger Aufenthaltsort:' Romino! Aber die kennen mich doch gar nicht..."

"Da!" der Kleine deutete auf ein Schild an einer der tausend Haustüren:

>Personaldaten – sie suchen jemanden? Wir wissen wo er sich befindet. Schicken sie '/suche Personenname' an die 0815/34 46 50 und der Aufenthaltsort der Person wird ihnen sofort zugesendet! Bei Fragen wenden Sie sich bitte an unsere Mitarbeiter im Inneren des Gebäudes.

Search'n'Find GmbH<

Die Gestalt des Häuschens ähnelte einem Handy sehr. Vermutlich hatte jeder in dieser Stadt eines.

"Flash. Frag das Ding, das Handy, doch mal wo Cenishenta ist." schlug Funny vor.

"Funny ich könnt dich knutschen. Aber ich glaub, das lass ich lieber Chase machen", lachte ich.

"Tut mir leid," gestand Kevin, der sofort losgetippt hatte. "Keine Daten vorhanden. Da steht nix drin über diese Cenishenta."

"Schade, na macht nichts. Ich werde sie auch so finden." Davon war ich fest überzeugt.

Ein leises Summen kam um uns herum auf und wahre Menschenmassen, unzählige von ihnen, strömten von allen Seiten auf uns zu. Ich hatte noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen, obwohl nicht nur Menschen unter ihnen zu sein schienen.

"Mist, ich hab meinen Umhang bei euch liegen lassen, Kevin. So wie ich aussehe, erschreck ich doch alle in der Stadt." krächzte Béilo bedrückt.

"Hä? Ach quatsch. Wenn du glaubst, du wärst ein Ausnahmefall, täuschst du dich gewaltig."

Man konnte das riesige Fragezeichen direkt sehen, dass sich auf Béilos Gesicht ausbreitete. Aber Kevin hatte Recht:

Unter den vielen Massen, die auf uns zu kamen, konnte ich Kobolde, Elfen, Feen, Hexen, andere Ritter mit ihren Pferden, auf zwei Beinen laufende Hunde und sogar einige finstere, angekettete Oger ausmachen. Viele waren mit großen Karren unterwegs, oder trugen prall gefüllte Rucksäcke mit sich herum. Ich sah auch Menschen, die Kleidung trugen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnte:

einer trug ein glitzerndes, aus weiß schimmernden Ringen bestehendes Hemd. Er war ziemlich klein, vermutlich ein Zwerg. Ein paar Viehhändler waren auch dabei, mit ihren Kühen und Pferden, aber es gab auch anderes Getier, das in den Käfigen saß. Ein großer Vogel mit schwarzem Gefieder und weiß gefiedertem Kopf, sowie viele kleine und große Flugtiere. Sogar ein kleiner, silbergrün schimmernder Drache fauchte wütend durch die Stäbe seines Gefängnis. Ein mit schwarzem Tuch abgedeckter Käfig, aus dem lautes Gurren und Geschnatter drang, erweckte meine Neugier.

"Was ist das?" dachte ich laut vor mich hin.

"Gremlins!", fauchte Béilo böse.

"Gremlins? Die sind doch harmlos!", lachte Chase.

"Was sind denn Gremlins?", mischte Funny sich ein.

"Anfangs sind sie niedlich lieb und klein. Licht hassen sie und Sonnenlicht tötet sie", erklärte Béilo noch immer mit dem Blick am Gefängnis mit dem schwarzen Tuch klebend.

"Ach deshalb die Abdeckung..." murmelte ich.

"Sie bleiben allerdings nur solange lieb und klein, wie sie nicht mit Wasser in Berührung kommen und nach Mitternacht etwas essen können. Sollten sie es doch schaffen, dann gnade ihrem Besitzer seine Gottheit..."

"So schlimm sind die?"

"Gothank ist einer der wenigen übrig gebliebenen Mauxies seiner Familie... Gremlins haben den Rest ausgerottet", flüsterte der Snift verbittert.

Kevin Ikura sah uns alle der Reihe nach an, zog eine Schnute und maulte dann los:

"Jetzt seid doch nicht schon wieder alle so schlecht drauf, Mensch... Eigentlich wollte ich mit euch zum Monatsmarkt, damit wir eine Karte für euch finden, aber wenn ihr so nen Aufstand wegen der Verkaufsware von Viehhändlern macht, können wir auch gleich gehen."

