Nebel des Krieges

Wie fast jeden Abend im Herbst wallten auch an diesem die Nebelschwaden aus den Niederungen auf, lange bevor die Dämmerung einbrach. Wie fast jeden Abend zogen sie über den Boden, bauschten ihre weißen Fetzengewänder, leckten mit ihren nasskalten Zungen an den Füßen der schweigenden Riesen des Waldes, bevor sie sich weiter emporhoben wie weißer Opferrauch. Flüchtig, ziellos wanderten sie umher, wie die Geister ruheloser Ahnen, und gierig verschlangen sie jede Sicht und jeden Laut, als könnten sie nur so ihren maßlosen Hunger stillen. Die Nacht würde ihnen gehören, und manch eine Kreatur würde reiche Beute machen in ihrem Schutz.

Und doch war dieser Abend anders als jeder andere.

Sie konnten es hören.

Den metallischen Todesgesang der Schwerter.

Den stumpfen Klang der Äxte und Speere, wenn sie auf Schilde oder Körper trafen.

Das dumpfe Dröhnen zu Boden gehender, schwerer Pferdeleiber, das man sogar hier noch in der bebenden Erde zu spüren glaubte.

Und die Schreie.

Furchtbare, erbärmliche Schreie von kämpfenden, verwundeten und sterbenden Männern und Pferden.

Ja, der Wind trug weit. Es war, als sammelte er all die unvorstellbaren Qualen und Todesängste vom Schlachtfeld und spuckte sie den bangenden Frauen höhnisch vor die Füße.

Eila sah zur Seite und fing einen stumpfen Blick aus dem blassen Gesicht ihrer Freundin Giris auf, die fortwährend an ihrer Unterlippe kaute. Die anderen beachteten sie nicht. Sie hielten sich abseits von ihr, wie immer.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als sie den Blick über ihre Nachbarinnen schweifen ließ, ihre vor Angst verkniffenen Münder sah, die Falten auf ihren Stirnen, die Hände, die sich an ihren Hüften in ihre Tuniken krampften, einen Halt suchend, den sie dort nicht fanden.

Sie sollte nicht hier sein. Sie gehörte nicht dazu.

Ein Schauer überlief sie, denn im nächsten Moment schob sich Giris’ schweißfeuchte Hand in ihre, drückte sie fest. Eila brauchte nur einen Blick in die wasserblauen, in Tränen schwimmenden Augen ihrer Freundin, um sich in Erinnernung zu rufen, warum sie hier stand. Dort, hangabwärts, nur wenige Doppelschritt entfernt und verhüllt von milchigen Dunstschleiern kämpfte Giris’ Mann Fridu um sein Leben. Um ihrer aller Leben. Genau wie die Männer und Söhne, die Brüder und Väter der anderen Frauen hier.

Es war ein blutiger Empfang, den die Krieger ihren ahnungslosen Feinden bereitet hatten. Eila kannte das Gelände dort unten gut. Ein zu Pferd kaum zu passierendes Waldstück hatte die römischen Reiter auf eine enge Lichtung gezwungen. All ihre militärische Überlegenheit würde ihnen nichts nutzen. Überrascht und eingekesselt von den Variskern, umgeben vom undurchdringlichen Geflecht aus Schlehen und jungen Buchen am Rande eines steil abfallenden Hangs war jedes ihrer Ausweichmanöver, jede organisierte Gegenwehr zum Scheitern verurteilt. Und auch der Rückzug war ihnen verwehrt, denn von hinten fielen ihnen die Männer des Nachbardorfes in den Rücken. Sie saßen in einer Todesfalle.

Doch auch einige Männer ihres Dorfes würden an diesem Abend sterben. Es wäre ein ehrenvoller Tod und ein jeder von ihnen sah ihm tapfer, ja sogar freudig entgegen. Die Frauen wussten es hingegen besser. Was nützte ihnen der ehrenvolle Tod ihrer Männer, wenn sie trauernd und allein mit einer Schar hungriger Mäuler zurückblieben?

