Part 11

Wimmernd lag die Person auf dem Boden und schien schmerzen zu haben. Flo konnte zwar durch das schwache Licht nicht viel erkennen, doch es reichte aus, um die Person zu erkennen. Es war tatsächlich das Mädchen von dem Foto. Sie sah furchtbar aus. Ihre Kleidung war zerfetzt und verschmiert und sie konnte deutlich Wunden an ihren Armen sowie in ihrem Gesicht erkennen. Ihre Hände waren mit einer Eisenkette umwickelt, die an der Wand befestigt war und so nicht viel Spiel zum Bewegen gab. Sie schlief ganz dem Anschein nach gerade und schluchzte im Schlaf. Was musste dieses arme Mädchen nur durchmachen? Eigentlich sollte sie nun loslaufen und versuchen, sie zu befreien oder die Polizei rufen, doch ihr Körper gehorchte ihr einfach nicht mehr.

Geschockt starrte sie einfach auf das Mädchen. Bis eben hatte sie immer noch gehofft, dass sie niemanden finden würde. Dass sie sich geirrt hatte und Liam einfach nur ein Spinner war, der zu viel Fernsehen schaute. Aber nun? Hier war der Beweis. Wie konnte er nur zu so etwas fähig sein? Wie konnte man jemanden so etwas antun? Wozu? Doch plötzlich riss sie ein lautes Poltern, welches näherzukommen schien, wieder aus ihren Gedanken heraus. Liam. Panisch setzten sich ihre Beine wieder in Bewegung und hektisch sprang sie regelrecht hinter einen Turm gestapelter Pappkartons. Alleine konnte sie nichts gegen ihn ausrichten. Er war mindestens einen Kopf größer als sie und mit Sicherheit auch viel stärker. Sie musste Hilfe holen. Mit zittrigen Fingern fischte sie ihr Smartphone aus der Tasche heraus und versuchte die Notrufnummer zu wählen.

„Verdammt“, fluchte sie leise und hielt ängstlich das Handy in die Höhe.

Hier drinnen hatte sie überhaupt keinen Empfang. Was machte sie jetzt nur? Das Poltern wurde immer lauter und mischte sich nun mit lautem Brüllen. Sie erkannte die Stimme. Warum brüllte Liam denn herum? Und warum machte er hier so einen Krach? Was machte er da draußen? Vorsichtig lugte sie an den Kartons vorbei in Richtung des Mädchens. Sie schlief immer noch. Wie konnte sie bei solch einem Lärm weiter schlafen? Doch dann kam ihr ein ganz anderer Gedanke. Schlief sie gar nicht und war etwa bewusstlos? Nervös klammerte sie ihre Finger um ihr Smartphone herum. Das Mädchen brauchte dringend ärztliche Hilfe.

Auf Zehenspitzen schlich sie etwas aus ihrem Versteck heraus und versuchte abzuschätzen, wo sich Liam befand. Könnte sie es schaffen unbemerkt wieder herauszulaufen? Doch dann ertönte ein klirrendes Scheppern durch den gesamten Raum. Liam musste unmittelbar vor dem Raum stehen. Sofort hetzte sie zurück hinter die Kartons und drückte sich eng an sie heran, damit Liam sie unter keinen Umständen sehen konnte. Ihre einzige Möglichkeit war nun zu warten, bis er hoffentlich wieder verschwinden würde und dann Hilfe holen. Oder saß sie hier jetzt etwa fest?

Doch weiter konnte sie nicht grübeln, da ein weiteres Klirren sie aufhorchen ließ. Und dann polterte etwas gegen die Tür. Ihr Herz begann ihr bis zum Hals zu schlagen, als sie das Quietschen der Tür gefolgt von Schritten vernahm. Keuchend schleppte er sich offenbar einen Schritt nach dem anderen in den Raum hinein. Warum war er nur so außer Atem? Was hatte er da draußen gemacht? Aber wollte sie das wirklich wissen? Weitere Schritte ertönten und dann begann er plötzlich irgendetwas zu flüstern, was sie allerdings nicht verstand. Nicht, weil es zu leise war, er dürfte jetzt nur noch wenige Meter von ihr entfernt stehen, sondern weil sie die Sprache nicht verstand, die er sprach. Sprach er etwa gerade griechisch? Irgendwie erinnerte sie es aber auch an Latein. Nicht, dass sie es sprechen könnte, sie hatte es mal in der Schule gehabt, aber dann schnell wieder abgewählt, da es nichts für sie war.

