Part 6


Roana holte ihn ein, als er gerade dabei war, seinen dunkelbraunen Hengst aus dem Stall zu führen. Peire sattelte mit zusammengepressten Lippen sein Pferd und bedachte die junge Frau mit einem bösen Blick. Roana seufzte und schüttelte ein paar Mal den Kopf.

»Rafael«, sagte sie, »du wirst die Naht wieder aufreißen.«

 Rafael ignorierte sie, griff nach seinem Sattel und hob ihn mit steifen Bewegungen auf den Rücken seines Pferdes. Roana trat eilig näher. Sie berührte ihn zaghaft an der Schulter, aber er schlug ihre Hand zur Seite und fuhr mit einer so abrupten Bewegung herum, dass sie erschrocken zurückprallte. Roanas Verwirrung verwandelte sich schlagartig in Zorn.

»Verdammt, was ist mit dir los?«, fuhr sie ihn an. »Es war keine Kleinigkeit, deine Wunde ordentlich zu nähen! Ich habe mir doch nicht soviel Mühe gegeben, nur damit du meine Arbeit mutwillig zunichtemachst!«

»Verschwinde«, sagte er kalt. Ein Muskel in seiner Wange zuckte, und für einen Moment glaubte sie, so etwas wie Hass in seinen Augen aufflammen zu sehen.

»Oh nein«, gab Roana zurück. »Ich werde nicht verschwinden. Was würde wohl Dom Gandar dazu sagen, wenn er wüsste, dass du vorhast, mich hier schutzlos zurückzulassen?«

»Was soll das?«, zischte Rafael. »Hast du etwa Angst? Oder war der Ekel vor meiner Berührung nur gespielt?«

Mit unverhohlener Abneigung starrte sie ihn an. »Du widerst mich an. Du … du verdammtes Ungeheuer!«

»Hör auf damit, Roana«, sagte Rafael. Er hatte sich jetzt wieder vollkommen in der Gewalt, und seine Stimme klang ruhig und emotionslos. »Ich will nichts mehr hören. Ich weiß, dass Dom Gandar sich darauf verlässt, dass ich seiner Bitte nachkomme, aber seine Wünsche interessieren mich nicht mehr. Ich will nicht wissen, warum du aus Rodéna fort sollst. Wahrscheinlich hat der Herzog seine Gründe, aber die sind nicht länger wichtig. Ich will nur noch, dass du verschwindest.«

»Madonna Roana hier zurücklassen?« Peire schüttelte den Kopf. »Ich habe schon einigen Unsinn von dir gehört, Rafael. Aber das jetzt übertrifft alles …« Er brach ab, als ihn Rafaels Blick traf. »Verzeih«, murmelte er. »Ich hätte mich nicht einmischen dürfen.«

»Schon gut«, sagte Rafael überraschend. »Du hast vollkommen recht. Wahrscheinlich wird sie sich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen, wenn wir sie nicht mitnehmen. Dom Gandar wäre schrecklich enttäuscht von mir und so tief bin ich noch nicht gesunken, Peire. Wir bringen sie nach Rodéna. Dort werden sie schon wissen, wie sie mit ihr fertig werden.«

Roana lächelte stumm, aber in einer Art, die Peire sichtlich erbleichen ließ. Lange, mattblonde Wimpern senkten sich wie ein Vorhang über ihre Augen. Rafael fühlt sich Gandar also verpflichtet, überlegte sie. Nicht schlecht. Das könnte von Nutzen sein.

Rafael zog den Sattelgurt fest. »Du hast gehört, was ich gesagt habe, Roana. Ich nehme an, du hast ein Pferd. Sieh zu, dass du dein Hinterteil in den Sattel schwingst, bevor …«

 »Bevor – was?«, unterbrach sie ihn. »Womit willst du mir denn drohen, Rafael? Du weißt, dass ich …«

Rafael sah sie an, und was in seinen Augen glitzerte, brachte sogar Roana zum Schweigen. Sie raffte mit langsamen Bewegungen ihr Haar zusammen und zog ihre Haube darüber. Sie fühlte sich wie betäubt von Rafaels Feindseligkeit. Nicht zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, mit einem Fluch behaftet zu sein. Jeder Mann, mit dem sie zusammentraf, brachte ihr Unglück. Und Gandar, der Einzige, bei dem das nicht so war, hatte sie im Stich gelassen. Sie wandte sich um und ging an Rafael vorbei zu Stall.

Peire lächelte wehmütig. »War es wirklich nötig, Madonna Roana so zu behandeln?«

»Nötig?« Rafael überlegte einen Moment und zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Vielleicht war es auch überflüssig.«

»Ich glaube, du verstehst mich nicht«, sagte Peire eindringlich. »Seit du dem Tod entkommen bist, hast du dich verändert, Rafael. Du bist kurz davor, auch noch den Rest deiner Menschlichkeit zu verlieren.«

»So?«, machte Rafael desinteressiert. »Bin ich das? Ich wusste gar nicht, dass ich diese Eigenschaft überhaupt besitze.«

Peire verzog gequält das Gesicht. »Rafael«, sagte er. »Ich … ich weiß, wie du dich fühlst. Aber du darfst jetzt nicht an Rache denken! Nicht in diesem Moment! Du hast mir selbst erzählt, wie viel du dem Herzog schuldest. Du kannst ihn nicht einfach im Stich lassen.«

»Und was soll ich deiner Meinung nach tun?«, fragte Rafael sarkastisch. »Mit ihr seelenruhig durch ganz Italien reisen? Aus einem Grund, den ich nicht einmal im Entferntesten durchschaue?« Er seufzte. »Dieses Teufelsweib hat mich mit dem Dolch angegriffen. Wer sagt mir, dass sie es nicht noch einmal tun wird? Irgendwann muss ich schließlich schlafen. Und du auch.«

»Dieses Selbstmitleid steht dir nicht«, murmelte Peire.

