Part 4

Rafael fuhr herum und zog noch in der Bewegung sein Schwert. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, ließ den Blick wachsam über Mauern, Vorsprünge und Steinhaufen fliegen, blieb stehen, drehte sich rückwärts, stoppte scharf und setzte sich sofort wieder in Bewegung. Er lief zurück zu Ahmad und Roana, die ihm wachsam entgegensahen.
»Die Leiche ist nicht mehr da«, sagte er.
Roana sog scharf die Luft ein. »Wie ist das möglich? Wer könnte ein Interesse an verwesendem Fleisch haben?«
Rafael setzte zum Sprechen an, aber dann sah er, dass Gwenfrewi ihn anstarrte. Ihr Gesicht war unbewegt, in ihren Augen jedoch las er stumme Fragen. Was soll das heißen? Was bezweckst du damit? Was hat das mit mir zu tun? Nichts? Ja, warum tust du aber dann, als hätte es mit mir zu tun?
Rafael hätte ihr etwas antworten müssen, aber er ließ sich nicht darauf ein. Wenn er einmal anfing, musste er weiterreden, musste Erklärungen finden, die er nicht hatte.
Ahmad sprang vom Pferd. »Wer immer die Leiche mitgenommen hat, ist nicht mehr hier. Die Gründe können uns gleichgültig sein. Unsere Aufgabe ist es, einen Geheimgang zu finden.«
Er griff nach den Zügeln seines Pferdes, führte es in den Innenhof zurück und band es in einer windgeschützten Mauerecke an. Roana folgte ihm, stieg ab und half Gwenfrewi aus dem Sattel.
Noch immer argwöhnisch schob Rafael sein Schwert in die Scheide zurück und schloss sich den anderen an. Am äußeren Rand des Hofes, wo er eine Übersicht über die Gebäude hatte, setzte er sich auf einen Mauerrest und verglich die Einzelheiten aus seiner Erinnerung mit den Einzelheiten, die er sah. Dieses Steinfundament war der Stall, diese einzelne Wand das Küchenhaus, und wenn er sich umschaute, überraschte ihn, wie genau er sich an alles erinnerte. Dort drüben musste der Obstgarten sein; gegenüber das Gästehaus; auf der anderen Seite war die Kapelle. Wenn man diese Treppe hinaufstieg, ging man den Flur hinter den Fensterarkaden entlang, musste dann eine Tür passieren, musste ein Stück weit eine Stiege hinaufgehen, wo von oben jederzeit ein Diener herunterkommen konnte. Wollte man nicht gesehen werden, musste man sich durch einen engen Durchlass zwängen, sich einen finsteren Gang entlang tasten, an dessen Ende man durch eine geheime Tür den Saal betreten konnte, ohne Aufsehen zu erregen.
Rafael beobachtete an der Mauer zwei Spatzen, die dick aufgeplustert im Buschwerk hockten; dann bemerkte er, dass er nicht mehr die Spatzen beobachtete, sondern die Mauer, die ihm an dieser Stelle dicker vorkam als anderswo.
Rafael ging zu den anderen hinüber. »Was war dort?«, fragte er und deutete auf die Stelle mit den dickeren Mauern.
»Unten der Rittersaal und darüber die Kammer des Burgherrn«, sagte Ahmad.
»Dort fangen wir an zu suchen.«
Rafael und Ahmad beluden sich mit Fackeln, Zunder und Feuerstein, Roana nahm Gwenfrewi bei der Hand und zog sie mit fort, hinter den Männern her.
Sie sei nicht daran schuld, sagte die Gräfin und weigerte sich mitzugehen.
Rafael drehte sich um und sah sie an; ihr Gesicht war weiß, ihre Lippen blutleer. Roana schlang die Arme um die Gräfin und zog sie an sich. »Gwen, es ist alles gut. Du must dich nicht fürchten.«
Gwenfrewi rührte sich nicht. Eine Bö fuhr unter ihren Mantel, blähte ihn auf und ließ den Saum wie die Flügel eines verletzten Vogels schlagen. Rafael kam es vor, als schaue er einer Erinnerung zu; als hätte er das alles schon einmal gesehen. Es fiel ihm jedoch nicht ein, wann das gewesen sein konnte.
»Kommt weiter«, sagte Ahmad.
Sie stiegen die Treppe hinauf und liefen den Gang hinter den Arkaden entlang. Rafael drehte sich immer wieder nach Gwenfrewi um und sah sie mit Roana mitgehen, als sei sie unschlüssig, ob sie mitgehen sollte.
Sie erinnert sich, dachte er. Irgendwo unter der Asche glimmt ein Funke, und sie erinnert sich.
Sie erreichten die Stelle, wo einmal die Tür zur Stiege gewesen war; die Tür war verbrannt, die steinernen Stufen unter herabgestürzten Trümmern begraben. Rafael betrachtete den Schaden. Ein Gewicht schien an seinen Armen zu hängen und seine Schultern nach unten zu ziehen. »Es wäre auch zu einfach gewesen«, murmelte er und wandte sich um. »Wir müssen zurück. Hier geht es nicht weiter.«
Gwenfrewi als Einzige hatte sich nicht gerührt. Roana drehte sich zu ihr um, legte ihr die Linke auf die Schulter, ergriff ihre Rechte und drückte sie aufmunternd. »Komm, wir müssen umkehren.« Sie liefen die Treppe wieder hinunter und gingen zu den Pferden zurück.
»Was jetzt?«, fragte Roana.
Rafael wusste nicht genau, was er darauf antworten sollte. Der größte Teil der Glouburg war eine einsturzgefährdete Ruine – auch wenn man keineswegs voraussagen konnte, welche Mauerteile zuerst kollabieren würden – und es war unverantwortlich, die Frauen einer solchen Gefahr auszusetzen.
»Rafael, Ahmad, fällt euch keine Stelle ein, an der wir suchen könnten?«
Rafael hob mit einem Laut der Ungeduld beide Hände. »Im Gegenteil. Es gibt eine beinahe unbegrenzte Anzahl von Stellen. Sie alle abzusuchen, würde uns mehr Zeit kosten, als wir erübrigen können und der Ausgang wäre trotzdem ungewiss. Jeder Tag, den wir länger bleiben, macht unsere Heimreise gefährlicher. Die Berge im Winter sind die Hölle. Bei allem Mitgefühl, das ich für Gandars Tochter empfinde, riskieren wir hier vier Leben für eins, das nicht einmal unmittelbar in Gefahr ist …«
Roana nickte. »Dann lass uns weitermachen, Rafael. Um Himmels willen, lass und wenigstens heute noch weitermachen. So viel Zeit haben wir. Du und ich und Ahmad haben es in der Hand, Gwenfrewis Leiden ein wenig erträglicher zu machen, indem wir ihr wenigstens die Tochter zurückgeben.« Sie klang beschwörend.
»Sie hat recht«, sagte Ahmad.
»Na schön«, stimmte Rafael zu. Es klang eher resigniert als wütend.
Roana stellte sich zwischen ihn und Gwenfrewi und sah zu Letzterer.»Wie sehr wünschte ich, du könntest uns helfen, liebste Gwen …«
Sehr langsam wandte die Gräfin ihr das Gesicht zu. Ihr Blick irrte an Roana vorbei, richtete sich auf einen Punkt in der Ferne. Plötzlich weiteten sich ihre Augen; ihr Gesicht wandelte sich zu einer Grimasse namenlosen Schreckens, ihrem Mund entfuhr ein entsetzter Aufschrei, bevor sie davonstob wie ein Reh vor den Hunden.

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