Part 5

Immer noch aufgewühlt, von der so eben passierten Begegnung mit Liam, ging Flo neben Stella zurück zum Platz. Doch in ihren Gedanken war sie ganz woanders. Was meinte er bloß damit, ob er sie geschickt habe? Wer war er? Aber anscheinend wusste Liam das auch nicht, weil er sie ja fragte, wer er sei. Und was suchte er überhaupt in den Taschen der Spieler? Dieser Liam wurde echt immer mysteriöser.

Kurz schielte Flo zu Stella herüber. Man konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass die beiden Mal zusammen waren, wenn man sie so sah. Gerade freundlich ging sie ja nun auch nicht mit ihm um.

”Was ist?”, zischte Stella, die offenbar bemerkt hatte, dass Flo sie musterte.

”Stimmt das, also, dass du und … dieser Liam mal ein Paar wart?”

Genervt rollte Stella erneut mit ihren Augen und schnaufte. So oft, wie sie diese Geste machte, konnte man meinen, sie hätte das Augenrollen für sich patentiert.

”Erinnere mich doch bitte nicht daran … Dieser Typ ist einfach nur ein Desaster. Ich meine, seh ihn dir doch mal an. Der totale Freak. Der macht bestimmt irgendwelche krummen Sachen.”

”Was meinst du damit?”

Verwundert blieb Stella stehen und begann nun wiederum sie zu mustern.

”Warum interessiert dich das? … Warum warst du mit ihm überhaupt zusammen in der Turnhalle?”

Schulterzuckend hob Flo ihre Hände in die Höhe.

”Wir waren nicht zusammen in der Turnhalle. Ich musste auf die Toilette, und als ich zurück wollte, ist er mir über den Weg gelaufen. Keine Ahnung, was er da wollte. Ich würde einfach nur gern wissen, was das für einer ist. Ich meine, jeder scheint ja über ihn bescheid zu wissen. Nur ich nicht. Weißt du, ich muss nun in Chemie neben ihm sitzen und er ist mein Laborpartner.”

Wie es wirklich war, dass sie ihm hinterhergelaufen war, verschwieg sie ihr lieber. Nachher dachte Stella noch irgendetwas Falsches. Sie wollte ja wirklich nur wissen, was er in der Turnhalle machte.

Stella hob eine Augenbraue in die Höhe, betrachtete sie von oben bis unten und setzte dann zügig ihren Weg fort. Sofort nahm Flo auch wieder ihre Beine in die Hand und lief ihr hinter her.

”Ich würde dir raten, dir einen anderen Laborpartner zu suchen. Das wäre besser für dich.”

Eindringlich sah Stella sie nun an.

”In der, glücklicherweise, kurzen Zeit, durfte ich ihn nicht ein Mal zu Hause besuchen. Geschweige denn, dass er mir mal irgendetwas von sich erzählt hat. Der hat definitiv ein Geheimnis und bestimmt kein Gutes. Ich hab mich dann ganz schnell von ihm getrennt. So einen Umgang brauch ich nicht. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren. Und wenn du schlau bist, gibst du dich auch nicht mit ihm ab.”

Schnell nickte Flo ihr zu. Doch wunderte sie sich schon, warum Stella überhaupt mit ihm zusammengekommen war, wenn er doch so ein Freak war. Oder war er vielleicht früher anders gewesen? Nein, das konnte es eigentlich nicht sein, wenn sie so recht überlegte. So, wie Stella redete, war er schon immer so. Und dann kam ihr eine ganz andere Antwort auf diese Frage, und die schien, angesichts Stellas Verhalten, am plausibelsten. Vermutlich ging es ihr schlichtweg ums Aussehen. Denn gut aussehen tat Liam ja schon, das konnte man nicht leugnen. Wenn man mal überhaupt sein Gesicht zu sehen bekam, denn meistens lief er ja offenbar mit der Kapuze ins Gesicht gezogen herum.

