Part 15

Leonie Sue summte vor sich hin, als den Reißverschluss ihres hellblauen Sommerkleides zuzog und ihre schwarzen Haaren mit einer Spange zusammenfasste, sodass es ihr nicht ständig ins Gesicht fiel. Sie freute sich auf diesen Tag mit ihrer besten Freundin und sie hoffte inständig, dass sie Nico etwas besser kennen lernen konnte, damit sie ihm nicht mehr so feindlich gegenüberstand.

Es klingelte an der Haustür. Das waren wohl Nico und Sheona, die sie abholen wollten. Leonie schlüpfte schnell in ihre beigen Sandalen und warf den farblich passenden Rucksack über die Schulter. Sheona hatte ihr eingebläut, dass eine Tasche immer zu den Farben der Schuhe passen sollte. Leonie zweifelte kurz, ob Sheona zustimmen würde, dass beige zu ihrem hellblauen Kleid passte. Aber sie verlor keinen weiteren Gedanken daran, denn die Sandalen waren einfach bequem und das Kleid luftig und leicht für diesen heißen Sommertag.

Sie verließ ihr Zimmer und lief die Treppen hinunter zur Haustür.

Ihre Mutter hatte bereits geöffnet und Nico und Sheona etwas Kaltes zu trinken gebracht.

Leonie begrüßte beide und gab ihrer Mutter zum Abschied einen schnellen Kuss.

„Puh ist das heiß“, stöhnte Sheona als sie auf die Straße traten und die Luft über dem heißen Asphalt flimmerte.

„Ist doch schön“, sagte Leonie fröhlich. „Genau passend um mit dem Boot auf die Insel zu fahren.“
„Zum Glück hat Oma uns zum Picknick auch Eis mit reingepackt“, meinte Sheona und deutete nach hinten auf den großen Kühlrucksack.

Sie wandte sich an Nico, der nichts trug.
„Eigentlich könntest du den Rucksack nehmen. Die Getränke sind echt schwer.“
Nico zuckte mit den Schultern. „Ihr wolltet doch laufen. Ich habe vorgeschlagen mit dem Auto zu fahren. Das hat wenigstens eine Klimaanlage.“

Leonie biss sich auf die Lippe. Wenn Nico so weiter machte, dann würde Sheona ihn niemals mögen würde.

„Gib mir doch die Getränke. Mein Rucksack hat nur keine Kühlfunktion“, sagte sie zu Sheona.

Sheona schüttelte den Kopf. „Dein Rucksack ist doch viel zu klein.“
Leonie warf einen Seitenblick auf Nico. Als sie ihn fragte, ob er auf einen Ausflug zur Insel Lust hatte, war er Feuer und Flamme gewesen. Als sie aber wiederholt davon sprach, wie schön sie es fand, dass Sheona ihn dann besser kennen lernen würde, war dieses Feuer immer kleiner geworden.

Leonie begann ein Gespräch mit Sheona und fragte nach den Pferden und ob es was Neues gab. Doch Nico lief nur hinter ihnen her und steckte sich schließlich Musik in die Ohren.

Als sie den Strand erreichten und Sheona gerne ein Ruderboot ausleihen wollte, weigerte sich Nico.

„Ich bin kein Bauerntölpel, der Spaß daran hat sich mit Muskelkraft in Schneckentempo auf dem Wasser zu bewegen.“

Sheona stöhnte. „Nein, du bist ein hochnäsiger verwöhnter Luxusdampfer –Fahrer.“
Nico bedachte sie mit einem herablassenden Blick. „Gib doch zu, dass du nur rudern willst, weil es günstiger ist, als das Motorboot.“

Leonie merkte, dass Sheona kurz davor war auszurasten. Und genau das provozierte Nico doch. Er wusste genau, dass Köstrings mit ihrem Gestüt ebenso Luxusdampfer-Fahrer waren und sich einfach nur nichts daraus machten.

