Prolog

~ September 2018 ~

»Chris!!!«, die durchdringende Stimme von Jake Mcforest schallte über den Hof des kleinen Reitstalls, den er mit seiner Familie betrieb, und ließ seinen Sohn Christopher zusammenzucken.

Dieser warf gerade den letzten Ballen für die Abendfütterung vom Heuboden in die Stallgasse des Verkaufspferdetraktes, als der Ruf seines Erzeugers sich schmerzhaft in seine Ohren bohrte. Tief durchatmend stieg der junge Mann die Leiter hinunter und lauschte. Er wünschte sich, dass sein Vater hinüber ins Haus gehen und ihn in Ruhe lassen würde, aber er wusste, dass das nicht passieren würde. Seufzend schnitt der junge Mann die Ballen auf, um das Futter in gleichgroße Rippen zu unterteilen, als die schwere, hölzerne Stalltüre aufflog und unsanft gegen die Wand krachte. Erneut zuckte Chris, wenn auch heftiger als zuvor, riss sich aber zusammen und fing an, das Heu in den Boxen zu verteilen.

»Verdammt, Sohn, wo bist du?«, schnauzte der dunkelhaarige Mittfünfziger und betrat das Gebäude.

»Na, hier. Wo sollte ich wohl sonst sein, Dad?«, erwiderte der junge Mann zaghaft und schaute über eine der Boxentüren. Selbst auf die Entfernung konnte er die Alkoholfahne riechen, die von seinem Vater ausging. Angewidert verzog Chris für einen Moment das Gesicht. Natürlich, es war früher Abend und sein Erzeuger kam, wie jede Woche, frisch aus dem Pub im Nachbarort. Dort verbrachte er seit Jahren seine Freitagnachmittage und wenn er wieder nach Hause kam, war er meistens voll wie tausend Mann und ließ dann seinen aufgestauten Frust der Woche an seiner Familie aus. Manchmal traf es seine Frau, doch meistens musste sein Sohn, Christopher, herhalten. Unzählige blaue Flecke hatte der junge Mann schon davongetragen, doch das war nicht das Schlimmste. Er würde lieber jede Art der Prügel ertragen, wenn dafür der Missbrauch aufhören würde, den er seit seinem vierzehnten Lebensjahr erdulden musste. Und gegen den Chris sich nicht aufzulehnen traute. Nicht mehr! Er hatte es einmal versucht und Jake Mcforest hatte seinen Sohn danach fast tot geschlagen. Chris’ Mutter wagte sich auch nicht einzugreifen, so eingeschüchtert war sie. Und so ertrug der junge Mann die Misshandlungen. Sein einziger Trost waren die Pferde.

Auch jetzt schwante ihm nichts Gutes, als sein Vater auf ihn zu schwankte und sich vor ihm aufbaute.

»Dann antworte mir gefälligst, wenn ich dich rufe, verdammter Rotzbengel. Ich weiß genau, dass du mich gehört hast. Oder willst du, dass ich sauer werde?« Die Stimme seines Erzeugers bekam einen gefährlichen Unterton.

Augenblicklich versteifte Chris den Rücken. Seinen Vater zu verärgern, das war niemals eine gute Idee.

Der Alte nahm das Kinn seines Sohnes zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang ihn so, ihn anzusehen.

Chris fing an zu zittern. »N-Natürlich nicht. E-Es tut mir leid«, erwiderte er leise.

»Das sollte es auch«, knurrte sein Vater und drehte ihn unsanft um, zwang ihn, sich über die halbhohe Boxentür zu lehnen. Chris erstarrte, konnte aber nicht anders, als das zu tun, was Jake von ihm verlangte. Er krallte die Fingernägel in das Holz, als der Alte die Arme um ihn legte und anfing, an der Hose seines Sohnes herumzuhantieren. Jake öffnete die drei Knöpfe und zog Chris die Jeans samt Boxershorts herunter. Der junge Mann biss sich auf die Unterlippe, immer noch unfähig, sich zu bewegen. Er hörte ein klickendes Geräusch, als sein Vater seinen eigenen Gürtel öffnete und wie er den Reißverschluss nach unten zog.

