Nur die Ruhe


Ich stieß mich sofort von meinem Stuhl und kreuzte die Arme über meinen Kopf. Das musste die feindliche Artillerie sein, auch wenn der Knall sich leiser als sonst anhörte, bemerkte ich eine leichte Erschütterung. Wenn Sie Lehrenbach entdeckt hätten, wäre es wohl um uns und unseren Operationen geschehen. Ich lag noch einige Sekunden auf den Boden, als mir klar wurde, dass das keine Artillerie sein konnte.

Ich ging in die Hocke und sah nur kurz durch das Fenster.

Ich hörte einige Pioniere fluchen und ab diesem Zeitpunkt konnte ich mich entspannen.

„Verdammter Mist! Den Zylinder hat es zerrissen!“ Schrie einer der Pioniere, die schön länger versuchten ein beschädigtes Motorrad zu reparieren.

„Jetzt kauere ich schon bei dem leisesten Knall auf dem Boden. Ich muss mich dringend mal ausruhen.“ Dachte ich mir, auch wenn mir klar war, dass die nächste Entspannung wohl weit entfernt sein würde.

 

Ich setzte mich wieder, nachdem ich mir den Staub von meiner Uniform schüttelte. Wenn das echtes Artilleriefeuer gewesen wäre, hätten wir diesen Außenposten aufgeben müssen. Die Russen wissen noch rein gar nichts über diesen Außenposten, da wir diesen in einer Art „toten Winkel“ errichteten. Die Sowjets waren in dem Gebiet um Lehrenbach nur in an einem Punkt aktiv, was uns das verteidigen und die Angriffe deutlich vereinfachte.

Hätten Sie unseren Posten ausfindig gemacht und es dazu noch gemeistert uns in das Schussfeld ihrer Artillerie zu bringen, hätte ich meinen Hut vor Ihnen ziehen müssen.

Ich genehmigte mir einen Schluck Wasser aus meiner zerkratzten Feldflasche und schrieb den Bericht zu Ende.

 

Keine weiteren Vorkommnisse in und um Lehrenbach‘s Position.

 

Damit beendete ich den Bericht und entspannte Ihn aus der Walze der Schreibmaschine. Ich ging auf einen Tisch auf der linken Seite des Raumes zu, auf dem ich meine Waffen abgelegt hatte.

Ein Gewehr 41, dass mir mein Großvater zukommen ließ. Ein alter Bataillonskommandeur aus dem ersten Weltkrieg. Und war auch bis vor kurzem noch für die Wehrmacht tätig. Auch wenn das Holz ziemlich angeschlagen war, erfüllte es auf mittlere und große Distanz Ihren Zweck.

Und daneben lag das Abschiedsgeschenk meines Vaters.

Eine Luger 08 mit einem Griff aus geräucherter Eiche und einer kleinen Silbergravur eines Lorbeerblattes, das unser Familienwappen darstellte. Ein Prachtexemplar, das ich nie benutzen wollte. Diese Pistole war in den Augen meiner Kameraden etwas angeberisches, jedoch war dies wohl das erste Geschenk, das mein Vater mir auch von Herzen machte.

Auch wenn der Griff aus massiver deutscher Eiche zerkratzt und der Lauf sich einen Millimeter nach links zog, war Sie doch noch ein treuer Gefährte. Ich betrachtete Sie genauer.

Ich zog eine Augenbraue nach oben als ich bemerkte, dass das Korn sich leicht nach hinten gebogen hatte.

„Sich mit dieser Waffe noch verteidigen zu wollen, käme Selbstmord gleich.“ Dachte ich mir während sich mein Herzschlag wieder normalisierte.

 

 

„Die Waffe ist sehr wertvoll, viele Hundert Mark würde sie auf alle Fälle Wert sein. Das heißt dann wohl ich darf Sie selber reparieren. Klasse“

Die Waffe von den Reparateuren richten zu lassen, hätte damals nichts anderes bedeutet als, dass ich sie hinbringe und ich sie entweder wegen Ihres Wertes nie wieder sehe, oder ich sie erst nach einigen Tagen zurückbekomme. Wenn ich bis dahin gestorben wäre, hätte sie sich wieder irgendein Soldat eingeschoben.

Also hätte ich diese in beiden Fällen wohl nie wieder gesehen.

 

Ich wollte sie schließlich lieber selbst reparieren, dies war immerhin eine Art „Grundkurs“ zu haus, das säubern, reparieren und warten einer Waffe, ob groß oder klein.

„Der Koffer mit dem Werkzeug muss wohl noch Unten stehen.“ Sagte ich zu mir selbst als ich bereits auf die Türklinke zuging.

Ich öffnete die Tür nah Innen und hatte wieder das entsetzliche Quietschen der in den Ohren. Ich verzog mein Gesicht und versuchte daran zu denken, nach etwas Schmieröl zu fragen, wenn ich sowieso schon unten bin.

Ich ging an den Fenstern vorbei durch die die Nachmittagssonne scheinen sollte, diese kam hier jedoch nicht. Sie hatten schon Recht, das war damals ein von Gott verlassener Ort. Ich umging die schwere Geschützstellung und begab mich auf die Treppe.

