Die dunkle Gestalt in dem weiten, schwarzen Mantel aus derber Wolle tippte mit den Finger laut auf dem Fensterbrett, neben dem sie sich niedergelassen hatte, kurz nachdem es hereingeschneit war. Hereingeschneit bedeutet, dass wortwörtlich Schnee durch die Tür geweht wurde als sie hindurch schritt. Es war Sommer, gefühlte 30 Grad im Schatten und ein klarer blauer Himmel, wie Jean ihn sonst nur aus der Bardenas Reales kannte, wenn da die Sonne im Zenit zu stehen schien und gnadenlos auf die Wanderer herab schien. Er hatte die dunkle Figur nicht am Eindringen gehindert, sondern nur verwundert angeblickt und ein Gefühl von Bekanntschaft gefühlt.

„Du hast keine Angst, Jean? Bittest nicht, das ich dein Leben schone und dir noch den einen letzten Tag gewähre?“, die Personifizierung einer dunklen Entität kratzte sich bei diesen Worten am Kinn. Ein Geräusch, was klang wie eine Mischung aus Kratzen-über-Tafel und einem Mixer, welcher mit Steinen gefüllt war. Auf dem Herd stand eine Kanne mit Wasser und kochte friedlich vor sich hin, hatte es aber seit dem Eintreffen der Erscheinung schwerer, auf die gewünschte Temperatur zu kommen. Endlich hatte er es geschafft und pfiff, wie ein ausfahrender Zug. Das Teewasser war fertig. Jean goss es in zwei separate Tassen und reichte eine davon seinem Gast. „Nein“, erwiderte er „Hab ich nicht, werde ich nicht. Warum auch. Ich habe noch nie von jemandem gehört, du würdest sowas machen.“ Der in schwarz nickte und pustete, wie zum Henker auch immer, auf seinen Tee. „Du hattest auch keine Angst, als ich deine Eltern und dann auch noch deine Frau geholt habe. Ich dachte du wärst krank, verrückt, blöd im Schädel. Aber dabei“ er hielt inne, nahm einen effektvoll langen Schluck, atmete hörbar aus und stellte die Tasse noch effektvoller ab, wobei er die Hände vor dem Gesicht faltete „aber dabei bist du einfach nur zu tiefst realistisch und auch ein wenig masochistisch. Gruslig. Ich würde dich ja bemitleiden, aber mir fehlt irgendwie die Lust dazu.“ Jean zuckte nur mit den Schultern

Sie saßen sich so noch eine Weile gegenüber. „Also“, setzte der Knochenschädel wieder an „Was willst du machen. Noch Lust auf ein kleines Spiel? Der Erfahrung nach, mögen es die Leute, Schach zu spielen.“

„Hat jemals einer gegen dich Schach gespielt, der es auch konnte, und nicht einfach aus reiner Verzweiflung zu den Figuren gegriffen hat?“

„Nein. Die Schachmeister gehen oft sehr freiwillig mit. Satiriker und Kabarettisten auch. Kishon war eine echte Wohltat als Patient.“

„Tatsächlich?“

„Nein, aber wenn ich den Leuten sowas erzähle funktioniert es in der Regel besser.“

„Mich wundert es schon die ganze Zeit, das wir so lange miteinander reden, ich dächte, bei sieben Milliarden Menschen hättest du es, nunja, eilig.“

„Guck mal zu der Fliege. Siehst du es? Wie sie so wunderbar in der Luft steht?“

„Ich verstehe.“

Die Leichengestallt stand auf und stöhnte, als sie den Rücken durchdrückte und sich streckte. Es knackte hörbar und auch etwas widerlich. Die Tasse in der Hand ging sie zu dem Tresen hinüber und stellte sie ab, drehte den Wasserhahn und wusch die Teereste heraus. „Deine mach bitte allein sauber. Ich achte auf Sauberkeit, aber bin kein Wohltäter.“ Jean musterte die Gestalt von oben bis unten. „Bist du…Bist du eigentlich ein Mann, oder eine Frau?“ Das Knochengesicht versuchte vergeblich, beleidigt auf ihn herab zu blicken und machte schließlich nur einen *PFF* laut. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“, erwiderte sie. „Naja. Nichts. Aber man nennt dich immer ‚Der Schnitter‘, ‚Der Sensenmann‘. Stets die männliche Form. Aber stimmt das auch?“ Die schwarze Gestalt zuckte müde mit den Achseln und seufzte innig. „Von mir aus. Also…wenn du so willst, bin ich streng genommen die Personifizierung der Abbildung der Phantasien der Menschheit. Bei euch in Europa trag ich eine Kutte und eine Sense. Frag aber lieber nicht, wie ich auf dem burning man aussehe…Ich kannte so viele Leute da…so peinlich“, den Kopf in die Hand gestützt, schüttelte es den selbigen und ließ sein ganzes Skelet klickern und klackern „Aber was das Geschlecht angeht, so habe ich keins. Nur die Knochen und eine transzendente geistige Matrix, welche meine persönlichen Eigenschaften definiert.“ Jean gab nicht auf: „Es ist ganz einfach. Hast du den Knochenbau eines Mannes, oder einer Frau?“ „Jetzt reicht es mir aber langsam. Was interessiert es dich?“, fuhr ihn Gevatter*in an.

„Ich find es gut, so wie es ist. Betrachte es von der Perspektive“, Jean stand mit dem*die Tod vor seiner kleinen Hütte, jeder mit einem Glas kräftigen Regent in der Hand „Was Emanzipation angeht bist du ein regelrechtes Vorbild. Wir haben das 21. Jahrhundert. Wer sich daran stört von einer Transsexuellen Personifikation der Ängste der Menschheit ins Totenreich geführt zu werden, der hat in erster Linie ein Problem mit sich selber, und nicht mit dir.“ Die Sonne lies ihre Strahlen durch die Wipfel der Bäume gleiten und in der gefrorenen Zeit konnte man jedes einzelne, vom Wind herabgewehte Blatt genau erkennen und studieren. Seine Maserung, wie es Wuchs und wie die Chloroplasten in seinem Inneren die Photonen zu Energie umwandelten.

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