Omnia Vincit Amor I

Eine leichte Brise schwächte die Wirkung der Sonnenstrahlen, die sich erbarmungslos in ihre Haut brannten. Hochsommer war nicht ihre Jahreszeit, aber auch da musste gearbeitet werden und auf dem Weg zu eben dieser war sie gerade. Bevor sie den abgelegenen Hof betrat, wischte sie sich noch einmal über die schweißnasse Stirn und damit ein paar Strähnen aus dem Gesicht, atmete ein Mal tief durch und packte den Träger ihres Rucksacks fester.



Im Hof saßen schon einige junge Menschen auf den uralten Holzbänken, von denen die Farbe blätterte. Sie unterhielten sich oder lasen in Büchern, meistens Lehrbücher, wie sie mit erfahrenem Blick feststellen konnte. Die Tür zum Büro, neben der sie stand,, knarrte, als ein weiterer Nachhilfelehrer auf den Hof kam. Sie grüßte kurz und schlüpfte mit einem Kopfnicken durch die ihr aufgehaltene Tür.

Vorbei am Anmeldeschalter und der Pinnwand mit unzähligen Angeboten und Gesuchen quetschte sie sich zwischen neuen Schülern hindurch zu dem Raum, den ihre Chefin als Arbeitsplatz oder Abstellplatz nutzte, je nach Laune. Neben den unzähligen Aktenordnern und Papierstapeln stand ein PC eingequetscht, mit dem die Sekretärin sämtliche Termine koordinierte. Irene saß an ihrem Schreibtisch, zwischen Papierstapeln eingerahmt und schaute nur kurz vom Bildschirm auf, als die Tür aufging.



"Ach, Julia, ja, schön, dass du es geschafft hast. Hör mal, ich weiß, dass du eigentlich keine Kapazitäten mehr hast, aber ich habe noch eine Anfrage bekommen, die du eigentlich gar nicht ablehnen kannst. Willst du dich kurz setzen?".

Julia warf einen prüfenden Blick auf den wackeligen Holzstuhl. Ein paar Unterlagen ruhten darauf, deswegen schüttelte sie den Kopf. Irene ließ sich davon nicht beirren und sprach nach einem gleichgültigen Schulterzucken weiter.



"Wie auch immer. Erinnerst du dich noch an den Auftrag, bei dem du diesem Handballer Deutsch unterrichtet hast? Wie hieß der noch? Niko.. Nicki...?".

"Niklas Landin?", half Julia aus und unterdrückte ein Grinsen. Irenes Gedächtnis war, was Namen betraf, wahnsinnig schlecht, wie immer.

"Ja, genau, so ähnlich. Jedenfalls waren ja alle sehr zufrieden, das hatte ich dir ja schon rückgemeldet, und sie waren so zufrieden, dass sie dich gleich nochmal wollen. Mit drei Handballern."



Für einen kurzen Moment stolperte ihr Herz, bevor es wieder im Takt schlug. Schon beim ersten Angebot hatte sie kaum glauben können, dass ausgerechnet sie als sporadischer Handballfan die Chance bekam, mit Niklas Landin außerhalb des Handballfeldes Kontakt zu haben. Daraus war sogar eine lose Freundschaft mit ihm und seiner Freundin entstanden. Jetzt also gleich drei Handballer?

"Wie oft soll es denn sein?", fragte sie möglichst gleichgültig. Eigentlich hatte Irene Recht, sie hatte kaum freie Zeit mehr, noch neue Schüler anzunehmen. Andererseits war das Angebot wirklich verlockend und das wusste ihre Chefin auch, sonst hätte sie sie nicht damit geködert.

"Ein Mal die Woche. Jetzt tu nicht so, als würdest du überlegen, ich sehe deinen roten Wangen an, dass du schon darauf brennst, sie zu unterrichten."



Julia grinste ertappt und berührte kurz ihre Wangen. Sie waren wirklich warm. "Ja, in Ordnung. Hast du Unterlagen für mich? Dann kann ich mich hinsetzen und den Unterricht planen."

"Leider nein, aber zwei Überraschungen. Eine steht fast direkt hinter dir und die andere erzählt er dir dann."

Irritiert drehte sich Julia um und starrte in die Augen eines schmunzelnden Niklas Landin. Der lehnte mit verschränkten Armen lässig im Türrahmen, dann kam er auf sie zu und umarmte sie kurz. Julia reichte ihm gerade so bis zur Brust und kam sich in den langen Armen winzig vor. "Das ist wirklich eine Überraschung", nuschelte Julia ihm entgegen.



