Nasenbluten

Wie üblich klingelte der Wecker um exakt 6:00 Uhr. Avery stöhnte genervt auf und lies die Augen noch etwas geschlossen. Sie hatte so gar keine Lust sich wieder in die Schule zu schleppen, um dort sowieso nur ignoriert zu werden. Ob es überhaupt auffallen würde, wenn sie es wagte zu schwänzen. Vermutlich nicht... Aber ihre Eltern hätten sie in die Schule gebracht, ob sie wollte oder nicht. Sie verstand, dass sie nur um ihre Zukunft bedacht waren.

 Um nicht zu riskieren, dass jemand hereinkam öffnete sie die Augen. Es war stockdunkel, angenehm kühl und still. Doch auch so fand sie ihren Weg zum Kleiderschrank, um sich dort ihre Kleidung zurecht zu tasten.

Avery legte viel Wert auf die Schärfung ihrer Sinne. Das war einer der Gründe warum es immer so dunkel war. Die anderen waren, dass sie natürliches Licht nicht mochte und sie im Dunklen besser ihren Gedanken nachhängen konnte. Bei Helligkeit würde sie immer wieder etwas ablenken.


Leise öffnete sie ihre Zimmertür und schlich den Flur hinunter, um in ihr Bad zu gelangen. Dieses Haus hatten ihre Eltern vor 2 Jahren gebaut. Avery und ihr Bruder Xenian durften damals mit entscheiden. Sie wollte unbedingt ein Bad für sich, was sie abdunkeln konnte und wo sie niemand störte. 


Im Bad angekommen, sah sie erstmal in den Spiegel. Avery war nicht eitel oder etwas in der Art, aber sie musste trotzdem jeden Morgen schauen, ob sie sich über Nacht etwas angetan hatte. Leider war es so, dass sie sehr merkwürdig träumte. Wann immer sie im Traum verletzt wurde, hatte sie am Morgen an den Stellen Wunden oder Striemen.

Man könnte es vermutlich so diagnostizieren, dass sie sich im Schlaf selbst kratze und das in ihren Traum aufnehmen würde. Doch sie hatte das alles schon auf's Genauste überprüft. Avery war sogar so weit gegangen, dass sie sich in einer Zwangsjacke schlafen gelegt hatte. Xenian war so Frei gewesen und hatte ihr geholfen, unter dem Vorwand etwas für die Schule zu tun. Doch auch nach dieser Nacht, hatte sie eine Schnittstelle am Bauch. 


Diesen Morgen sah man allerdings nichts. Alles war normal. Genervt von ihrer eigenen Abgedrehtheit wuschelte sie sich mit der linken Hand durch die langen roten Haare, die nach jeder Nacht aussahen also seien sie elektrisch aufgeladen. Sie wandte sich vom Spiegel ab, griff nach ihrer Haarbürste und versuchte ihre roten Wellen wenigstens etwas zu bändigen. "Schon klar, dass ihr wieder nicht wollt...!" murmelte sie und verdrehte die Augen.

 Um nicht länger als nötig im Badezimmer zu brauchen, beeilte sie sich mit waschen und Zähne putzen. Anschließend zog sie die verwaschene Jeans, ein schwarzes Tob und eine rote Bluse an. Misstrauisch betrachtete sie noch ein Mal ihr Spiegelbild. Jetzt waren ihre Haare nicht mehr ganz so zerzaust, aber sie lagen auch nicht glatt an. Um das Glätteisen zu benutzen, was ihre Mutter ihr letztes Jahr geschenkt hatte, fehlte ihr eindeutig der nötige Elan.

Ihre grünen Augen stachen aus dem Blass ihrer Haut hervor und leuchteten im Licht der schwachen Lampe an der Decke noch heller.

