Gespenstische Stille umfängt die Stadt. Das einzige Geräusch ist das Summen der Straßenlaternen. In wenigen Fenstern brennt noch Licht und die Straßen sind menschenleer, bis auf einen einsamen Wanderer.
Der Sand der Gehwege knirscht unter meinen Füßen, doch ansonsten ist die Ruhe so allumfassend, dass ich sogar das leise knistern höre, als ich an meiner Zigarette ziehe. Es ist ein beruhigendes Geräusch, es erinnert mich an Feuer, an Grillabende und an vergangene Tage.
An einer Straßenlaterne bleibe ich stehen und schaue ins Licht. Ein heller Fleck, der sich vor dem dunklen Grund abzeichnet. Und im Schein der Laterne sehe ich eine einzelne Motte, die durch den Lichtkegel schwirrt. Ich folge ihr mit meinen Augen, ihren Flügelschlägen und der scheinbaren Ziellosigkeit.
Es ist seltsam, wie so ein kleines Wesen solche Gefühle in einem Menschen auslösen kann. Der Anblick ihrer Flügelschläge genügt und ich bin wieder fünfzehn Jahre alt und sitze mit meinen beiden besten Freunden in diesem kleinen Zelt mitten im Nirgendwo. Mein Brustkorb schmerzt vom vielen Lachen und im Zelt herrscht Chaos. Eine Motte hatte sich durch die Klappe verirrt und wir versuchten halb panisch, halb belustigt sie wieder nach draußen zu befördern. Plötzlich kehrt für einen Moment Ruhe ein, als einer der beiden sagt: "Jetzt macht aber mal halblang, ist doch nur 'ne Motte."
Doch kurz darauf bricht das Chaos erneut aus, als er schreit: "Sie ist in meinem Schlafsack!"
Kaum drei Jahre später sitzen wir an einem See zusammen. Es ist noch früh im Sommer und viel zu kalt um baden zu gehen. Von der Kälte spüren wir nur nichts , so sehr hatten wir uns in den Stunden zuvor betäubt. Nass und glücklich sitzen wir im Sand und sehen am anderen Ufer Lichter und hören Musik, von der stillen Luft herüber getragen. Und kurz darauf schwingen wir uns auf unsere Fahrräder, und sind heillos verloren in den Waldwegen rund um den See. Die einzige Orientierung: die Musik. Jetzt sind wir die Motten. Betrunkene Motten, die dem Licht hinterher jagen.
Die Zigarette in meiner Hand verglimmt und die Motte verschwindet in der Dunkelheit. Ich bin wieder allein und setze meinen einsamen Weg durch die verlassenen Straßen fort, erfüllt von warmen, heiteren Erinnerungen.

Kommentare

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    wie immer bewegt es mich tief, wie du einem immer wieder die Intensität eines einfachen und so liebevoll betrachteten Momentes, durch deine Zeilen erleben lässt! :-) auch ich kenne solche Momente!

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    Wunderschön. Ich konnte jede einzelne Szene bildlich in meinem Geist wahrnehmen, als wär ich selbst dabei gewesen. Die Geschichte ist zwar kurz, hinterlässt aber einen langanhaltenden Eindruck. :)

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    Ich glaube diesen Moment des wiedererinners/schwelgen in Erinnerung hat schon jeder mehr als ein Mal erlebt. Wenn so ein Moment auch noch gut verarbeitet wird, ist es eine wahre Freude einen solchen Text lesen zu dürfen und das war es auch. :)

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    Der Text ist wirklich klasse geschrieben. Ich verstehe das Gefühl voll und ganz, wenn man plötzlich irgendetwas sieht was man mit bestimmten Momenten verbindet und dann in Erinnerungen schwelgt.(:

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    Sehr schön beschrieben, wie leicht etwas "Kleines" - eine Motte zb ;-) - Erinnerungen und Gefühle wecken kann! Ich kenne solches auch von mir.

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    Wunder schön geschrieben. Ich kann den Text total verstehen, das trifft meinen Kopf gerade voll und ganz, und diese beinahe wehmütigen Gefühle sind toll eingefangen :)

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