"Na dann warte ab. Ick habe gehört, dass du hast jetzt gerade Zeit? Dann komm doch mal mit hoch in den alten Unterrichtssaal. Die Überraschung wird dich umhauen, glaube mir."
Skeptisch warf Julia einen Blick zu ihrer Chefin, die nickte aber nur. " Viel Spaß und melde dich bei mir, wie es dir gefällt."

Hin und her gerissen zwischen Neugierde und Skepsis warf Julia einen fragenden Blick hoch zu Niklas, der nur wissend grinste. Er streckte eine Hand aus. "Komm, das wird lustig. Ich bin gespannt auf deine Reaktion."



Schließlich siegte die Neugierde und Julia ließ sich am Handgelenk schnappen und aus dem Gebäude über den Hof in ein anderes Gebäude führen. In dem ursprünglichen Wohnhaus mit altem, morschen Holzhandlauf im Treppenhaus, waren die Unterrichtssäle untergebracht. Niklas führte sie ganz nach oben, tatsächlich in ihren alten Unterrichtssaal, der direkt unter dem Dach lag.

Die Luft dort war stickig, obwohl alle Fenster breit geöffnet waren. Ein paar Stühle und Tische standen unordentlich aufgestapelt in der Ecke und die Tafel war nicht geputzt. Irgendwelche Wörter einer Sprache, die Julia nicht verstand, waren noch darauf gekritzelt. Direkt mittig in der ersten Reihe saßen drei junge Männer. Anhand der Hinterköpfe erkannte Julia nur einen: Mads Mensah Larsen, der sich mit den krausen Haaren und der dunklen Hautfarbe deutlich von seinen Mitspielern abhob. Brünette, große Männer gab es allerdings einige bei den Rhein-Neckar-Löwen.



Erst als sie die Reihen passiert und sich auf das Pult gesetzt hatte, erkannte sie Stefán Sigurmannsson und Harald Reinkind. Julia spürte, dass ihr Herz schneller klopfte und sie musste sich zu einem Lächeln zwingen. Obwohl sie Niklas jetzt schon länger kannte war sie immer noch nervös, wenn es um den Kontakt mit Spielern ihrer Lieblingshandballmannschaft ging. Sie warf kurz einen Blick zu Niklas, der sich einen Platz in der letzten Reihe genommen hatte und ihr jetzt beruhigend zulächelte.



"Hallo zusammen. Ich muss ehrlich sein, ich bin gerade ziemlich überrumpelt. Zwar habe ich mir was Ähnliches gedacht, nachdem Niklas eben bei mir aufgetaucht ist, aber ich habe rein gar nichts vorbereitet heute. Deshalb wäre mein Vorschlag, ich stelle mich mal ordentlich vor und ihr erzählt mir dann, wie gut eure Deutschkenntnisse sind. Dann kann ich auch etwas planen. Seid ihr einverstanden?".

Ihre Frage brachte ihr nur Kopfnicken und Julia atmete kurz durch, um ihren Puls wieder zu beruhigen. Allein das Reden hatte schon geholfen und sich vorzustellen würde sie gerade noch hinbekommen. Vielleicht war danach das Eis ja schon gebrochen und die Nervosität verschwunden.

"Gut, dann stelle ich mich mal vor. Mein Name ist Julia, ich bin Studentin in Heidelberg und unterrichte hier unter anderem Deutsch als Fremdsprache, um mein Bafög ein bisschen aufzubessern. Abgesehen davon möchte ich ja Lehrerin werden und da ist das eine ganz gute Übung. So viel zu mir... möchtet ihr denn noch etwas wissen?".



"Welche Fäche studiert du denn? Was willt du unterrichten?", fragte Stefán prompt.

"Ich werde mal Lehrerin für Latein und Geschichte."

Die erstaunten Blicke war sie gewöhnt. Danach folgte meist ein Kommentar, wie eingestaubt, langweilig und elitär die Fächer waren.
"Das klingt spannend. Aber wenn ich dich jetzt dazu fragen will ist das der falsche Zeit, oder?".

Überrascht hob Julia die Augenbrauen. Stefáns Interesse wirkte, soweit sie es beurteilen konnte, echt. Mit dieser Reaktion war er in ihrem Ansehen sehr weit gestiegen. "Leider muss ich dir Recht geben, das wäre der Falsche Zeitpunkt Aber da haben wir bestimmt noch Gelegenheit. Habt ihr sonst noch Fragen?".



