Part 14

Schweigend lief Flo neben Lugubelenus her und versuchte das Chaos in ihrem Kopf zu ordnen. Doch anstatt Klarheit zu bekommen, drängten sich einfach immer mehr Fragen und Gedanken auf. Wenn es einen Hüter fürs Feuer gab, dann müsste es doch auch für die anderen Elemente welche geben.Oder nicht? Was war dieser Orden überhaupt, von dem er sprach? Konnte man seinen Patron wechseln? Ständig wurde von dem Elementkristall gesprochen, aber dieses Ding sah nicht aus wie ein Kristall, sondern wie ein kleiner Feuerball. Gab es denn wirklich keine Möglichkeit ihn wieder herauszuholen ohne, dass sie dafür ihr Leben lassen musste?

„Ich weiß, du hast noch viele Fragen. Aber alles mit seiner Zeit.“

Seufzend nickte sie und verließ zusammen mit ihm den Steg. Ihre grübelnder Blick war ihm wohl nicht entgangen. Die wichtigste Frage, die sie hatte, war aber eigentlich nur, ob sie es nicht doch wieder los werden konnte.

„Gibt es nicht doch … Was“, stoppte sie dann allerdings mitten im Satz, blieb stehen und sah verwundert an sich herunter, als es plötzlich aus ihrer Tasche klingelte.

Ihr Handy funktionierte hier? Mit großen Augen zog sie es heraus und starrte auf das Display. Beth versuchte sie zu erreichen.

„Es funktioniert hier?“

„Natürlich“, lachte Lugubelenus und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken, „Allerdings würde ich jetzt nicht herangehen. Es könnte sonst ziemlich teuer für deinen Anrufer werden. Du kommst doch aus Amerika oder nicht?“

Immer noch baff, dass ihr Handy hier funktionierte, nickte sie und blickte zwischen ihrem Smartphone und Lugubelenus hin und her.

„Ich dachte, also … hier sieht alles so alt aus …“

„Die Ordensgemeinschaft ist sehr traditionell, was das angeht. Aber du befindest dich immer noch in derselben Zeit. Allerdings ist der Empfang hier wirklich sehr schlecht.“

Zwinkernd lief er etwas vor und deutete dann auf eine kleine Holzbank nicht weit vom Steg entfernt. Laut auspustend steckte sie ihr Handy wieder in ihre Tasche. Das alles hier war wirklich mehr als nur verwirrend.

„Setz dich. Ich werde Liam holen. Dann kann er dich nach Hause bringen.“

„Muss das sein? Können Sie das nicht machen?“

Genervt verzog sie ihre Miene und sah ihn bittend an.

„Ich bin schon sehr lange nicht mehr geswitcht. Wer weiß, wo wir dann landen. Außerdem ist er fortan für deinen Schutz zuständig. Es ist also nur logisch, dass er dich begleitet.“

Laut schnaufte sie aus, verschränkte ihre Arme vor der Brust und ließ sich auf die kleine Holzbank fallen.

„Na toll. Dass wir uns nicht leiden können, spielt gar keine Rolle?“

Lächelnd setzte sich Lugubelenus neben sie und sah hinaus zum Meer.

„Weißt du … Ein Hüter und sein Patron müssen eng zusammenarbeiten und zueinanderpassen. Ich denke also, ihr seid euch vielleicht ähnlicher, als ihr jetzt im Moment denkt. Sonst hätte ihn das Feuer nicht für dich auserwählt.“

„Anscheinend hat es sich einen Spaß damit erlaubt“, murmelte Flo leise und blickte ebenfalls zum Meer.

Ohne etwas dazu zu sagen, strich er ihr plötzlich liebevoll über den Rücken und stand wieder auf.

„Ich werde ihn jetzt holen. Du brauchst etwas Ruhe. Und denke daran, erzähle es niemanden.“

Schnell nickte sie ihm zu und beobachtete dann, wie er davon lief und zwischen einer Häuserreihe verschwand.