Unentwegt flüsterte Liam weiter. Immer näher kam er dabei an die Kartons heran, hinter denen sie sich versteckt hielt. Ihr Atmen ging stoßweise und zitternd legte sie ihre Hand, aus Angst er könnte sie hören, über ihren Mund. Sein Gemurmel wurde lauter und wütender. Was hatte er nur vor? Was bezweckte er damit? Er wollte doch nicht etwa dem Mädchen etwas antun? Sie nachher in irgendeinem seltsamen Ritual opfern? Sie musste herausfinden, was da vor sich ging. Tief atmete sie daher noch ein Mal ein, versuchte den dicken Kloß, der sich in ihrem Hals gebildete hatte, herunterzuschlucken und rutschte dann, an dem Kartonstapel entlang, nach vorne. Vorsichtig lugte sie hervor und sofort sprang ihr auch schon Liam ins Auge, der mit dem Rücken zur ihr stand und sich nicht vom Fleck bewegte. Ihr Blick wanderte an ihm herunter, und als sie bemerkte, was er da in seiner Hand hielt, wäre ihr beinahe ein kleiner Schreckensschrei entwichen. Zum Glück konnte sie sich den gerade noch verkneifen. Voller Panik sah sie nun zwischen ihm und dem Mädchen hin und her. Warum hatte er ein Schwert in der Hand? Was um Himmelswillen wollte er mit dem Schwert?

Bevor sie aber irgendwie realisieren konnte, was hier vorging, nahm er das Schwert plötzlich in beide Hände, holte aus und ging langsam auf das Mädchen zu.

Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete sie ihn, wie er mit gezogenem Schwert auf das Mädchen zu lief. Sie hatte doch ihre Augen geschlossen, sie konnte somit doch nicht sehen, was auf sie zu kam. Sie konnte sich also nicht ein Mal wehren.

„Pass auf“, schrie sie plötzlich und sprang, ohne darüber nachzudenken, ruckartig aus ihrem Versteck heraus.

Sie hatte keine Ahnung, woher sie auf ein Mal den Mut hatte, aber sie konnte nicht mit ansehen, wie er sie nachher umbrachte.

„Lass die Finger von dem Mädchen!“

Augenblicklich drehte sich Liam herum und sah sie mit großen Augen an. Der Überraschungsmoment war auf jeden Fall auf ihrer Seite, doch wie ging es nun weiter? Darüber hatte sie natürlich nicht nachgedacht, oder besser gesagt, keine Zeit zu gehabt darüber nachzudenken.

„Was machst du hier!“, brüllte er ihr entgegen.

Er hatte sie ganz dem Anschein nach erkannt.

„Lass das Mädchen frei“, versuchte sie so selbstsicher, wie es nur ging zu klingen, allerdings war der plötzliche Adrenalinschub wohl genauso schnell, wie er gekommen war, wieder verschwunden.

„I-ich hab schon Hilfe geholt“, stammelte sie und hielt demonstrativ ihr Handy in die Höhe.

Er musste ja nicht wissen, dass sie her überhaupt keinen Empfang hatte. Es verschaffte ihr hoffentlich zumindest etwas Zeit.

„Verschwinde. Sofort!“, schrie er sie an und lief dabei auf sie zu.

„K-komm mir nicht zu n-nah.“

Zitternd ging sie einen Schritt, um etwas Abstand zu ihm zu gewinnen, nach hinten. Aber es brachte gar nichts, da sie nun mit dem Rücken an den Kartons stand und Liam sie längst erreicht hatte.

„Los. Verschwinde. Sofort!“, knurrte er erneut und funkelte sie dabei bedrohlich an.

„Nicht ohne das Mädchen“, flüsterte sie, mehr als das sie es laut aussprach.

„Wenn dir dein Leben lieb ist, hau ab.“

Grob packte er sie mit seiner freien Hand an ihrem Arm und zog sie von den Kartons weg.

„Willst du mich jetzt auch umbringen oder was?“

Panisch versuchte sie sich aus seinem Griff zu lösen, doch er verstärkte dadurch nur den Druck um ihren Arm.

„Nein. Du hast ja keine Ahnung …“

Doch mitten im Satz brach er plötzlich ab und ließ sie los. Was hatte er denn nun?

„Zu spät“, brummte er, schubste sie plötzlich hinter sich, wobei sie beinahe zu Boden fiel und nahm sein Schwert wieder in beide Hände.

Was war denn jetzt los? Was hatte das alles hier nur zu bedeuten? Und dann hörte sie plötzlich ein Dröhnen, welches immer lauter wurde.

„Sie kommen“, sprach er, ohne jegliche Emotion in seine Stimme, und stellte sich kampfbereit in Richtung der Tür.

Wer kam? Was sollte das alles?

