Part 10

Angespannt sah sich Flo, als sie auf ihren Plätzen saßen, ob ihnen auch niemand zu hörte, im Klassenzimmer um und nickte Beth dann zu, dass sie anfangen konnte.

„Also“, flüsterte diese halb und beugte sich zu ihr herüber, „Mir ging das Mädchen nicht mehr aus dem Kopf, das mit Liam ständig unterwegs gewesen sein soll, und habe mal ein wenig herumgefragt. Ihren Namen kenne ich zwar nicht, aber pass auf. Ich habe ein paar Bilder von einer Bekannten zu geschickt bekommen, auf denen die beiden zu sehen sind. Keine Ahnung, wie sie zu den Bildern gekommen ist. Sie kennt einfach …“

„Ja und weiter?“, drängelte Flo, da jeden Moment mit Sicherheit ihr Lehrer das Zimmer betreten würde und sie somit nicht weiter sprechen konnten.

„Naja, sieh dir das hier an.“

Flink zog Beth ihr Handy aus der Tasche, tippte wild auf dem Display herum und öffnete ein Bild.

„Das ist das Mädchen. Aber hier siehst du das?“

In einer Handbewegung zoomte sie etwas heran, und erstaunt nahm Flo das Smartphone in ihre Hand.

„Aber das ist doch …“

„Genau. Das gleiche Tattoo. Auf ihrem Nacken. Also deine Theorie mit der Sekte scheint mir gruseligerweise echt immer plausibler.“

Nachdenklich betrachtete Flo das Display und sah sich das Tattoo auf dem Nacken des kurzhaarigen blonden Mädchens an. Doch verwundert runzelte sie auf ein Mal ihre Stirn und deutete auf etwas.

„Schau mal über der Spitze. Bei Liam ist da ein Beta Symbol zu sehen. Bei ihr aber …“

„Ein Alpha?“, unterbrach Beth sie und schnappte sich wieder das Handy, „Das ist ja was.“

Warum hatte das Mädchen ein Alpha und Liam ein Beta über der Spitze des Pentagramms? Waren sie irgendwie in etwas eingeteilt? Grübelnd stützte sie sich mit dem Ellenbogen auf dem Tisch ab und legte ihren Kopf in ihre Hand.

„Alpha und Beta. Sehr seltsam“, murmelte Beth und rutschte dann plötzlich mit einem Ruck noch näher an sie heran, wodurch sie erschrocken zusammenzuckte, „Das war es ja noch nicht. Nachdem ich auch bei ihr dieses Tattoo gesehen habe, habe ich angefangen im Internet zu recherchieren und bin da auf so seltsamen Foren gelandet, über Hexen, spirituellen Kram und so etwas. Jedenfalls, diese Dreiecke werden oft als Symbol für die Elemente benutzt.“

Nun bekam Flo große Augen. Elemente?

„Du meinst Wasser, Luft und so weiter?“

Nickend zog Beth ein Blatt aus ihrer Tasche und legte es ihr vor die Nase.

„Hier das ganz normale Dreieck steht zum Beispiel für Feuer. Wenn man einen Strich hindurchzieht für Luft.“

„Und die Umgedrehten?“, nahm sich Flo das Blatt und starrte gespannt herauf.

„Das Umgedrehte, ohne Strich, steht für Wasser und das Umgedrehte, mit einem Strich, steht für Erde.“

Erstaunt schob sie das Blatt zu Beth zurück. Ihre Freundin war wirklich gut darin etwas herauszufinden. Sie hatte ewig vor ihrem Laptop gesessen und kein Bisschen herausbekommen.

Bevor sie allerdings noch irgendetwas sagen konnte, betrat der Lehrer das Klassenzimmer und sofort steckte Beth das Blatt zurück in die Tasche.

„Wir reden später weiter“, flüsterte ihre Freundin ihr zu und nickend sahen beide nach vorne, wo ihr Geschichtslehrer mit dem Unterricht begann.