"Wie alt bit du denn? Und hat du einen Freund?". Mit heißen Wangen wandte sich Julia Mads zu und zählte still bis drei, um nicht vor Nervosität loszubrabbeln. "Das fragt man eine Frau doch beides nicht", zwinkerte sie möglichst selbstbewusst. Mads schien es ihr nicht übel zu nehmen, er grinste ihr zu und beließ es dabei.

Mit aufmerksamem Blick streifte sie jeden der Jungs abwartend, aber keiner schien noch eine Frage stellen zu wollen. Während Mads und Harald sie erwartungsvoll ansahen, hatte Steppi den Blick abgewandt und konzentrierte sich auf etwas anderes. "Na gut, dann frage ich mal. Wie oft sehen wir uns denn eigentlich? Nicht einmal das weiß ich."



"Ein Mal die Woche, dienstags. Wenn wir auf Reisen sind oder spielen wird verschoben, das könnt ihr dann ausmachen", antwortete Niklas, da aus der ersten Reihe keine Reaktion kam. Julia nickte erleichtert. Ein Mal in der Woche war nicht so schwer in ihrem Arbeitsplan unterzubringen, das würde schon gehen.

"Das klingt gut. Dann Frage Nummer zwei, wie ist es denn so mit euren Deutschkenntnissen? Habt ihr im Norden Deutsch als Schulfach? Ich kenne mich da nicht aus, ehrlich gesagt."

"Ja, das gibt es", antwortete dieses Mal Harald in einem Mix aus Englisch und Deutsch, "so nur Steppi hatte Deutsch in die Schule, Mads und ich niht."

"Außerdem ich bin ja schon ein Jahr hier, ich wollte aber auch ein Kurs machen. Als ich damals mitten in der Saison gewechselt habe, hat einfach die Zeit gefehlt. Ich kann zwar schon einiges, aber es ist nicht schlimm", fügte Steppi noch hinzu. "Also würde es dir nichts ausmachen, wenn wir relativ weit vorne beginnen? Ich kann auf dich nicht viel Rücksicht nehmen außer dir Zusatzmaterial mitbringen, wenn die anderen beiden von vorne anfangen müssen."



"Nein, das ist in Ordnung", schüttelte Steppi den Kopf. "Außerdem wir haben dann so mehr Zeit mit dir, wir tun dann einfak so, als ob Steppi auch nikts könnte, er soll sich nikt beschweren", meinte Mads noch und erntete einen genervten Seufzer von seinem Teamkollegen.

Julia schmunzelte in sich hinein. Mit einem Klassenclown wie Mads einer zu sein schien würde der Unterricht sicher lustig werden. "Okay, dann weiß ich ja jetzt Bescheid. Ich werde mich gleich ein bisschen an Unterrichtsplanung setzen und entlasse euch für heute, da ich ja sowieso nichts dabei habe. Ich wünsche euch eine gute Heimfahrt und bis nächste Woche."



Mit einigen gemurmelten Verabschiedungen auf den Lippen verließen die drei Schüler den Raum und Julia setzte sich zu Niklas auf die Tischkante. "Und, wie war ich?", fragte sie mit trockenem Hals. "Prima, wie immer. Gehen wir auch?". Sie nickte und verließ dicht gefolgt von Niklas das Gebäude in Richtung Innenhof.

Es hatte ein wenig abgekühlt und die Luft hier war nicht annähernd so stickig wie unter dem Dach. Julia atmete tief ein und steuerte dann das Büro an, um sich Material mitzunehmen und zu kopieren. "Was hast du denn heute noch vor?", fragte Niklas mit scheinheiligem Unterton, "Liv vermisst dich auch, wir sollten mal wieder essen gehen."

"Und das sagst du mir, nachdem du mir dreifach Arbeit aufgehalst hast? Du bist lustig. Gerade ist es wirklich richtig schlecht. Ich habe auch bald Prüfungen und auch noch andere Schüler. Danach schon eher."

Niklas presste die Lippen aufeinander und unterdrückte einen Seufzer. Dieses ständige Arbeiten nervte nicht nur ihn, sondern auch seine Freundin. Hatte Julia denn noch nie etwas gehört von einer work-life-balance? Geduldig ließ er sie ein paar Sachen durch den Kopierer jagen und hielt ihr die Tür auf, als sie mit Papierstapeln bepackt nach draußen steuerte.