Sie hatte wirklich keine Lust jetzt auf Liam zu treffen, aber wenn sie nach Hause wollte, hatte sie wohl keine andere Wahl. Auch wenn sie irgendwie von dieser Insel zum Festland kommen würde. Das bisschen Kleingeld, das sich in ihrem Portemonnaies befand, würde niemals für ein Flugticket reichen. Ganz abgesehen davon, dass sie ewig unterwegs wäre, und sie keine Ahnung hätte, wie sie erklären sollte, wie sie einfach so nach Griechenland gekommen war. Seufzend sah sie auf ihre Handfläche.

„Hüter des Feuers“, flüsterte sie sich selbst zu, schüttelte dann jedoch ihren Kopf.

Sie wollte kein Hüter sein. Es musste doch einen Weg geben, das alles rückgängig zu machen. Wäre sie doch einfach im Bus geblieben, dann säße sie nun nicht in diesem Schlamassel.

Langsam hob sie ihre Hände, rieb sich über ihre verweinten Augen und wischte sich die getrockneten Tränen aus dem Gesicht. Lautstark begann sie sich zu räuspern. Ihre Kehle war staubtrocken. Sie brauchte dringend etwas zu trinken.

„Steh auf. Ich soll dich nach Hause bringen.“

Ruckartig nahm sie die Hände wieder herunter und sah in das grimmige Gesicht von Liam, der sich direkt vor ihr aufgebaut hatte. Machten die Leute von diesem Orden denn gar keine Geräusche beim Laufen? Wieder hatte sie nicht gehört, wie sich ihr jemand näherte.

Schnaubend sprang sie aber auch direkt auf ihre Füße und stampfte einige Schritte von der Bank weg.

„Ja. Und desto schneller, umso besser.“

Ohne etwas zu sagen, kniete er sich wieder auf den Boden und verstreute wieder dieses Pulver auf dem Boden zu einem Kreis. Als er damit fertig war, steckte er das kleine schwarze Säckchen zurück in seine Hosentasche und richtete sich wieder auf.

„Los komm her.“

„Geht das auch etwas freundlicher?“

Sie konnte genau sehen, wie er seine Zähne zusammenbiss und danach tief einatmete. Ihr passte es doch genau so wenig, wie ihm, aber war es denn zu viel verlangt, dass er wenigstens ein wenig freundlicher war? Ja, sie war ja schon irgendwie selbst schuld an dieser Situation. Aber sie konnte es doch jetzt, ganz wie es den Anschein hatte, nicht mehr ändern. Wäre sie ihm doch nur nicht hinterher gelaufen. Aber sie wollte doch dem Mädchen helfen. Sie konnte doch nicht ahnen, dass so etwas passieren würde.

„Bitte … Komm … her“, zischte er auf ein Mal durch seine zusammengebissenen Zähne hindurch und machte einen Schritt in den Kreis hinein.

„Ich wohne …“, begann Flo, stellte sich ebenfalls in den Kreis, und wollt ihm schon mitteilen, wo sie hin mussten, als sie von ihm unterbrochen wurde.

„Ich weiß, wo du wohnst.“

„Was, woher?“

Mit großen Augen sah sie ihn an, doch er machte gar keine Anstalten auf diese Frage zu antworten und hielt ihr stattdessen einfach seine Hand entgegen.

„Ist doch egal. Ich dachte, du willst, so schnell es geht zurück.“

Da hatte er auch wieder recht, obwohl sie es schon gerne wüsste. Widerwillig legte sie aber dennoch ihre Hand in seine und schloss ihre Augen. Gleich wäre sie zum Glück zu Hause. Aber dann kam ihr ein Gedanke. Wenn sie plötzlich aus dem Nichts auf offener Straße auftauchten, würde das nicht auffallen? Doch bevor sie die Augen wieder aufmachen konnte, um ihn dazu zu befragen, rief er schon dieses seltsame Wort und augenblicklich setzte wieder ein Drehgefühl ein und ihr Magen begann zu kribbeln.