Doch so richtig konnte sich Flo jetzt nicht mehr konzentrieren. Zu viele Fragen schwirrten ihr im Kopf herum. Was hatte das nur alles auf sich? Aber wollte sie das wirklich wissen? So langsam beschlich sie immer mehr das Gefühl, dass sie lieber nicht weiter nachforschen sollte. Was war, wenn ihre Überlegungen richtig waren? Was, wenn sie es nicht waren? Und wohin war das Mädchen verschwunden? Sie hatte Beth gar nicht gefragt, was mit ihr nun passiert war. Ob sie da auch etwas in Erfahrung bringen konnte? Schnell riss sie daher leise ein kleines Stück Papier von ihrem Block ab und schrieb die Frage herauf. Unbemerkt schob sie den Zettel zu ihr herüber und beobachtete im Augenwinkel, wie Beth ihre Antwort herunter schrieb. Ein kurzer Blick zu ihrem Lehrer und schon hielt sie das Stückchen Papier wieder in ihren Händen.

„Verschwunden“, las sie sich selber leise vor und vergrub den kleinen Zettel in ihrer Hosentasche.

Interessierte es denn gar keinen, dass einfach so ein Mädchen verschwand?




Mrs Blair erzählte gerade irgendetwas von anorganischen Verbindungen und schrieb dazu etwas auf die Tafel, doch Flo hörte gar nicht wirklich zu. Nachdenklich blickte sie stattdessen nur auf den leeren Platz neben sich. Nur halbherzig verfolgte sie die Chemiestunde. Zu sehr beschäftigte sie die Frage, warum Liam nicht da war. Nicht, dass sie ihn unbedingt treffen musste, aber heute Morgen hatte sie ihn ja noch auf dem Flur gesehen. Warum war er also jetzt nicht da? Besonders krank sah er zumindest nicht aus. Vielleicht war er ja einfach nur ein notorischer Schulschwänzer und sie gab dem Ganzen, mal wieder, zu viel Bedeutung. Doch dann schoss ihr ein ganz anderer Gedanke in den Kopf. Was war, wenn er irgendwie herausgefunden hatte, wo sie wohnte und er nun bei ihr vor der Tür stand und versuchte dort nach dem Zettel zu suchen? Sofort verkrampfte sich ihr ganz Körper. Zu dieser Tageszeit war bloß ihre Großmutter zu Hause. Sie war doch so gutgläubig, dass sie ihm jegliche Lüge, die er ihr auftischen würde, glauben schenken würde. Doch schnell schüttelte sie dann doch unbemerkt ihren Kopf. Das war doch Quatsch. Ganz dem Anschein nach wurde sie paranoid. Das wäre viel zu auffällig. An ihre Tasche oder an ihren Schrank war er ja auch heimlich herangegangen. Aber um sicherzugehen, sollte sie vielleicht doch lieber mal bei ihrer Großmutter anrufen. Flink fischte sie daher ihr Smartphone aus ihrer Tasche heraus, steckte es in die Hosentasche und hob eilig den Arm.

„Mrs Blair“, begann sie zu rufen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, und wedelte wild mit ihrer Hand herum, „Ich müsste mal dringend zur Toilette.“

„Kann das nicht bis zur Pause warten?“

„Nein leider nicht.“

„Dann aber schnell.“

Nickend sprang Flo von ihrem Stuhl auf und huschte aus dem Klassenraum heraus. Schnellen Schrittes lief sie den langen Flur entlang zur Toilette, spurtete herein und wählte im selben Augenblick auch schon die Nummer ihrer Großmutter.

Laut schnaufend tippte sie mit ihrem Fuß auf der Stelle herum und wartete angespannt, dass ihre Großmutter endlich an das Telefon gehen würde. Vermutlich werkelte sie in der Küche herum und hörte mal wieder das Klingeln nicht. Da auch nach weiterem Tuten sich immer noch nichts tat, wollte sie gerade schon wieder auflegen, als plötzlich am anderen Ende jemand heranging.

