Part 6

Die Taube fliegt davon und ich folge ihr mit den Augen. Immer weiter entfernt sie sich von mir, bis ich sie nicht mehr sehen kann. Dafür entdecke ich über mir die Sterne. Ich kenne sie gut. Zwar könnte ich keinem einzigen seinen Namen zuordnen und erkenne auch keine Bilder in ihnen, außer denen, die ich mir selbst ausgedacht habe, aber trotzdem wirken sie auf mich wie alte Bekannte, die mir aus der Ferne zuwinken. Wie viele Nächte habe ich damit verbracht, zu ihnen hinauf zu sehen? Ich weiß es nicht. Ich habe oft versucht, mir von ihnen Trost zu holen, habe immer wieder gehofft, dass der Blick auf die Sterne mich beruhigen würde, aber meistens habe ich mich anschließend nur noch schlechter gefühlt. Sie stehen da am Himmel, blitzen und blinken fröhlich und kein irdischer Schmerz erreicht sie. Traurigkeit, Verlassenheit, Hilflosigkeit, das alles ist ihnen fremd. Ich beneide sie darum. Ich wünschte, ich wäre ein Stern am Himmel, frei von allem, was mich zu Boden drückt. Bald vielleicht...
Irgendwo hab ich mal gelesen, dass unsere Sorgen und Kümmernisse kleiner werden, wenn wir zu den Sternen hinauf schauen und uns klar machen, wie groß das doch alles ist, da oben. Und wie klein wir Menschen im Angesicht des Unendlichen sind. Und wie klein erst unsere Sorgen. Bei mir hat das nie geklappt, im Gegenteil, ich habe mich jedesmal geschämt, weil ich offensichtlich nicht fähig war, mir diese Denkweise anzueignen. Schon wieder etwas, was ich nicht kann, etwas, zu dem ich nicht tauge. Ja, wahrscheinlich sollten mir meine Sorgen kleiner erscheinen und leichter werden, aber das ist nicht der Fall. Ist es zu selbstsüchtig von mir, immer nur an mich und meinen Schmerz zu denken? Sollte ich mich nicht zusammen reißen, mich nicht so anstellen, einfach fröhlich sein und leben? 
Stell dich nicht so an...
Wie oft mir dieser Satz wohl schon entgegen geworfen wurde? Ich vermag es nicht zu sagen. Immer und immer wieder, zu jedem Anlass. Ich war traurig, weil die anderen Kinder mit mir nichts zu tun haben wollten? Stell dich nicht so an! Ich hatte Angst, eine Bekannte meiner Mutter zu besuchen, weil ich mich vor ihrem großen Hund gefürchtet habe? Stell dich nicht so an! Ich mochte das Essen nicht? Stell dich nicht so an! Ich hab geweint, weil meine Mutter einfach so mein Lieblingskuscheltier weg geschmissen hatte? Stell dich nicht so an! Ich hab mir in den Finger geschnitten, ich bin hingefallen und hab mir das Knie aufgeschlagen? Stell dich nicht so an! Ich ekele mich vor den Raupen, die ich im Garten vom Grünkohl pflücken soll? Stell dich nicht so an! Ich schreie, weil mein Vater mich mit der Hundeleine verprügelt? Stell dich nicht so an!
Mein Vater.
Auch er hat mich geschlagen und trotzdem habe ich an ihn mehr schöne Erinnerungen als an meine Mutter. Nicht viele, weil schöne Augenblicke mit ihm oft durch das Eingreifen meiner Mutter boykottiert wurden. Wie kam er dazu, mit dem Kind zu spielen, das sie hasste? Wie konnte er diesem Balg ein Geschenk mit bringen? Wie konnte er diesem Abschaum auch nur einen Bruchteil seiner Zeit abgeben? War es da ein Wunder, dass auch mein Vater sich im Laufe der Jahre immer mehr von mir zurück zog?
