Patient Weber

Es ging gegen Mittag, Als wir mit Melina in die Klinik fuhren. Bertie hatte gerade das nicht benötigte Lösegeld wieder abgeholt. Der edle Unbekannte, der es uns zur Verfügung gestellt hatte, bestand darauf, anonym zu bleiben. Es sei auch nicht nötig, mich erkenntlich zu zeigen. Er bewundere Selinas und meine Arbeit und die Bückerstiftung sehr und meinte, wir hätten das Vertrauen verdient. Ich bat Bertie, ihm meinen Dank zu sagen und ihn zu bitten, sich an uns zu erinnern, sollte er je von uns Hilfe brauchen. Bertie lächelte wissend und meinte: "Ihr habt bereits einmal jemandem sehr geholfen, der ihm sehr nahe steht." - "Dann nehmen wir das so zur Kenntnis und helfen gerne wieder, wenn uns das möglich ist." Es freute mich, auch einmal die Früchte unserer Tätigkeit geerntet zu haben. Fanni war von Brandmayr in die Klinik zu ihrem Enkel gefahren worden.

Als ich nun auf meinen Parkplatz fuhr, fiel mir wieder ein, dass ich in knapp sieben Stunden einen weiteren Vortrag in München halten sollte. Scheinbar hatte Selina gerade der gleiche Gedanke gestreift. "Liebling, was tust du eigentlich hier. Wenn du wirklich heute noch den zweiten Vortrag halten willst, kannst du gleich mit Meli in die Chefwohnung verschwinden und dich ein Wenig hinlegen. Ich lasse dir die Karte kommen und die sollen euch das Essen bringen." - "Aber Schatz!" - "Mach mich nicht böse Liebling! Du kannst auch nachher noch kurz in dein Arbeitszimmer, ok?" - "Nur, wenn du mir beim Essen Gesellschaft leistest!" - Na gut! Erpresser!" Das Thema Tommy mieden wir beide. Ich wusste, dass der Junge noch nicht so weit war, also wollte ich nicht plötzlich vor seinem Krankenbett stehen und ihn in Verlegenheit bringen. Selina wiederum wollte mich nicht kränken, indem sie mir sagte, ich solle noch nicht zu ihm gehen. Wir taten also beide so, als kämen wir gar nicht auf die Idee, was sich der Andere denkt und wussten es doch beide ganz genau. Auch das ist eine Form der Liebe, des Respektes, den man voreinander haben sollte, der Einem bewusst macht, wie sehr man sich doch liebt... 

Ich verkniff mir also auch den Besuch meines Büros und ging mit meiner Tochter in die Privaträume. Normalerweise speisten wir, wie die meisten Angestellten in der Kantine, wenn unsere Zeit es erlaubte, gemeinsam zu essen. Es gab dem Personal das Gefühl, das wir Klinikleute ein Clan sind, der zusammengehört. Ich hatte das mit Sel so eingeführt, dass wir, wenn wir uns das Essen nicht in die Wohnung bringen ließen, genauso, wie unsere Lernschwestern um das Essen anstellten. So entstand nie das Gefühl bei unserem Personal, dass wir uns dafür "zu fein" wären. Um ehrlich zu sein, ich machte mir manchmal den Spaß, beim gemeinsamen Anstehen ein paar Worte mit den jungen Dingern zu wechseln, die dann immer knallrot wurden. Selina konnte nur darüber lächeln. Sie hatte mir vesrprochen, nach einem kurzen Besuch ihres Büros, bei Tom vorbei zu schauen und gleich danach mit uns zu essen. Maria hatten wir mit Georg zur Nachsorge geschickt. Natürlich chauffiert von einem unserer Securitys, für die es ganz normal war, das eine oder andere Mal auch kleine Botendienste oder Personalfahrten zu tätigen. Georgs Zustand hatte sich erfreulicher Weise schon deutlich gebessert.