"Gut dann lass uns gehen." warf ich unvermittelt ein und stapfte einfach in eine Richtung davon.

Da blieb ich stehen und sah mich um:

"Hm – wo müssen wir eigentlich hin?" Die anderen stöhnten auf und fingen an laut loszulachen.

Während ich mit einfiel blitzten viele kleine Punkte vor mir auf. Auch hier, nur wenige Schritte weiter waren die Häuser bunt oder aus blendenden Metallen gebaut. Da waren auch wieder diese riesigen Blöcke, die nur aus Fenstern zu bestehen schienen, ähnlich wie der Regierungssitz. Einige Häuser hatten große Fenster, die zur Straße hingerichtet waren und in denen die gesamte Kleiderkollektion der darin Wohnenden, oder Gebäck oder Schuhe, oder Bücher, und vieles mehr zu sehen war.

"Was ist das denn? Wer bitte stellt seine Kleidung in großen Fenstern aus, durch die sie jeder sehen kann??? Und wieso ist in einer so großen Stadt nicht ein einziger Brunnen auf dem Marktplatz?" platzte Chase los.

"Pffft Phhaahahhahahahahaha! Oh man, das ist ein Warengeschäft für Kleidung und das wir keinen Brunnen mehr brauchen liegt daran, dass wir fliesend Wasser durch in der Erde verlegte Metallrohre bekommen. Man muss nicht mehr in die Stadt um sich Wasser zu holen. Kleidung macht sich hier kaum noch jemand selber, die wird maschinell hergestellt und verkauft. Ich hab das Gefühl, das wird noch lustig heute..."

Eine neuerliche Welle von Monatsmarktbesuchern riss uns ein Stück weit mit. Wir retteten uns in eine der weniger belebten Nebenstraßen.

"Schnüfschnüf. Wonach riecht es denn hier? Nach gebratenen Fleisch?"

"Ja richtig! Hmmm. Da drüben steht eine Würstchenbude", schwärmte Kevin.

Dort, wo er hindeutete war ein kleines, offenbar bewegliches Häuschen aufgestellt, aus dem eine kleine, rundliche Frau lächelte und kleine Brötchen mit langen, braunen Schlangen darin verteilte.

"Ist das was zu Essen?", fragte Chase ungläubig.

"Ich werde es mal probieren, Kevin muss ich dafür was bezahlen?"

"Eigentlich schon, aber sag du lässt es auf Dans Rechnung schreiben. Die alte Rosi kennt das schon von mir..."

"Ach ja? Isst du oft bei ihr?" fragte ich von Falums Rücken steigend.

"Ja, aber Dok kann es nicht immer bezahlen, das kennt sie schon."

"Der spinnt." – "Total", hörte ich die anderen lästern, während ich auf die Bude zuging.

"Bring mir auch einen mit," rief mir der Junge nach.

"Guten Tag, was kann ich für sie tun?", fragte die etwas rundliche Frau namens Rosi mich.

"Ich hätte gerne ... ähm, so zwei von denen da." deutete ich auf die Brötchen und Würstchen.

"Zwei mal Hot Dog für den jungen Rittersmann. So, bitte schön. Das macht dann 4.50, Sir."

"Was für eine Währung nehmen sie denn?"

"Na, die Reichswährung natürlich, aber ich nehm auch Gold oder Silber...", lächelte sie.

Doch letzteres muss wohl ein Scherz gewesen sein, denn als ich ihr vier Gold- und ein Silberstück reichte, fiel sie fast in Ohnmacht...

"Hm... Ach sagen sie, wie viel schuldet ihnen Doktor Daniel Burner?"

"In Reichswährung bestimmt schon 1500, aber ich habe es aufgegeben ihn darum zu bitten..."

"Wie viel Goldstücke wären denn das?" Sie sah mich seltsam misstrauisch an.

"15" sagte sie schließlich. Aber als ich ihr die 15 Goldstücke dann tatsächlich gab, fiel sie wirklich in Ohnmacht...

"Hups..." Glucksend und mit den 'Hot Dogs' in den Händen stapfte ich zurück zu den anderen, die schallend lachten, als ich ihnen erzählte, was passiert war.

"Wieso hast du denn Dans Schulden bezahlt?"

"Weil er nichts von uns verlangt hat und wir auch nicht daran gedacht hatten, uns für seine großzügige Gastfreundschaft zu bedanken. Ich stand ebenso in seiner Schuld wie er in Rosis. Aber jetzt lasst uns auf den Markt gehen, wir brauchen schließlich die Karte."