Ja, heute kann und muss ich es mir eingestehen: meine Mutter hat mich gehasst. Als Kind habe ich es gespürt, aber ich konnte nie einen Grund dafür benennen. Warum hasst eine Mutter ihr Kind? Dass das nicht immer so war, dafür habe ich einen Beweis. Es gibt ein Foto von mir und meiner Mutter. Ich bin noch ein Baby, vielleicht ein halbes Jahr oder dreiviertel Jahr alt. Meine Mutter hält mich auf dem Arm, wir sehen uns an und wir beide lachen uns an. Ich strahle über das ganze Gesicht und auch wenn ich heute genau hinschaue, erkenne ich nichts, was darauf hinweist, dass meine Mutter sich in diesem Moment verstellt hat. Auch aus ihrem Gesicht springt das Glück, die reine Freude, ungetrübt heraus. Damals hat sie mich offenbar noch nicht gehasst, und ich hatte noch keine Angst vor ihr. Was ist passiert? Was hat sich geändert, dass ihre Liebe zu mir in Hass umgeschlagen ist? Heute habe ich zumindest eine Erklärung dafür. Ich weiß nicht, ob es die richtige ist, aber ich hoffe es. Denn dann würde all mein Leid doch wenigstens erklärbar sein.
Ich wurde adoptiert. Meine leibliche Mutter kenne ich mittlerweile vom Sehen, aber wir haben nie Kontakt zueinander gehabt. Ich will das auch nicht. Ich will nicht wissen, warum sie mich nicht haben wollte. Fakt ist, dass sie eine Arbeitskollegin meiner späteren Adoptivmutter war. Und das mein Adoptivvater auch mein leiblicher Vater ist...
Meine Adoptivmutter konnte keine Kinder bekommen, sie hatte mehrere Fehlgeburten. Jetzt, wo ich selbst Mutter bin, kann ich nachempfinden, wie schrecklich, wie traumatisierend das für sie gewesen sein muss. Vielleicht hat auch sie sich unnütz gefühlt, hatte Minderwertigkeitsgefühle deshalb. Wie hart muss es sie getroffen haben, als dann ausgerechnet ihre Arbeitskollegin ein Kind bekommt - von ihrem Ehemann. Vielleicht wurde sie gezwungen, mich zu adoptieren, weil die gesellschaftlichen Maßstäbe das damals so von ihr verlangt haben? Vielleicht wollte sie mich aber auch haben? Ich habe sie nie danach gefragt, ich hatte Angst vor der Antwort. Aber dass es sicher nicht leicht für sie war, den Bastard ihres Mannes aufzuziehen, ist mir klar. Und es muss noch schwerer für sie gewesen sein, als ich älter wurde und immer mehr wie meine leibliche Mutter aussah. Tag für Tag den Fehltritt, die Treulosigkeit, die verratene Freundschaft vor Augen haben müssen, das muss sehr hart für sie gewesen sein. Vielleicht hat sie ihre Hassgefühle, die sie für ihren Mann und ihre Freundin gehabt hat, auf mich übertragen, an mir ausgelassen? Ich fürchte, dass es so war. Aber rechtfertigen ihr Schmerz, ihre Enttäuschung , die Tatsache, dass sie das Kind, das sie in ihre Obhut genommen hatte, körperlich und seelisch misshandelt hat, mehr als zwanzig Jahre lang? Und wie mag sich wohl mein Vater dabei gefühlt haben, wenn er mitbekommen hat, wie sie mit seinem leiblichen Kind umgeht? Hat er darunter gelitten? War es ihm egal? Hat er sich vielleicht deshalb immer mehr zurück gezogen, weil er den Anblick nicht ertragen konnte? War er so schwach, dass er nicht die Kraft hatte, sein Kind zu beschützen? Wollte er es vielleicht auch gar nicht? Hat er sich am Ende auch, genau wie ich, vor meiner Mutter gefürchtet? Ich werde es nie erfahren.

Kommentare

  • Author Portrait

    Diese Geschichte bewegt mich sehr. Eine ganz schlimme Sache! Es kann gut sein, dass der Hass den die Mutter für Delia empfand, von dieser Hintergrundgeschichte mit ihrem Mann beeinflusst war. Dennoch hätte sie niemals das Recht gehabt Delia so zu behandeln! Sie hat grosse Schuld auf sich geladen und Delia sollte diese Schuld bei ihr lassen und sich nicht selber schuldig fühlen.

beta
Feenstaub

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