"Danke Niklas, und danke für die Einladung. Wenn meine Prüfung vorbei ist, komme ich gerne nochmal drauf zurück. Jetzt muss ich den Stapel allerdings erst mal heil nach Hause bekommen."

Er hätte ihr gerne Hilfe angeboten, aber mangels Auto und der Tatsache geschuldet, dass er im Gegensatz zu ihr fast um die Ecke wohnte, erübrigte sich das irgendwie. Ob er vielleicht mit zu ihr fahren und ihr die Hälfte des Stapels abnehmen sollte? Seine Überlegungen wurden von Julia unterbrochen. "Guck mal, steht da nicht Stefán? Der wartet sicher auf dich, lass uns hingehen."

Niklas schreckte auf und brauchte einen Moment, um seinen Kollegen zwischen den Menschen auszumachen, aber er stand tatsächlich dort und kam sogar auf sie zu, als er mit Niklas Augenkontakt gehabt hatte.

"Du trägst ja schwer", kommentierte Stefán Julias Papierstapel, der wie ein großes Paket unter ihrem Arm klemmte. "Mal wieder muss ich dir Recht geben. Deshalb spute ich mich jetzt auch, damit ich eine Bahn erreiche und das Zeug mal ablegen kann, sonst fallen mir die Arme ab."

"Warte mal! Ich habe ein Auto, wohin musst du denn? Wo wohnt du?".

"In Eppelheim, aber das muss wirklich nicht sein. Das wäre nicht der erste Papierstapel, den ich heil nach Hause geschleppt hätte, ganz ohne Auto."

Die Arme wurden langsam schwer und Julia warf einen sehnsüchtigen Blick in die Himmelsrichtung, in der ihre Bahnhaltestelle lag. Sie schätzte Freundlichkeit wirklich, aber gerade wollte sie das Zeug einfach nur irgendwo ablegen.



"Eppelheim klingt prima, da muss ich nach Rot sowieso vorbei fahren. Mein Auto parkt hier direkt, dann du kannst auch gleich ablegen und behältst dein Arme. Die Angebot ist doch unschlagbar, oder?".

Stefán steckte sie mit dem Enthusiasmus in seiner Stimme auf eine Art an, die sie gar nicht kannte. Ihr schien die Lösung auf einmal so einfach und zum Greifen nahe. Aber gleich mit irgendwelchen Kerlen im Auto mitfahren? So sympathisch sie alle auch waren, schrillten dabei Julias innere Alarmglocken.

"Ich finde die Idee gut", mischte sich Niklas ein und tippte auf den Papierstapel, "schließlich du brauchst dein Arme noch. Und so schlimm ist unser Steppi auch wieder nicht. Falls was passiert ich bin wenigstens Ohrenzeuge oder wie das heißt."

Mittlerweile sehnten sich ihre Arme nach einer Pause, die Muskeln brannten. Schließlich gab sie mit einem tiefen Seufzer nach. Ihre Fantasie trieb wahrscheinlich wieder viel zu bunte Blüten. "Na gut, überzeugt. Die Papiere sind echt verdammt schwer."



Als wäre das eine Aufforderung nahm Stefán ihr die Blätter ab und Julia rieb über ihre schmerzenden Arme. Der Schmerz ebbte langsam ab und als Stefán sie zu seinem Auto geführt hatte, war er schon verschwunden. Die Blätter landeten im Fußraum seines blauen Suzuki Swift, der Rucksack auf dem Rücksitz.

"Na dann gute Fahrt", verabschiedete sich Niklas erst von Stefán, dann von Julia, "und denkt dran, dass es gibt einen Zeugen. Tut also nichts, um in die Zeitung zu landen."
Mit einem Zwinkern machte er kehrt und steuerte seine Wohnung in der Altstadt an.

Noch ein wenig unsicher schielte Julia zum Türgriff der Beifahrertür. "Ach, übrigens, also, Dankeschön für...".
"Für nichts", unterbrach sie Stefán, "steig ein. Ich lasse mir doch nicht die Gelegenheit entgehen, dich über dein Studium zu löchern, was glaubt du denn?". Er grinste ihr über das Autodach hinweg zu und nahm Julia damit ihre ganze Nervosität. Sie lächelte zurück und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Auf das Gespräch mit Stefán freute sie sich.





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