Prolog

Applaus und Jubel drang gedämpft an meine Ohren als die Band vor uns die ersten Akkorde spielte. Die Luft vibrierte um mir im Takt der Musik. Die Wärme der Scheinwerfer erhitzte die Luft. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren. Ich starrte auf meine zitternden Hände. Gleich war es so weit. Nur noch wenige Minuten.

Sanft strich eine Hand über meine Haare. Überrascht zuckte ich zusammen und hob meinen Kopf.

Meine Augen trafen im Standspiegel vor mir auf Haselnussbraune. Das Spiegelbild öffnete den Mund.

„Wir müssen das nicht tun,“ flüsterte mir meine beste Freundin ins Ohr. „Wir können auch gehen, Amy. Wenn es für dich zu schwer ist fahren wir nachhause. Niemand würde es dir übelnehmen.“

Ich starrte in den Spiegel. Betrachtete voller Abscheu wer mir entgegen sah: Strähnige Haare die ins aschfahle Gesicht hingen. Unter dem zotteligen Haaren starrten mir gerötete Augen ohne Glanz entgegen. Ungläubig hob ich meine Hand und berührte meine Wange. Das Mädchen im Spiegel machte es mir nach. Geschockt hielt ich inne: Das Schreckgespenst im Spiegel war ich.

Fassungslos glotzte ich in den Spiegel. Nach einigen Minuten bewegte sich der Kopf im Spiegel. Es dauerte einige Minuten bis ich verstand das ich den Kopf schüttelte. Meine Gesichtszüge hatten sich verhärtet. Entschlossen drehte ich mich vom Spiegel weg.

„Nein,“ antwortete ich. „Wir werden diese Show gewinnen, Cassy. Und wenn es das letzte ist was ich tue. Aber dieses Schwein wird nicht gewinnen. Nicht solange wir es verhindern können.“

Unsicher betrachtete mich meine beste Freundin. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Dann gehen wir raus und rocken diese Bühne,“ schmunzelt sie. „Aber zuerst zeigen wir diesem Idioten was ihm entgeht. Ich möchte dich nicht beleidigen aber du siehst schrecklich aus.“

Cassandra nahm eine Bürste in die Hand und begann meine Haare zu bürsten.  Nach einigen geübten Handgriffen von ihr, etwas Make-up, Lidschatten und Mascara stand ich wieder mir selbst gegenüber. Mein schwarzes Haar glänzte und war glatt, meine braunen von langen schwarzen Wimpern umrandeten Augen sahen mir kämpferisch leuchtend entgegen und meine Wangen waren rot vor Aufregung. Zufrieden nahm ich den Lipgloss vom Tisch als sich hinter mir die Tür öffnete.

„Wieder unter den Lebenden?“ stichelte Chris, doch in seinem Gesicht sah ich Erleichterung aufblitzen.  Er hatte seine Partnerin zurück. Zufrieden betrachtete er Cassy’s Werk.

„Dachtest du ich ließe mich von so etwas aus der Bahn werfen?“ gab ich zurück.

Er rollte spielerisch mit den Augen. Seine blonden Haare glänzten im Licht der Lampen.

 „Süße du warst nicht nur neben der Spur: Du warst ein wandelnder Zombie.“

Schockiert öffnete ich den Mund. „Du bist ein richtiger Gentleman, Chris.“ Aber er hatte Recht.

Chris zuckte nur mit den Schultern. „Nun? Mit welchen Songs heizen wir den anderen ein?“

Ungeduldig schaute er in die Runde. Zerknirscht blickte ich zu Cassandra die mich ebenfalls abwartend ansah.

„Sag mir nicht das du die Songs vergessen hast,“ warf er ein, doch als er mein zerknirschtes Gesicht sah rollte er mit den Augen. „Das darf doch alles nicht wahr sein. Das ist unsere Chance, Amelia, das ist dir doch wohl klar oder? Wir müssen nur noch diese drei Songs über die Bühne bringen und mehr Punkte holen als Austin und seine Truppe, dann haben wir es geschafft. Dann haben wir das von dem wir immer geträumt haben: Einen Plattenvertrag bei Unique Records.“

„Lass dir das nicht von diesem Idioten vermasseln. Du hast es verdient,“ warf Cassy ein und nickte mir aufmunternd zu. „Wir haben das verdient.“

„Von welchem Idioten redet ihr? Doch nicht von mir, oder?“ wollte Chris wissen und schaute von einer zur anderen. Cassy und ich begannen zu lachen. Chris hatte keine Ahnung.

„Du bist zwar auch ein Idiot, aber nein,“ stellte ich prustend klar. „Wir reden nicht von dir.“

Nachdenklich zog er die Stirn in Falten. „Ich muss das nicht verstehen, oder?“ fragte er Cassy.

„Nein, das musst du nicht verstehen,“ stellten Cassy und ich lachend klar.

Erleichtert atmete er aus. „Gut.“

Kurze Zeit war es still in dem kleinen Umkleideraum. Während ich mich nachdenklich im Spiegel musterte und mit einer Strähne meiner Haare spielte während Cassy sie zu einem Zopf bannt.

