Part 11

Heute ist der erste Tag an meiner neuen Schule. Ich wache mit Schmetterlingen im Bauch auf. Angst vor der neuen Situation mischt sich mit Vorfreude und Hoffnung. Nachdem ich vier Jahre lang die Außenseiterin war, habe ich jetzt die Chance, das alles hinter mir zu lassen und neu anzufangen. Außerdem hat Mama mir gestern noch gesagt, dass sie von nun an gar nicht mehr daran denkt, morgens mit mir aufzustehen und Frühstück zu machen. Ich habe also meine Ruhe und muss keine Angst haben, etwas falsch zu machen. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass jetzt alles besser wird. Aber diese Freude währt nicht lange.
Ich gehe runter in die Küche, öffne den Schrank, hole mir Teller und Besteck. Ich stelle das Geschirr auf den Küchentisch - und in dem Moment wird die Wohnzimmertür  aufgerissen und Papa stürmt in die Küche. Er schlägt mich ohne Vorwarnung so heftig, dass ich gegen die Küchenzeile pralle und die Kante sich schmerzhaft in meinen Rücken bohrt. Instinktiv halte ich schützend die Hände vors Gesicht. Papa schlägt noch zwei- dreimal zu und schreit mich an, dass ich gefälligst nicht so einen Krach machen soll.
Habe ich Krach gemacht? Habe ich das Geschirr zu laut auf den Tisch gestellt? Ich weiß es nicht, mir kam es nicht so vor, aber was weiß ich schon. Vielleicht hat Papa wieder Migräne. Aber das er im Wohnzimmer geschlafen hatte letzte Nacht, das konnte ich doch nun wirklich nicht wissen. Nachdem Papa wieder im Wohnzimmer verschwunden ist, räume ich das Geschirr ganz leise wieder weg. Mir ist der Appetit vergangen. Und ich habe meine Lektion gelernt. Nie wieder gehe ich morgens in die Küche, nie wieder während meiner gesamten Schulzeit und noch lange danach frühstücke ich. Auch ein Pausenbrot nehme ich nie mit. Das Mittagessen ist immer meine erste Mahlzeit des Tages - falls ich Mittagessen bekomme. 
Ich verlasse das Haus ganz leise und fahre mit dem Fahrrad mehrere Kilometer bis zur nächsten Bushaltestelle. Mit dem Schulbus bin ich dann noch eine gute halbe Stunde lang unterwegs. Als ich bei der neuen Schule angekommen bin, bekomme ich ziemlich viel Angst. Das hier ist so groß und so viele Kinder sind hier, auch große, die bestimmt schon sechzehn oder älter sind. Wie soll ich mich hier jemals zurecht finden? 
Endlich finde ich aber doch mein neues Klassenzimmer. Als ich den Raum betrete, höre ich eine Stimme, die ich nur zu gut kenne:
"Was will dieses Brechmittel denn hier?"
Alle starren mich an. Ich werde knallrot und bin kurz davor, anzufangen zu weinen. Aber diese Blöße will ich mir vor all den Kindern nicht geben. Ich schweige und stehe mit gesenktem Kopf einfach da. Mein Bauch tut weh und ich möchte am liebsten weg laufen. Dann kommt wieder diese Stimme:
"Ey, wie scheiße ist das denn? Wird man die denn nie los? Komm, hau doch einfach ab hier, du miese Lügnerin. Hier will dich keiner!"
Ben.
Ben, der mich schon im Kindergarten immer geärgert hat, Ben, mit dem ich vier lange Grundschuljahre in einer Klasse sitzen musste, Ben, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, mich zu demütigen.
Ben, ausgerechnet Ben!
Ich traue mich nicht, auf zublicken, aber ich spüre die Blicke der anderen Kinder förmlich. Keiner verteidigt mich, keiner sagt Ben, dass er die Klappe halten soll, keiner sagt, dass er mich in Ruhe lassen soll. Und Ben macht weiter, zieht eine regelrechte Show mit mir ab und irgendwann lachen alle über mich. Und ich stehe da und weiß, dass ich auch an dieser Schule allein sein werde.

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