Nob - III

Am selben Abend fing Yucie an ihr eigenes Grab auszuheben.

Das Banner war eine der wenigen Sachen die Nobody definitiv verstand und sicher war sie sich darüber auch. Es war genial. Und verdammt schwer. Ächzend ließ sie den zusammengeknüllten Stoff fallen. Aus den Schatten hinter ihr löste sich Yucies Gestalt. Sehr groß und ungewöhnlich dünn. Mit kurzen dunklen Haaren und blasser Haut. Während Nobody das Banner mit den aus  Vorhangkordeln selbstgedrehten Seilen verknüpfte, stellte sich Yucie an die Ecke des verlassenen Korridors und beobachtete schweigend wie Nob nun mit den Kordeln fertig war und den Stoff über den Boden ausbreitete.
Die Kleine stand auf und blickte mit zusammengekniffenen Augen die Zeichen auf dem leicht fleckigen Bettbezug an. Es war so dunkel, dass sie kaum etwas lesen konnte, aber sie wusste ohnehin was da stand:

„Aliae iacta est“.

Wohlige Erregung ergriff Nob, denn Yucie hatte ihr ein klein wenig über die tote Sprache beigebracht, die am Internat nicht gelehrt wurde. Nobody hatte sogar einmal gehört wie Madame Flieder zu einem anderen Mitglied des Kollegiums sagte, dass es nur eine Altsprache gab: Griechisch. Sie erschien Nobody reichlich dumm, hatte Yucie ihr doch nicht nur die Grundlagen des Latein und die altgriechischen Schriftzeichen beigebracht, sondern auch ägyptische Hieroglyphen. Außerdem erwähnte sie nebenbei noch Runen und die Keilschrift. Madame Flieder schien also keine Ahnung zu haben.
Nob ertappte sich dabei wie sie im Dunkel triumphierend vor sich hin grinste.
Ihre Deutschlehrerin würde wohl nachsehen müssen was genau dieser Satz bedeutete. Aber sie nicht.
Wichtiger als der Text, war aber die Karikatur des Lehrerkollegiums plus Schulleiter Vittima, deren Köpfe als Punkte auf drei riesigen Würfeln dargestellt waren und das sehr stark überzeichnet.

Der graue Haarkranz des Schulleiters verschwand ruckend aus Nobodys Sichtfeld. Yucie zog den Stoff zu sich herüber und bedeutete Nobody ihr zu helfen. Diese stand auf und öffnete wie abgesprochen, den in die Wand des Flurs eingelasenen Schrank zu ihrer Rechten. Normalerweise war alles im Internat abgeschlossen und verriegelt. Doch Yucie hatte, auf für Nob unergründlichen Wegen, herausgefunden, dass Herr Espen diesen Abend vergessen hatte in genau diesem Korrdior, sowohl Türen, als auch Schränke abzuschließen. Im Wandschrank befanden sich widererwartend keine ausrangierten Bildschirme und Tastaturen, wie sonst, stattdessen war er vollgestopft mit dicken Wälzern.
Der Anblick verwunderte Nobody. Bücher hatte sie in der Schule außerhalb des Geschichtsunterrichtes noch nie gesehen. Ausgenommen natürlich die Bücher die Yucie, von woher auch immer auftrieb und die beide dann auf dem Schulklo lasen um nicht damit erwischt zu werden.
„Nimm sie da raus.“ Yucies Wispern direkt neben ihrem Ohr hätte Nobody normalerweise sicherlich zusammenzucken lassen, aber Yucies Stimme klang weich und glatt und kam Nobody so vor, als wäre sie langsam in die dumpfen Geräusche der Nacht um sie herum eingeblendet worden. Wohl um sie nicht zu erschrecken. Trotzdem stellten sich die dünnen Häarchen in ihrem Nacken auf. Wann war Yucie die zwei Meter zwischen ihnen herüber gegangen? Nobody griff nach dem ersten Buch und reichte es an Yucie weiter. Diese nahm es entgegen und legte es neben sich auf den Boden. Nob zog immer weiter immer mehr Bücher aus dem Schrank. Zuerst nur jeweils zwei Bücher, dann schließlich mit jeder Hand zwei. Bei dem Versuch, den ausgestreckten Händen Yucies fünf Bücher auf einmal zu übergeben, lies sie ein eines beinahe fallen. Sie konnnte es noch gerade vor einem wenig diskreten Aufprall bewahren, indem sie ihren Oberkörper gegen die Regale des Schrankes drückte und das Buch zwischen ihr und dem Schrank einklemmte, in den Händen hielt sie die anderen gut anderthalb Kilo schweren Bücher... ein Regalbrett drückte unangenehm gegen ihre Rippen. So zu jeder Bewegung unfähig, ohne einen gehörigen Lärm zu machen, blickte sie verzweifelt zu Yucie herüber. Diese hatte ihre Hände zurückgezogen und beachtete sie gar nicht, stattdessen testete sie bereits die Stabilität des wachsenden Turmes aus bedruckten Seiten, zwischen dunkelblauen Buchdeckeln, indem sie sich darauf stellte.
Alles hielt.
Sichtlich zufrieden stieg sie wieder herunter.


Yucie und Nobody hatten nicht darüber geredet was passieren würde, wenn sie mitten in der Nacht auf dem Gang erwischt werden würden, noch dazu mit einer solchen Kampfansage wie es das Stück Stoff am Boden war.
Das jüngere Mädchen hatte sich schon mehrere mögliche Szenarien überlegt die eintreten könnten: Man könnte sie wieder zu einem Gespräch mit Vittima verdammen. Das einzige was sie daran fürchtete war die Langweile ... er hatte unglaublich viel geredet. Es wunderte sie, den einmal müsste sich Nadja, eine Sechsklässlerin aus Nobs Schlafraum, mit dem Direktor unterhalten und war danach nicht mehr Nadja aus Nobs Schlafraum gewesen. Man hatte sie in einen anderen Schlafraum verlegt. Alleine. Den die Schreie der nackten Panik, die sie Nachts austieß, hielten die anderen Mädchen vom Schlafen ab. Und Ruhestörung wurde im Internat nicht geduldet.

Zweitens könnte man sie zum Nachsitzen oder Waschdienst verdonnern. Unangenehm, aber nicht angsteinflößend.

Die letzte Möglichkeit war für sie sehr abstrakt:
Sie könnten beide aufgerufen werden.
Und auch darüber wusste Nobody nichts.
Und es konnte ihr auch niemand etwas darüber erzählen, denn es gab niemanden der aufgerufen wurde und danach noch im Inernat rumlief.
All das jagte ihr keine Angst ein. Was sie wirklich fürchtete war, dass Yucie am Ende wütend auf sie sein könnte, weil sie das Aufhängen ihres Kunstwerkes vermasselt hatte und das wollte sie ihrem Idol um keinen Preis antuen.

Nobodys Unwissenheit, so wusste Yucie, war ein reiner Segen.

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