Part 1

Die Dämmerung neigte sich bereits zur Nacht und die meisten der Versammelten rückten enger beisammen. Eine wild durcheinandergeratene Ansammlung von zerlumpten Siedlern, die sich aus den unterschiedlichsten Teilen der Marken hier zusammenschlossen.
Obwohl die nächtlichen Temperaturen bisweilen alles andere als frostig, wurden dennoch auf den frei gehaltenen Flächen, rund um die notdürftig aussehenden Wohnstätten Lagerfeuer geschürt. Zu jedweder bevorstehenden Tageswende wiederholte sich dieses Vorgehen. Sobald die Sonne hoch genug stand, sammelten die Leute ausreichend Holz, um für die hereinbrechende Dunkelheit bis zum erwachenden Morgengrauen ihr klägliches Gefühl von Sicherheit aufrecht zu halten.
Sie kamen zu meist des Nachts und hinterließen nichts als Verwüstung, Schmerz und Trauer. Vorahnungen unsteter Unsicherheit wie auch misstrauischer Blicke in jegliche Schatten waren allgegenwärtig.
Dennoch. Die Feuerstätten vermittelten zu mindest Ansätze von jenem Gefühl, welches man den Versammelten gewaltsam nahm.

Sobald die ersten zarten Flämmchen gierig an den trockenen Hölzern emporzüngelten, um sich zu einer kraftvollen Flamme zusammenzuschließen, wurden gespaltene Holzscheite drum herum aufgeschichtet. Das Feuer breitete sich so weiter aus und spendete nicht nur genügend Licht für die hereinbrechende Nacht, es strahlte auch so etwas wie Geborgenheit aus.
Das heiße Harz verströmte einen angenehm würzigen Duft. Darüber hinaus vertrieb dieser den allgegenwärtig hartnäckigen Muff von Schweiß und Unrat, der unweigerlich vorherrschte, wenn eine Vielzahl Menschen beisammenhockten. Sauberkeit und Körperhygiene galten als kaum lohnenswert und füllte niemandes Magen.
Das schwerfällige Verhalten vieler, wie auch die erheblich verschlissenen Wohnstätten, einfache Zelte, bis hin zu primitiv zusammen gezimmerte Hütten, zeugten von klar erkennbarer Armut. Der allgegenwärtige Geruch tat sein Übriges.
Nebst den wenigen gebliebenen Familienangehörigen und Vettern wie den abendlichen Erzählungen, längst vergangener Tage, blieb diesen bemitleidenswerten Seelen nichts weiter als den Dank ihres täglichen Überlebens.
Unzureichende Ernten laugten das einst stolze Volk aus. Stetig nagender Hunger, ständige Überlebensängste und der Mangel an Selbstwertgefühlen füllten die Tageswenden der Bewohner Rongards. Hungerbäuche bei Kindern und Kleinwuchs bei einigen Erwachsenen zeugten derer Unterernährung. Trotz des Strebens der Jäger bestand selten Aussicht, einen jeden mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Oft verbrachten diese mehrere Tageswenden auf der Jagd, so manche erfolglos. Mühsam angebautes Getreide gedieh nur noch auf kleinsten Ackerflächen, die sich in direkter Sichtweite der jeweiligen Siedung befanden und eine gewisse Anbaufläche nicht überschritten. Die Entscheidung darüber oblag der patrouillierenden Rotte Gouwors und ihrer aktuellen Auslegungen. Meistens viel diese deutlich geringer aus, als gemeinhin benötigt.
Wurde auf den Patrouillen nicht genügend Begehrenswertes erbeutet, marterten sie das Volk und brannten Äcker nieder.
Selbst der gegenwärtige Tauschhandel mit naheliegenden Ansiedlungen blieb nur bedingt ausführbar. Die Menschen trauten sich nur in Begleitung von Jägern, des Weges. Heuler bestreiften in Rudeln die Gegenden und hetzten frei lebende Männer wie Frauen. Diese schrecklichen Bestien gehörten zu den bösartigsten und hinterhältigsten Wolfsarten, die man in den Marken Rongards je zu sehen bekam, und entstammten einst gezüchteter Kreaturen.
Das markerschütternde Geheul eines solchen vermochte ein jeder bereits weitläufig vernehmen und raubte einem die Sinne. Größer und klüger als ein gewöhnlicher Wolf griffen sie mit schierer Schnelligkeit an, darüber hinaus waren sie für ihre kaltblütig verschlagene Grausamkeit weithin bekannt.
Um die feinen Nasen dieser gerissenen Jäger zu täuschen, rieben sich die zur Jagd ausreitenden, mit stark riechendem Bärlauch ein. Dieses auch als Gewürz benutzte Kraut wuchs in den schattigen Überhängen der Gebirge, wo die sengenden Sonnenstrahlen es nicht austrockneten.
Mutige Gelehrte wanderten durchs Land und besuchten verschiedenste Siedlungen. Für einen trockenen Schlafplatz, ein schlichtes Mahl und Verpflegung für den nächsten Wegabschnitt erzählten sie den Menschen von einst oder berichteten von Vorgängen benachbarter Stätten. Trotz knapper Rationen hielten die Leute dennoch an der traditionellen Gastfreundschaft fest und gaben gern von dem wenigen, was ihnen blieb. Wohl wissend, dass selbst dieses meist nicht zur Stillen des eigenen Hungers und dem der Familie ausreichte.
Es war einer dieser besonderen Tageswenden, als einer jener Gelehrten, in einer der unzähligen Siedlungen Middellandes, die größte Mark Rongards, eingekehrte. Vor einem Mond versprach er den Leuten wiederzukommen, um den letzten einschneidenden Auftakt seiner Erzählung zu beenden. Er hielt Wort und wurde unlängst erwartet.