”Flo! Wo bleibst du?”

Das laute Klatschen seitens Stella ließ sie erschrocken zusammenzucken. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sich die anderen schon längst wieder aufgestellt hatten und sie nun etwas abseits von ihnen stand.

”Ja”, rief sie daher laut und spurtete zu den anderen.

Etwas verloren, weil sie nicht wusste, was sie nun machen sollte, stellte sie sich neben Stella und sah sie fragend an. Doch bevor sie überhaupt etwas sagen konnte, winkte diese schon Aaron zu sich.

”Also”, begann sie, und dieses also gefiel Flo gar nicht. Irgendetwas, was ihr nicht gefallen würde, kam jetzt mit Sicherheit.

”Deine Stuntgruppe kennst du ja jetzt schon, Jessica hatte aber auch, noch einen Duo Partner, wie du weißt. Das musst du nun auch übernehmen. Wir haben keine Zeit noch eine neue Choreo einzustudieren.”

Und da war es auch schon. Mit geweiteten Augen stand Flo einige Sekunden einfach nur da und starrte Stella an. War das ihr ernst? Da es nur drei männliche Cheerleader in der Gruppe gab, gab es einen Part in der Choreo, wo die Drei mit ihren Partnern vorne standen. Also im Mittelpunkt. Und sie jetzt somit auch. Alle Augen würden auf sie gerichtet sein. Jeder noch so kleinste Wackler würden somit alle sehen können. Etwas panisch blickte sie zwischen Stella und Aaron hin und her.

”Aber … Aber”, stammelte sie und fuchtelte wild mit ihren Händen in der Luft herum.

”Na, das bekommen wir schon hin.”

Lächelnd nickte ihr Aaron aufmunternd zu und hielt ihr seine Hand entgegen. Zögerlich nahm sie diese und ließ sich von ihm mitziehen.

”Gut. Ihr übt erst mal separat. Aaron du weißt ja, was zu tun ist.”

”Klar Chef.”

Schwer atmend ließ sich Flo von Aaron etwas abseits führen. Das konnte ja was werden.

”Okay. Bereit?”

”Naja nicht wirklich. Aber lass uns loslegen.”




”Das ist so toll”, schwärmte ihre Mutter am Abend und drückte Flo ein Mal fest an sich, bevor sie sich wieder auf ihren Platz neben Scott am Esstisch setzte.

Über beide Ohren strahlte sie ihre Mutter an. Schon das ganze Abendessen über sprach ihre Mutter nur noch darüber, wie toll sie das fand, dass sie nun ein Flyer war.

”Mum, ich weiß doch noch gar nicht, ob ich das schaffe.”

”Ja Mum. Du hättest sie heute sehen müssen.”

Lachend zeigte Scott mit der Gabel auf sie und bekam sich nicht mehr ein vor Lachen.

”Ich glaube, ein Trampeltier könnte das besser, als sie.”

”Hey!”, zischte Flo und bewarf ihn, ganz zum Leidwesen ihrer Mutter, mit einem Karottenstück. Doch Scott duckte sich und anstatt ihn zu treffen, flog das Möhrchen einfach an ihm vorbei.

”Eine Frage zum Verständnis muss man denn da oben so wackeln und schimpfen?”, prustete Scott erneut, pikte mit seiner Gabel in eine Kartoffel und stopfte sich diese in den Mund.

Böse funkelte Flo ihren Bruder an und verpasste ihm unter dem Tisch einen saftigen Tritt gegen das Schienbein. Da er ihr direkt gegenübersaß, hatte sie keine Probleme ihn zu treffen und schimpfend stöhnte er auf. Ja, er hatte ja recht, sie sah wirklich nicht besonders anmutig und grazil heute aus und sie konnte sich auch nicht gerade halten. Aber es war ihr erster richtiger Tag als Flyer. Da konnte man über so etwas wohl auch mal hinwegsehen.