Selina sah ihre Post durch und bearbeitete die von Ines vorbereitete Unterschriftenmappe. Danach ging sie zu dem für Tom bereitgestellten Einzelzimmer. Sie klopfte an und betrat es. Tom lag bei aufgestelltem Rückenteil auf seinem Krankenbettbett. Fanni saß bei ihm. "Hallo Selina!" Er strahlte sie an, als hätte nie etwas zwischen ihnen gestanden. Er war ein hübsches Kerlchen und vor Allem hatte er ein gewinnendes Lächeln, das Sel noch nie an ihm gesehen hatte. Er freute sich offensichtlich über ihren Besuch. Sie ging zu ihm und gab ihm die Hand. Dabei sah sie die zerschundenen Handgelenke unter den Ärmeln seines Shirts hervorblitzen. "Dieses Schwein!" entrüstete sie sich. Der kriegt auch noch sein Fett weg, dafür sorge ich! Ich habe nämlich auch noch ein persönliches Hühnchen mit ihm zu rupfen!" - "Das sieht schlimmer aus als es ist! Wichtig ist, dass er Oma nicht mitgenommen hat!" - "Sie hat es mir erzählt, Tom. Du bist ein richtiger Held. Darf ich dich untersuchen, Tom, oder ist es dir lieber, wenn ich Dr. Glimpf zu dir schicke?" - "Bist du denn gefährlicher als er?" lächelte er. "Du hast eine sehr gewinnende Art, Tom! Verführ mir ja keine Schwesternschülerin!" Als Tom sein Shirt ausgezogen hatte, zeigte sich, wie sehr seine Arme und Hände gelitten hatten. Die Handgelenke zerschunden, Unterarme und Oberarme mit Hämatomen übersät, wo die Oberarme über die Lehne gefürt worden waren, war die Haut zum Teil durchgescheuert, aber er klagte nicht über seine Schmerzen. "Aber Tom, du musst doch Schmerzen haben!" Selina blätterte im Befund. "Du hast ja kaum Schmerzhemmer bekommen, du musst ja richtig Schmerzen haben..." - "Hab ich auch, aber wenn dafür jetzt alles wieder gut wird, ertrag ich sie gern!" - "Ach du dummer Junge! Das wird auch ohne Schmerzen gut! Komm lehn dich zurück, Tom. Ich leg dir jetzt einen Zugang und verpass dir einen Schmerzcocktail, der sich gewaschen hat." Sie drückte die Klingel an Toms Bett und holte ihr Handy raus. "Michael, es dauert noch ein Wenig. Tom wurde an den Armen ganz schön zugerichtet. Er braucht eine Schmerztherapie. Ungefähr eine halbe Stunde, dann essen wir, ok? Gut Liebling!" - "Michael ist hier?" fragte Tom. "Er ist noch gestern Nacht wie ein Irrer von München heimgefahren. Er hat dafür gesorgt, dass Bertie um das Lösegeld umschaut und Max mit der Polizei kooperiert." - "Das hab ich gar nicht verdient!" Tom sah traurig zu Boden. "Wie ich das mit Michael wieder gut machen soll, weiß ich nicht..." Es klopfte und eine Krankenschwester kam ins Zimmer. "Frau Doktor?" - "Ah, Doris, wir brauchen hier Schmerztherapie, bitte holen sie alles Notwendige." - "Sofort Frau Doktor!" Fanni verfolgte still das Geschehen. Selina streichelte Toms Wange mit den Fingerrücken. "Gleich gehts dir besser Tommy!" - "Ich kann schon verstehen, dass sich Michael in dich verliebt hat!" - "Wieso das denn?" - "Deine Streicheleinheiten kommen deutlich besser, als deine Ohrfeigen... und außerdem siehst du verdammt gut aus!" - "Junge, Junge! Wenn du mich schon anflirtest, was soll dann bloß aus unseren Lernschwestern werden?" lächelte sie.

Kommentare

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    Will wissen wie es weitergeht. Weiter so Seegraf dein Text fesselt ungemein. :)

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