Part 32

Grob landete ich auf meinem Hintern, aber ich spürte keinen Schmerz. Alles, woran ich im Moment denken konnte, war der halbnackte Junge mit den übergroßen Flügeln auf seinem Rücken.
"Was ist los, Michael? Ist alles in Ordnung?", fragte eben jener besorgt und beugte sich zu mir herab. 
Unwillkürlich rutschte ich ein paar Zentimeter von ihm weg.
"Naja...", stotterte ich. "Erst das mit diesen... diesen bösen Geistern und jetzt bist du auf einmal ein Engel?! Ich versuche all das zu verstehen, aber wenn ich das Gefühl habe es ansatzweise kapiert zu haben, dann kommt plötzlich...sowas!", rief ich aufgebracht und deutete auf seine Flügel. 
Tom machte eine beschwichtigende Handbewegung.  "Es tut mir leid, ich ahnte nicht, dass ich dich damit so erschrecken würde.", meinte er versöhnlich. "Ich dachte nur, es würde dich beruhigen, wenn du wüsstest, dass ich immer für dich da bin und dich unterstütze. Als dein Engel ist das schließlich meine Pflicht!" 
Er setzte sich vor mir auf die graue Wolkenmasse und sah mich überzeugt und erwartungsvoll an.  Mit Unbehagen registrierte ich einige dunkle Schwaden, die zwischen uns in der Luft herumwaberten, ehe ich ihm antwortete.
"Ist schon gut. Es ist nur alles ein bisschen viel gerade. Ich bin ja froh, dass du da bist, sonst wäre ich immer noch ahnungslos da unten."
Tom lächelte dankbar und wippte mit den Flügeln. 
"Wobei...", fiel mir ein. "Ist es nicht deine Schuld, dass ich hier bin? Hättest du mich als Schutzengel nicht beschützen müssen?!", gab ich gereizt von mir. 
"Es waren zu viele. Gegen ein paar hätte ich angehen können, aber nicht gegen hunderte auf einmal.", entgegnete er. "Du warst sofort weg, die anderen Engel und ich hatten keine Zeit etwas auszurichten."
Mit Unbehagen bemerkte ich den bekümmerten Ausdruck auf dem Gesicht meines Schutzengels und ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Er machte sich bestimmt große Vorwürfe und ich hatte auch noch Salz in die Wunde gestreut... 
Ich ohrfeigte mich innerlich für meine Voreiligkeit. 
"Tut mir leid, man...", meinte ich.
"Schon gut", lächelte er gezwungen. "Ich kann deine Gedanken sehr wohl verstehen. An deiner Stelle wäre ich genauso wütend."
"Jaa, trotzdem...". nuschelte ich verlegen. "Also gut, wie genau sieht der Plan jetzt aus? Was werden wir unternehmen?" Ich wollte jetzt zum Wesentlichen kommen und sah ihn entschlossen an.
Dankbar führ die Ablenkung, fing er an zu erzählen.
"Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, ist es nicht so leicht da unten reinzukommen. Die schwarzen Seelen haben eine starke Barriere errichtet, die ein Eindringen von Außen praktisch unmöglich macht. Wir müssten zu viele Truppen auf einem Punkt versammeln, um etwas ausrichten zu können. Und das widerum würde weniger Schutz für das Jenseits bedeuten, verstehst du?"
Ich nickte. "Du rechnest mit einem Angriff?"
"Nicht direkt, aber es wäre gut vorstellbar, dass dein Gefängnis eine Falle für uns ist, eine Art Köder, der uns vom Wichtigsten ablenken soll. Während sich unsere Schergen einen Weg in das Innere der schwarzen Kugel bahnen, könnten sich die übrigen schwarzen Seelen ihrerseits zu einer Armee zusammenschließen und uns angreifen. Wir dürfen es nicht riskieren, dass es soweit kommt."
Das ergab natürlich alles Sinn, aber etwas machte mich stutzig. "Ich dachte, die Dinger lösen sich auf, wenn sie mit dem Jenseits in Kontakt kommen. Welchen Sinn würde ein Angriff dann überaupt machen?"
"Guter Einwand", entgegnete Tom, "für einzelne verlorene Seelen wäre das gar nicht möglich. Aber wenn eine ganze Armee die von uns errichtete Barrikade zerstören würde, dann wäre der Weg frei. Die Seelen all der verstorbenen Menschen, die im Jenseits Schutz gefunden haben, würden verschlungen oder von Angst und Hass zerfressen werden. Du hast ja gesehen, was dann passiert..."
"Die Seelenfresser...", murmelte ich. Alleine von dem Gedanken an die spitzen Fangzähne und die grotesk verlängerten Glieder drehte sich mein Magen automatisch um.
"Du siehst, dazu dürfen wir es auf keinen Fall kommen lassen!", rief er und schlug mit der Faust auf den Boden.
"Also wäre es vielleicht besser gar nichts gegen die Versammlung der verlorenen Seelen zu unternehmen... Dann wäre das Jenseits weiterhin ausreichend geschützt. Was sind schon ein paar Seelen wert im Vergleich zu so vielen?", entgegnete ich. Natürlich wusste ich, was das für mich selber und einige andere Gefangene bedeuten würde. Aber der Gedanke daran, vielleicht mit Grund für eine Katastrophe zu sein, die so viele Unschuldige ins Verderben stürzen würde, war weitaus schlimmer.
"Deine selbstlose Art in allen Ehren, Michael, aber das da unten ist eine ernste Beddrohung für die Menschheit.", sagte Tom eindringlich.
"Aber...", warf ich ein.
Tom unterbrach mich. "Ich weiß schon, worauf du hinauswillst. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem die Seele gestohlen wird, ist eher gering. Aber mittlerweile ist das Risiko trotzdem gestiegen, denn je mehr Seelen geraubt werden, desto größer wird die Kraft der schwarzen Geister. Denn ihr Gefangenen seid die Antriebsquelle. Eure Angst und Verzweiflung sind ihr Nährboden."
Ich starrte mit mulmigem Gefühl auf die dunkle Geschwulst unter mir. "Du meinst, das Teil wächst?"
Tom nickte. "Genau, langsam aber stetig, auch jetzt während wir uns hier unterhalten."
"Aber was können wir tun?!", meinte ich verzweifelt.
Mein Engel sah mich entschieden an. "Du meinst, was kannst du tun?"





Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media