„Ja bitte?“

„Granny. Na endlich.“

Tief atmete Flo ein und, auch wenn ihre Großmutter ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte, wurde auf einem Schlag todernst und ihre Augen zu kleinen Schlitzen.

„Flo? Ist irgendetwas passiert?“

„Ja Granny, ich bin es. Hör zu. War ein Junge, etwa in meinem Alter, bei uns?“

„Nein. Warum fragst du Kind? Was ist denn los?“

Erleichtert fiel ihr ein Stein vom Herzen und ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. Er war also nicht bei ihr. Das hieße aber nicht, dass er nicht nachher noch kommen würde. Schnell wandte sie sich daher wieder an ihre Großmutter.

„Falls ein Junge mit schwarzen Haaren bei uns auftaucht. Lass ihn bloß nicht herein. Egal was er sagt. Okay?“

„Ist gut. Aber erzählst du mir auch, warum? Und, wieso bist denn nicht in der Schule?“

„Ich bin in der Schule. Ich muss jetzt auch wieder zurück in die Klasse. Ich erkläre es dir nachher. Wichtig ist, dass du ihn nicht hereinlässt.“

„Ist gut.“

Schnell verabschiedete sie sich von ihrer Großmutter, verließ die Toilette und lief zum Chemieraum. Da musste sie sich nun aber eine gute Ausrede einfallen lassen. Seufzend spurtete sie die letzten Meter zurück zum Klassenzimmer. Zum Glück hatte sie dafür noch ein wenig Zeit, und da sie heute mit dem Bus fahren musste, sogar länger als üblich.



„Das ist ja echt seltsam“, stimmte Beth Flo zu, nachdem sie ihr erzählt hatte, dass Liam nicht im Chemieunterricht war, „Aber, ich glaube, er schwänzt öfters mal eine Stunde oder so. Aber so genau weiß ich das leider auch nicht, da ich keine Kurse mit ihm zusammenhabe.“

Nachdenklich ging Flo neben ihrer Freundin her und lief mit ihr zusammen zur Turnhalle.

„Wenn wir nur irgendwen kennen würden, der griechisch …“, brach Beth mitten im Satz ab und blickte herüber zum Spielfeld, auf dem die Spieler schon trainierten.

Schmunzelnd beobachtete Flo ihre Freundin und wusste ganz genau, welchen der Footballspieler sie ganz genau betrachtete.

„Ich geh mich schon mal umziehen“, lachte Flo und steuerte die Tür an.


Außer Atem ließ sich Flo ins Gras fallen und streckte alle viere von sich. Wie sollte sie das jemals hinbekommen? Ständig stolperte sie über ihre eigenen Füße, wackelte oder machte sonst was für Fehler. Stella sollte wirklich lieber jemand anderen aufstellen.

„Na komm. Ein letztes Mal. Dann ist Schluss für heute.“

Lächelnd streckte ihr Aaron die Hand entgegen und seufzend ließ sie sich von ihm wieder hochziehen.

„Du solltest vielleicht wirklich lieber eine andere Partnerin für die Stunts bekommen.“

„Aber, warum denn?“

Niedergeschlagen ließ sie ihren Kopf hängen und sah auf ihre Füße herunter.

„Naja, bei den vielen Fehlern, die ich mache. Ich werde das doch nie richtig hinbekommen.“

Sie bemerkte, wie Aaron seinen Arm über ihre Schultern legte und zaghaft sah sie wieder auf.

„Blödsinn. Ich glaube ja, dir fehlt einfach nur ein wenig Selbstvertrauen. Das ist alles. Wenn du nicht an dich glaubst, wer dann?“

Lächelnd stupste er ihr gegen die Wange und unweigerlich begann sie auch zu lächeln. Sie kannten sich zwar noch nicht lange, aber sie war wirklich froh ihn als Partner bekommen zu haben. Er schaffte es doch immer wieder, egal wie niedergeschlagen sie war, sie wieder aufzubauen.