Nachdem es sich wieder beruhigt hatte und auch das Schwindelgefühl wieder vorbei war, öffnete sie langsam ein klein wenig ihre Lider und erkannte das Haus ihrer Großmutter vor sich. Erleichtert öffnete sie nun ganz ihre Augen und sah sich angespannt um. Niemand war zusehen. Manchmal war es wohl doch ein Vorteil, in so einer verschlafenden Vorstadt zu wohnen.

Als sie sich sicher war, dass sie alleine stehen konnte und nicht, wie das letzte Mal umkippen würde, zog sie ruckartig ihre Hand aus seiner hinaus und lief auf die Veranda zu. Sie war allerdings noch nicht weit gekommen, als sie plötzlich am Handgelenk gepackt wurde.

„Warte. Hier.“

Schwungvoll drückte er ihr ein kleines Handy in die Hand.

„Damit kannst du uns erreichen.“

„Danke“, sprach sie verdutzt, steuerte dann aber, ohne sich herumzudrehen, die Haustür an und hoffte, dass er nicht nachher hineingebeten werden wollte.

Grübelnd, wie sie ihn davon schicken könnte, drehte sie sich dann aber doch wieder herum und blickte verwundert auf den Fußweg. Er war offenbar schon verschwunden. Konnte ihr nur recht sein.

Tief atmete sie noch ein Mal ein und betrat dann rasch das Haus. Sie durfte sich vor ihrer Familie nichts anmerken lassen. Sie hatte noch genau die Worte von Lugubelenus im Ohr. Sie durfte sie unter keinen Umständen in Gefahr bringen.

Flink steckte sie das Handy von Liam in die Hosentasche. Es war ein altes kleines Handy mit Tasten und einem kleinen Display. So eines hatte sie schon lange nicht mehr in der Hand gehabt. Ohne weiter darüber nachzudenken, schloss sie dann aber hinter sich die Haustür und schlüpfte aus ihren Schuhen heraus.

„Bin wieder da.“

Irritiert, da gar nichts zurückkam, ging sie durch den Flur zum Wohnzimmer. Ihr Bruder war noch nicht da, das hatte sie gesehen, da sein Auto noch nicht vor dem Haus stand. Auch, dass ihre Mutter noch Arbeiten war, war nichts Ungewöhnliches. Dass ihre Großmutter allerdings gar nichts sagte, das war schon seltsam. Schnell betrat sie daher das Zimmer, aber sie war nicht da.

„Vielleicht die Küche?“, überlegte sie laut und lief los.

„Granny?“, öffnete sie die Holztür, aber auch hier war sie nicht.

Flo wollte sich gerade wieder herumdrehen, als ihr ein Zettel am Kühlschrank auffiel. In null Komma nichts war sie herüber geeilt und hatte den Zettel unter dem Magneten hervorgezogen. Rasch überflog sie die Zeilen. Ihre Großmutter war bei der Nachbarin Kartenspielen. Aufatmend legte sie die Notiz auf die Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank und nahm sich eine kleine Wasserflasche zur Hand. Durstig drehte sie den Deckel ab, trank einen großen Schluck und fühlte sich gleich etwas besser.

Nachdenklich stellte sie die Flasche zurück. Dass niemand zu Hause war, verschaffte ihr glücklicherweise etwas Zeit sich zu beruhigen.

Schnellen Schrittes verließ sie wieder die Küche und spurtete in ihr Zimmer herauf. In einer Handbewegung war ihre Tasche auf das Bett geworfen und stöhnend ließ sie sich rücklings daneben fallen. Was machte sie jetzt nur? Sie sollte der Hüter des Feuers sein? Egal, wie oft sie sich das auch ins Gedächtnis rief, es wurde nicht besser. Es klang immer noch, wie ein schlechter Scherz. Seufzend rieb sie sich die Schläfen.