„Sheona, in der Hitze zu Rudern ist vielleicht echt keine gute Idee“, warf sie beschwichtigend ein.

Ihre Freundin fuhr herum. „Sei du noch auf seiner Seite.“

Leonie schluckte. Vielleicht war der Ausflug auch schlicht und ergreifend keine gute Idee.

Nico ließ die Kopfhörer aus seinem ärmellosen Shirt baumeln und schnappte sich sein Portmonee.

„Ich werde jetzt ein Boot ausleihen und den Damen eine angenehme und spritzige Bootsfahrt spendieren.“ Er deutete eine Verbeugung an und Leonie wusste, dass dies Sheonas Wut nur noch mehr anstachelte.

Sue seufzte. „Sheona ….“, begann sie, aber das Mädchen in den kurzen dunkelblauen Shorts starrte nur ausdruckslos auf das Meer, sodass sie abbrach.

Als Nico zurückkam und ihnen das Motorboot zeigte, warf Sheona den schweren Rucksack in das Boot und stellte sich ans Steuerrad. „Ich fahre zuerst.“

Leonie zweifelte, dass man das Boot überhaupt ohne Bootsschein fahren durfte, aber sie wollte nicht noch mehr Streit heraufbeschwören.

„Wie bitte?“ Nico war mit einem Satz hinter ihr. „Erst willst du ein Ruderboot und dann leihe ich dieses coole Ding hier aus und du willst zuerst fahren?“

Leonie stieg ebenfalls ins Boot und ließ sich auf die Bank fallen. Sheona wollte dich nur zuerst fahren, um Nico zu ärgern und vermutlich wusste Nico das und widersprach nur, weil er sie zuerst ärgern wollte.

„Los, starte das Ding“, wies Sheona ihn an.

Nico bewegte sich nicht. „Erst wenn du neben deiner Sklavin Platz genommen hast.“

Sheona fuhr herum und starrte ihn sprachlos an.

Leonie spürte einen Stich. Nicos Aussage verletze sie mehr als sie es wollte. Sie hatte angenommen, dass Nico sie wenigstens nicht mehr abgrundtief hasste, wie jeden anderen.

Sheona setzte sich wortlos zu Leonie und Nico startete den Motor, bevor er das Boot auf das offene Meer lenkte.

Leonie sah Sheona entschuldigend an.

„Das Ganze war eine dumme Idee“, rief Sheona ihr zu, da Nico inzwischen so schnell fuhr, dass man nicht mehr in normaler Lautstärke miteinander reden könnte.

Leonie nickte resigniert.

„Vergiss ihn einfach“, rief Sheona wieder.

Leonie blickte gedankenverloren auf das vorbeirasende Wasser. Nico vergessen? Wie ging das, wenn er so Zwiegespalten war? Sie fühlte sich verwirrt. Mal war er nett, dann wieder unnahbar und provozierend.

„Lass uns den Tag ohne ihn genießen“, meinte Sheona zu ihr.

Leonie nickte wieder. Nur sie zweifelte, dass dieser Tag noch schön werden könnte.

Nico drehte sich um und brüllte gegen den Wind: „Wo ist denn nun eure Insel?“

Die Freundinnen deuteten gleichzeitig auf ihren geliebten Platz, der als dunkler Fleck backbord von ihnen lag. Sie sahen sich an und lächelten.
Nico drehte eine steile Kurve und steuerte darauf zu.

„Pass doch auf, du Idiot!“, brüllte Sheona ihn an, aus Furcht aus dem Boot zu fallen.

„Rudern wäre sicherer, nicht?“, rief Nico leichthin zurück.

Leonie wusste, dass es unpassend war, aber es erstaunte sie, wie berechnend und beherrscht Nico vorging. Es kam ihr vor, dass sein abscheuliches Verhalten genau durchdacht war um ein Ziel zu erreichen. Er warf nicht unbedacht mit Schimpfwörtern um sich, wie Sheona es gerade tat.

