Part 1

So oft er sich abends zum Schlafengehen, mit der Hoffnung, der festen Überzeugung und Glauben bettete, es ließ sich einfach nicht erzwingen. Ja, wie auch.
Stets blieben ihm am Morgen darauf nur wenige Erinnerungen, an welche er sich hätte klammern können. Vikka, die alte Vettel des Dorfes meinte unermüdlich, dass sofern man nur fest genug an etwas glaube und dachte, würden einem die Ereignisse neuerlich zu teil. Nun ja, was aber, wenn es da nicht allzu viel gab, woran er festhalten konnte, um seine Gedanken dahingehend zu lenken?
Wie dem auch sei. Seit diesem ersten Mal ...
Dieses ... sonderbare wie urschöne Wirken, dieses Gefühl zu tun, wonach es jeden Freien trachtete. Alltäglich des Morgens, wenn ihn sein Tagwerk aus der Schlafstatt rief, war es ihm wie eine Moorblase. Ja, der Vergleich passte, beschloss er. Oftmals hatte er beobachtet, wie sich eine solche bildete und lange dabei zugeschaut.
Erst war es ein kleines Nichts. Es hätte so ziemlich alles sein können oder einfach nichts. Irgendwann liefen dann Schlieren über diese Erhöhung, die stetig anwuchs. Farbenfrohe Fäden, einem Schleier gleich zeichneten sich darauf ab. So modrig stinkend es auch danach immer riechen mochte ... es ging ihm um den Augenblick. Die vielen unzählbaren bunten Bilder darauf waren ihm wie diese seltenen Nächte, derer er sich verzehrte.
Manchmal waren sie ... anders wiederum ...
Egal, zurück zu zur Sache.
Wiedereinmal schalte er sich einen Narren. Wie bitte sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen, wenn er ständig abschweifte, anstatt sich zu konzentrieren? Wie viele Nächte lag er einfach so da und fragte sich, weshalb ihm die erhofften Träume fernblieben?
Wissend verzog er nebst krauser Stirn auch die Mundwinkel. Tief atmete er ein und schüttelte den Kopf. »Dann halt noch einmal auf Anfang«, murmelte er vor sich hin.
Es knarzte nicht weit von ihm entfernt. »Arryn, wenn du schon bei mir schläfst, um Morgen mit zur Küste zu kommen, dann tu es auch. Wir müssen Früh raus.«
»Ja, das mache ich. Tut mir Leid Großvater.«
Anstatt einer Antwort erhielt er ein bestätigendes Grunzen und lauschte abermals dem stöhnen der trockenen Lederstreifen, mit welcher die Betten bespannt waren.
Ighert war immer schnell zu beschwichtigen, wenn es um seinen Enkel ging. Obgleich oder gerade deswegen wusste Arryn ihn auch zu schätzen. Allen hatte er ihn unendlich Lieb, wenngleich die alte Vikka einmal erwähnte, dieser sei gar nicht sein richtiger Großvater. Sie hatte sich verplappert. Das taten vergreiste Leute oftmals, gestand ihm das Liebste, was ihm nach seiner Mutter geblieben war. Auch wenn es stimmen mochte, so schwor sich der Knabe, war er und blieb er, was er in ihm sah. Einen liebevollen Menschen, mit einem herrlich sympathischen Lächeln. Dieses erinnerte ihn an seine Mutter. Es war selten, wenn nicht sogar fast undenkbar geworden, dass diese ein solches Lächeln noch auf die Züge bekam. Allein schon aus diesem Grunde konnte es gar nicht stimmen.

Er spürte mehr, als das er es wahrlich hätte hören können. Ein Gefühl ... etwas in seinem tiefsten Inneren. Es war ein Sein, das er an sich, nicht bewusst steuerte, noch hätte können. Es gibt da diesen einen Punkt, einen Ort im Leben, den man sich am sehnlichsten wünscht; diesen hingegen niemals mit Händen fassen, noch mit Augen erfassen zu vermag. Dieser existiert rein in unserem Kopf. Dort, wo alles zusammenläuft.
Gleichwohl sein Großvater, so auch Vikka ihn von diesen Dingen erzählten und versuchten zu erklären, beharrte er felsenfest auf seine Darlegung. »Wie ein wahrhaftig Großer«, hatte die Vettel laut lachend getost. Sein Großvater jedoch musterte beide abwechselnd - mit seltsam getrübtem Blick. »Du bist noch viel zu Jung, als dass du über solch Dinge ... so ... reden solltest.«
Es schien ihm, als würde sich etwas Helles, Strahlendes, unmittelbar bei ihm aufhalten, wohl wissend, dass dem nicht sein konnte. Großvater schlief ganz in der Nähe und wachte über beider Schlaf. Seine Empfindungen machten Freudensprünge, als ihm in Bewusstsein sickerte, dass er wiedermals an diesem einen Ort der Herrlichkeiten schwelgte. Vikka behielt recht. Man muss wahrhaftig nur fest genug daran glauben und hoffen das es passiert.
Klänge erreichten sein Gehör. Eine Melodie, gespielt auf einem Instrument, welches höher ragte, als er mit seinen jungen acht Jahren gewachsen. Viele Fäden verliefen senkrecht und surrten im Takt zupfender geschmeidig weißer schimmernder Hände. Begleitend sang eine heisere klangvolle Stimme. Arryn war sich dessen nicht gewiss, ob sie mit belegtem Timbre musizierte oder nur lieblich leise vor sich hinsang. Im Endeffekt für sich allein ... oder? Egal wie sehr er es auch versuchte, der Blick auf ihre Gestalt, ihrem Gesicht, blieb ihm verwert. Er durfte in diesem Moment nur lauschen und er tat es mit Hingabe. Er glaubte, die Töne gar bis in die feinen Haarspitzen der Arme spüren zu können.
Die Musik begleitete ihn noch, als er unter seinen Füßen nichts weiter entdeckte als grenzenlose Tiefe. Nein, nicht nur das. Als wenn dies allein nicht bereits bemerkenswert genug sei. Die Luft, die er atmete, war kalt und klar. Gänzlich ohne Gerüche und Ausdünstungen, die ein Mensch überall hinterließ. In seine Ohren drängte sich ein Tosen, so als würde direkt neben ihm der gewaltige Flügel der Mühle dem Wind trotzen. Er neigte den Kopf zu allen Himmelsrichtungen, nur um endlich zu begreifen, von was er da nunmehr seit Monaten träumte. Er glaubte im Schein der Sonnenstrahlen Bedeutendes glitzern zu sehen und hielt auf einen kristallklaren See zu. Aus einem kleinen unscheinbar wirkenden Punkt wurde zusehend etwas Großes mit ausladender Spannweite. Ein graziler wie langer Hals.
Arryn wollte die Wesensart gerade benennen, sich selbst Gewissheit verschaffen, dass er über den Traum hinaus begriff, als er Unsaft gerüttelt und geschüttelte wurde.
Seine schwerfällige Art sich unbekümmert zu halten viel in sich zusammen und begann zu stürzen. Dem Boden mit aufragenden Baumbeständen näherte sich ihm unaufhaltsam. Sein Urteil würde unumgänglich sein, krachte er in die spitz zu laufenden Fichten. Wie Speere oder Lanzen standen sie aufrecht da und erwarteten auf seinen Leib.
»Arryn, Junge komm wach auf. Wir müssen los. Weiher wartet nicht auf uns.«

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