„Wer …?“

Aber weiter kam sie nicht, da plötzlich zwei seltsame Gestalten den Raum betraten. Flo stockte der Atem. Was waren das für Kreaturen? So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie hatten zwar die Staturen eines Menschen, aber es waren keine. Sie sahen aus, wie Statuen, die lebendig wurden.

„Ihr bekommt sie nicht!“, keifte Liam dann aber doch wieder und rannte schreiend auf die beiden zu, wodurch auch die beiden Kreaturen begannen loszulaufen. Wobei laufen, da das falsche Wort war. Eher ein Schritt nach den anderen weiter poltern. Der Boden vibrierte regelrecht und den Schritten der seltsamen Wesen.

Aber wen sollten sie nicht bekommen? Das Mädchen? Jetzt verstand sie überhaupt nichts mehr. Warum sollte Liam sie hier einsperren, und sie dann aber beschützen? Das ergab doch alles keinen Sinn.

Laut klirrte die Klinge seines Schwertes, wenn er die Kreaturen traf, doch es schien ihnen gar nichts auszumachen. Egal, wie sehr er auch auf sie einschlug. Hatte er draußen etwa schon gegen sie gekämpft? Es waren zumindest die gleichen Geräusche.

Ihr Blick wanderte wieder herüber zu dem Mädchen. Sie lag immer noch wimmernd auf dem Boden und wurde einfach nicht wach. Ganz offensichtlich ging es aber um sie. Vielleicht konnte sie sie ja irgendwie wecken, die Kette lösen und sie von hier wegbringen.

Sie wollte gerade zu ihr herüber schleichen, als ein lauter Schrei sie wieder zu Liam blicken ließ. Einer der Wesen hatte ihn gepackt, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn nun mitten in die Kartons. Er wurde regelrecht unter diesen begraben, als er hineinstürzte, und bewegte sich nun nicht mehr.

Angsterfüllt starrte sie auf die Kreaturen, wie sie das Mädchen ansteuerten und sich in Bewegung setzten. An ihr schienen sie glücklicherweise kein Interesse zu haben, geschweige denn, dass sie überhaupt von ihnen beachtet wurde.

Bei jedem Schritt vibrierte der Boden, so als wären sie tonnenschwer. Was waren das nur für Wesen und was wollten sie jetzt mit dem Mädchen machen? Einer der beiden hatte sie beinahe erreicht. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er so etwas, wie einen Dolch bei sich trug. Nur, dass diese Klinge aus Stein war. Der andere wiederum hielt eine Art Gefäß in seiner Hand. So, wie eine gläserne Vase. Wozu brauchte er den eine Vase? Zum Blumenhinstellen bestimmt nicht.

„Weg von ihr“, ertönte es dann aber mit einem Mal aus dem Kartonhaufen und Liam sprang wieder heraus.

Wutentbrannt, so schnell konnte sie gar nicht gucken, rannte er mit gehobenem Schwert los.

Und dann ging alles ganz schnell. Auch diese seltsamen Wesen hatten wohl nicht damit gerechnet, dass er wieder aufstehen würde und bevor sie irgendwie reagieren konnten, rammte er das Schwert auch schon den Ersten, der das Gefäß in seiner Hand hielt, mitten in die Brust. Flo traute sich kaum zu atmen oder sich zu bewegen. Was passierte hier nur?

Grölend hob das Steinwesen seinen Arm und legte seine Finger um Liams Hals. Sie merkte, wie er nach Luft rang, und versuchte sich wieder freizubekommen. Sein Schwert steckte dabei immer noch in der Brust der Kreatur. Es schien sie gar nicht zu stören. Sollte sie Liam irgendwie helfen? Er wollte ja ganz offensichtlich das Mädchen vor ihnen beschützen.

Panisch sah sie sich um und suchte irgendetwas, um ihm zu helfen. Aber sie fand einfach nichts. In ihrer Not öffnete sie einfach ihre Tasche und begann das Wesen mit ihren Schulheften zu bewerfen. Das schien davon total überrumpelt zu sein und diese kleine Ablenkung hatte wohl genügt, denn Liam schlug die Hand von ihm weg, zog das Schwert heraus und stach mit einem lauten Schrei erneut zu. Augenblicklich zerfiel das Wesen zu Staub und das Gefäß landete laut scheppernd auf dem Boden. Keuchend schnappte Liam nach Luft. Als er dann aber panisch seine Augen aufriss, folgte sie seinem Blick. Geschockt wich Flo jegliche Farbe aus dem Gesicht, als sie sah, warum er so panisch wurde. Der andere Typ hatte in der Zwischenzeit das Mädchen gepackt, holte gerade mit seinem Steindolch aus, stach ihr damit mitten ins Herz hinein und zog ihn wieder heraus.