„Fassen wir also noch mal zusammen“, sprach sie zu sich selber und wusste nicht, warum sie plötzlich über sich selbst im Plural sprach.

Sie war Liam in das Gebäude gefolgt, hatte das Mädchen, Cleo, entdeckt, musste zusehen, wie sie ermordet wurde, dieses komische Ding, der Elementkristall verließ den Körper des Mädchens, der dann in ihrer Brust verschwand und nun sollte sie der neue Hüter des Feuers sein und Liam ihr Patron.

Quietschend raufte sie sich die Haare und sprang von ihrem Bett auf. Das Klang alles verrückt. Aber sie hatte alles mit eigenen Augen gesehen. Oder bestand vielleicht doch noch die winzige Möglichkeit, dass sie sich beim Training den Kopf gestoßen hatte und das alles, nur Hirngespinste waren?

Erneut stöhnte sie laut auf und ließ sich wieder auf ihr Bett fallen. Wen machte sie hier eigentlich etwas vor.

Nachdenklich starrte sie zur Decke herauf. Sie verstand immer noch nicht, warum Liam Cleo gefangen hielt. Sie war doch der Hüter des Feuers und beide gehörten zu diesem Orden, der darauf aufpasste, wie sie sagten. Das ergab doch keinen Sinn. Hatte er sie vor diesen Golems versteckt? Lugubelenus erzählte ja davon, dass es Menschen gäbe, die die Kristalle besitzen wollten. Aber warum sollte er sie anketten? Grübelnd tippte sie sich gegen ihr Kinn, sah weiterhin die Decke an und versuchte zu verstehen, wie das alles zusammenpassen konnte, als es plötzlich an ihrer Tür klopfte und sie erschrocken hochfuhr.

„Ja?“

Lächelnd öffnete ihre Großmutter die Tür und blieb auf der Schwelle mit der Hand auf der Klinke stehen.

„Hallo mein Kind. Ich wollte dir nur kurz bescheid sagen, dass ich wieder zurück bin.“

„Granny. Na hattest du Spaß?“

„Aber sicher. Wobei ich immer noch glaube, dass sie schummelt.“

Schmunzelnd musste sich Flo ein Grinsen verkneifen. Schon oft hatte sich ihre Großmutter darüber beschwert, dass ihre Nachbarin schummeln würde und trotzdem spielte sie immer wieder mit ihr.

„Ich werde dann mal das Abendessen vorbereiten.“

Nickend stand Flo auf und nahm ihre Tasche wieder hoch.

„Ist gut.“

Keine Sekunde später hatte ihre Großmutter die Tür wieder geschlossen und ihre Miene sich wieder verzogen.

Gedankenschwer stellte sie die Tasche auf ihren Schreibtisch ab und sah auf ihre Handfläche. Konnte sie jetzt irgendwie Feuer machen? Tief durchatmend sah sie auf ihre Hand und versuchte irgendetwas Feuriges erscheinen zu lassen. Aber egal, wie sehr sie es auch versuchte, nichts geschah. Konnte sie wenigstens das Dreieck aufleuchten lassen? Immer wieder fuchtelte sie mit ihrer Hand in der Luft herum und versuchte sich auf das Dreieck zu konzentrieren, aber außer verkrampften Fingern passierte überhaupt nichts. War das nun gut oder schlecht? Wenn sie es nicht hinbekommen würde, bestand dann noch die Möglichkeit es wieder loszuwerden? Vielleicht merkte das Feuer ja doch, dass sie die Falsche wäre, und verließ von ganz alleine wieder ihren Körper? Frustriert klatschte sie sich mit der Hand auf die Stirn und warf sich wieder auf ihr Bett. Wenn sie jemand denken hören würde, der würde sie doch sofort in ein Irrenhaus stecken. Sie dachte über Feuer, als wäre es irgendwie lebendig. Sie musste es wieder los werden. Irgendeinen Weg musste es doch geben.


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