Part 9


Eine Weile lief er mit gesenktem Kopf ziellos durch die Gassen, in der Hoffnung, auf diese Weise ein wenig Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Er war nicht darauf gefasst gewesen, sich mit dem Nachlass seines Vaters beschäftigen zu müssen. Sicher, sein Gewinn aus dem Reliquienverkauf reichte aus, um die Schulden zu tilgen, aber nur gerade eben. Allein aus dem Pfeffer, den er aus Akkon mitgebracht hatte, ließ sich keinesfalls genug herausschlagen, um neue Waren, sowie den Platz auf einem Handelsschiff kaufen zu können. Ganz zu schweigen, von Leocadia und Marliana, für die er ebenfalls sorgen musste. Und sich um einen der Schiffsplätze für verarmte Adelige zu bewerben kam überhaupt nicht in Frage. Dafür hatte er in Akkon nicht die Gefahr auf sich genommen, um seine Pläne jetzt klaglos in den Wind zu schreiben. Nein, er würde sich um einen Käufer für das Haus bemühen, und zwar so schnell wie möglich.
Zufrieden mit seinem Entschluss sah er auf, um sich zu orientieren, und stellte er fest, dass irgendeine hinterlistige Macht seine Schritte zur Rückseite der Ca´ Ferroni gelenkt hatte. Er zuckte innerlich zusammen, denn dies war der letzte Ort auf Erden, an dem er sein wollte. Verdammt. Ein fester Wohnsitz. Bei dem bloßen Gedanken wurde ihm mulmig. Was sollte er mit einem Haus, das groß genug für eine ganze Familie war, anfangen?
Er war kein Mann, der Bequemlichkeit schätzte, oder gar wollte. Herd, Heim und - Gott behüte - Liebe. Er zog ein Leben vor, in dem er nichts zu verlieren hatte.
Hastig machte er kehrt und marschierte in die andere Richtung davon, nur um sich wenig später vor dem landseitigen Eingang der Ca´Contarini wiederzufinden. Himmel! Das war ja beinahe noch schlimmer! Denn jetzt trug auch noch die Erinnerung an das erfreute Lächeln auf Helenas Gesicht zu dem Chaos in seinem Inneren bei. Seit Langem hatte ihn niemand mehr so angeschaut.
Er schloss kurz die Augen, während er mit sich rang, ob er im Kontor vorsprechen sollte oder nicht. Er wusste, dass sie ihrem Vater häufig zur Hand ging. Falls er sie nicht allein antraf, konnte er immer noch vorgeben, sich für bestimmte Waren zu interessieren. Doch dann schalt er sich selbst einen Narren. Er hatte sie über ein Jahr nicht gesehen und wusste nicht, ob sie inzwischen nicht längst verheiratet, oder zumindest verlobt war. Alles, was er mit einem Besuch erreichen konnte, war, sie in eine unangenehme Lage zu bringen.
Mach dich von dannen du Narr, befahl er sich in Gedanken. Du passt nicht in diese noble Gegend. Also verschwinde endlich.
Angewidert machte er sich auf den Weg zu seinem Boot. Er kletterte hinein, ruderte in die Lagune hinaus und setzte Segel.
Jacopos Boot war nicht da, als er zur Zeit der Non die Anlegestelle am Lido erreichte. Das war ihm ganz recht, denn der Zwang, eine Entscheidung treffen zu müssen, lag noch immer wie ein Mühlstein auf seinen Schultern. Er würde seine Tasche ins Haus bringen und einen langen Spaziergang am Strand unternehmen. Danach sah er hoffentlich klarer.
Aus alter Gewohnheit nahm er den Weg über die Mauer und durch den Garten zur Hintertür. Er betrag die Küche und blieb erschrocken stehen. Aus dem oberen Stockwerk erklang ein Heulen, das ihm den Atem stocken ließ. Joran setzte die Tasche ab, sprintete die Treppe hinauf und stürzte in die Kammer seiner Mutter.
Marliana lag vor dem Bett auf den Knien und starrte blicklos in eine Ecke des Raumes. Die Arme um den Oberkörper geschlungen wiegte sie sich hin und her und stieß dabei Laute aus, die kaum menschlich zu nennen waren.
»Mutter? Mutter, könnt Ihr mich hören?«
Sie reagierte nicht, sondern fuhr fort sich zu wiegen und Schreie auszustoßen, die ihm die Kehle zuschnürten. Er trat näher, unschlüssig, was er tun sollte. Am liebsten hätte er sie bei den Schultern gepackt und geschüttelt, doch er war sich keineswegs sicher, ob sich ihre offensichtliche Furcht dadurch nicht noch verschlimmerte.