”Sag ma spinnst du?”, brummte Scott nun laut und wollte sie, wie es den Anschein machte, mit einer Kartoffel bewerfen.

Allerdings ging ihre Mutter, bevor er dazu kam, schnell dazwischen.

”Schluss ihr beiden. Flo, benimmt sich so eine Lady?”, wurde sie von ihrer Mutter getadelt und betreten sah sie auf ihren Teller herunter.

”Und du sei nicht so zu deiner Schwester. Sie wird das wunderbar machen, davon bin ich überzeugt. Wenn du sie jetzt noch mal deswegen ärgerst, kannst du was erleben.”

Grinsend sah Flo wieder auf und beobachtete ihren Bruder, wie der grummelnd weiter aß. Schnell widmete sie sich dann aber auch wieder ihrem Essen. Wenn sie ehrlich zu sich selber war, genoss sie die Aufmerksamkeit schon irgendwie von ihrer Mutter. Früher stand Scott immer mit seinem Football im Mittelpunkt und ja, er war auch wirklich gut, das musste sie schon sagen. Nicht ohne Grund wurden schon einige Talentscouts auf in aufmerksam. Aber nun war sie auch mal dran. Nicht, dass sich ihre Mutter vorher nicht für sie interessiert hatte, aber Gesprächsthema Nummer eins war trotzdem immer Scott gewesen.

”So lang du die Schule nicht vernachlässigst, wie deine Mutter”, flüsterte ihr auf ein Mal ihre Großmutter, die direkt neben ihr saß, ins Ohr, aber trotzdem noch so laut, dass die anderen es auch verstehen konnten.

”Erzähl ihr doch so etwas nicht.”

Empört plusterte ihre Mutter die Wangen auf.

”Keine Sorge Granny. So verrückt, wie Mum bin ich nicht.”

”Das stimmt mein Kind. Ich glaube, das schafft niemand.”

Liebevoll tätschelte ihr ihre Großmutter über den Arm und beide begannen zu lachen.


Summend packte Flo nach dem Abendessen ihre Schultasche, griff nach ihrem Chemieheft und begann es in ihren Händen zu drehen. Unweigerlich musste sie dadurch an Liam denken. Wie sollte sie nur nach dem Vorfall in der Turnhalle morgen neben ihm sitzen? Würde er die Sache noch mal ansprechen oder würde er sie ignorieren? Wobei ihr Zweites eindeutig lieber wäre. Sie musste nicht unbedingt mehr, als es nötig war, mit ihm Kontakt haben. Und dann fiel ihr auch wieder etwas ein. Schnell war das Heft daher in ihrer Tasche verstaut und sie eilig auf ihre Füße gesprungen. Ein kurzes Stöhnen entwich ihr dann allerdings und schnaubend drückte sie ihre Hände gegen ihre Oberschenkel. Dieser verdammte Muskelkater machte ihr echt zu schaffen. Aber ihre Mutter hatte ihr ja beteuert, dass das schnell vergehen würde. Flo hoffte, dass sie auch recht damit hatte.

Schnell richtete sie sich aber wieder auf, verließ rasch ihr Zimmer und lief über den Flur zu Scotts Zimmer.

In null Komma nichts hatte sie an seine Tür geklopft, doch ihr Bruder reagierte nicht. Also klopfte sie ein weiteres Mal gegen das Holz der Tür.

”Scott?”

Mit einem Ruck wurde die Tür auf ein Mal einen Spalt geöffnet und ihr Bruder lugte heraus.

”Was ist?”

Offenbar war er wegen des Abendessens immer noch sauer auf sie. Aber was konnte sie denn bitte dafür, dass ihre Mutter ihn angefahren hatte. Außerdem musste er sie ja nicht ärgern. War er doch selber schuld.

”Nimm deine Tasche beim Training lieber mit auf dem Platz heraus. Okay?”

”Was? Warum das denn?”