Chris schloss die Augen und versuchte sich, wie jedes Mal, auf etwas Schönes zu konzentrieren. Versuchte auszublenden, was sein eigener Vater ihm antat. Mehr konnte er nicht tun, denn niemand war da, der ihm hätte helfen können.

Seine jüngere Schwester, Emma, lebte und studierte seit zwei Jahren in London und kam höchstens an Weihnachten nach Hause und seine Mutter war, wie an jedem ersten Wochenende im Monat, bei ihrer Schwester in Aberdeen.

Der nächste Ort war ein paar Kilometer entfernt und die Jugendlichen, die zweimal pro Woche zur Reitstunde kamen, ließen sich abends hier nicht blicken, denn sie wussten, dass Jake Mcforest sie zum Teufel jagen würde.

Fremde verirrten sich nur auf den Hof, wenn mal wieder ein Pferd zum Verkauf stand. Und sich selbst zur Wehr zur setzen, diesen Gedanken hatte der Alte bei seinem Sohn von Anfang an im Keim erstickt. Damals, im Sommer, als Chris mit vierzehn Jahren seine erste Liebe kennengelernt hatte. Thomas, einen achtzehnjährigen Jungen, der auf dem Hof seine Ferien verbrachte, was damals noch zum Angebot des Reitstalls gehört hatte. Die beiden waren unzertrennlich gewesen und mit Tom hatte Chris seine ersten Erfahrungen gesammelt. Leider war sein Vater dahinter gekommen und hatte ihm damit gedroht, ihre Liebe auffliegen zu lassen, wenn Chris ihm, Jake, nicht gefügig sein und gegenüber anderen absolutes Stillschweigen darüber bewahren würde.

So schwieg Chris und ließ es über sich ergehen, wenn sein Vater sich immer wieder an ihm verging.

Als er älter wurde und die Beziehung mit Tom der Vergangenheit angehörte, drohte Jake ihm dann damit, dass er sich an Emma vergreifen würde, wenn der Junge je auf die Idee kommen würde, sein Schweigen zu brechen. So schob Chris jeden noch so kleinen Gedanken daran beiseite, sich zur Wehr zu setzen.
Wie auch jetzt, wo er einfach nur da stand und es ertrug, die Nägel in das Holz der Tür gekrallt, die Augen geschlossen und den nach Alkohol und Zigaretten stinkenden Atem seines Vaters im Nacken. Chris biss die Zähne zusammen, als der Alte sich mit Gewalt in ihn schob und Tränen liefen ihm über die Wangen, als dieser sich hart und rücksichtslos in ihm zu bewegen begann. Tränen des Schmerzes und der Scham.

Nach einer Viertelstunde, die Chris wie eine Ewigkeit vorgekommen war, ließ Jake endlich von seinem Sohn ab und zog sich schwer atmend seine Hose wieder hoch. Ohne den jungen Mann noch eines Blickes zu würdigen, verließ er zufrieden vor sich hin pfeifend den Stall.

Chris blieb noch einen Moment wie festgewachsen stehen und lauschte den sich entfernenden Schritten. Dann gaben seine Beine nach und er sackte auf dem kalten Boden der Stallgasse zusammen.

Wie lange er dort zusammengekauert gehockt hatte, vermochte er nicht zu sagen. Irgendwann ging ein Ruck durch seinen Körper und langsam stand er auf. Er zog sich mit immer noch zittrigen Fingern wieder an und wischte sich mit dem Shirt die Augen trocken. Dann bückte er sich, hob angewidert das Kondom auf, das sein Vater achtlos auf den Boden geworfen hatte, und entsorgte es. Anschließend schlich er in Richtung der Koppeln, die sich unmittelbar an das Stallgebäude anschlossen, um die Pferde herein zu holen. Sein Vater hatte ihm dieses Mal richtig übel zugesetzt und jeder Schritt war eine Qual für den jungen Mann.