»Um Gottes willen«, murmelte er und wandte sich ab, um in seiner ohnmächtigen Wut einige Schritte durch die Kammer zu gehen.
Wo war Jacopo, wenn man ihn dringend brauchte?
Schließlich kehrte er zu Marliana zurück, kniete sich hinter sie, umfasste sie mit den Armen und drückte sie behutsam an sich. »Mutter«, flüsterte er an ihrem Ohr. »Habt keine Angst. Niemand kann Euch etwas tun. Ich bin hier um Euch zu beschützen.«
Beim Klang seiner Stimme erstarrte sie in seinen Armen und er glaubte schon, tatsächlich zu ihr durchgedrungen zu sein. Doch sehr schnell wurde es eines Besseren belehrt. Sie heulte auf wie ein waidwundes Tier und wand sich mit solchem Ungestüm hin und her, das er sie kaum zu halten vermochte. Ihr Ellbogen traf ihn hart oberhalb des Magens und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Seine Arme sanken kraftlos herab. Marliana kroch von ihm weg und kauerte sich wimmernd in einer Ecke zusammen.
Joran hatte das Gefühl, nicht atmen zu können. Mit zusammengebissenen Zähnen lehnte er sich gegen das Bett, Funken stoben vor seinen Augen, und der Schmerz in seinen Unterleib war unerträglich.
Schritte stampften die Treppe hoch, die Tür wurde aufgestoßen und schlug krachend gegen die Wand. Jacopo warf nur einen kurzen Blick in den Raum, stieß ein angewidertes: »Nicht schon wieder«, hervor machte kehrt und war wenige Augenblicke mit einem Eimer voll Wasser zurück, das er Marliana ins Gesicht klatschte.
Die Schreie verstummten auf der Stelle.
Jacopo setzte den Eimer ab und wandte sich Joran zu. »Ihr seht ... bitte vergebt, Herr ... aber ihr seht beschissen aus. Kommt, ich helfe Euch aufs Bett, bevor Ihr ohnmächtig werdet.«
»Geht ... gleich wieder«, japste Joran. »Nur ... einen Moment.« Mit Jacopos Hilfe kämpfte er sich auf die Füße und atmete mehrere Mal vorsichtig ein und aus, bis er nicht mehr das Gefühl hatte, seine Brust sei zu eng.
»Wartet unten auf mich«, sagte Jacopo. »Ich muss Eurer Mutter helfen, trockene Gewänder anzuziehen.«
Joran verließ wortlos die Kammer und stieg langsam die Stufen hinunter. Am Fuße der Treppe entdeckte er einen Korb mit Nahrungsmitteln, den Jacopo mitgebracht haben musste. Er trug ihn in die Vorratskammer und nahm sich einen Krug Wein, mit dem er sich an den Tisch setzte. Er versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen, innerlich zu Ash´abah zu werden, nicht mehr dieses zittrige, ratlose Etwas, sondern nur noch Krieger zu sein, aber es gelang ihm nicht völlig. Der Schock des eben erlebten lähmte ihn.
Wenig später kam Jacopo die Treppe herunter. »Sie schläft jetzt«, sagte er.
Joran holte zwei Becher aus dem Regal, schenkte ein und bedeutete dem Alten sich mit an den Tisch zu setzen. Jacopo griff nach dem angebotenen Becher, leerte ihm mit durstigen Zügen und schenkte sich gleich noch einmal nach.
Joran beobachtete ihn schweigend.
»Wir brauchen eine Magd und eine Köchin«, verkündete der Alte sachlich. »So kann es nichts weitergehen.«
Joran starrte in seinen Becher. »Hat sie diese Anfälle öfter?«
»Gelegentlich«, erwiderte Jacopo. »Messèr Contarini glaubt, dass es sich mit der Zeit bessern wird.«
Joran schnaubte. »Mit der Zeit.«
»Ja. Er meinte auch, dass es helfen könnte, sie mit Dingen zu umgeben, die sie an die glückliche Zeit mit Eurem Vater erinnern.«
»So. Meint er das.«
»Nun, der Gedanke klingt für mich durchaus vernünftig.«
»Und wie stellst du dir das vor?« Joran machte eine weit ausholende, zornige Handbewegung, die das ganze Haus umfasste. »Sie haben alles mitgenommen damals, als sie in die Stadt gezogen sind, die Möbel, das Geschirr, die Bücher ... was gibt es hier noch, was an Ordelaf erinnert? Nichts!«
Jacopo betrachtete schweigend die Tischplatte. Schließlich hob er den Kopf und sagte: »Der Bankier, Messèr Pisani verwaltet das Haus am Rialto. Ihr solltet zu ihm gehen und ihm mitteilen, dass Ihr wieder in Venedig seid.«
»Ich war bei Pisani.«
»Gut. Dann hat er Euch hoffentlich die Vollmachten ausgehändigt, die Euer Vater für Euch hinterlassen hat?«
Joran erhob sich, griff nach seiner Tasche und breitete den Inhalt auf dem Tisch aus. »Das hat er, Jacopo. Aber das war nicht alles. Er hat mir auch das hier gegeben.« Er zog den Packen loser Blätter aus dem Geschäftsbuch und hielt ihn dem Alten unter die Nase.