 

Als wir wieder um die Ecke in Richtung Regierungssitz bogen, hatte sich das Bild von vorhin komplett verändert:

Die ziehenden Menschen- und Monstermengen waren verschwunden, nur vereinzelt kamen Nachzügler. An den Wänden der Häuser um uns herum hingen lange, große, weiße Plakate, die alle das gleiche verkündeten:

>Monatsmarkt! Nur für wenige Stunden geöffnet!

Von 8 Uhr bis 18 Uhr. Nur ein paar Schritte hinter dem Regierungssitz!

Hier finden sie alles: von der elektronischen Haushaltshilfe, über Schwerter, Haustiere und Zubehör, bis hin zu Dingen aus fernen Zukunfts- oder Vergangenheitsebenen, Dinge, die sie noch nie zuvor gesehen haben!<

 

"Blablabla... Jeden Monat der gleiche Zirkus... lasst es uns schnell hinter uns bringen, bevor wir in den Schlussverkauf geraten." Genervt blickte Kevin in die Runde. "Steigt lieber von den Pferden ab und führt sie. Passt vor allem auf eure Sachen auf, hier gibt es haufenweise Taschendiebe..."

Chase räusperte sich kaum merklich und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Funny steckte ihre Ohrringe in ihre tiefsten Taschen und Béilo zog die Krallen auf ein Minimum ein. Kurz darauf befanden wir uns schon vor dem größten Markt, den ich je gesehen habe. Vor lauter Ständen und dazwischen herum wuselnden Leuten konnte man kaum die angebotene Ware sehen, hier und da waren kleine Schlägereien von uneinigen Käufern und Händlern entstanden, das ständige laute Gebrüll der Marktschreier, die verzweifelt versuchten über das Gemurmel der Menge hinweg gehört zu werden, ließ unsere Ohren aufstöhnen.

"Wie haltet ihr Menschen diesen Lärm nur aus?" Béilo hielt sich krampfhaft die Katzenohren zu. "Noch nie war ich an einem derartig ruhelosem Ort. Selbst Schlachtplätze sind leiser!", brüllte er.

"Wo er Recht hat...", kratzte sich Chase am Kopf, während ein Händler sofort von der Seite auf ihn zuströmte und ihm ein Antikopfhautjuckmittel andrehen wollte...

"Kein Wunder, dass Dan es als 'Troubleville' bezeichnet..." meinte Funny.

"Kommt weiter," drängte Kevin. "Vergesst mal für die nächsten paar Stunden eure Höflichkeit und ignoriert einfach jeden, und damit meine ich wirklich JEDEN, der euch auch nur schief ansieht! Die haben hier ganz miese Tricks drauf um ihr Zeug an den Mann oder die Frau zu bringen."

Kevin sollte Recht behalten. Der Weg zum Viertel mit den Landkarten war lang, zumindest kam es uns so vor. Dabei waren es nur knapp 200 Schritte, aber da wir uns durch die Massen quetschen und drücken mussten und ständig von allen Seiten mit diesem und jenem eingedeckt wurden, dass wir angeblich unbedingt brauchen würden und das es nur hier so günstig gäbe, kamen wir nur sehr langsam voran. Hier und da interessierte uns wirklich etwas, zum Beispiel der kleine Drache, den ich schon vorher bemerkt hatte, Waffen und Schilde, Parfüm (an dem Funny einfach nicht vorbeilaufen konnte), Pflegezubehör für Pferde, usw... Nach zweieinhalb Stunden schließlich waren wir schwer bepackt an unserem Zielstand angelangt. Zum Glück schien außer uns kaum einer Karten zu brauchen und so waren wir ziemlich bald an der Reihe. Hinter der Theke stand ein alter Mann mit Hakennase, weißem, krausen Haar und einer riesigen, dicken Hornbrille. Er hatte eine braune Cordhose und ein weißes Hemd mit einer Weste an und war gerade dabei eine unendliche Anzahl von unterschiedlichsten Pergamenten in allen erdenklichen Größen und Formen zu sortieren. Auf einem kleinen Schildchen an seiner braunen, karierten Cordweste stand ein Name und der Beruf des Greises:

 

Alfons Wormins

Mapdesigner

 

"Mister Wormins?", sprach Ikura den Mann an.

"Welcome, little fellow. How can I help you?" antwortete dieser in einer mir völlig unbekannten Sprache.