Der Kampfeslärm ebbte ab, ein sicheres Zeichen dafür, dass das furchtbare Gemetzel sich dem Ende zuneigte. Eilas linke Hand schmerzte unter Giris’ immer fester werdendem Klammergriff, während ihre rechte sich um das beinerne Heft des Dolches an ihrer Hüfte schloss. Was, wenn ihre Krieger unterlegen waren? Was, wenn im nächsten Moment Scharen von Römern aus dem Nebel hervorbrachen, um Tod und Sklaverei über die Frauen, Kinder und Alten ihres Dorfes zu bringen? Trotz der nebligen Kühle perlte Schweiß ihren Nacken hinab. Ihr Herzschlag pochte in ihren Schläfen, sie hatte das Gefühl zu ersticken, die Luft schien zum Schneiden dick geworden zu sein.

Giris’ Hand löste sich, als sie losrannte, nur einen Lidschlag nachdem das erlösende Triumphgeheul erklungen war, ausgestoßen aus den rauen Kehlen der Krieger und euphorisch beantwortet durch die spitzen Schreie der Frauen. Der infernalische Lärm ergoss sich in den Wald und fand dort tausendfachen Widerhall. Wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm gerieten die Menschen um Eila herum in Bewegung. In wilder Hast, einander schubsend und rempelnd stürmten sie zum Kampfplatz als hinge ihr Leben davon ab.

Das Plündern begann.

Der Schatten zu Eilas Füßen erhob sich. „Pax“, rief Eila, die sich nicht vom Fleck gerührt hatte. Der große schwarze Hund neben ihr winselte und sah zu ihr hoch, doch er hielt gehorsam inne und legte sich wieder auf den Boden, das dichte Fell gesträubt. Seine gespitzten Ohren auf den Schauplatz des Hinterhalts gerichtet, verfolgte er aufmerksam die Geräusche, die von dort zu hören waren.

Eila zögerte nicht ohne Grund. Was sich dort jetzt abspielte war ihr zuwider.

Deine Aufgabe, deine heiligste Pflicht ist es, Leben zu erhalten, hatte Rugis immer gesagt. Nicht, es zu nehmen.

Die Vorstellung, wie die Leute ihres Dorfes, nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, ja sogar die älteren Knaben nun durch die Reihen der gefallenen Soldaten gingen und dabei wehrlose, verwundete Männer erschlugen, drehte ihr den Magen um. Auch, wenn es verhasste Römer waren, und auch, wenn die Gegenstände, die sie bei sich trugen, ein kleines oder sogar großes Vermögen bedeuten konnten.

Doch noch etwas Anderes hielt Eila zurück.

Es war ihr unerträglich auf all die Verwundeten und Sterbenden blicken zu müssen und ihnen nicht helfen zu dürfen. Ganz gleich, welcher Seite sie angehörten. Es war, als würde man sie mit gefesselten Händen und Füßen in einen Fluss werfen.

Etwas, das durchaus wirklich geschehen könnte, sollte sie sich je Beremunds Verbot widersetzen.

Pax sprang nun doch auf, bellte rau und rannte in den Nebel. „Pax“, schrie sie. „Komm hierher!“

Doch sie sah nur noch seine hoch aufgerichtete, buschige Rute in den Nebelschwaden verschwinden.

Schnell rannte sie hinterher. Sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass sich ihr Hund an diesem grausamen Treiben beteiligte und möglicherweise an Menschenblut labte.

Atemlos rannte sie ein Stück durch den Wald, wich Bäumen aus, die im letzten Moment aus dem Nebel auftauchten, sprang über Wurzeln und Äste und pflügte durch Brombeergestrüpp, das an ihrer Tunika riss und ihre Beine zerkratzte.