Als sie den Strand erreichten ließ Nico das Boot sanft auf den Sand auflaufen. Sheona verließ es schnell und ließ sich in den warmen Sand sinken. Sie sah aus, als wäre er schwindelig. Leonie schulterte Sheonas Rucksack und griff ihren eigenen. Der Rucksack war wirklich schwer und ließ sie schwanken als sie aus dem Boot kletterte. Sie wäre wohl gefallen, hätte Nico sie nicht am Ellenbogen gegriffen und gestützt hätte.

Er nahm ihr den schweren Rucksack ab und trug ihn zum Strand.

Damit hatte er Leonies Verwirrung nur gesteigert.

Nico ließ den Rucksack neben Sheona in den Sand fallen. „Du wirst dir einen Sonnenbrand holen, meine Liebe“, belehrte er sie. Sheona blinzelte gegen die Sonne. „Lass mich in Ruhe.“

Nico lächelte verwegen. „Nichts lieber als das. Ich dreh noch eine Runde.“
Betont lässig schlenderte er zum Boot zurück und schob es ins tiefere Wasser. Mit einem sportlichen Sprung landete er im Boot und startete den Motor.

Leonie setzte sich neben Sheona und sah ihm nach.

Sheona drehte sich auf die Seite und sah sie an.

Leonie wandte den Blick vom immer kleiner werdenden Boot ab.

„Was findest du nur an dem?“

Leonie schwieg. Es wäre wohl sinnlos erklären zu wollen, dass er eigentlich ganz anders war.

Sie wünschte sie könnte Menschen so gut behandeln wie ihre Mutter oder Oma Leonie. Sie wusste immer was zu sagen war.

Sheona hakte nach: „Hmm?“

Leonie zuckte die Schultern.

„Mensch Leonie, wenn jemand mich besonders behandelt und sehr freundlich zu mir ist, aber euch alle runtermacht und wie Dreck behandelt was würdest du dann von mir denken?“
Leonie musste ehrlich sein. „Genauso wie du.“
Sheona setzte sich auf. „Leonie, lass uns eine Abmachung treffen.“
Leonie sah sie beunruhigt an.

„Du bist echt lieb und hübsch“, begann Sheona. „Und ich will nicht, dass dir was passiert. Ich habe einfach Angst, dass Nico dich verletzt und schlimme Spuren in deinem Herzen hinterlässt, verstehst du? Lass uns einfach normal mit Nico umgehen, aber lass und bitte nicht über ihn reden und lass uns ihn nicht in unsere Clique aufnehmen.“
„Ich werde es versuchen“, sagte Leonie zaghaft.

Sheona sprang auf. „Gut, dann lass uns jetzt ins Wasser gehen.“
Leonie lächelte und folgte ihr.

Nico ließ sich erst zwei Stunden später blicken. Sheona und Leonie waren weit herausgeschwommen und tollten im Wasser.

Nico kam rasant angefahren, und Leonie fürchtete er sah sie nicht.

Sheona schrie bereits auf, doch Nico fuhr nur im großen Kreis um sie herum und hinterließ schöne Wellen.

Leonie lachte und griff nach Sheonas Hand.

Nico wiederholte den Kreis einige Male und schaltete schließlich den Motor aus.

„Lass uns zum Strand zurück, ich habe schon Hunger“, meinte Leonie.

Sheona stimmte zu.

Sie schwammen zügig zurück, während Nico ihnen langsam mit dem Boot folgte.

Am Strand angekommen packte Sheona den Rucksack aus.

Nico griff sich eine kühle Cola.

Leonie sah, wie Sheona eine Bemerkung auf der Zunge lag, doch sie schwieg.

„Habt ihr euch schön vergnügt?“, fragte Nico gelangweilt zwischen zwei Schlucken.

„Ja, wir hatten viel Spaß“, erwiderte Leonie.