"I need a map, of course," lachte Kevin. "Have you any that shows the whole country of Furanta with all its timezones and places? It's for a big journey through the different parts of the land."

"Well, this might be the right one then." Er drehte sich weg und kramte eine lange Pergamentrolle aus einem riesigen Stapel hervor. "Listen," er entfaltete sie und zeigte Kevin verschiedene Plätze, während er unbeirrt weiter quasselte: "This point is, where we are. And over there you can see the monsters forest",  flüsterte er. "And the best of it isn't only the cheap price, but the other function it has. Look, if you touch one place exactly on the map, it transforms immediately over to a perfect detailed reflection of the real place!" Er tippte auf die Fläche, die Romino darstellte. Die Karte verschwand und anstelle einer Volldarstellung wurde nur noch das Stadtbild von Romino gezeigt.

"It is really easy." protzte er.

"You said that it's a cheap one, so how much does it cost?" fragte Kevin

"Only 500! Good price for a thing like that, don't you think?" Alfons lächelte...

"Flash, hast du 500 Reichsplaken?"

"Reichsplaken? Was ist das?"

"Na, Geld eben", verdrehte er die Augen.

"Weißt du in etwa, wie viele Gold- und Silbertaler das sind?"

Er rechnete irgendetwas aus und murmelte dabei vor sich hin. "1500...durch 15 geteilt, macht dann... 500 durch 100...ähm...ungefähr 5 Goldtaler."

"Haha und ich dachte es wird teuer...", schmunzelnd holte ich das Gold hervor und legte Mister Wormins 6 Stück in die Hand.

"Der Rest ist für Sie."

"Here you are, keep it up! And thank you very much for the map!" übersetzte Kevin was ich sagte.

"You're very welcome", lächelte der Kartenverkäufer, bevor er das Gold wegsteckte und sich wieder seinen Schätzen zuwendete.

"Was war das für eine Sprache? Sie klang sehr interessant", wollte Chase wissen.

"Englisch. Nützlich, wenn man sie beherrscht. Ist eine der 7 Weltsprachen. Ich kann gerade mal drei davon so halbwegs..." Wir glotzten ihn an wie ein Wunderkind, aber er ging ohne jede Regung weiter.

"Sowas lernen wir in der Schule, plichtmäßig, das ödet so an... obwohl ich zugeben muss, dass ich sie hier oft brauche. Was fehlt euch denn noch so?"

"Vor allem Proviant. Aber ich persönlich hätte nichts dagegen einen eigenen kleinen Drachen zu haben", witzelte ich.

"Ist das dein Ernst? Ich wollte ihn auch kaufen, den kleinen Silbergrünling, der sah so traurig aus. Wo ist eigentlich Gothank?", fragte Funny aus heiterem Himmel.

"Im Wald, Funny, das heißt, falls er meine Anweisung befolgt hat..." brummelte Béilo besorgt.

Während wir uns durch die Ansammlung von Rassen kämpften, von dieser Fee etwas und von jenem Kobold dieses kauften, wurde uns bewusst, das mancher Handel nicht ganz legal sein konnte; Ein Sklavenhändler verkaufte angeblich dressierte Oger, die für 10 Mann arbeiten sollten, ein anderer wollte ganz dringend "Gras" loswerden, was er auch immer damit meinte, Kevin riet uns davon ab.

Der Geruch von Essen lockte hunderte Hungriger, darunter auch uns zu einem zentral gelegenen Stand, der zweifellos Größte im Markt. Dort fand jeder Gaumen seinen Schmaus: Fisch, Gemüse, Obst, Mehl- und Backwaren, Essen aus allen Kulturen und Epochen konnte man hier finden. Der Hunger forderte seinen Tribut und wir gaben nach, bis uns ein Ohrenbetäubender Laut fast die Trommelfelle zeriss:

*QUIIIIEEEEEEEKKKK*

"Gothank?" Als wir uns umdrehten, war es schon zu spät. Béilo war mit einem kräftigen Satz seiner Beine auf einem der Thekentische nicht weit von uns gelandet.

"Hurukaló tchim-chálo!° Lass meinen Freund frei, dann lass ich dich vielleicht am Leben, Missgeburt!" (°starke Beleidigung, wörtlich: Hurukalós Sohn, verfluchter!, Bemerkung: Hurukaló = als geächtet geltende Gottheit der Snift.) Der Snift hatte sich von hinten an den Standbesitzer geklammert. Seine Krallen lagen präzise auf der Kehle des Händlers, ein Ritz und der Mann wäre verblutet. Der somit Wahllose tapste mit Béilo im Rücken auf den Käfig mit dem Mauxie zu und öffnete ihn mit einer Zahlenkombination.