Wider Erwarten machte Pax plötzlich einen Schlenker und lief nicht zum Kampfplatz, sondern einen anderen abschüssigen Hang zum Bach hinunter. Unten angekommen sprang er ins flache Wasser und Eila folgte ihm entlang des Bachlaufs, bis sie wieder in der Nähe des Schlachtfeldes waren. Es lag nun etliche Fuß hoch über ihren Köpfen, durch einen steilen Hang vom Bach getrennt. Eila hörte die Schreie der Sterbenden und das Kriegsgeheul ihrer Leute deutlich, doch sehen konnte man nichts, denn der Dunst schien jetzt so dicht wie Nesselgewebe zu sein.

Der Hund blieb stehen und bellte etwas an. Ein großer dunkler Körper tauchte aus dem Nebel auf. Ein totes Pferd, römisch gesattelt und gezäumt. Mehrere Pfeile ragten aus seinem schwarzen Leib und in seinem Hals steckte ein abgebrochener Speer. Aus der tödlichen Wunde, die er geschlagen hatte, rann dickes, rostrotes Blut herab. Zäh tropfte es in den Bach, wo es verwirbelt und verdünnt wurde, so dass es sich schnell in farbloser Ewigkeit verlor.

Das Pferd musste den Abhang heruntergestürzt sein, eine breite Spur niedergedrückter Farne und Gestrüpp ließen keinen Zweifel daran.

Eila griff Pax ins gesträubte Nackenfell und wandte sich zum Gehen, doch der Hund entwand sich ihr, lief zurück und ließ ein kehliges Knurren hören.

„Pax“, schimpfte Eila und stapfte zu ihm, um ihn einzufangen. „Was ist los mit dir? Es ist tot. Kein Grund ...“

Der Schreck ließ die Worte auf ihren Lippen verharren, denn erst jetzt bemerkte sie den Mann, den der Leib des Pferdes halb unter sich begraben und bisher vor ihr verborgen hatte. Vorsichtig näherte sie sich und sah auf den Soldaten hinunter.

Es war ein Römer, natürlich. Der mit kunstvoll getriebenen Mustern und Bildern verzierte Helm war ihm halb vom Kopf gerutscht und gewährte den Blick auf kurz geschnittenes Haar, so schwarz und glänzend wie die Federn eines Raben. Es verriet ihn als Südländer. Ein Italiker, vermutlich. Seine Rüstung und sein feingewebter, krapproter Mantel schienen überaus kostbar. Vergoldete Abbilder von Sonne und Mond, von Menschen- und Tierköpfen prangten auf einem Gurtgeflecht an seiner Brust und verkündeten hochmütig, wenn auch blutbesudelt, den hohen Rang ihres Trägers. Ein Offizier also, vielleicht sogar einer der Decuriones, welche die geschlagenen Kavallerieeinheiten angeführt hatten.

Er schien fast zu jung dazu, und Eila fragte sich kurz, wie sein glattrasiertes, markantes Gesicht ausgesehen haben mochte, als es noch mit Leben erfüllt war. Sie war sich nicht sicher, ob er sich beim Sturz das Genick gebrochen hatte oder eher verblutet war. Für letzteres hatte jedoch nicht der Pfeil in seiner rechten Schulter gesorgt, vor dessen tiefem Eindringen ihn sein Kettenhemd bewahrt hatte. Sondern eher die klaffende Wunde an seinem rechten Oberarm, aus welcher der dunkelrote Lebenssaft in so großer Menge verströmt war, dass es aussah, als hätte jemand ein Blutopfer über ihm dargebracht.

Wie auch immer, er war tot und es tat ihr nicht leid, denn er war ein Römer. Menschen seines Volkes waren es, die ihren Vater getötet und ihre Welt damit von einem Tag auf den anderen zerstört hatten.

Im nächsten Moment erschrak sie fast zu Tode, denn die Augen des Toten öffneten sich schlagartig, und er starrte sie direkt an. Eine ihrer Hände zuckte zu ihrem Dolch, und mit der anderen schlug sie rasch ein Zeichen gegen den bösen Blick, bevor sie sich selbst zur Ordnung rief.

Tote öffneten ihre Lider nicht. Der Mann lebte noch.