Nachdem alle Pferde in ihren Boxen waren und ihre Nasen im Heu vergraben hatten, machte Chris sich auf den Weg hinüber zum Wohnhaus. Er betete still vor sich hin, dass sein Vater eingeschlafen war oder zumindest keine weiteren perversen Gelüste mehr haben würde, denn es war durchaus schon vorgekommen, dass Chris mehr als einmal hatte herhalten müssen, wenn sein Alter betrunken war. Doch dieses Mal schien das Glück auf Christophers Seite zu sein. Als er leise den Flur betrat, hörte er das Schnarchen seines Erzeugers aus der angrenzenden Wohnstube. Chris schlich in die Küche, holte sich eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und stieg dann die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort oben hatte er sein eigenes, kleines Reich, bestehend aus einem Wohn-, Schlaf- und Badezimmer.

Der junge Mann schloss die Türe hinter sich und verriegelte diese, um zu vermeiden, dass sein Vater womöglich doch auf einmal im Raum stehen würde.

Chris wollte nur noch unter die Dusche. Er fühlte sich schmutzig - und nicht nur von der Arbeit im Stall. Es kam ihm so vor, als könnte er den Geruch von Alkohol und Zigaretten immer noch an sich wahrnehmen. Urplötzlich wurde ihm übel und er schaffte es gerade noch, ins Bad zu stürzen. Nachdem er sich in die Toilette erbrochen hatte, erhob er sich mit zitternden Knien und ging hinüber zum Waschbecken. Er putzte seine Zähne, um den widerlichen Geschmack in seinem Mund loszuwerden und zog sich dann aus - seine Sachen warf er achtlos auf den Boden.

Als er endlich unter der Brause stand und das heiße Wasser über seinen geschundenen Körper lief, stieg mit einem Mal ein unbändige Wut in ihm hoch.

So ein Gefühl hatte er bisher noch nicht verspürt. Es waren immer nur Scham und Angst gewesen, die ihn beherrscht hatten. Scham, wenn sein Erzeuger sich wieder einmal an ihm vergriffen hatte und Angst, was der Alte tun würde, wenn Chris ihn nicht machen lassen würde. Der junge Mann schlug mit der Faust gegen die Fliesen und riss sich dabei die Haut über den Knöcheln auf.

Ein Rinnsal Blut lief an der Wand hinunter und wurde vom Wasser weggespült.

»Ich kann das nicht mehr«, keuchte er und spürte, wie die Wut sich mit Verzweiflung mischte, »das muss aufhören.«

Doch das war leichter gesagt als getan. Chris hatte keine Ahnung, wie er aus dieser Lage herauskommen sollte. Dabei hatte er weniger Angst um sich, denn selbst der Tod erschien ihm im Moment gnädiger als diese Tortur weiter ertragen zu müssen , als um seine Mutter und vor allem seine Schwester. Emma mochte nicht mehr in der Nähe wohnen, aber Chris traute seinem Vater alles zu. Sein Jähzorn war unbeschreiblich. Und London war nicht aus der Welt. Es musste einen Weg geben, ohne andere in Gefahr zu bringen ...

Nach dem Duschen versorgte der junge Mann die Wunde an seiner Hand mit etwas Salbe und einem Verband, schlüpfte in eine saubere Jogginghose sowie ein Shirt und setzte sich mit seinem Laptop auf das Bett. Nachdem er eine Weile durch die sozialen Netzwerke gesurft war und mit einem Kumpel in London gechattet hatte, klappte er den Computer zu und ließ sich auf den Rücken fallen. Während Chris an die Zimmerdecke starrte, fing mit einem Mal sein Magen lautstark an zu knurren. Sich etwas zu essen mit rauf zu nehmen, daran hatte der junge Mann gar nicht gedacht.

Er überlegte einen Moment, ob er, um sich ein Brot zu schmieren, noch einmal hinunter gehen oder lieber oben bleiben sollte.

Schließlich setzte er sich mit einem leisen Seufzen auf, denn sein Magen krampfte schon leicht vor Hunger.