„Danke.“

„So. Und nun zeigen wir Stella doch mal, was wir so alles können.“



Abgehetzt betrat Flo den Bus, bezahlte das Ticket und ließ sich auf den nächsten freien Sitzplatz fallen. Da Stella ja meinte, noch eine extra lange Predigt wegen Morgen abhalten zu müssen, hatte sie natürlich den Schulbus verpasst und musste nun den Linienbus nehmen.

Genervt atmete sie aus und kramte in ihrer Tasche nach ihren Kopfhörern. Der Linienbus brauchte ewig, da er durch die halbe Stadt fuhr, bis er dann endlich bei ihr im Vorort ankommen würde. Andererseits, vielleicht war es gar nicht so schlecht, da sie immer noch keine Ahnung hatte, was sie ihrer Großmutter sagen sollte. Vielleicht würde sie ja nicht mehr nachfragen. Wobei das ziemlich unwahrscheinlich war. Ihre Großmutter vergaß nie etwas. Seufzend fischte sie ihre roten Kopfhörer heraus, verband sie mit dem Smartphone und drückte die Stöpsel in ihre Ohren. Flink war ihre Playlist geöffnet und nachdenklich lehnte sie sich zurück. Vielleicht sollte sie einfach sagen, dass sie ärger mit ihm hatte und er ihr eins auswischen wollte? Oder einen Streich? Grübelnd blickte sie aus dem Fenster. Das konnte sie doch nicht sagen, nachher machte sich ihre Großmutter bloß Sorgen um sie.

Gähnend hielt sie sich ihre Hand vor dem Mund. Vielleicht sollte sie für einen kurzen Moment ihre Augen schließen. Das Training war wirklich sehr anstrengend heute und etwas entspannen konnte wirklich nicht schaden. So kaputt, wie sie war, hatte sie ohnehin keine gute Idee.

Langsam rutschte sie den Sitz etwas herunter, lehnte ihren Kopf gegen den Sitz und keine Sekunde später fielen ihr auch schon die Augen zu.


Blinzelnd öffnete sie langsam wieder ihre Lider und rieb sich müde ihre Augen. Da war sie doch in der Tat kurz eingenickt. Dabei wollte sie doch nur ein wenig ihre Augen schließen und sich ausruhen. Schnell blickte sie sich dann aber um. Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Hatte sie ihre Haltestelle verpasst? Doch zu ihrer Verwunderung stand der Bus. Warum stand der Bus? Rasch sah sie wieder nach draußen. Auch sonst schien sich keines der Autos zu bewegen. Ihr Blick wanderte über die großen Gebäude. Sie waren wohl mitten im Industriegebiet. Mit gerunzelter Stirn drehte sie sich auf ihrem Platz herum.

„Warum stehen wir denn?“, fragte sie eine alte Dame, die hinter ihr saß.

„Da vorne gab es einen Unfall. Ein Lkw liegt quer über die Fahrbahn. Könnte noch etwas dauern, bis es weiter geht.“

„Oh“, war das Einzige, was sie herausbekam und drehte sich zurück.

Das hieße, sie steckte hier fest, bis die Straße wieder frei war. Laut auspustend stützte sie sich mit dem Ellenbogen am Fenster ab und legte ihren Kopf in ihre Hand. Und dabei hatte sie doch schon so einen Hunger. Wie zur Bestätigung knurrte auch schon ihr Magen und seufzend rieb sie mit der Hand herüber. Heute schien eindeutig nicht ihr Tag zu sein.

