Part 15

Müde wälzte sich Flo am nächsten Morgen in ihrem Bett herum. Die Nacht war einfach viel zu kurz. Immer wieder hatte sie versucht an Nichts zu denken, damit sie endlich schlafen könnte, aber alle Anstrengungen waren vergeblich. Ihre Gedanken fuhren Karussell in ihrem Kopf, egal was sie auch probierte.

Aber es half ja nichts, egal wie müde sie war. Sie musste jetzt aufstehen. Kurz spielte sie zwar mit dem Gedanken, heute krank zu machen. Aber verwarf diesen Gedanken auch gleich wieder. Zu Hause würde sie nur noch mehr grübeln. Die Schule lenkte sie hoffentlich wenigstens etwas ab.

Gähnend schlug sie also die Bettdecke auf, schwang ihre Beine über die Bettkante und schaltete den Wecker aus. Ihrer Familie konnte sie gestern zum Glück weitestgehend aus dem Weg gehen. Sie hatten nur kurz zusammengesessen und gegessen, sich über das heutige Spiel unterhalten, und nachdem sie einige Male von Scott deswegen aufgezogen wurde, konnte sie ohne große Erklärungen auf ihr Zimmer verschwinden.

Ihr Blick wanderte zu ihrem Schrank herüber und ein lauter Seufzer entwich ihr. Das Spiel. Heute war Spieltag. Das hieß, den ganzen Tag würde sie in der Schule schon in ihrer Uniform herumlaufen. Extra hatte sie sie dazu gestern schon an den Schrank gehängt, damit sie auch ja nicht vergessen würde, sie anzuziehen.

Heute stand sie das erste Mal als Flyer mit auf dem Platz. Das konnte ja was werden. Ausgerechnet heute. War ja nicht schon schwer genug halbwegs elegant über den Platz zu turnen. Nein, dazu kam jetzt auch noch der ganze Hüterkram, wo sie noch nicht mal eine Ahnung hatte, was das überhaupt zu bedeuten hatte. Hoffentlich merkte man ihr nicht irgendetwas an, das etwas anders wäre. Aber einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es zumindest schon mal. Ihre Familie hatte jedenfalls nichts bemerkt. Also bestand vielleicht noch Hoffnung. Andrerseits vielleicht machte sie sich auch einfach zu große Sorgen. Sie selbst fühlte sich ja nicht mal anders. Kopfschüttelnd schob sie die Gedanken jedoch schnell beiseite. Sie sollte sich jetzt wirklich schnell fertigmachen. Sonst kam sie nachher noch zu spät. Normalerweise würde sie nun nur schnell unter die Dusche springen, sich anziehen, Haare kämmen und los. Aber heute war das natürlich anders. Ihr grauste es schon davor, sich die Haare zu machen. Ein perfekt sitzender Pferdeschwanz Zopf, der natürlich nicht verrutschen durfte.

Stöhnend schlurfte sie zu ihrem Schrank herüber, nahm ihre Uniform in die Hand und verließ damit ihr Zimmer, bevor Scott nachher noch das Badezimmer besetzen würde.


Laut auspustend stand sie wenig später vor dem großen runden Spiegel wieder in ihrem Zimmer und fuhr mit ihren Fingern über den grünen Stoff der Uniform. Es war ja nicht so, dass sie grün nicht mochte, aber es war ziemlich ungewohnt im kurzen Faltenröckchen und knappen Oberteil zur Schule zu laufen. Gut, die Ärmel waren zwar lang, aber die waren weiß. Weiß! Wenn es heute Tomatensoße zum Mittag gab, wusste sie schon ganz genau, wie sie danach aussehen würde. Eigentlich verbot die Kleiderordnung an der Schule solche Outfits. Nur nicht an Spieltagen. Da war es erlaubt, also lief sie nun den gesamten Tag so herum und hoffte, dass man nicht bei jedem Schritt ihr Höschen sehen würde. Ja Okay, nicht direkt ihr Höschen, sondern diese Art Hotpants in einen wunderbaren grün, die man unter dem Rock trug, aber dennoch. Wohl fühlte sie sich nicht so ganz. Auf dem Platz und beim Spiel war das in Ordnung. Aber in der Schule, im Unterricht, war das etwas ganz anderes.