Dieser griff zögernd danach und begann zu lesen.
»Du hast meinem Vater als Schreiber und Kanzlist gedient, folglich muss ich dir die Bedeutung dieser Liste wohl nicht erklären«, fuhr Joran fort. »Selbst wenn ich wollte, könnte ich diese Summe niemals innerhalb eines Monats auftreiben.«
Jacopo legte die Blätter betont sorgfältig auf den Tisch zurück und sah Joran betroffen an. »Davon wusste ich nichts«, murmelte er. »Ich dachte, es sei genug Kapital vorhanden, um die Zahlungen für das Haus zu leisten.«
»Falsch gedacht, mein lieber Jacopo.« Joran begann mit langen Schritten in der Küche auf und ab zu marschieren. »Das Wasser steht uns bis zum Hals.«
»Was ist mit dem Geschmeide Eurer Mutter oder der Kunstsammlung Eures Vaters? I Ihr könntet versuchen, sie ...«
»Pisani hat schon alles zu Geld gemacht, was sich verkaufen ließ«, unterbrach Joran. »Es ist nichts mehr da.«
»Wart Ihr im Haus? Habt Ihr selbst nachgesehen?«
»Wozu? Sieh dir die Aufstellung an, die Pisani beigefügt hat. Es ist nichts mehr von Wert übrig.«
»Trotzdem sollten wir uns selbst überzeugen«, beharrte Jacopo. »Habt Ihr die Schlüssel? Ja? Dann lasst und morgen früh gleich hinüberfahren und nachschauen.«
Joran stemmte sich mit den Händen auf den Tisch, senkte erschöpft den Kopf und sagte mit dumpfer Stimme: »Wir können meine Mutter nicht alleine lassen.«
»Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig«, stellte Jacopo sachlich fest. »Es sein denn wir nehmen sie mit.«
»Das ist die wohl unsinnigste Idee, die ich in den letzten Tagen gehört habe.«
»Was schlagt Ihr dann vor, Herr?«
»Das Haus wird verkauft, die Schulden bezahlt und damit hat es sich.«
»Wenn ich es richtig verstanden habe, könnt Ihr das Haus nur mit Zustimmung Eurer Mutter verkaufen«, sagte Jacopo vorsichtig. »Selbst wenn sie dazu in der Lage wäre, würde sie einem Verkauf niemals zustimmen. Sie hat das Haus immer geliebt.«
Joran hockte sich auf die Tischkante und verschränkte die Arme vor der Brust. »Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen«, erklärte er unbeeindruckt. »Der Verkauf meiner Waren bringt im besten Fall ein Fünftel von dem ein, was wir brauchen, um die Schulden zu bezahlen. Und dann? Schlag dir das Haus aus dem Kopf, Jacopo.«
Der Alte gab keine Antwort. Doch sein Blick huschte immer wieder verstohlen zur Treppe. Die Angelegenheit war demnach noch längst nicht ausgestanden, wusste Joran. Jacopo würde darauf bestehen, mit Marliana die Ca´Ferroni aufzusuchen, um die Theorie des Medicus Renier Contarini zu testen.
Joran fuhr sich mit der Hand über die Augen. Plötzlich fühlte er sich müde und ausgebrannt. Was sollte er tun, wenn sich herausstellte, dass es seiner Mutter im Haus tatsächlich besser ging? Dann blieb ihm nur die Möglichkeit, seinen Goldschatz zu opfern. Womit seine Pläne und Hoffnungen für die Zukunft endgültig zum Teufel gingen. Joran erhob sich wortlos, schnappte sich den Weinkrug vom Tisch und verließ das Haus durch die Hintertür.


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