Wartend blickte sie aus dem großen Fenster des Busses und verdutzt zog sie ihre Augenbrauen zusammen, als sie eine Gestalt auf der anderen Straßenseite entdeckte. Das gab es doch nicht. Da lief tatsächlich Liam. Sofort richtete sie sich etwas auf und begann ihn zu beobachten. Was machte er denn hier so weit draußen? Hier gab es doch nur Firmen oder Fabriken. Andauernd sah er sich um und überprüfte offenbar, ob ihm auch niemand folgen würde. Er schien sichtlich nervös zu sein, da er wild mit seinen Armen herumschwenkte. Kurz sah er noch mal über seine Schulter und rannte dann plötzlich auf ein Gebäude zu, das ziemlich verlassen wirkte, und verschwand darin. Was wollte er denn da drinnen bitte? Da war doch offensichtlich niemand mehr beschäftigt. Und dann schossen ihr Beth Worte wieder in den Kopf. Was war, wenn er wirklich dieses blonde Mädchen verschachert hatte? Und zwar hier? Hier würde sie mit Sicherheit niemand suchen kommen. Ohne groß weiter nachzudenken, sprang sie plötzlich auf und eilte nach vorne zum Busfahrer.

„Könnten Sie mich bitte herauslassen?“

„Hier?“

„Ja. Können Sie bitte die Tür aufmachen? Es scheint ja so, als ob es noch ein wenig dauern würde.“

Demonstrativ deutete sie auf die Straße und nickend öffnete der Fahrer daraufhin die Tür. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Bus und überquerte zwischen den stehenden Autos die Straße. So schnell sie ihre Beine trugen, lief sie auf das Gebäude zu, in dem Liam verschwunden war. Doch vor der Tür angekommen blieb sie auf ein Mal stehen. Sollte sie wirklich hineingehen? Sie hatte ja keine Ahnung, was sie dahinter erwarten würde. Doch dann atmete sie tief ein und klammerte ihre Finger um den Trageriemen ihrer Tasche. Wenn dort drinnen wirklich das Mädchen festgehalten wurde, musste sie ihm helfen. Schwer schluckend legte sie ihre Hand auf den Türknauf und drückte dagegen. Leise knarzend öffnete sie die schwere Eisentür einen Spalt und lugte mit ihrem Kopf hindurch. Im schummerigen Licht konnte sie eine große Eingangshalle ausmachen, doch von Liam keine Spur. Zaghaft öffnete sie die Tür noch etwas weiter und schlüpfte durch den schmalen Spalt hinein. Jetzt nur keinen Lärm machen, ermahnte sie sich innerlich immer wieder selber und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Liam durfte nicht wissen, dass sie ihm gefolgt war. Sie wollte sich nur vergewissern, ob das Mädchen hier wäre und sobald sie sie gefunden hätte, würde sie sofort die Polizei verständigen.

Rasch sah sie sich in der großen Eingangshalle um. Doch durch das bisschen Licht, dass nur durch die, mit Brettern vernagelten, Fenster drang, konnte sie nicht wirklich etwas erkennen. Ein paar Meter weiter entdeckte sie dann allerdings eine Treppe. Leise schlich sie also weiter und hoffte inständig, dass Liam sie nicht bemerken würde und zuckte bei jedem Schritt etwas zusammen. Der Boden war offenbar nass, da es jedes Mal leise platschte, wenn sie einen Schritt machte. Hier unten schien sie nicht weiter zu kommen, sie musste weiter. Da der einzige Weg nach oben führte, steuerte sie die Treppe an und überlegte kurz, ob sie ihr Handy als Taschenlampe benutzen sollte. Doch schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Dann könnte sie auch gleich laut rufend herumrennen und ihm somit zeigen, dass sie hier war.

Rasch, aber dennoch leise, stieg sie also die Stufen hinauf ins obere Stockwerk. Ihr Herz pochte lautstark gegen ihren Brustkorb. Nicht aber, weil sie das Treppensteigen so angestrengte, nein, sondern aus purer Angst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Vielleicht sollte sie doch lieber schnell das Weite suchen. Doch dann zwang sie sich mit zittrigen Beinen weiterzugehen. Vielleicht war sie für das Mädchen die letzte Hoffnung.