Sheona runzelte die Stirn. „Du doch auf?“

Nico lächelte. „Ich hatte meine Ruhe.“
Sie aßen von den leckeren Sachen, die Oma Leonie ihnen eingepackt hatte.

„Hast du dich eigentlich schon entschieden, was du nach der Schule machen willst?“, fragte Sheona. Leonie zuckte mit den Schultern. Es fiel ihr schwer sich etwas rauszusuchen, was sie dann ihr ganzes Leben lang machen müsste.

„Wahrscheinlich werde ich hier bleiben und eine Ausbildung auf eurem Gestüt machen“, erzählte sie.

„Aber dann ist doch dein Abitur völlig umsonst gewesen“, warf Nico ein.

„Man muss nach dem Abitur doch nicht unbedingt studieren gehen“, entgegnete Sheona. „Viele machen danach eine Ausbildung, weil sie oft keine Lust haben, nochmal jahrelang zu lernen.“

„Das hätte man sich vielleicht schon vorher überlegen sollen“, meinte Nico.

Sheona ging nicht weiter auf ihn ein und fragte stattdessen: „Hast du denn schon mit Oma darüber geredet?“

Leonie schüttelte den Kopf. „Ich habe nur mit Anna gesprochen. Ich muss zwar keine Bewerbung schreiben, aber ich werde auch ein Einstellungstest machen müssen.“

„Das ist doch voll unnötig. Die kennen dich doch schon und wissen was du kannst“, meinte Sheona ärgerlich.

Nico widersprach ihr: „Ja und? Sie müssen fair gegenüber den anderen Bewerbern bleiben.“

Zustimmend nickte Leonie. Sheona sagte daraufhin nichts. Sie hatte keine Lust auf eine weitere Diskussion mit Nico und außerdem wollte sie jetzt endlich dieses Boot fahren.

„Jetzt will ich dieses Boot fahren.“ Nico schüttelte entschieden den Kopf.

Gebannt sah Leonie von einem zum anderen. Wenn sie jetzt wetten würde, würde sie darauf setzen, dass es wieder zu einem Streit kommen wird.

„Ach ja, warum denn nicht? Nur weil du es ausgeliehen hast?“, fragte Sheona.

„Nein, sondern weil du es gar nicht fahren kannst“, sagte Nico herablassend.

„Ja klar, dass liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine Frau bin“, entgegnete Sheona gereizt.

Leonie setzte dem ganzen schnell ein Ende. „Wir können doch gemeinsam noch ein bisschen fahren.“ Sheona schien nicht allzu begeistert von dieser Idee, denn sie begann das Picknick wieder in den Rucksack zu packen.

„Was hast du vor?“, fragte Leonie.

„Na wenn wir eh Boot fahren, dann können wir auch wieder zurück fahren. Ich habe keine Lust mehr meine Zeit mit diesem blöden Nico zu verschwenden“, sagte Sheona genervt.

Leonie schwieg. Sie war inzwischen zu der Erkenntnis gekommen, dass der ganze Ausflug ein totaler Reinfall war. Deswegen hielt sie Sheona auch nicht von ihrer Tätigkeit ab und half ihr.

„Du könntest auch mal helfen“, nörgelte Sheona.

Provozierend legte sich Nico in den Sand und meinte: „Wenn wir schon dabei sind zu bestimmen was Frauen oder Männer machen, dann gehört wegräumen ganz sicher zu den Aufgaben der Frauen.“ Sheona sah empört zu Leonie rüber. Doch diese ignorierte ihre Freundin einfach.

Als sie wieder im Boot saßen, bat Leonie Nico etwas ruhiger zu fahren, da sie keine Lust, auf weitere Streitereien hatte. Nico nickte bloß, tat aber das um was Leonie ihn gebeten hatte.

Sheona wollte nicht mehr darüber nachdenken, warum Nico zu allen Menschen gemein war und dann alles tat was Leonie von ihm wollte.

 

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