Eine stattliche Menschenmenge sammelte sich um eines der zentralen Feuer, dessen Platz größer und aufgeräumter wirkte. Die Leute drängten sich eng beieinander, um dem rüstigen Alten zu lauschen.
Gedämpftes Geflüster und das Knistern der Holzscheite klangen ihm in den Ohren. Er schloss die Augen, sperrte alle Geräusche gedanklich aus seinem Gehör und erlaubte sich ein verhaltenes und zufriedenes Lächeln, bis er eine Hand auf seiner linken Schulter ruhen spürte.
»Leute reicht etwas Gerstensaft. Bevor der gute Herr Dario beginnt, wollen wir zuvor seine Kehle mit einem ordentlichen Schluck befeuchten«, erhob sich, an niemand Bestimmten gerichtet, eine rauchige Männerstimme aus der versammelten Gruppe.
»Hier, ich kann noch einen zur Hälfte gefüllten Becher geben. Es ist der letzte Rest aus meinem Schlauch, doch ich will ihn gerne anbieten«, ertönte die Stimme, einer Frau mittleren Alters, die aus einem der zerschlissenen Zelte trat.
»Meine Lieben, auch ein Schluck frischen Wassers soll willkommen sein, um meine alte Kehle geschmeidig zu halten. Behaltet das wenige an Gerstensaft für euch selbst, meine Teure.«
»Wie ihr meint.« Mit diesen Worten drehte sich die Anbietende schulterzuckend herum und verschwand in ihrem Zelt. Ein randvoll gefüllter Becher wurde ihm über die Menge hinweg gereicht. Dario griff nach dem Gefäß und genoss das kühle Nass in tiefen Zügen.
»Herr Dario, wie endet eure Geschichte? Und woher bezieht ihr die vielen Erkenntnisse des Geschehenen?«
Dankend reichte der Gelehrte den Becher zurück, setzte sich auf einen Baumstamm nahe am Feuer und ordnete gewissenhaft seine Robe, die er bereits Zeit seines Denkens sein Eigen nannte. Obwohl diese längst schmutzig ergraut und der Kragen, wie auch der Saum nur noch ansatzweise eine bläuliche Zierung aufwies, hielt er an dieser Fest. Er faltete seine dünnen feingliedrigen Finger ineinander, schaute die ebenfalls Platz nehmende Menge ermunternd an und nickte. »So lasst mich einfach beginnen, um deine Frage allen hier Anwesenden zu beantworten. Mein Wissen beziehe ich aus Texten, die ich auf der alten Insel in einer Turmruine fand. Wie ich euch bereits anfangs erzählte, reise ich regelmäßig durch die Marken. So kam ich seinerzeit auch zu jenem Eiland, um meine Wissbegierde zu befriedigen und meine Kenntnisse mit den euren zu teilen.« Er richtete seinen Blick träumend in die tanzenden Flammen des vor ihm knisternden Lagerfeuers und seine Züge wirkten gelassen. Er atmete entspannt und flach. Das Spiel der Flammen spiegelte sich in seinen Augen und malten in diesen flammende Bilder vergangener Tage. Eine Aura, die vor Wissen und unnatürlicher Macht zeugten, umgab seine Gestalt. Trotz seines fortgeschrittenen Lebensalters hielt er seinen Körper stolz und aufrecht. Weder gebeugt noch vom Gebrechen gezeichnet.
»Ja, aber ...«, begehrte ein heranwachsender Junge von allenfalls zwölf Sommern auf, als Dario nach einer gefühlten Ewigkeit nicht weitererzählte und scheinbar tief in Gedanken versunken war. Dieser wurde sogleich ermahnt. »So gebt doch Ruhe. Der gute Herr Dario mag mit seiner Geschichte fortfahren, sobald er seine Erinnerungen zurechtgerückt hat. Unterbrecht ihn nicht, sonst sitzen wir weitere Nächte hier zusammen und werden den Schluss nie erfahren«, ergriff ein Nahestehender das Wort und strafte den Knaben mit mahnendem Blick. Dieser zog entschuldigend die Schultern ein und richtete sein Augenmerk auf seine verschmutzt nackten Füßen und brummte missmutig.
Dario räusperte sich. »Ihr habt recht, bereits im Morgengrauen will ich hinunter zum Brinn reisen und die Zeit vergeht allzu geschwind. So will ich nunmehr zum Ende meiner Ausführungen kommen.« Seine Stimmlage vertiefte sich und wurde rauchiger. Auf eine nicht zu erklärende Art intensiver. »Den letzten großen Kampf. Die letzte Niederlage unseres einst stolzen Volkes. Eure Ahnen.«
Sein Blick richtete sich abermals in die Flammen und fixierte in diesen einen unbestimmten Punkt so als beobachtete er eine Szene aus weiter Ferne.

Kommentare

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    Ich habe bisher erst Kapitel 1 gelesen und das macht schon mal Lust auf mehr.

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Feenstaub

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