"Gothank, dam o-ki kluram. Otre-chaim. (wörtlich: , fliehe deinem Käfig. Komm hierher.) Sehr gut, jetzt lass die anderen auch frei und lass dir nicht einfallen jemals wieder ein Mauxie zu fangen, sonst hat dein letztes Stündlein geschlagen..." mahnte der Snift das Opfer seines Wutanfalls, nachdem er Gothank wieder sicher bei sich wusste. Der Mann war kreideweiß im Gesicht als er die Türen der anderen Käfige öffnete. Viele kleine Tiere, die ich noch nie gesehen habe, sprangen heraus und flohen in die Menge. Béilo ließ den Händler los und hüpfte zurück zu uns, wo die Leute auseinander stoben um dem wütend Fauchenden Platz zu machen.

"Was hast du dir nur dabei gedacht!" fuhr er einige Minuten später Gothank an, der eben noch fröhlich im Takt zu den wippenden Schritten Béilos gegurrt hatte. Das kleine Tier zuckte zusammen. "Ich hab dir extra gesagt, du sollst um die Stadt einen Bogen machen und am anderen Ende auf uns warten! Was wäre geschehen, wenn ich dich nicht gehört hätte? Du dummes Vieh!" Das war gemein. Der Mauxie flüchtete sich beleidigt auf Funnys Schulter.

"Lass doch, er kann doch nichts dafür, dass der Viehhändler ihn erwischt hat." versuchte die den Katzenmenschen zu beruhigen.

"Typisch Weiber...", maulte Béilo

"Wie war das?" Spitz wandte sie sich von ihm ab, er drehte sich ebenfalls weg. Der Hunger war uns vergangen und wir beschlossen den Markt und die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen.

Zum Glück waren wir nicht mehr weit vom Ende des Marktplatzes entfernt, so dass wir schon nach wenigen Minuten endgültig diesen höllischen Ort des Lärms verlassen konnten. Wenige Straßen später, in denen sich die Umgebung kaum mehr veränderte, außer dass jeglicher Rest altertümlicher Bauten verschwand, waren wir am Stadtausgang angekommen. Das Tor hier, sah dem, durch das wir hereingekommen waren, kein bisschen ähnlich. Es hatte keine Holzelemente mehr, sondern bestand total aus Metall. Keine schweren Ketten öffneten es, sondern ein Mechanismus, den Kevin uns zu erklären versuchte, den aber keiner von uns so richtig verstanden hatte...

"Also passt auf", machte er auf sich aufmerksam. "Wenn ihr dem Weg auf dieser Karte hier folgt, kommt ihr direkt nach Olim."

"Dann heißt das jetzt wohl Abschied nehmen..." Nicht nur ich war etwas betrübt über den reichlich knappen Abschied.

"Das ihr mir euer Versprechen haltet und bei der Rückreise vorbeischaut!" griente er uns an. "Béilo, halt die Ohren immer über der Schnauze!" (sniftisches Sprichwort, soll heißen. "Sei immer wachsam, selbst wenn du frisst.")

Mit den Worten "Halt du lieber die Ohren steif, Kleiner." wuschelte der Snift die Haare von Kevin durch und kniete sich neben den Jungen. "Hier, das sind die Reichsplaken von dem Viehhändler, der Gothank gefangen hatte, ich glaube ein gewisser silbergrüner Drache würde sich freuen in dir einen neuen Freund zu finden..." Der Kleine umarmte ihn, ein Schniefen war zu hören. Er wischte sich die Augen und für einen Augenblick schien ein inneres Einverständnis die beiden zu verbinden, als wären sie Vater und Sohn. Plötzlich stand der Snift auf und ging auf das Tor zu:

"Ich warte draußen, beeilt euch, wir wollen heute noch ein paar Meilen vorwärts kommen..." Mit nur drei Sprüngen war er weg.

"Man sieht sich", reichte Chase Kevin abschließend die Hand.

"Klar! ... Immer cool bleiben!" meinte er mit nachdrücklichem Kopfnicken, als wir gerade aufgesessen hatten und schon halb aus dem Tor geritten waren.

"Cool?" kam es von uns wie aus einem Mund und wir lachten, doch da hörte er uns schon nicht mehr.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media