Im Gegensatz zu dem Quietschen der Tür, liebte ich das Geräusch eines starken Trittes auf morsches Holz. Im Erdgeschoss angekommen, setzte ich noch zwei Schritte und bog links in den Funkraum.

 

Zu diesem Zeitpunkt waren 4 Funker im Raum und zwar:

Markus, Christopher, Jahn und... der Letzte war mir da noch fremd.

Ich trat in den Raum und begrüßte Jahn: „Hey Jan! Wie geht´s dir denn?“

„Oh, Sebastian! Ich hab von der Schießerei auf der Straße gehört. Alles klar bei dir?“

Sagte er mir mit seiner durch und durch freundliche Stimme.

„Ach. Mach dir um mich keine Sorgen. Sorge lieber dafür, dass du den Kopf immer schön unten hältst!“ Erwiderte ich Ihm mit meinem hämischen Lächeln im Gesicht.

Jahn Rieger, 19 Jahre alt, blondes Haar, braune Augen und stets mit einem Lächeln anzutreffen.

Dies war die damalige Beschreibung von Jan, den man entweder mochte oder nicht.

Dieses Lächeln hatte er aber nicht immer.

 

 

 

Er saß im selben Zug wie ich, auch wenn er bis oben hin mit Soldaten vollgestapelt war und man durch den Qualm der Zigaretten die eigene Hand vor Augen nicht erkennen konnte, viel er mir dort schon auf. Er saß an der linken Seite des Zuges, hustend und ängstlich die Kameraden anstarrend. Der Rauch bekam seiner Lunge wohl nicht gar so gut.

Bis ein Mann aus der Volkssturmeinheit den Streit mit Ihm suchte. Dieser Mann hatte beim Überfall auf Polen mitgewirkt, war 40 Jahre alt und gute 2 Meter hoch. Er hatte wohl die Angst von Jahn gerochen.

 

 

„Hey Kleiner! Was ist los? Du siehst ganz schön ängstlich aus, soll ich dich in den Arm nehmen?“ Dieser Satz stieß mir bereits sauer auf, aber das Gelächter der übrigen Soldaten mit dieser niederen Anmache, hat Jan wohl nur noch weiter in den Abgrund der Angst gestoßen.

 

Während sich alle herzlichst amüsierten, saß Jan nach wie vor einfach da und wollte es mit einem Konter von seiner Seite, nicht noch schlimmer machen. Da holte der gute Mann schon zum nächsten Schlag aus:

„Jetzt hab dich nicht so! Weißt du was ich gehört habe? Russische Minen gehen nur bei solchen kleinen ängstlichen Schwachmaten wie dir in die Luft!“ Er begann regelrecht zu brüllen und die Männer hinter Ihm taten es ihm gleich.

 

Ich drängte mich an einigen Soldaten vorbei, die die Vorstellung offensichtlich genossen und stellte mich unauffällig neben Jahn, um im Ernstfall noch einschreiten zu können.

Jahn schüttelte nur den Kopf und sah wieder auf die Holzdielen des Bodens.

„Hey. Ich mein das doch gar nicht böse. Ich werde mich um deine Frau kümmern wenn du irgendwo wie ein armer Straßenköter…“

„Genug!“ Ich Schritt ein, da sich auch die beiden gefährlich nahe kamen, und eine Rauferei auf kleinstem Raum, problematisch hätte werden können.

 

Der ältere Mann verließ seine gebückte Haltung und kam einen Schritt auf mich zu. Das ich deutlich höher gestellt war als er, ließ ihn wohl fällig kalt.

„Wer glaubst du bist du, mir etwas zu befehlen?“ Sagte er zu mir langsam immer näher kommend.

„Soldat, sie sollten sich eine Brille zulegen oder es wird Konsequenzen für Sie geben, wenn Sie meinen, einen Vorgesetzten auf solch Art und Weise anzusprechen! Sie treten jetzt augenblicklich zwei Schritte von mir zurück.“ Ich war damals froh, diese Art zu sprechen von meinem Vater geerbt zu haben.

Er blieb an Ort und Stelle stehen und kam mit einem: „Ach Feldwebel, ja? Von einem Jungspund wie dir muss ich mir doch nichts befehlen lassen!“ Er kam wieder näher.

 

„Für Sie Soldat, ist es immer noch Feldwebel Lange! Sohn von Panzerkommandeur Gottlieb Lange und Enkel von Generalmajor Erwin Lange. Auch wenn mir jedes Leben dieser Männer am Herzen liegt und ich nie auch nur einen Mann in unnötige Gefahr bringen würde, hätte ich kein Problem damit, Sie an die Spitze eines Vorsturms zu setzten, oder Sie gleich zum Minenräumen einzuteilen!“

Er wurde still und starrte mich mit einem leicht geöffneten Mund an.

 

„Was ist denn los? Ich dachte Sie hätten Felderfahrung, dann müssten Sie doch eigentlich voraus gehen können? Und wenn Sie noch einen Funken Anstand und Respekt gegenüber Ihren Kammraden haben, wenden Sie sich nun und gehen zurück in Ihre Ecke aus der Sie kamen!“

Ich starrte Ihm tief in seine Augen und erkannte, dass ich Ihn zu diesem Befehl brechen konnte. Er drehte sich und entfernte sich zu der anderen Strecke des Wagons. Ich reichte ihm meine Hand und stelle mich ihm vor.