”Ich habe gehört, dass wohl, wenn ihr beim Training seid, jemand in euren Sachen herumwühlt.”

Nun öffnete ihr Bruder doch ein wenig weiter die Tür und sah sie mit gerunzelter Stirn an.

”Woher weißt du das?”

”Jemand aus meinem Team hat einen Jungen an der Turnhalle herumschleichen sehen. Und das nicht das erste Mal und ihn auch in der Männerumkleidekabine erwischt.”

”Warum hat sie das dann nicht gemeldet?”

Verwundert sah ihr Bruder sie an. Ja, warum hatte sie es nicht gemeldet? Vielleicht sollte sie dies wirklich lieber noch machen. Aber jetzt war erst mal wichtig, dass ihr Bruder seine Sachen nicht unaufbesichtigt ließ.

”Das macht sie noch! Also lass deine Sache einfach nicht alleine herumstehen. Klar?”, ermahnte sie ihn und tippte ihm dabei gegen die Brust.

Es kam vermutlich heftiger herüber, als sie gewollt hatte, aber ihr Bruder war manchmal echt nervig. Konnte er nicht einfach mal auf sie hören?

”Okay. Ist ja gut.”

Kopfschüttelnd schloss er wieder die Tür und zufrieden lief sie zurück zu ihrem Zimmer.



Mit einem mulmigen Gefühl betrat Flo am nächsten Tag den Chemieraum. Schnell wanderte ihr Blick durch den Raum und zur ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass Liam noch nicht da war.

Die ganze Englischstunde über hatte sie schon gegrübelt, wie sie ihm nun entgegen treten sollte, und hatte sich dazu entschlossen ihn einfach zu ignorieren. Etwas verwundert war sie ja schon, da sie ihn den ganzen Morgen über schon nicht gesehen hatte. Extra hatte sie sich zwar an ihrem Schrank beeilt, damit sie ihm nicht über den Weg laufen würde, aber gesehen hatte sie ihn dennoch nicht. Vielleicht war er ja gar nicht da heute? Wäre ihr nur recht. Dann müsste sie sich nicht mit ihm herumschlagen.

Flink huschte sie zu ihrem Platz herüber, ließ sich schnell auf den Stuhl fallen und packte Heft und Stifte vor sich auf den Tisch. Immer mehr Schüler strömten in den kleinen Raum und verteilten sich auf ihren Plätzen. In wenigen Minuten würde es klingeln und von Liam noch keine Spur. Konnte vielleicht doch noch ein guter Tag werden, freute sich Flo und lehnte sich entspannt zurück.

”Hey, was hast du bei der letzten Aufgabe raus?”, tippte ihr jemand auf die Schulter und schmunzelnd sah sie hinter sich. Emma wedelte nervös mit ihrem Blatt herum und zeigte auf eine Aufgabe. Lächelnd zog Flo ihr Heft hervor und drehte sich zu ihrer Mitschülerin herum. Sie hatte genauso Probleme, wie sie in Chemie und oft verglichen sie daher vor dem Unterricht ihre Aufgaben.

Die Schulglocke ertönte und schnell gingen die beiden die Aufgaben hindurch und korrigierten diese, als Flo auf ein Mal ein Quietschen neben sich vernahm. Langsam sah sie über ihre Schulter hinter sich und sofort musste sie schwer schlucken. Liam setzte sich gerade auf seinen Platz und somit war die Hoffnung, dass sie ihn heute nicht sehen musste, vorbei und deprimiert verzog sie ihr Gesicht. Zum Glück sah er nach vorne und so hatte er noch nicht bemerkt, dass sie ihn gesehen hatte. Und so drehte sie sich schnell wieder zu Emma.

”Ist was?”, sah diese sie fragend.

Emma hatte offenbar ihren abrupten Stimmungswechsel bemerkt. Eilig wedelte sie daher mit ihren Händen, beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihrer Mitschülerin leise zu.