Seine Augen waren dunkel, fast so schwarz wie sein Haar und bohrten sich so eindringlich in ihre, dass sie nichts anderes konnte als ihn gebannt anzustarren. Zusammen mit seiner scharf geschnittenen Nase gab ihm dieser stechende Blick etwas faszinierend Raubvogelähnliches.

„Hilf mir“, flüsterte er. Weiter nichts. Doch diese zwei Worte waren es, die ihr einen eisigen Schauer durch alle Glieder fahren ließen. Plötzlich hörte sie das Schlagen ihres eigenen Herzens wie einen lauten Trommelschlag. Das eben noch so stille Herbstlaub über ihr geriet in Bewegung, ein Rauschen erklang, drängend, wie ein anschwellendes Flüstern aus unzähligen Mündern. Und auch das Wasser zu ihren Füßen murmelte mit einem Mal in überdeutlicher Lautstärke, es schien mit einstimmen zu wollen in die übermächtige Beschwörung, gegen die Eila sich immer weniger zu wehren vermochte.

Sie konnte ihm helfen. Es war ihre Bestimmung zu helfen und zu heilen, und sie war gut darin. Doch es war etwas, das ihr in ihrem Dorf verwehrt wurde. Und seltsamerweise stieg mit einem Mal Trotz in ihr auf. Wenn Beremund ihr auch verbot, ihren eigenen Leuten mit ihren Heilkräften beizustehen, diesem Mann hier konnte sie helfen, heimlich, und sie wollte es tun. Es war wie ein Zwang.

Sich ängstlich nach allen Seiten umsehend vergewisserte sie sich, dass ihr niemand zusah. Dann ging sie zu ihm, entfernte den wollenen Schal von seinem Hals und band ihn fest über die Wunde an seinem Arm. Dies musste für den Moment genügen. Sie konnte ihn jetzt nicht befreien und fortschaffen. Sie würde später wiederkommen müssen. Bis dahin musste er durchhalten. Sollte er dies nicht, war es ohnehin gleich.

Eile war geboten, jeden Moment konnte sie jemand entdecken. Mit fieberhaften Bewegungen entledigte sie den Mann seines Helmes und des kostbar verzierten Brustgurts und nahm seine Spatha an sich. Ihre klammen Finger mühten sich eine Weile mit der vergoldeten Fibel an seiner Schulter, doch schließlich öffnete sich die Spange und Eila zerrte den Mantel unter ihm heraus.

Stimmen, am Hang über ihr, jagten ihr einen eiskalten Schauer das Rückgrat herauf. Sämtliche Härchen ihres Körpers sprangen auf, alle zugleich sandten sie eine verzweifelt nutzlose Warnung in ihre vor Schreck gelähmten Glieder. Nur noch ein paar Wimpernschläge trennten sie davon, dass ausgerechnet die beiden Männer sie entdeckten, die sie am meisten fürchtete. Aber sie würde nicht weglaufen. Wenn sie es tat, war der Römer des Todes.

Ihr Blick fiel auf sein Kettenhemd. Reiche Beute, nur dazu geschaffen, die Leichenfledderer anzulocken. Doch um es auszuziehen, war es zu spät. Alles, was ihr noch blieb, war die geplünderten Gegenstände in den Mantel einzuschnüren. Das schwere Bündel geschultert, setzte sie eine triumphierende Miene auf und kämpfte sich den Hang hinauf, den beiden jungen Kriegern entgegen.

Es dauerte nicht lange und sie erblickte die hünenhafte Gestalt Briulfs. Sein Kriegerknoten hatte sich im Kampf gelöst, so dass sein Haar lang auf seine Schultern herabfiel. Weizenblond wie es war, leuchtete es ihr selbst im Nebel entgegen. Nicht weit hinter ihm folgte ihm sein allgegenwärtiger Schatten. Evrald war einen guten Kopf kleiner als er und wirkte geradezu schmächtig neben den breiten Schultern seines Freundes, doch sein Haar war fast ebenso hell.