„Nein!“, schrie Liam nur noch und rannte los.

Flo wurde augenblicklich übel bei dem Anblick, wie sich das Shirt des Mädchens mit Blut vollsog und ihre Beine gaben einfach nach. Schwer atmend sackte sie auf dem Boden zusammen und hielt sich die Hände vor ihrem Mund. Immer wieder schüttelte sie ihren Kopf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Das konnte nicht echt sein, das durfte nicht wahr sein. Sie schlief einfach noch im Bus und das hier war einfach nur ein schlimmer Albtraum, versuchte sie sich einzureden, aber es half nichts. Das hier war kein Traum und sie schlief auch nicht.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen und langsam begannen sie ihre Wangen herunter zu kullern. Ihr Blick war starr auf das Mädchen gerichtet und nur im Augenwinkel konnte sie sehen, wie Liam mit dieser Kreatur kämpfte. Unaufhörlich schlugen die Klingen der beiden gegeneinander. Und dann öffnete das Mädchen plötzlich ihre Augen. Langsam drehte sie ihren Kopf zu ihr und blickte ihr nun direkt in die Augen. Liam und das Wesen bekamen davon jedoch nichts mit, da sie zu sehr in ihren Kampf vertieft waren. Lautlos formten ihre Lippen ein Wort, doch Flo verstand nicht, was sie sagen wollte. Hilflos blickte sie zu dem Mädchen herüber, und bevor sie aufstehen konnte, um ihr zur Hilfe zu eilen, verdrehten sich auf ein Mal ihre Augen, sie bäumte sich auf und ein rotes schimmerndes Licht entwich ihren Körper. Regungslos fiel sie danach wieder zu Boden.

Das Ding, was über ihr schwebte, sah beinahe so aus, wie ein Feuerball. Wieso flog ihr denn ein Feuerball aus dem Körper? Plötzlich ließen auch die beiden voneinander ab und stürmten zu dem Gefäß. Wollten sie es etwa damit einfangen? Und was war mit dem Mädchen? Sie musste doch sofort zu einem Arzt. Immer wieder sah sie zwischen Liam, dem Steinwesen und dem Mädchen mit dem schwebenden Feuerball hin und her. Bevor einer der beiden aber überhaupt das Gefäß erreichen konnte, begann das Feuerding plötzlich an zu wirbeln und zischen und flog mit einem Schlag direkt auf sie zu. Warum flog das Ding denn auf sie zu? Panikartig rutschte sie mit ihrem Hintern auf dem Boden weg, doch das Feuer war schneller und flog nun direkt vor ihrem Gesicht herum. Warum schwirrte es denn nun bei ihr herum? Völlig überfordert sah sie zu Liam, der als Erster den Behälter erreicht hatte.

„Wir müssen es einfangen“, schrie er zu ihr herüber und hielt die Vase in die Höhe.

Sollte sie ihm wirklich helfen? Er wollte anscheinend, genau wie dieses Wesen, an diesen seltsamen Feuerball gelangen. Warum? Was war das? Aber ehe sie antworten konnte, wirbelte der kleine Feuerball herum, flog schwungvoll auf ihren Brustkorb zu und verschwand auf ein Mal mit voller Wucht, auf der Höhe ihres Herzens, in ihrem Körper. Der Druck war so gewaltig, dass ihr für einen kleinen Moment die Luft wegblieb. Eine Hitzewelle durchfuhr ihren Körper und sie hatte beinahe das Gefühl innerlich zu verbrennen. Panisch fasste sie sich an ihre Brust. Was passierte hier nur mit ihr? Augenblicklich bildeten sich Schweißperlen auf ihrer Stirn und keuchend versuchte sie ihr Hemd etwas zu öffnen. Sie brauchte dringend Luft. Ihr war so heiß. Sie merkte, wie sich die Hitze in ihrem gesamten Körper ausbreitete, bis es schließlich ihre Fingerspitzen erreicht hatte. Panikartig hielt sie ihre rechte Hand vor ihr Gesicht, als sie einen brennenden Schmerz in ihrer Handfläche verspürte.

„Was zur …“

Mit großen Augen starrte sie auf ihre Handfläche, auf der nun ein leuchtendes Dreieck aus Feuer zu sehen war. Das Dreieck wurde wieder blasser und die Hitzewelle in ihren Körper begann auch wieder abzuebben. Ihr Atem wurde wieder ruhiger. Doch sofort blickte sie sich um. Liam und dieses Wesen hatte sie für einen kurzen Moment total vergessen gehabt. Ein lautes Klirren ertönte und dann konnte sie nur noch sehen, wie auch dieses Steinwesen zu Staub zerfiel.

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