»Selbstmitleid«, wiederholte Rafael. »Vielleicht ist es das, mag sein. Aber ich will einfach nicht mehr tun müssen, was andere mir vorschreiben.«

»Du willst davonlaufen«, sagte Peire. »Du willst dich feige aus der Verantwortung stehlen, das ist alles.«

Rafael nickte. »Und wenn?«

Peire musterte ihn eine Weile wortlos. »Manchmal machst du mir wirklich Angst, Rafael«, murmelte er schließlich.

In diesem Moment trat Roana, ihren kupferroten Hengst am Zügel führend, aus dem Stall. Rafael sah sie an und brachte kein Wort heraus. Wieder regte sich in ihm dieses schmerzhafte und quälende Gefühl, das er schon nach ihrer überraschenden Reaktion auf seinen Kuss empfunden hatte.

Sie ist schön, dachte er, wunderschön, schrecklich schön, aber nicht lieblich. Ganz im Gegenteil! Sie ist eine kalte Schönheit. Diese Augen – vielleicht sind sie der Rauch einer Seele, die im Fegefeuer brennt. Und doch ist da etwas, was meine Sinne anspricht, mich verzehrt, mich blendet und sicher um den Verstand bringt …

Rafael schob den Gedanken verärgert beiseite. Er wandte sich seinem Pferd zu und zog mit sichtlicher Anstrengung den Sattelgurt noch einmal nach. Seine Wunde schmerzte höllisch, aber damit wurde er fertig. Was ihm mehr zu schaffen machte, war ein Verdacht, der sich ungebeten aber beharrlich in ihm einnistete. Er hatte das Gefühl, dass es nicht Roana war, der sein Zorn gelten sollte. Sie war ein Werkzeug, wie er. Es war Herzog Gandar, der sie beide für etwas benutzte, auch wenn Rafael vorerst noch nicht wusste, wie, oder zu welchem Zweck. Also war es Gandar, auf den er zornig sein sollte. Aber er konnte es nicht. Trotz allem war der Herzog der Mann, dem er sein Leben verdankte.

Roana schenkte den Männern ein süßes Lächeln. »Falls es den Herren genehm ist, sollten wir aufbrechen«, bemerkte sie.

Sie verließen Ahmads Besitz und führten ihre Pferde am Zügel durch den Basar. Wie selbstverständlich nahmen Rafael und Peire Roana in ihre Mitte. Sie sagte dazu kein Wort, als Peire ihr jedoch beim Stadttor in den Sattel helfen wollte, wich sie seinen Händen aus. Mit einer behänden Bewegung schwang sie sich in den Sattel und klopfte ihrem unruhig tänzelnden Pferd beruhigend den Hals. Peire und Rafael saßen ebenfalls auf. Sobald sie außer Sichtweite der Stadtwachen waren, trieb Roana ihren Hengst zu einer schnelleren Gangart an.

»Nicht so eilig, Roana«, sagte Rafael.

Roana brachte ihr Pferd zum Stehen und drehte sich im Sattel zu ihm um. »Oh«, machte sie. »Warum nicht? Willst du erst bei Einbruch der Dunkelheit in Rodéna ankommen, Herr?«

Rafael starrte sie drei, vier Herzschläge lang durchdringend an, aber Roana hielt seinem Blick gelassen stand. »Es mag zwar sein«, sagte sie, »dass wir alle nach Rodéna wollen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir auch gemeinsam reisen. Ihr würdet sowieso nicht mit mir mithalten können, also versucht es erst gar nicht.«

Sie stieß ihrem Hengst die Fersen in die Flanken und flog im nächsten Augenblick im Galopp die Straße entlang.

Ein verschlagenes Grinsen breitete sich langsam über Rafaels Gesicht. Roana auf dem dahinrasenden Hengst bot einen atemberaubenden Anblick und er beschloss, ihn noch einen Moment zu genießen. Schließlich steckte er zwei Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Der Fuchshengst blieb abrupt stehen. Roana wurde unsanft nach vorne geschleudert und rutschte halb aus dem Sattel, bevor es ihr gelang, im letzten Augenblick Mähne und Hals des Pferdes zu umklammern.

Peire warf Rafael einen verblüfften Blick zu.

»Der Fuchs ist einer von Gandars Hengsten«, sagte Rafael schlicht. »Ich habe ihn ausgebildet.«

 »Und wie ich dich kenne«, sagte Peire grinsend, »hast du ihm ein paar Kunststückchen beigebracht, von denen unsere gute Roana nichts weiß …«

Rafael nickte weise. Der Hengst tänzelte irritiert und brach immer wieder zur Seite aus, sobald Roana versuchte, sich in den Sattel hochzuziehen. Rafael ließ sein Pferd an ihr vorbeilaufen, schnippte einmal mit den Fingern und ihr Hengst trottete folgsam wie ein junger Hund hinter ihm her. Roana fluchte in drei Sprachen, während sie wütend nach dem vorderen Rand des Sattels griff und sich mühsam aufrichtete.

»Diese Schlacht hast du vielleicht gewonnen, Rafael«, sagte sie erbost. »Aber das macht nichts. Unser Krieg hat erst begonnen …«

Rafael warf den Kopf zurück und brach in schallendes Gelächter aus.


 

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