Nur an mich selbst denken

Mich beschlich gleich die leise Vorahnung, dass ich hier irgendwie falsch war, aber trotzdem richtig. Irgendein Teil in mir wehrte sich vehement gegen die Vorstellung psychisch krank zu sein, ein anderer sagte nur, dass es gut sein könnte, weil man mir helfen würde.

Nachdem die Jungs, die mich hingebracht hatten, ihren Job erledigt hatten, nahm sich mir eine sehr erschöpft wirkende Assistenzärztin an. Man hatte sie wohl gar nicht in Kenntnis gesetzt, dass ich mich zu den armen, medikamentösen Zombies gesellen würde. Wie denn auch? Die Einweisung erfolgte innerhalb von anderthalb Stunden, wenn ich die Zeit richtig mitgezählt hatte.
Also folgte ich ihr in einen kleinen Raum, der wie das Sprechzimmer vom Hausarzt aussah, und zu uns gesellte sich ein muskulöser junger Mann, der sich um die Formalien kümmerte. Mehr als der Gedanke, dass man mir helfen könne, überkam mich die plötzliche Angst, dass das doch alles lächerlich sei. Ich gehörte nicht zu Menschen, die Stimmen hörten, von ihren Partnern misshandelt wurden, wirres Zeug redeten oder einen anstarrten als sei man ein Alien von einem anderen Stern, weil sie selbst nicht realisierten, wer sie waren, wo und vorallem warum. Denn die völlig unerwartete Frage der Assistenzärztin warf mich aus der Bahn: 'Haben Sie denn akute Suizidgedanken? Sind Sie eine Gefahr für sich selbst oder für andere?' Sie fiel gleich mit der Tür ins Haus und ich kam nicht mehr mit. Mein Kopf setzte aus, ich redete Blödsinn, stotterte, sah wahrscheinlich wirklich aus wie eine arme Seele, die 'unfähig war ihr Leben auf die Kette zu kriegen'. Ich konnte die Frage nicht beantworten und der junge Mann hakte nach 'Können Sie uns eine Antwort geben? Haben Sie die Frage der Ärztin noch im Kopf?' Ich stand auf dem Schlauch und mir kam nur der Gedanke: Ich weiß es nicht. Das ist zu viel im Moment. Ich konnte nicht entscheiden, ob ich suizidgefährdet war oder nicht. Wahrscheinlich konnte ich nicht mal sagen wie mein Name war, ohne mich zu vertun.

Jedenfalls kam schnell eines zum anderen. Ich füllte ein Formular aus und folgte dem jungen Mann durch den Gang, in den oberen Stock. Doch was wäre eine spannende Geschichte ohne einen dramatischen Wendepunkt vor der Werbepause? Als wären sie dem Krankenwagen hinterher gefahren, standen plötzlich meine Eltern im Gang und warteten darauf, dass ich ihnen Rede und Antwort stand. Sie hätten mich am liebsten gleich wieder mitgenommen und mich mit Vorwürfen dazu gebracht niemals wieder daran zu denken auch nur einen Fuß vor die Haustür setzen zu wollen. Und was tat ich in diesem Moment? Ich fing an zu weinen und blieb stehen. Die Situation hätte nicht furchtbarer sein können, denn mit dem Besuch beim Hausarzt hatte ich mir bereits mehrfach unterstellt meine Eltern hintergangen zu haben. Aber war es wirklich ein Hintergehen sich Hilfe zu suchen?

Der Mann rief 'Falsche Richtung, hier entlang, junger Mann' und kam kurz darauf zu mir zurück als er sah, dass ich mich umgedreht hatte und weinte. Sowas war ihm vermutlich nicht fremd und er meinte 'Wir können auch hintenrum gehen, dann sehen sie uns nicht'. Es war so ungewohnt und eigenartig, dass man meinen Wünschen eher nachkam als denen meiner Eltern. Es fühlte sich schön an, aber mein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Eltern stieg weiter ins Unermessliche. Denn meine Eltern erhielten keine Auskunft und durften mich nicht sehen. Wie rasend und am Boden zerstört sie gewesen sein mussten, das wollte ich mir nicht ausmalen und sollte es auch nicht. Das Personal sagte nämlich zu mir 'Konzentrier dich nur auf dich und denk an dich selbst'.

Und dieser Satz war für mich so fremd wie nichts Vergleichbares. Ich habe noch nie in meinem Leben nur an mich selbst gedacht. Warum nicht? Ich hab es mich nie getraut. Wenn ich an mich selbst dachte, an meine Bedürfnisse und Wünsche, hätte das jemand anderem nicht in den Kram gepasst. In den meisten Fällen auch wieder meinen Eltern. Und meine Eltern reagierten meist heftiger als mit Enttäuschung.
Ich wollte mir die Haare färben? Lieber nicht, wer weiß wie Papa darauf reagiert. Ich wollte abends länger weg bleiben? Nene, dann kann Papa nicht schlafen und er muss früh austehen. Ich wollte die Kleidung so tragen? Nein, das gefällt Mama nicht. Ich wollte auf einer Convention lieber an diesen Stand und nicht bei diesem rumhängen? Nein, ich will den anderen nicht den Spaß verderben. Ich wollte noch ein bisschen länger bei einem Bekannten bleiben? Ne, Mama hat gesagt ich muss die nächsten drei Wochen nutzen, um für die Abschlussprüfung zu lernen. Ich habe keine Motivation für die Bassstunde? Aber Papa bezahlt die, ich kann ja nicht einfach nicht hingehen. Ich wollte zum x-ten Mal mit den beiden über meinen Körperhass reden? Vergiss es, damit machst du dich zum Affen!
Und die Liste ist unendlich, denn jeden Tag kommt ja eine neue Sache hinzu, die ich will, aber anderen nicht gefallen könnte. Deswegen hab ich meine Bedürfnisse immer ganz weit zurück geschraubt und die der anderen rückten in den Mittelpunkt meines Lebens. Ich war nicht mehr Mensch, sondern nur eine Maschine, die für andere funktionierte. Und eigentlich war das doch perfekt, oder nicht? Aber trotzdem wollte mein Leben dadurch nicht besser laufen. Es war so paradox.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media