Seufzend zuppelte sie den Rock zurecht und griff nach der Bürste. Nur noch die Haare und sie war startklar. Flink kämmte sie sich ihre Mähne und versuchte etwas unbeholfen, sie in einem Zopf zu bändigen, der nicht aussah, als käme sie direkt aus dem Bett. Doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht.

Stöhnend wollte sie gerade die Haarbüste in die Ecke werfen und einfach Beth in der Schule fragen, ob sie ihr helfen könnte, als es plötzlich klopfte.

„Ja?“, brummte sie und drehte sich zur Tür, „Scott, wenn du nun anfängst …“

„Der wartet unten, keine Sorge.“

„Mum?“

Nickend betrat ihre Mutter das Zimmer und begann sofort über beide Ohren zu strahlen.

„Ach, wär ich doch noch mal jung. Lass dich ansehen.“

Regelrecht tänzelnd überwand sie die wenigen Meter, die die beiden trennten, und zupfte direkt an ihrer Uniform herum.

„Ich bin ja so stolz auf dich.“

„Wenn meine Haare nur nicht so widerspenstig wären.“

Lächelnd nahm ihr ihre Mutter die Bürste aus der Hand und deutete auf den Schreibtischstuhl.

„Na komm. Ich helfe dir. Gib mir das Haargummi.“

Dankbar drückte Flo ihr das Zopfgummi in die Hand, huschte herüber und nahm Platz. Ihre Mutter stellte sich hinter sie, bürstete ihre Haare und machte ihr in wenigen Handgriffen einen perfekten Zopf.

„Und nun die Schleife.“

„Die liegt hinter dir auf dem Schreibtisch.“

„Ich hoffe, sie bringt dir genau so viel Glück, wie mir … So. Fertig.“

Gespannt sprang Flo auf und sah in ihren Spiegel. Sie erkannte sich zwar kaum wieder, aber es freute sie, ihre Mutter so glücklich zu sehen. Zum Glück würde sie nicht sehen, was das heute für ein Desaster werden würde. Denn gestern beim Training klappte es alles andere als gut.

Eilig umarmte sie aber nun ihre Mutter und griff nach ihrer Schultasche.

„Danke Mum. Ich muss los. Nicht, dass Scott noch ohne mich losfährt.“

Geschwind eilte sie zur Tür und hatte ihr Zimmer schon beinahe verlassen, als ihr ihre Mutter noch mal hinterher rief.

„Wir sehen uns dann nachher beim Spiel.“

Abrupt blieb Flo stehen, drehte sich ganz langsam auf ihrem Absatz herum und blickte ihre Mutter fragend an. Hatte sie das gerade richtig verstanden? Hatte sie gesagt, sie würden sich nachher beim Spiel sehen?

„Was?“

Grinsend tippelte ihre Mutter zu ihr herüber, legte einen Arm um sie herum und zog sie an sich.

„Ich mache heute extra früher Feierabend und komme zum Spiel.“

Was? War das ihr ernst? Sie war doch schon ewig nicht mehr bei einem der Spiele ihres Bruders gewesen. Warum ausgerechnet heute?

„Bekommst du dann nicht ärger? Ich meine, Scott ist bestimmt nicht böse und versteht das, wenn du nicht kommst.“

„Ich will doch nicht verpassen, wie meine beiden Kinder auf dem Platz stehen. Wer weiß, wann ich das nächste Mal wieder dazu komme. Wenn ihr Auswärtsspiele habt, wird das zeitlich nicht möglich sein.“

Zwinkernd stupste sie ihr auf die Nase und sah danach auf ihre Armbanduhr.

„Ach herrje. Schon so spät, ich muss auch los. Bis später“, trällerte sie und verschwand pfeifend in Richtung Badezimmer.

Kurz sah Flo ihrer Mutter noch hinterher und stöhnte dann aus. Der Tag wurde immer besser. Dabei hatte er noch nicht mal richtig angefangen.

„Flo! Ich fahr jetzt. Dann nimm halt den Bus“, ertönte es von unten und sofort warf sie ihre Zimmertür zu und rannte zur Treppe.

„Ich komme ja schon.“

In Windeseile hetzte sie die Stufen herunter und wäre beinahe, bei dem Versuch eine Stufe zu überspringen, die Treppe herunter gefallen statt zulaufen. Gerade so konnte sie noch nach dem Geländer greifen und sich wieder fangen.