„Sie sollten sich besser einen ernsteren Blick zulegen, da wird man nicht so schnell von Seite angequatscht. Ich bin Feldwebel Sebastian Lange, und Sie?“

Ich hatte ein Lächeln im Gesicht, ich konnte endlich einmal eine normale Unterhaltung führen.

„I-Ich heiße Johannes, Sie können mich aber Jahn nennen, wenn Sie wollen. Herr Feldwebel.“ Ich war mich nicht ganz sicher ob er immer so ängstlich spricht, er von der vorherigen Situation noch eingeschüchtert war oder es von meinem Dienstgrad hervorgerufen wurde.

„Also Jahn. Wo kommst du her?“

Wir unterhielten uns fast die ganze restliche Fahrt lang und ließen alles um uns herum irrelevant erscheinen.

 

 

„Jahn, hättet ihr mir noch den Werkzeugkoffer zur Waffenwartung?“ Fragte ich ihn mit einem lockeren Stand. „Und etwas Schmieröl wäre auch noch super!“

 

„Na klar! Er steht da hinten auf der Fensterbank, Schmieröl haben wir aber grade

nicht da. Du kannst ja mal die Pioniere fragen, ob sie dir etwas Motoröl leihen könnten, das müsste es eigentlich auch tun.“ Antwortete mir Jan mit einem Mikrofon in der Faust und der anderen Hand am Frequenzenregler.

„Danke dir.“

Ich lief an seinem Tisch vorbei, klappte den Werkzeugkoffer ein und machte mich auf den Rückweg ins Zimmer. Ich hob meine Hand und verabschiedete mich:

„Also dann!“

„Bis später, Sebastian!“

 

Im Laufschritt begab ich mich in mein Zimmer zurück und setzte den Werkzeugkoffer auf dem Schreibtisch ab. Mein alter Freund sollte zuerst etwas aufgepeppt werden auch wenn ich bislang kaum mit ihm geschossen habe.

Die Kratzer und den verbogenen Lauf habe ich einem alten russischen „Soldaten“ zu verdanken. Es war einfach nur ein alter zerbrechlicher Mann mit einer Waffe. Genau wie auf unserer Seite, nur waren unsere deutlich jünger.

Es war erst 2 Tage her, als wir uns einen Weg durch eine große Häuserzeile bahnten, an der so gut wie alle Häuser durch eine Tür verbunden waren.

Einige Kameraden und ich mussten uns einen hitzigen Häuserkampf mit den Russen liefern.

Ich ging über den obersten Stock eines Hauses, in dem eine Patrone eines Artilleriegeschützes ein riesiges Loch in das Dach hineinriss. Ich spürte die Erschütterungen der Granaten, die das Haus zum Beben brachten.

 

Im obersten Stock kam mir der alte Mann entgegen und riss mein Gewehr zu Boden. Ich schnappte mir meine Luger und versuchte einen Schuss auf ihn abzugeben.

Er hatte nur eine leere Waffe und musste so ihn den Nahkampf wechseln, was er für sein Alter erstaunlich gut auf die Reihe bekam.

Er hob eine Holzdiele vom Boden auf und schlug damit auf meine Hand mit der Luger darin ein. Da wir nahe am Loch des Einschlages kämpften, folg die Luger aus meiner Hand mehrere Meter tief, erst streifte sie einen Balkon und landete dann im metertiefen Schnee.

Ich weichte seinem nächsten Hieb erfolgreich aus und stach mir meinem Dolch auf Ihn ein. Es steckte tief in der rechten Seite seiner Brust, ich zog es nach kurzer Zeit heraus. Die Aufschrift: „Meine Ehre heißt Treue“ auf dem Dolch war unter dem Blut des Mannes kaum noch zu erkennen.

 

 

Er taumelte zwei Schritte zurück und ging dann schließlich zu Boden. Er hielt sich die Wunde und hustete fürchterlich. Ich hatte wohl einen Lungenflügel gestreift, er würde entweder ersticken oder verbluten. Es erschien mir nur richtig, auch wenn es mich anwiderte. Ich hob mein Gewehr.

Und Schoss.

Konnte ich den armen Mann einfach qualvoll zu Grunde gehen lassen? Nein, konnte ich nicht.

 

Die Luger wurde von einem Kameraden von mir aufgesammelt, diese war wie durch ein Wunder auf den ersten Blick kaum beschädigt. Auch wenn mich dies mit Fröhlichkeit erfüllte konnte ich mich immer noch nicht an diesen Geruch fremden Blutes gewöhnen.

Den Lauf meiner Waffe justierend verkniff ich mir eine Träne.

Das Korn konnte ich an die Kimme im Null Komma Nichts wieder anpassen, da stürmte Jan in mein Zimmer und sprach:

„Sebastian, General Göhrer will dich sofort sprechen.“

 

Dies konnte nichts gutes bedeuten .

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