Als Elias losgegangen war, hatte der Himmel noch klar ausgesehen. Doch mittlerweile war schon über eine Stunde vergangen. Die Dämmerung setzte ein und außerdem zogen nun erste Wolken über den rötlich schimmernden Himmel. 'Vielleicht fängt es bald an zu regnen', dachte Elias. Trotzdem trat er nicht den Rückweg an, sondern ging weiter den Weg entlang. Er war aus der Stadt hinaus in Richtung der Felder gegangen und nun ging er einen Feldweg entlang. Dieser ging mitten durch ein Weizenfeld, an dessen Pflanzen schon die ersten Ähren zu erkennen waren. Elias streckte seinen rechten Arm aus, sodass er im Vorbeigehen einige Halme streifte. Dann nahm er ihn wieder zurück an seinen Körper.

Elias hatte kein Ziel. Er wusste nicht, warum seine Beine diesen Weg eingeschlagen hatten. Diesen Weg war er noch nie gelaufen und trotzdem fühlte er sich weder unwohl noch orientierungslos. Er genoss einfach die Ruhe, die ihn umgab. Mit geschlossenen Augen hörte er den Vögeln zu, die in einiger Entfernung ihr Balzlied sangen. Der Wind ließ die Blätter in dem Wäldchen rascheln, das sich links vom Weg befand. Ansonsten war Stille. Elias blieb stehen. Es war lange her, dass er der Natur gelauscht hatte. Und nun konnte er gar nicht verstehen, warum er das nicht vermisst hatte.

Er machte seine Augen wieder auf. Die Sonne war mittlerweile dem Horizont sehr nahe. Der Himmel war zunehmend von Wolken bedeckt, die in feurigem rot strahlten. Nur noch vereinzelt gab es wolkenfreie Stellen. Elias spürte einen leichten Tropfen auf seiner Haut. Nach und nach erreichten ihn immer mehr Regentropfen, doch alle waren sie klein und leicht. 'Nieselregen', dachte er und musste innerlich schmunzeln. Auch als er das letzte Mal spazieren war, hatte es Nieselregen gegeben. Einige Schritte entfernt entdeckte er eine Bank, die ihn zur Rast einlud. Elias beschloss, dass er noch etwas Zeit hätte, und setzte sich. Wieder schloss er die Augen und lauschte dem Wind, den Vögeln und dem leisen Pochen der Regentropfen, die sanft auf der Erde aufschlugen. Der Geruch von feuchter Erde begann sich in die Luft zu mischen und er genoss den Duft. Es hatte lange nicht mehr geregnet. Kurz darauf übermannte ihn die Müdigkeit des Arbeitstages und er nickte ein.

Elias wurde von einem grellen Geräusch geweckt. Es dauerte einige Zeit, bis er den Klingelton seines Handys erkannte. Seine Frau Mel rief an.

„Wo bist du denn?“, fragte sie besorgt. „Ich warte auf dich.“

„Ich bin spazieren“, antwortete er.

„Das dachte ich mir“, sagte seine Frau, „aber ich habe dich schon eher zurück erwartet. Wo bist du denn jetzt?“

Mit noch etwas schläfrigen Augen blickte er sich um und antwortete: „Ich sitze auf einer Bank. An einem Feldweg.“

„Wo ist denn bitte 'an einem Feldweg'? Weißt du, wie viele Feldwege es hier in der Umgebung gibt? Ich mache mir Sorgen um dich! Und du hörst dich total verschlafen an“, lautete die besorgte Antwort Mels.

„Ich bin außerhalb der Stadt. Vielleicht sollte ich jetzt mal wieder zurückkommen. Immerhin regnet es schon stärker“, versuchte Elias seine Frau zu beruhigen.

„Wo bist du denn? Ich komme dich mit dem Auto abholen, es fängt sicherlich bald zu gewittern an. Aber dafür musst du mir sagen, wo du bist.“

Er gab zur Antwort: „Ich bin bei der denkmalgeschützten Eiche auf den Feldweg abgebogen. Warte dort auf mich.“

„Ok, ich komme“, sagte Mel. Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie sehr erleichtert war.

Nachdem er aufgelegt hatte, machte sich Elias auf den Rückweg. Die Vögel waren nun nicht mehr so laut zu hören, aber die Blätter raschelten stärker im Wind. Es war unverkennbar, dass in nächster Zeit ein Gewitter losbrechen würde. Der Regen war schon stärker und allmählich wurde ihm bewusst, dass er nicht trocken zu Hause ankommen würde. Aber diese Erkenntnis beunruhigte ihn nicht. Er ging weiter sein ruhiges Tempo.

Als er schließlich an der Eiche ankam, hatte sich der anfängliche Schauer in strömenden Regen verwandelt. Elias lief auf die Scheinwerfer zu, die er in einiger Entfernung ausmachte und die zu dem Auto seiner Frau gehörten. Als er an der Beifahrertür ankam, hielt er kurz inne. Dann ging er vorne um den Wagen herum und öffnete die Fahrertür. Vorsichtig half er Mel aus dem Fahrzeug, die ihn verwundert anschaute. Er schloss die Tür wieder. Als seine Frau ihn immer noch voll Verwunderung anschaute, nahm er sie in die Arme und begann mit ihr zu tanzen.

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