„Nun? Ich will dich wirklich nicht drängen, aber… uns läuft die Zeit davon und… wir können schlecht ‚Alle meine Entlein‘ spielen,“ gab Chris zu bedenken und sah mich im Spiegel abwartend an.

Ein glucksen ertönte. „Alle meine Entlein trifft auf E-Gitarre: Super Kombination.“

„Es wäre Witzig wenn nicht so viel davon abhängen würde, Cassy,“ grummelte er und wandte sich dann wieder an mich. „Also du brillantes Gehirn, du Naturgewalt unter den Frauen. Lass uns an deinen vor Ideen schäumenden Gedanken teilhaben: Was spielen wir? Sag uns eine Setliste. Bitte,“ fügte er fast flehend hinzu, seine Augen im Spiegel auf mich geheftet.

Nachdenklich sah ich wieder in den Spiegel. Cassandra hatte gute Arbeit geleistet: Von den verheulten Augen und den roten Spuren die die Tränen auf meinen Wangen hinterlassen hatten, war nichts mehr zu sehen. Meine zotteligen Haare hatte sie zu einem kunstvollen Zopf gebunden so dass mein strähniges Haar seidig glatt wirkte. Trotzdem wirkte ich müde und ausgelaugt. Der Glanz in meinen Augen fehlte auch. Die Frau im Spiegel wirkte abgeklärt. Das unbeschwerte war verschwunden.

„Wir bringen ein Duett“ hörte ich mich sagen während ich den Blickkontakt zu dem Blondschopf suchte der mich geschockt betrachtete. „Du und ich, wir singen ‚Just a Fool‘.“

„Aber… das haben wir doch nur einmal probiert,“ nervös schluckte er. „Bist du dir vollkommen sicher, dass das eine gute Idee ist?“ In seinem Blick sah ich Unsicherheit. Den Gesangspart übernahm er immer ungern, das wusste ich. Doch ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Ich nickte nur.

„Das wird wundervoll als erster Song,“ schwärmte Cassy und blickte träumerisch auf uns.

„Nein. Wir beginnen mit einem anderen. ‚Just a Fool‘ wird als zweites gespielt,“ bestimmte ich. „Außerdem ‚Just like a Pill‘.“ In meinem Kopf surrte es. Ein Plan nahm Gestalt an.

Meine Freunde starrten mich betroffen an.

„Als Opener?“ fragte Cassy verständnislos.

„Nein,“ ich schüttelte betrübt den Kopf. Warum verstanden meine Freunde mich nicht? Es würde mein großes Finale werden. „Als Finale…“

„Und als Opener? ‚I am the Fire‘?“ probierte der Blonde vorsichtig.

„Nein, das passt nicht,“ Ich schüttelte den Kopf. Eine Melodie schwirrte mir durch den Kopf. Ja, das ist es! Das wird mein Finale! Fantastisch! Dachte ich mir.

„Was möchtest du dann spielen?“ fragte er haareraufend. „Du machst mich heute noch verrückt.“

„Ich dachte das würde sie immer,“ stänkerte Cassy augenzwinkernd.

„Ihr versteht nicht: Ich kann nicht einfach etwas singen,“ stellte ich klar und betrachtete mich wieder im Spiegel. Die Nieten meiner ausgewaschenen schwarzen Jeans glänzten im Licht. Mein schwarzes Lieblingstop war ebenfalls mit Niete bestückt, genauso wie meine Ledernen Ankle Boots: Ich war durch und durch eine Rockerin. Doch wer sagte das Country nicht auch Rockig sein könnte? Ich würde es heute Nacht beweisen. Und ich würde es mir beweisen. Ich war es Wert.

„Unser Siegersong wird ‚Naked‘ sein,“ sprach ich weiter. „Und als Opener…“ Ich zögerte.

„…‘Vice‘“ hauchte ich.

Ich beobachtete wie sich Chris Augen geschockt weiteten.

„Du bist verrückt. Vollkommen übergeschnappt,“ stammelte er.

Ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit. Ja, ich war verrückt. Aber was soll‘s.

„Du wirst schon sehen: Wir werden den anderen den Arsch versohlen,“ Ganz besonders einem, fügte ich höhnisch Grinsend in Gedanken hinzu. Doch das behielt ich für mich.

„Lasst uns diese Bühne rocken und den Pokal nachhause bringen,“ munterte ich ihn auf. Seufzend nickte er. Zusammen verließen wir den Umkleideraum und traten zu den anderen Bandmitgliedern hinter die Bühne und warteten auf unseren Gig. Wenige Minuten später war es so weit: Wir waren dran. Kampfbereit trat ich auf die Bühne als der Moderator uns ansagte. Scheinwerferlicht blendete mich. Unter ungeduldigem Applaus trat ich bis zum Mikrofon und setzte mich auf den Hocker. Ich schloss die Augen und wartete bis es vollkommen Still war. Das Mikrofon knackte als ich Luft holte und die ersten Takte sang: ‚Stay as a needle dropping on a vinyl. Neon singer with a jukebox title full of heartbreak. 33, 45, 78. When it hurts this good you gotta play it twice. Another vice.‘

Die Gitarre heulte auf als Chris die ersten Töne anstimmte. Ich öffnete die Augen als tobender Applaus begann. Glücklich sah ich zu Chris der mich anlächelte. Ich war zurück wo ich hingehörte.

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