”Nein, nein. Alles gut. Lass uns schnell weiter machen.”

Doch kaum hatte sie das gesagt, betrat auch schon ihre Lehrerin den Klassenraum.

”Wenn ich um Ruhe bitten darf. Geht bitte alle auf eure Plätze.”

Seufzend griff Flo nach ihrem Heft, drehte sich auf ihrem Stuhl wieder zurück und rückte an den Tisch heran. Penibel achtete sie darauf nicht zu Liam herüber zu sehen. Sie wollte unter allen Umständen vermeiden, irgendetwas zu machen, was ihn veranlassen könnte, sie anzusprechen. Jedoch schien er sie glücklicherweise nicht zu beachten und sah stur nach vorne an die Tafel. Mrs Blair begann mit der Chemiestunde und angespannt versuchte Flo den Aufgaben zu folgen. Eifrig schrieb sie dafür alles von der Tafel ab und sah nur zwischen ihrem Heft, ihrer Lehrerin und der Tafel hin und her. Den Blick zu Liam vermied sie weiterhin und konzentrierte sich einfach weiterhin auf den Unterricht.


Nervös drehte sie ihren Kugelschreiber zwischen ihren Fingern hin und her. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sich die Stunde allmählich ihrem Ende näherte. Fast hatte sie es geschafft die Chemiestunde, ohne von Mrs Blair oder Liam angesprochen zu werden, zu überstehen.

Unruhig begann sie daher mit ihrem Fuß zu wippen und zählte, bis zum erlösenden Klingelzeichen, schon die Minuten, als Mrs Blair auf ein Mal genau ihren Tisch ansteuerte und direkt vor ihr stehen blieb. Erschrocken ließ sie ihren Stift los und mit einem leisen Klappern landete dieser auf dem Boden. Mit großen Augen sah sie ihre Lehrerin an. Musste sie allen Ernstes jetzt noch mal an die Tafel? So viel Glück konnte ja auch nur sie haben. Seufzend stützte sie sich mit den Händen am Tisch ab und wollte sich gerade von ihrem Stuhl erheben, als Mrs Blair plötzlich auf Liam zeigte.

„Liam. Geh bitte an die Tafel und zeige den anderen, wie es richtig geht.“

Vorsichtig schielte Flo herüber zu ihm und konnte dadurch sehen, wie er nickend seinen Platz verließ und nach vorne ging. Aufatmend, dass sie doch noch mal drum herum gekommen war, rutschte sie mit dem Stuhl etwas nach hinten und bückte sich, um ihren Kugelschreiber aufzuheben, herunter. Doch wo war er nur hingefallen? Ihr Blick wanderte über den Boden und dann entdeckte sie ihn. Er war neben Liams Rucksack gekullert.

„Auch das noch“, murmelte sie leise, strecke sich herüber und angelte nach ihrem Stift. Doch dann hielt sie plötzlich inne, als sie ein seltsames Blatt aus dem geöffneten Rucksack herausragen sah. Was war das für eine Schrift beziehungsweise Zeichen? Mit Schule hatte das auf jeden Fall nichts zu tun. Sie konnte sich nicht erinnern solche Zeichen schon ein Mal gesehen zu haben. Grübelnd, was das sein konnte, drang die Stimme von Mrs Blair in ihr Ohr. Lobend, wie toll er das gemacht hatte, bat sie Liam, sich wieder hinzusetzen. In wenigen Sekunden würde er somit wieder hier sein. Kopflos griff sie nach dem Blatt, zog es aus seinem Rucksack heraus und schnappte sich im selben Augenblick ihren Kugelschreiber. Schnell rutsche sie mit dem Stuhl zurück.

Keine Sekunde zu früh, denn gerade, als sie sich wieder aufrichtete und aufsah, blicke sie direkt in Liams grüne Augen, die sie musterten.