Chris erhob sich, ging hinüber zur Zimmertür und schloss diese auf. Leise schlich er die Treppe herunter. Als er am Wohnzimmer vorbeikam, hielt er einen Moment inne und lauschte. Es war totenstill. Kein Schnarchen war mehr zu hören, aber auch sonst keine Geräusche, die darauf hingedeutet hätten, dass sein Erzeuger vielleicht mittlerweile wach war. Vorsichtig schob der junge Mann die angelehnte Tür auf und linste in den Raum. Sein Vater saß in dem alten ledernen Fernsehsessel und schien tatsächlich immer noch zu schlafen. Eins von seinen Gewehren lag auf dem schweren Esstisch aus Eichenholz, sowie noch ein paar Dinge, die der Alte brauchte, wenn er auf die Pirsch ging, was am morgigen Samstag wieder der Fall sein würde. Jake musste also zumindest zwischendurch wach gewesen sein, um alles für den Jagdausflug vorzubereiten.

Gerade als Chris sich wieder zurückziehen wollte, schlug sein Vater mit einem Husten die Augen auf und sah seinem Sohn ins Gesicht. Der junge Mann blieb in der halb geöffneten Tür stehen. Er war unfähig, sich zu bewegen und starrte sein Gegenüber an, das sich nun, mit einem verschlagenen Grinsen auf den Lippen, aus dem Sessel erhob und langsam auf ihn zu kam.

»Was machst du hier? Hattest wohl noch nicht genug heute? Möchtest noch Nachschlag haben, hmm?« Jake Mcforest umfasste den Arm seines Sohnes und zog ihn unsanft ins Zimmer. Mit einem derben Stoß beförderte der Alte Chris in Richtung des Tisches und folgte ihm dann. Der junge Mann prallte mit der Hüfte gegen die Kante und konnte ein Zischen nicht unterdrücken, als ein brennender Schmerz durch seinen Unterkörper fuhr.

Sekunden später spürte er, wie sein Vater sich gegen seinen Rücken presste und Chris biss sich auf die Lippe. Seine Gedanken rotierten. Sollte er wirklich die gleiche Tortur noch einmal über sich ergehen lassen müssen wie am frühen Abend im Stall? Als ob sich ein Schalter in seinem Hirn umgelegt hätte, drehte der junge Mann sich herum und stieß seinen Vater von sich.

»Fass mich nicht an!«, keuchte Chris und ballte die Hände zu Fäusten.

Jake stolperte ein paar Meter rückwärts, während sein Sohn mit zwei, drei Schritten den Tisch zwischen sie beide brachte. Als Chris‘ Vater endlich sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, starrte er seinen Sohn voller Wut in den braunen Augen an und knurrte: »Du ... Du wagst es, dich mir zu widersetzen? Du kleine Missgeburt. Komm sofort her.«

»Nein! Ich werde das nicht mehr mitmachen. Ich habe die Schnauze ein für alle Mal voll von dir. Ich werde nicht mehr still halten und ertragen, wie du mich vögelst ... Immer und immer wieder. Damit ist jetzt Schluss.«

»Und was gedenkst du dagegen zu tun?«, langsam kam Jake näher, wich aber fast in demselben Augenblick zurück.

Sein Sohn hatte das Gewehr vom Tisch genommen und zielte damit auf seinen Erzeuger, der ihn, kreidebleich im Gesicht, fassungslos anstarrte.
Doch es dauerte nur den Bruchteil von Sekunden und Jakes Fassungslosigkeit schlug in Wut um. Seine Stimme zitterte, als er seinen Sohn anknurrte: »Bist du verrückt geworden? Leg das Ding weg!«

»Nein, das werde ich nicht. Du wirst mich jetzt durchlassen oder es passiert ein Unglück«, gab dieser zurück und ging um den Tisch herum auf seinen Vater zu, der da stand und sich nicht von der Stelle bewegte. Als sein Sohn nah genug war, griff Jake nach dem Lauf des alten Jagdgewehrs.

»Du wirst mich nicht erschießen ... Du nicht! Du kleine Schwuchtel. Dafür bist du doch gar nicht Manns genug«, der Alte sah seinem Sohn fest in die Augen und grinste spöttisch ...

~


Die Turmuhr der alten Kirche in dem fünf Kilometer entfernten Dorf Whinnyfold schlug genau zwölf Mal, als ein Schuss die nächtliche Stille auf dem Gestüt zerriss ...





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