Beide Männer waren voll gerüstet. Ihre Gesichter, Arme und Hände waren wie ihre ledernen Brustpanzer blutbespritzt. Briulf reckte ihr sein breites Kinn entgegen, als er sie erblickte. „Na, sieh mal einer an“, feixte er. „Wen haben wir denn da?“

„Ja, wen denn?“ Evrald lachte.

Eila hätte beinahe unwillig den Kopf geschüttelt. Es war lächerlich, wie Evrald Briulf vergötterte und ständig versuchte, ihn zu imitieren. Manchmal fragte sie sich, ob Evrald sich auch blind von einem Felsen stürzen würde, wenn Briulf es verlangte.

„Meine kleine Schwester“, sagte Briulf jetzt und grinste breit. Er nannte sie so, seit sie vor knapp zwei Jahren seinen älteren Bruder Athavulf geheiratet hatte. Und auch wenn sie schon lange nicht mehr seine Schwägerin war, hatte er es nie abgelegt.

Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie das Blut riechen konnte, das von seinem erhitzten Körper dampfte. Langsam streckte er seine schmutzstarrende Hand aus und spielte versonnen mit einer Strähne ihres langen, roten Haars.

Eila schluckte. Seine blauen Augen über dem kurzgeschorenen, blutbeschmierten Bart waren voll dunklen Begehrens, aber das war keineswegs etwas, das ihr Freude bereitete. Im Gegenteil. Briulf hatte eine brutale, angsteinflößende Art an sich, und so manches Mal hatte er sie schon hart gepackt, und ihr gedroht, sie in irgendwelchen dunklen Ecken einfach zu nehmen. Nur die Angst vor seinem Vater, dem Stammesführer Beremund, hatte ihn wohl bisher davon abgehalten, es wirklich zu tun.

Pax neben ihr spürte ihre Ablehnung und knurrte leise. Briulf warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, aber er ließ die Strähne los.

„Was hast du denn da?“, fragte er und blickte auf ihr Bündel.

Bevor sie antworten konnte, ließ sich Evrald hören, der ein Stück den Abhang hinuntergelaufen war. „Da ist er“, rief er aus. „Ich wusste es!“

Er hatte ihn gesehen. Eila musste sich zusammenreißen, damit sie nicht aufstöhnte.

Briulfs Blick folgte seinem ausgestreckten Finger. „Du hattest Recht, er ist abgestürzt“, rief er. Beide Männer setzten sich in Bewegung, doch Eila sagte schnell: „Der ist tot. Und seine Sachen habe ich … Da hättet ihr früher aufstehen müssen!“

Sie hielten inne und Briulf brach in schallendes Gelächter aus.

„Du? Na, das ist ja mal etwas Neues! Und du hast alles genommen?“

„Ja. Alles.“

Eila schickte ein Stoßgebet zu Freija, dass Briulf oder Evrald nicht bemerken würden, dass der Römer noch das kostbare Kettenhemd trug. Briulfs Blick ging zu dem verschnürten Umhang über ihrer Schulter. Wenn er ihn ihr fortnahm und feststellte, dass er zu leicht war … Sie ließ sich nichts anmerken und lächelte Briulf ins Gesicht. "Ich muss auch sehen, wo ich bleibe. Vielleicht finde ich ja schneller einen neuen Mann, wenn ich etwas zu bieten habe“, sagte sie und zwang sich zu einem koketten Augenaufschlag.

Die Ablenkung war gelungen. Der Krieger vor ihr runzelte die Stirn, und sie wusste warum. Hätte sie einen Mann, wäre sie nicht länger Freiwild, dem er nachstellen konnte. Und er würde sie nie heiraten können. Das würde Beremund nicht zulassen.

Rufe ertönten von oben herunter. Jemand rief Briulfs Namen.

Er zuckte die Schultern und warf ihr ein anzügliches Grinsen zu. Im nächsten Moment rannte er mit Evrald den Hang hinauf und aus ihrer Sichtweite.

Sie atmete auf und lehnte sich mit zitternden Knien an den nächsten Baum.