„Mein Stift … Runter gefallen.“

Demonstrativ hielt sie den Stift mit einer Hand in die Höhe und wandte sich wieder von ihm ab. Das Blatt drückte sie mit ihrer anderen Hand von unten an den Tisch und hoffte inständig, dass er es nicht bemerkte.

Wann war denn nur diese verdammte Stunde endlich vorbei, schoss es ihr durch den Kopf. Wie konnten sich die letzten Minuten nur so lange ziehen. Sie versuchte sich so unauffällig, wie es nur ging zu benehmen, doch so richtig wollte es ihr nicht gelingen. Hibbelnd rutschte sie mit ihrem Hintern auf dem Stuhl hin und her. Und dann ertönte endlich das erlösende Klingeln. Flink sah sie zu Liam herüber. Da dieser im Begriff war, seinen Rucksack aufzuheben und sie dadurch nicht beachtete, zog sie die Hand mit dem Zettel hervor, steckte das Blatt in ihr Heft und ohne Zeit zuverlieren, war es zugeklappt. So schnell sie konnte, packte sie ihre Sachen in die Tasche, sprang regelrecht von ihrem Stuhl auf und hetzte aus dem Klassenraum.

In Windeseile steuerte sie die große Treppe an und setzte ihren Fuß auf die erste Stufe, als plötzlich eine brummige Stimme hinter ihr ertönte.

„Hey. Bleib stehen.“

Sofort erstarrte sie. Er hatte es bemerkt. Sich selber verfluchend, warum sie auch unbedingt das blöde Stück Papier an sich nehmen musste, drückte sie ihre Tasche eng an ihren Körper.

„Was“, keifte sie, ohne sich herumzudrehen, zurück.

Wenn er ihr panisches Gesicht sah, würde sie sich sofort verraten.

„Kannst du dich vielleicht mal umdrehen, wenn ich mit dir spreche?“

„Nein. Und ich hab jetzt auch keine Zeit.“

Rasch lief sie weiter die Treppe herunter und konnte hören, wie er ihr hinterher lief. Schnell legte sie noch mal einen Zahn zu, doch weit kam sie nicht, da sie von Liam am Arm gepackt wurde und er sie ein Mal um ihre eigene Achse drehte. Sie hatte dabei so viel Schwung, dass sie ins Straucheln kam und beinahe gestürzt wäre, hätte Liam nicht noch seine Hand an ihrem Arm gehabt.

„Sag mal spinnst du?“, schimpfte sie laut und schnaufte.

„Ich glaube …“

„Gibt es hier ein Problem?“, wurde Liam unterbrochen und abrupt sahen beide zu der Stimme.

Sofort fiel Flo ein Stein vom Herzen, als sie Riley erblickte. Er kam wirklich genau im richtigen Moment. Böse sah Riley Liam an und stellte sich direkt neben sie.

„Nein. Kein Problem. Er wollte gerade gehen.“

Ruppig zog sie ihren Arm von Liam weg und funkelte nun wiederum ihn böse an. Kurz sah es so aus, als ob Liam noch etwas sagen wollte. Doch dann ging er plötzlich, ohne ein weiteres Wort an den beiden vorbei und lief eilig die Treppe herunter.

„Was war denn hier los?“, runzelte Riley fragend seine Stirn und legte den Arm über ihre Schulter.

„Ach keine Ahnung. Der spinnt einfach …“

„Wenn er dir ärger macht, sag bescheid.“

Nickend schmiegte sich Flo an Riley heran und lief mit ihm die Treppe herunter.

„Sweetie, ich wollte jetzt in die Mensa. Kommst du mit?“

Zur Bestätigung knurrte auch prompt, bevor sie überhaupt etwas sagen konnte, ihr Magen. Lachend stupste Riley ihr gegen den Bauch.

„Ich glaube, das war ein Ja.“

„Ganz recht. Ich muss nur kurz an meinen Spind.“

Sie musste dringend den Zettel verstecken, bevor ihn noch irgendjemand zu Gesicht bekam.


Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media