„Du machst echt eine gute Figur Schwesterchen. Zehn Punkte für diesen Sprung“, prustete Scott und schulterte seinen Rucksack.

„Haha. Sehr witzig.“

Murrend ging sie, nachdem sie unten angekommen war, in die Hocke und griff nach ihren Chucks.

„Flo.“

„Was?“

Genervt blickte sie zu ihrem Bruder auf, der nur mit hochgezogener Augenbraue auf ihre Schuhe deutete.

„Glaubst du nicht, dass das die Falschen sind?“

Fluchend warf sie die Chucks in die Ecke und griff nach ihrer Tasche. Scott hatte ja recht. Sie musste ja heute diese tollen weißen Turnschuhe tragen.

„Ja ja“, murmelte sie leise, holte die Schuhe aus der Tasche und schlüpfte herein, „Können los.“


Schmunzelnd warf Flo die Autotür, als sie ihre Freundin Beth auf den Parkplatz stehen sah, zu. Die ganze Fahrt über hatte sie mit ihr Nachrichten hin und her geschrieben, wann sie denn da wären. Weil Beth ja dringend wegen Liam mit ihr sprechen wollte. Von wegen. Sie wollte nur wissen, wann sie hier ankommen würden, damit sie, rein zufällig natürlich, so auch Scott über den Weg laufen würde. Aber eigentlich war ihr das ganz recht, wenn sie deshalb etwas abgelenkt wäre. Sie hatte keine Ahnung, was sie ihrer Freundin nun wegen Liam sagen sollte. Dass es sie nicht mehr interessierte? Eher unwahrscheinlich, das würde sie ihr nicht glauben. Keine Zeit zum Nachforschen? Sie musste sich dringend etwas überlegen. Die Wahrheit durfte sie ihr ja nicht sagen.

„Flo.“

Winkend kam Beth auch direkt auf das Auto zugelaufen und begrüßte die beiden.

„Beth“, fiepte Scott und grinsend beobachtete sie die beiden.

Ihr Bruder benahm sich beinahe, wie sie, wenn sie Riley traf. Und dann kam ihr eine Idee. Das war die Gelegenheit.

„Ich hab ganz vergessen, ich muss dringend ähm … noch mal Emma suchen. Hausaufgaben. Ich geh schon mal vor.“

Bevor die beiden überhaupt antworten konnten, flitzte sie schon über den Parkplatz zum Schulgebäude. So konnte sie unangenehmen Fragen erst mal aus dem Weg gehen und den beiden hatte sie gleichzeitig ein wenig Zeit alleine verschafft. Etwas stolz über ihren plötzlichen Geistesblitz, huschte sie lächelnd herüber zum Eingang. Prompt verzogen sich allerdings ihre Mundwinkel in die entgegengesetzte Richtung, als sie jemanden ganz bestimmten entdeckte. Liam lehnte sich mit verschränkten Armen neben der Tür gegen die Wand und schien auf jemanden zu warten. Dass er vermutlich nicht auf irgendeinen Freund warten würde, da man ihn hier nie mit jemandem zusammen sah, konnte nur heißen, dass er auf sie wartete. Vielleicht konnte sie ja einfach schnell an ihm vorbei laufen. Vielleicht bestand ja auch die winzige Möglichkeit, dass er einfach nur so da herumstand. Sie hatte nicht wirklich Lust jetzt mit ihm zu sprechen. Außerdem, wie sollte sie dies den anderen erklären, warum sie sich mit ihm unterhielt. Schulterstraffend peilte sie zügig den Eingang an, doch sie hatte die Tür noch nicht ein Mal berührt, da drückte er sich auch schon vom Gemäuer weg und stellte sich ihr direkt in den Weg. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er sie von oben bis unten und umgehend, wurde ihr noch unbehaglicher zumute.

„Schickes … Outfit.“

Sie konnte genau die Verachtung, die in seiner Stimme mitschwang, hören.

„Ja ja. Du versperrst mir mit Sicherheit nicht den Weg, um über meine Klamotten zu quatschen.“

Schnaufend verdrehte er die Augen und sah sich kurz um. Vermutlich, ob ihnen auch niemand zuhören würde. Ob er sich das Augenrollen von Stella abgeguckt hatte? Noch immer verstand sie nicht, was die beiden Mal zusammengeführt hatte. Gut, aus Stellas Sicht schon, aber er?

