Part 9

Außerhalb des Kindergartens habe ich keinen Kontakt zu Kindern. Wir wohnen sehr abgelegen, das nächste Dorf ist mehrere Kilometer von unserem Haus entfernt. Aber das macht mir nichts aus. Ich bin viel lieber alleine. Wenn niemand in meiner Nähe ist, kann mir auch keiner weh tun. Außerdem hab ich längst gemerkt, dass ich irgendwie anders bin. Dass ich anders denke und fühle, als andere Menschen. Ich sehe Schönheit da, wo die nichts sehen. Wenn ich mich auf den Boden lege und die Augen schließe, spüre ich, wie sich die Erde dreht. Aber wenn ich so etwas erzähle, werde ich immer ausgelacht. Darum rede ich nicht mehr darüber. Es hat ja doch keinen Sinn. Auch über etwas anderes rede ich nicht mehr. Ich bin nämlich gar nicht ganz alleine. Jedenfalls nicht in mir drin. Ich lebe in meiner ganz eigenen Welt, de nur ich sehe und spüre. Da darf niemand anders rein, die gehört nur mir. In dieser Welt habe ich Freunde, ein Pferd, einen Hund und erlebe immer ganz viel schöne Sachen. In meiner Welt haben mich alle gern und niemand tut mir weh. In jeder Minute, die nicht von den echten Menschen um mich herum beansprucht wird, gleite ich ab in diese Welt. Und ich bin jedesmal enttäuscht und traurig, wenn ich in die Wirklichkeit zurück muss. Ich wünsche mir so sehr, immer in meiner Traumwelt bleiben zu können, nie wieder zurück zu müssen in die Realität. Manchmal vermischen sich diese Welten auch miteinander und ich weiß nicht mehr, was jetzt Fantasie war und was Wirklichkeit. Und manchmal ist meine erfundene Welt für mich echter als die echte Welt. Vielleicht bin ich verrückt. 
Mama behauptet das jedenfalls. Sie hat mich mal erwischt, wie ich mit meinen erfundenen Freunden geredet habe. Meistens finden diese Gespräche nur in meinem Kopf statt, aber wenn ich so richtig drin bin, dann sehe ich das alles so deutlich vor mir, dass da keine Grenzen mehr sind zwischen Ausgedachtem und Echtem. Dann sehe ich meine Freunde so deutlich vor mir, als ob sie wirklich da wären, ich höre ihre Stimmen und ihr Lachen, und dann rede ich, ohne es selbst zu merken, auch schon mal laut mit ihnen. Bestimmt bin ich verrückt!
Als Mama mich mit Leuten sprechen gehört hat, die gar nicht da sind, also, für sie nicht da sind, da hat sie mich wieder geschlagen und angeschrien. Sie hat gesagt, dass ich bekloppt bin und dass solche wie ich in die Irrenanstalt gehören, wo sie ständig in einem Zimmer eingesperrt sind und immer wieder Elektroschocks bekommen. Dann hat sie mich zum Weidezaun gezerrt und mich gezwungen, ihn richtig doll anzufassen. Ich hab den Stromschlag gespürt, das war ganz schlimm. Mama hat gesagt, dass das in der Irrenanstalt noch viel schlimmer ist und dass ich dahin komme, wenn ich nicht aufhöre mit dem Mist. Ich habe soviel Angst davor, dass ich ihr alles verspreche, was sie hören will. Und ich rede nie wieder laut mit meinen Freunden, auch nicht, wenn ich ganz alleine bin. Ja, ich schäme mich sogar für meine Träumereien und denke selbst, dass das nicht normal ist. Und ich will doch so gerne normal sein. Also versuche ich eine Zeit lang, gar nicht mehr zu tagträumen. Aber das schaffe ich nicht lange, meine Welt ist einfach zu schön. Aber von nun an habe ich beim Träumen immer ein schlechtes Gewissen.
Aber auch andere Träume habe ich seit dem Tag. Nachts hab ich immer wieder Albträume. In diesen Träumen muss ich immer wieder über einen mit Strom geladenen Draht hinweg kommen, aber ich schaffe es nie, stolpere immer und lande direkt auf dem Draht und der Strom schießt durch meinen Körper. Dieser Traum wird mich auch dann noch immer mal wieder verfolgen, wenn ich längst erwachsen bin, aber das weiß ich jetzt natürlich noch nicht. 
Aber in meiner Welt habe ich nicht nur liebe Freunde und Tiere, sondern auch einen Bruder. Einen großen Bruder, der mich lieb hat und mich vor Mama beschützt. Wenn Mama mich verprügelt, stelle ich mir immer vor, dass mein großer Bruder neben mir steht und mir sagt, dass es gleich vorbei ist und ich mir keine Sorgen machen muss und sowas alles. Dann hab ich immer das Gefühl, als ob Mamas Geschrei leiser wird und die Schläge nicht mehr so weh tun. 