 An der Tür klopfte es und Avery schloss auf. Vor ihr stand Xenian, der bestimmt einen Kopf größer war und der einzige Mensch, der es mit ihr aushielt. Jetzt grinste er von oben herab auf sie runter. "Na Zwerg," der Schelm blitze in seinen Augen auf, "ich will ja echt nicht wie unsere Mom klingen, aber du bist etwas spät dran! Es ist bereits 7:00 Uhr."

Entsetzt starrte sie ihn an. Es war unmöglich, dass sie so lange im Bad gebraucht hatte. Vermutlich war sie wieder ein Mal in Gedanken versunken gewesen, während sie sich geistesabwesend im Spiegel betrachtet hatte.

 "Ich war so nett und hab dir deine Tasche schon mal an die Tür gestellt. Ich nehme an du sprintest gleich los?" Fragen sah er mich an. Nickend schob sie sich an ihm vorbei, rannte in ihr Zimmer, schnappte ihre Jacke und verließ samt Tasche das Haus. Wie üblich ohne jemanden auch nur ein "Guten Morgen" oder ein "Auf wiedersehen" zu wünschen.

Der Weg zur Schule war Gott sei Dank nicht lang und Avery hatte nach wie vor 15 Minuten Zeit um noch pünktlich zum Klingeln anzukommen. Sie musste nur aufpassen, dass sie sich nicht wieder in ihren Gedanken verlor. Immer wenn das passierte, raste die Zeit nur so an ihr vorbei, ohne das sie es mitbekam.

 Sie konzentrierte sich auf den Weg der vor ihr lag und war binnen 5 Minuten am schmiedeeisernen Schultor angelangt.

Überall standen schon Schülergruppen, die sich über irgendwas banales unterhielten. Sie stellte sich abseits ihrer Mitschüler, lauschte und wartete.

Die Mädchen aus ihrer Klasse sprachen wie üblich über Schminke, Klamotten und natürlich Jungs. Wohingegen die Kerle sich über ihre neusten Computerspiele austauschten und beratschlagten welches Mädchen aus der Klasse wohl am besten aussah. Für eine 11. Klasse waren sie also ganz normal.

Avery sah, wie sich Ben, der Klassenclown, an ein Mädchen aus der Parallelklasse anschlich. Ganz offensichtlich wollte er ihre Tasche schnappen, um sie dann mit den anderen Jungs umherzuwerfen. Avery beobachtet das Geschehen, doch ehe der Junge nahe genug an dem Mädchen dran war, taumelte er zur Seite und setzte sich auf den Hosenboden. Wild schimpfend stand er wieder auf und wollte zurück zu seinen Freunden gehen.

 Avery regte sich im Inneren tierisch auf und stellte sich vor, wie er ein zweites Mal hinfiel. Prompt legte er sich wieder hin. Diesmal mit dem Gesicht voran. Alle anderen um ihn herum lachten, aber keiner half. Avery schaute schuldbewusste zur Seite. So war das nicht beabsichtigt. Das Problem mit ihren Träumen war, dass egal was Sie sich vorstellte, solange sie sich konzentrierte, passierte es. Sie dachte immer, dass wäre reiner Zufall.

 Ben hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. Ein dünner Blutfaden ran aus seiner Nase. Avery holte ein Taschentuch aus ihrem Rucksack, ging zu ihm, drückte es ihm in die Hand und wandte sich zum Schulgebäude. 

Alle andern schauten ihr verwundert hinterher und schienen sich zu fragen, wer sie war.

       

Kommentare

  • Author Portrait

    Huhu. Hier fängt die Geschichte also richtig an. Ich bekomme das Gefühl, dass Avery in einer ganz normalen Welt lebt, selbst aber alles andere als normal ist. Das ist schon mal sehr spannend. Mich würde aber interessieren, in welchem Land wir sind? Habe ich das überlesen? Denn die Namen klingen nicht Deutsch und auch von der eigenen Mutter als "Mom" zu sprechen, wäre ja in Deutschland eher unüblich. Hattest du das irgendwo erwähnt?

beta
Feenstaub

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