„Ganz sicher nicht. Also nach der Schule bring ich dich zurück nach Delos. Es gibt einiges zu klären.“

„Wie du schon so treffend bemerkt hast, trage ich heute meine Cheerleaderuniform. Und falls du nicht ganz hinter dem Mond lebst, müsstest du eigentlich wissen, dass das bedeutet, dass heute ein Spiel ist. Sprich, ich kann nicht. Und jetzt lass mich durch.“

Ungeniert drückte sie sich an ihm vorbei und betrat das Schulgebäude, aber auch dieses Mal kam sich nicht weit, denn sofort überholte er sie und versperrte ihr erneut den Weg.

„Ich glaube, dein Rumgehüpfe kann mal warten. Es gibt jetzt eindeutig wichtigere Dinge für dich.“

„Was für mich wichtig ist und was nicht, entscheide ich ja wohl immer noch selber.“

Böse funkelte er sie jetzt an und griff nach ihrem Handgelenk.

„Ich kann dich auch direkt nach Delos bringen.“

Wütend zog sie ihre Hand weg und ballte ihre Hände zu Fäusten.

„Spinnst du? Du kannst mir gar nichts befehlen. Ich komme nicht mit. Basta.“

Sie fühlte plötzlich, wie ihre Hände mit einem Mal wärmer wurden und verdutzt hob sie sie in die Höhe. Was war denn nun los?

„Bei so einem sturen Baby muss ich das anscheinend. Du hast doch keine Ahnung, was …“

Doch abrupt brach er mitten im Satz ab und blickte hinter sie. Verwundert, was er hatte, sah sie über die Schulter zurück und entdeckte Scott und Beth, die auf sie zu liefen.

„Wir sprechen noch darüber“, knurrte er und eilte den Flur herunter zu den Schränken.

Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, betrachtete sie wieder ihre Hände, die wieder ihre normale Temperatur erreicht hatten. Was zur Hölle war das denn jetzt? Das konnte ja nur etwas mit diesem Feuerding zu tun haben. Vielleicht sollte sie doch lieber mit ihm mitgehen. Aber bestimmt nicht so, wie er gerade zu ihr war. Den Gefallen würde sie ihm nicht tun. Bevor sie aber weiter darüber nachdenken konnte, standen Scott und Beth auch schon neben ihr und sahen sie verwundert an.

„Was wollte der denn schon wieder von dir?“

Nervös kratzte sie sich an ihrem Kopf. Was sollte sie ihrem Bruder denn jetzt sagen?

„Wollte er etwa wieder den Zettel von dir haben?“

Mit großen Augen sah Scott zwischen ihr und Beth hin und her und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du hast den immer noch? Ich dachte, du wolltest ihn, verschwinden lassen … Moment woher weißt du überhaupt davon?“

Irritiert blickte er zu Beth, die nur ihre Schultern in die Höhe hob.

„Flo hat es mir erzählt. Auch von den anderen Dingen.“

„Was für andere Dinge? Flo?“

Innerlich stöhnte sie auf. Musste Beth das nun erwähnen.

„Ja also das … Ich … ähm … Ach, das ist eigentlich nicht so wichtig.“

„Nicht so wichtig? Hast du ihm nicht erzählt, dass er deinen Schrank aufgemacht hat und deine Tasche durchwühlt hat?“

Konnte Beth denn nicht mal den Mund halten? Das hatte sie nun davon, dass sie ihr davon erzählt hatte. Wie sollte sie denn jetzt aus der Nummer wieder herauskommen? Aber ihre Freundin meinte es ja nur gut, das wusste sie auch. Und wäre die ganze Sache nicht mit Cleo und den Golems nicht passiert, würde sie ja noch genau so neugierig, wie sie sein.

„Stimmt das?“, fragte Scott und trat näher an sie heran, „Wenn das so ist, dann kann er was von mir erleben.“

„Ja das stimmt. Aber es ist alles geklärt. Ich gebe ihm den Zettel wieder und dann lässt er mich in Ruhe … Es klingelt gleich. Wir wollten langsam los.“

Mit einem Satz drehte sie sich herum.

„Na kommt.“

Schnellen Schrittes lief sie ein weiteres Mal heute Morgen vor den beiden davon und konnte nur noch hören, wie sie ihr fragend hinterher riefen.


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