Am Treppenansatz blieb sie dann jedoch stehen. Welche Richtung sollte sie jetzt nehmen? Nach links oder rechts? Beide Wege führten sie in einen langen Korridor. Doch in welchen sollte sie laufen? Hin und her überlegend entschied sie sich dann aber kurzerhand dazu, zunächst nach links zu gehen. Ein letztes Mal sah sie sich um. Von Liam weit und breit keine Spur. Geduckt schlich sie daher weiter und horchte dabei aufmerksam, ob sie etwas hören würde. Doch nichts.

Verwundert ging sie durch den langen Flur. Überall standen große Kartons und Kisten herum. Wurden die hier einfach so zurückgelassen? Sofort schimpfte sie aber leise mit sich selber. Für solche Gedanken war nun wirklich keine Zeit. Sie könnte jeden Augenblick auf Liam treffen. Sie sollte sich lieber Gedanken darüber machen, was sie dann machen sollte. Laut schreien? Kreischen? Stumm bleiben und hoffen, sie könnte verschwinden? Sie wusste es nicht.

Langsam tastete sie sich an der Wand entlang und blieb plötzlich mit ihrem Fuß an einer kleinen Kiste hängen und kam dadurch ins Straucheln. Glücklicherweise schaffte sie es jedoch, sich lautlos wieder zu fangen. Wäre sie hier über die Kisten gestolpert, wäre sie mit Sicherheit aufgeflogen.

Schwer atmend huschte sie an den Kartons vorbei und entdeckte endlich eine Tür. Flink eilte sie zu ihr und legte vorsichtig ihr Ohr auf das Holz. Da aber keine Stimmen von drinnen zuhören waren, legte sie die Hand auf die Klinke und drückte herunter.

„Verschlossen“, murmelte sie leise und wollte sich gerade wieder herumdrehen, als sie plötzlich ein Geräusch hinter sich vernahm. Erschrocken sprang sie herum. Doch es war nichts zu sehen. Was war das? Ihr Herzschlag legte noch einen Takt zu und mit weichen Knien ging sie weiter. Die Luft wurde immer stickiger und ihr fiel das Atmen immer schwerer. Sie musste, so schnell es ging hier wieder heraus. Aber zu erst musste sie das Mädchen finden. Oder irrte sie sich und sie jagte einem Hirngespinst hinter her und verrannte sich da in etwas? Doch dann drang ein leises Wimmern in ihre Ohren. Sofort legte sie einen Zahn zu und lief weiter den Korridor entlang. Und dann entdeckte sie am Ende des Flurs eine weitere Tür, die etwas offen stand. Langsam näherte sie sich ihr und versuchte etwas zu erkennen. Doch sie konnte einfach nichts sehen. Also schob sie die Tür etwas weiter auf und streckte ihren Kopf hinein.

„Hallo?“, flüsterte sie leise hinein, doch es kam keine Antwort.

Auf Zehenspitzen betrat sie den Raum und sah sich vorsichtig um. Auch hier war das Fenster zwar mit Brettern verrammelt, allerdings schien hier etwas mehr Sonnenlicht hinein und so konnte sie etwas besser sehen. Auch hier stapelten sich die Kartons. Behutsam drückte sie sich an ihnen vorbei und durchquerte den Raum. Doch zu ihrem Bedauern konnte sie kein Mädchen finden. Sie machte sich schon darauf gefasst wieder umzukehren und weiterzusuchen, als sie plötzlich wieder dieses leise Wimmern vernahm. Geschwind drehte sie sich herum und erblickte dann mit großen Augen jemanden, der zusammengekauert in der anderen Ecke des Raumes lag.


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beta
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