Part 7

Ich bin acht Jahre alt und habe Windpocken. Das ist nicht so schlimm, sagt der Arzt, das juckt nur ziemlich doll und ich darf mich nicht kratzen. Ich liege im Bett und langweile mich. Meine Bücher hab ich alle schon gelesen, die kenne ich auswendig. Mama knallt mir dreimal am Tag was zu essen hin, ansonsten kriege ich sie nicht zu Gesicht. Papa hat mir seinen alten schwarz-weiß Fernseher ins Zimmer gestellt. Da kriegt man nur zwei Programme mit, und auch nur mit sehr viel Schnee und Gerausche. 
Fernsehen darf ich sonst nur selten, deshalb soll das wohl was ganz besonderes sein. Ich lass das Ding trotzdem meistens aus. Es wäre viel schöner, wenn mich mal jemand besuchen käme, wenn Mama oder Papa sich mal zu mir setzen und mit mir reden oder spielen würden. Aber ich bin den ganzen Tag alleine. Und wenn mir was passiert? Was, wenn ich aufstehe, weil ich mal aufs Klo muss und mir wird schwindelig und ich fall hin und tu mir weh? Dann merkt das keiner. Keiner kümmert sich um mich. Oma und Opa auch nicht, die waren noch kein einziges Mal hier oben bei mir. Anstecken können die sich doch nicht mehr, oder?
Früher, als ich noch ganz klein war, da hat mein Papa jeden Abend mit mir gespielt. Ich hatte damals zwei Stoffigel und einen Stoffhasen. Da hat er mir immer das Märchen vom Hasen und den Igeln erzählt und wir haben das mit den Stofftieren mitgespielt. Und ich durfte immer die Igel sein und gewinnen. Das war schön. Aber seit ich zur Schule gehe, macht er das nicht mehr. Eigentlich sehe ich ihn kaum noch. Papa ist nicht nur LKW-Fahrer und viel unterwegs, er ist auch in seiner Freizeit Dirigent von unserem Gemeindeorchester. Da hat er immer viel zu tun. Oft sitzt er nach Feierabend und am Wochenende in seinem Studio und schreibt Noten um für die verschiedenen Instrumente. Jedenfalls hat er mir das so erklärt. 
Mein Papa ist mehr so der ruhige Typ. Er hat auch gerne seine Ruhe. Vielleicht liegt es daran, dass er oft Migräne hat. Das sind ganz schlimme Kopfschmerzen. Kopfschmerzen habe ich auch oft, ich weiß, wie sich das anfühlt. Ist nicht schön. Deshalb bin ich auch immer ganz leise, wenn er sich im Wohnzimmer aufs Sofa legt. Das Wohnzimmer liegt direkt unter meinem Kinderzimmer. Wenn Papa im Wohnzimmer ist, gehe ich immer auf Zehenspitzen oder sitze auf meinem Bett, um ihn nicht zu stören.
Manchmal versucht Papa, lustig zu sein. Meistens dann, wenn wir essen und Mama ständig mit mir schimpft. Dann macht er Witze und dumme Sprüche, um sie von mir abzulenken. Ich hab ihn sehr lieb dafür. Manchmal fährt Papa auch am Wochenende mit mir zum Schwimmen, nur wir zwei. 
Aber mein Papa kann auch anders. 
Als ich in der ersten Klasse war, hatte ich für kurze Zeit einen Freund. Zum ersten Mal gab es ein Kind, das mit mir spielen wollte und vor dem ich keine Angst hatte. Er hieß Tim und wir haben uns so gut verstanden. Einmal haben wir uns bei uns im Wald getroffen und haben Robin Hood gespielt. Später sind wir dann ein bisschen spazieren gegangen und haben geredet. Es hat angefangen zu regnen und wir haben im Maisfeld Schutz gesucht, um nicht nass zu werden. Plötzlich war mein Papa da, der uns wohl gesehen hatte. Er hat mich weg gezerrt, hat Tim angeschrien, dass er gefälligst nach Hause gehen soll und hat mich nach Hause gebracht. Da hat er mich dann verprügelt und mir gesagt, dass ich nie wieder mit Tim spielen darf. Ich hab nicht verstanden, warum. Wir haben doch gar nichts schlimmes getan. Wir haben doch nur gespielt. Und ich war so glücklich, dass ich endlich jemanden zum Spielen hatte. Aber ein Kind muss gehorsam sein. Als Tim am nächsten Tag in der großen Pause zu mir kam, hab ich ihm gesagt, dass ich nicht mehr mit ihm spielen darf. Am liebsten hätte ich geweint, es hat so weh getan, ihm das sagen zu müssen. Aber Tim hat mich nur angeguckt, hat mit den Schultern gezuckt und ist einfach weg gegangen. Das hat auch weh getan...
Und einmal, da hatte mein Papa wieder Migräne. Das war beim Mittagessen. Es war Sommer und heiß und die Türen von Diele und Flur und die Terassentür in der Küche standen offen, wegen dem Durchzug. Und als ich dann aufgestanden bin und in mein Zimmer wollte, hat Mama noch gesagt, dass ich bloß leise sein soll, weil Papa Kopfschmerzen hat. Ich wollte auch ganz leise sein. Ich hab die Klinke von der kleinen Flurtür, die zum Vorraum führte, ganz vorsichtig in die Hand genommen und wollte die  Tür ganz leise und vorsichtig zu machen. Aber der Durchzug hat mir die Tür einfach aus der Hand gerissen. Ich wollte das gar nicht. Vielleicht hab ich die Klinke nicht fest genug angefasst, aber ich wollte das nicht. Die Tür ist mit einem ganz lauten Knall zugeflogen und vielleicht hat Papa gedacht, dass ich das absichtlich gemacht habe. Er ist aus der Küche gestürmt, hat sich die gelbe Hundeleine geschnappt, hat mich gestoßen, so dass ich auf die Treppenstufen gefallen bin und hat mit der Leine auf mich eingeschlagen. Immer wieder. Ich hab mein Gesicht mit den Händen geschützt und Papa hat mit der Leine über meine Finger geschlagen. So doll, dass die Haut aufgeplatzt ist und meine Hände geblutet haben.
Am nächsten Tag in der Schule hat niemand nach meinen Verletzungen gefragt... 

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