Als der Sommer zu ende ist, komme ich zur Schule. Ich bin sieben Jahre alt, ein Jahr älter als die meisten Kinder in meiner Klasse, aber trotzdem die Kleinste. Ganz am Anfang der ersten Stunde, als wir uns alle besser kennen lernen sollen, stellt die Lehrerin uns Fragen und teilt uns auf. Das sind so Fragen wie "Wie alt bist du?" und alle Kinder, die sechs Jahre alt sind, müssen sich zusammen stellen und alle, die sieben sind, auch. Schon wieder Spiele. Ich finde solche Spiele doof. Ich dachte, in der Schule lerne ich lesen und schreiben. Und jetzt so etwas. Also höre ich gar nicht mehr richtig zu, sondern ziehe mich wieder in meine Traumwelt zurück, in der ich mit meinem großen Bruder rede. Der findet das hier genau so albern wie ich, der ist sowieso immer auf meiner Seite. Ich bin so versunken in mein innerliches Gespräch mit ihm, dass ich die nächste Frage der Lehrerin verpasse. Erst als sie mich direkt anspricht, schrecke ich aus meinem Traum hoch. Sie fragt mich, ob ich Geschwister habe und ich bin mit meinen Gedanken noch so bei meinem Traum, dass ich sage, dass ich einen Bruder habe. Im selben Augenblick erschrecke ich, weil das doch in Echt gar nicht stimmt. Aber ich traue mich nicht, das zu sagen, weil ich Angst habe, dass die Lehrerin dann auch denkt, dass ich verrückt bin. Also stelle ich mich zu den anderen Kindern, die auch Geschwister haben und schweige. Aber ich habe ein schrecklich schlechtes Gewissen. 

Am Anfang reden die anderen Kinder noch mit mir und ab und zu spielen wir in der Pause sogar zusammen. Aber dann kommt der erste Elternsprechtag. Als Mama und Papa nach Hause kommen, liege ich schon im Bett. Mama stürmt in mein Zimmer, zerrt mich aus dem Bett, tritt und schlägt mich und schreit mich an:
"Du mieses Dreckstück, was fällt dir eigentlich ein, so unverschämt zu lügen? Du bist echt das allerletzte! Ständig muss man sich für dich schämen! Deinetwegen sind wir jetzt bei allen unten durch. Du bist echt zu nichts zu gebrauchen!" Und so weiter, und so weiter.
Am nächsten Morgen habe ich ganz doll Angst, in die Schule zu gehen. Bestimmt schimpft die Lehrerin auch ganz doll mit mir. Und die anderen Kinder? Was werden die bloß sagen?
Eigentlich sagen die nicht viel. Nur einen Satz.
"Du hast gar keinen Bruder!"
So viel Verachtung, soviel Wut höre ich aus diesem Satz und der Betonung, in der er ausgesprochen wurde, heraus. Und auch die Gesichter meiner Klassenkameraden drücken nichts anderes als Abscheu vor mir, der Lügnerin, aus. Wie gerne hätte ich ihnen alles erklärt, aber sie geben mir keine Gelegenheit dazu, drehen sich von mir weg und lassen mich links liegen. Später hält mir die Lehrerin noch eine Predigt zum Thema lügen, und wie böse das ist und dass nur böse Kinder lügen, und dass keiner böse Kinder mag. Dabei wollte ich doch gar nicht lügen. Es ist einfach passiert, weil ich noch so in meinem Tagtraum gesteckt habe. Aber das kann ich ihr nicht erklären. Ich schweige. Wie so oft.
Von diesem Tag an war ich in der gesamten Schule unten durch. Beachtet wurde ich nur dann, wenn man mal Lust hatte, jemanden zu ärgern und zu verprügeln. Dann war ich gut genug.
Vier Jahre lang hat kein Kind mit mir geredet, vier Jahre lang habe ich die großen Pausen in einer Ecke am Fahrradstand verbracht. 
Alleine.
Selbst schuld!

Kommentare

  • Author Portrait

    Es tut mir tief im Herzen weh, wie unverstanden Delia war. Ich habe auch immer gerne taggeträumt und das war wichtig für mich, auch um mit allem etwas besser klar zu kommen. Die Dialoge mit inneren Bildern, können sehr heilsam sein. Die Lehrerin hat völlig falsch reagiert. sie hätte mal nachfragen sollen, warum Delia das gesagt hat und dem Mädchen wirklich mal zuhören sollen. Alle scheinen hier auf der ganzen Linie versagt zu haben und Delia hatte das Nachsehen, weil niemand wirklich für sie da war.

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Feenstaub

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