Im Schutz der Nacht kam sie zurück. Es war ihr großes Glück, dass die Dorfbewohner feierten. Bier und Met flossen in Strömen und es gab kaum einen, der noch nüchtern genug gewesen wäre, ihr Fehlen zu bemerken. Nicht, dass sie sie vermissen würden. Giris vielleicht, oder sogar Briulf. Aber zum Glück war auch er zu betrunken, als dass er sie gesucht hätte.

Es kostete sie einige Mühe, ihr störrisches Maultier den Hang hinabzubewegen, und während sie das dumme Tier leise mit bösen Flüchen vorantrieb, fragte sie sich die ganze Zeit, ob der Mann dort unten überhaupt noch am Leben war. Fast wäre sie froh gewesen, wenn er es nicht war, denn nach einigem Überlegen war ihr klar geworden, in welch eine riskante Lage sie sich begab. Sollte sie dabei erwischt werden, wie sie versuchte, einen Feind zu retten, würde es böse enden. Wahrscheinlich würde man sie ertränken, und auch für ihn bedeutete es den sicheren Tod.

Doch sie konnte nicht anders. Den ganzen, atemlosen Weg zur ihrer Hütte und zurück hatten sie das Bild seiner Augen und seine Stimme verfolgt.

Hilf mir.

Es war, als hallten die beiden Worte pausenlos in ihrem Kopf.

Als sie in die Nähe des Pferdekadavers kam, knurrte Pax leise. „Still“, wies sie ihn zurecht. Nicht, dass er noch bellte und sie verriet.

Der Mann lag vollkommen regungslos. Das Mondlicht, das durch die schütteren Zweige über ihren Köpfen fiel, zeichnete hohle Schatten auf seine Wangen, und er sah noch bleicher aus als zuvor. War sie zu spät? Sie kniete sich neben ihn und horchte an seiner Brust. Das Kettenhemd war kalt an ihrem Ohr. Sein Herz schlug. Noch. Doch er war bewusstlos.

Sie sah nach seinem Arm. Der Blutstrom schien versiegt. Kurz überlegte sie, wie sie ihn befreien sollte, sie wagte nicht, ihn einfach unter dem Pferd hervorzuziehen. Sein Bein war darunter eingeklemmt. Vielleicht war es gebrochen und wenn sie daran zog, konnte sie großen Schaden anrichten. Sie beschloss kurzerhand, das Bein unter dem Pferd freizugraben. Mit bloßen Händen scharrte sie im Bachbett und schaffte Kies und Steine zur Seite. Das Wasser war eiskalt, doch sie grub beharrlich weiter, auch wenn sie mit der Zeit kaum noch ihre Finger spürte. Irgendwann bluteten ihre Fingerkuppen, scharfkantige Steine hatten sie aufgerissen.

Endlich hatte sie es geschafft. Sie trat hinter den Mann und fasste unter seine Achseln. Langsam zog sie ihn unter dem Pferd hervor. Er war groß und schwer, und ihre Beine brannten unter der immensen Kraftanstrengung. Während sie ihn vorsichtig über das Bachbett schleifte, stöhnte er vor Schmerz, aber er erwachte nicht.

Am Ufer legte sie ihn ab und untersuchte das Bein. Der Knöchel hatte Schaden genommen, war jedoch zu stark geschwollen, um festzustellen, ob er gebrochen war. Doch es ragte kein Knochenstück aus der Haut hervor. Das war gut. Wäre es anders gewesen, würde der Mann den Fuß verlieren. Und höchstwahrscheinlich sterben.

Mit sicheren Handgriffen legte sie dem Unterschenkel eine Schiene an, nahm die notdürftig zusammengebaute Schleppe vom Maultier herunter und befestigte sie am Geschirr des Tieres. Unter Aufbringung fast all ihrer Kraft schaffte sie es, den Römer auf die Schleppe zu ziehen. Dann nahm sie das Maultier am Kopfstück und führte es eilig das Bachbett hinauf.

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beta
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